Die Spätbarocken Städte des Val di Noto sind ein Ensemble von acht Städten im Val di Noto, einer historischen Region im Südosten Siziliens – Catania, Caltagirone, Militello in Val di Catania, Modica, Noto, Palazzolo Acreide, Ragusa und Scicli.

Nach ihrer weitgehenden Zerstörung durch das schwere Erdbeben von 1693 wurden sie innerhalb weniger Jahrzehnte in einem einheitlichen Barockstil wiederaufgebaut, der als „sizilianischer Barock“ bezeichnet ist. Aufgrund dieser stilistischen Geschlossenheit und ihrer künstlerischen Qualität erklärte die UNESCO die Städte 2002 zum Weltkulturerbe. Die Auswahlkriterien würdigen sie als herausragendes Zeugnis der spätbarocken Kunst (i), als Höhepunkt der Barockkunst in Europa (ii) sowie aufgrund ihrer außergewöhnlichen städtebaulichen Geschlossenheit (iv) und ihrer Bedeutung als charakteristisches Siedlungsbeispiel der Region (v).

Lage Die acht Städte des Welterbe-Ensembles verteilen sich über den südöstlichen Teil Siziliens. Catania, Noto und Scicli liegen an der Ost- bzw. Südküste, die übrigen fünf Städte befinden sich im Landesinneren. Ragusa, Modica und Palazzolo Acreide liegen in den Hügeln der Hybläischen Berge, während Militello in Val di Catania und Caltagirone in den Tälern des Hinterlandes von Catania liegen.

Geschichte Vorgeschichte mini|links|hochkant=0.8|Stich des Erdbebens von 1693, das fast alle Städte des Val di Noto zerstörte Die Besiedlung des Val di Noto reicht bis in die Antike zurück, einzelne Städte wie Noto oder Catania haben griechische bzw. sikulische Ursprünge. Die administrative Bedeutung der Region festigte sich jedoch erst unter arabischer und normannischer Herrschaft: Der Name leitet sich vom arabischen wilaya (Provinz) ab und ist seit 1172 in einer normannischen Urkunde belegt. Mitte des 16. Jahrhunderts zählte das Val di Noto rund 267.000 Einwohner auf 8588 km² und war eine feudal geprägte Region.

Das Erdbeben von 1693 mini|Karte des Erdbebens auf Ostsizilien 1693

Nach einem schweren Vorbeben am 9. Januar (Magnitude 6,1) erschütterte am 11. Januar gegen 21:00 Uhr das Hauptbeben mit einer Magnitude von 7,3 bis 7,4 den Osten Siziliens – das stärkste je in Italien registrierte Erdbeben. Das Epizentrum lag im Val di Noto. Über 60 Städte und Dörfer wurden zerstört, darunter Catania, Noto, Modica, Ragusa und Scicli. Die offizielle Statistik geht von über 54.000 Todesopfern aus, andere Quellen nennen bis zu 60.000 oder mehr. Allein in Catania starben rund 12.000 der etwa 19.000 Einwohner.

Wiederaufbau mini|Francesco Paolo Labisi: Aufriss der Chiesa del Crociferio di San Camillo in Noto (1750) Der Wiederaufbau erfolgte unter der Herrschaft der spanischen Krone, die Sizilien durch Vizekönige regieren ließ. Giuseppe Lanza, Herzog von Camastra, wurde als vicario generale mit weitreichenden Vollmachten für die Täler Val Demone und Val di Noto ausgestattet. Er koordinierte die Hilfsmaßnahmen und berief den flämischen Architekten und Militäringenieur Carlos de Grunembergh, um den Wiederaufbau der militärischen Anlagen zu leiten und an der städtebaulichen Neuplanung mitzuarbeiten. Unmittelbar nach der Katastrophe entsandte die Krone zudem Beamte, um die Schäden zu begutachten und den Wiederaufbau zu koordinieren. Erste Maßnahmen galten der Instandsetzung der militärischen Anlagen, der Versorgungssysteme – insbesondere der Aquädukte – sowie der Beseitigung der Trümmer. Die Bevölkerung, die ihre alten sozialen Strukturen zunächst beibehielt, hauste währenddessen in provisorischen Baracken außerhalb der zerstörten Stadtmauern – diese spontanen Siedlungen prägten später teilweise die Entwicklung der Vorstädte.

Der Wiederaufbau bot die einmalige Gelegenheit, die zerstörten Städte nach modernen, rationalen Prinzipien neu zu konzipieren. Grunembergh griff dabei auf standardisierte städtebauliche Schemata zurück, um die Arbeiten zu beschleunigen: So entwarf er etwa für Noto einen regelmäßigen Grundriss mit einer breiten Hauptachse, die den Domplatz mit der zentralen Piazza del Mercato verband – einem der wenigen monumentalen, von Arkaden gesäumten Plätze Siziliens. Wo die Topografie es erforderte, etwa in Ragusa Ibla oder Modica, wurden die Städte terrassenförmig an die Hänge angepasst, mit repräsentativen Freitreppen als verbindende Elemente. Andernorts, wie in Avola (das nicht zum Welterbe-Ensemble gehört, aber als Beispiel für die Planungsprinzipien der Zeit dient), entstanden sogar idealtypische hexagonale Stadtgrundrisse mit orthogonalem Straßennetz und einer zentralen Platzanlage – ein deutlicher Bruch mit den verwinkelten mittelalterlichen Strukturen. Die neuen Straßen wurden breiter und gerader angelegt, nicht zuletzt aus brandschutztechnischen und hygienischen Erwägungen sowie um im Katastrophenfall bessere Fluchtwege zu bieten.

Der Wiederaufbau der acht Städte war eines der größten Bauprojekte seiner Zeit in Europa und erforderte eine immense finanzielle Anstrengung. Die Finanzierung erfolgte durch ein Zusammenspiel von königlichen Zuschüssen, kirchlichen Mitteln und dem Engagement des lokalen Adels, der in den neu entstehenden Stadtvierteln repräsentative Paläste errichtete. Nicht alle Städte wurden wieder am selben Standort aufgebaut. Die Stadt Noto wurde an einen etwa sieben bis zehn Kilometer entfernten Ort am Hang des Monte Meti verlegt. Die Ruinen der zerstörten Stadt, bekannt als Noto Antica, blieben zurück und sind bis heute als archäologische Stätte erhalten.

Architekten Der Wiederaufbau wurde von einer Generation begabter einheimischer Architekten getragen, die in Rom und Neapel ausgebildet worden waren und dort die neuesten barocken Strömungen kennengelernt hatten. Zu den bedeutendsten zählte Giovanni Battista Vaccarini (1702–1768), der nach Studien in Rom ab 1730 das Stadtbild Catanias nachhaltig prägte und dort den Domplatz, den Elefantenbrunnen und die Fassade der Kathedrale Sant’Agata neu gestaltete.

Während Vaccarini in Catania wirkte, prägte Rosario Gagliardi (1698–1762) als führender Architekt den Wiederaufbau der übrigen Städte des Val di Noto. Von ihm stammen die geschwungenen Fassaden von San Giorgio in Modica und San Giorgio in Ragusa Ibla, die mit ihren durchbrochenen Türmen zu den typischen Merkmalen des sizilianischen Barocks wurden. Gemeinsam mit Vincenzo Sinatra (1707–1782) entwarf er zudem die Kathedrale von Noto. Sinatra vollendete nach Gagliardis Tod mehrere weitere Projekte in Noto, darunter den Palazzo Ducezio und die Kirche Montevergini.

In Catania trugen schließlich Stefano Ittar (1724–1790) und Francesco Battaglia (1701–1788) mit Bauten wie dem Palazzo Biscari und der Kirche San Nicolò l’Arena zur Vervollständigung des Ensembles bei. Bis Ende des 18. Jahrhunderts war der Wiederaufbau im Wesentlichen abgeschlossen.

Neben diesen waren zahlreiche weitere Architekten am Wiederaufbau beteiligt. Der Jesuit Angelo Italia (1628–1700) prägte die Stadtplanung von Noto und Avola maßgeblich. Francesco Paolo Labisi (1720–1798), ab 1748 offizieller Architekt der Stadt Noto, zählt zu den Hauptprotagonisten des Wiederaufbaus im 18. Jahrhundert. Sein Sohn Bernardo Maria Labisi war ebenfalls als Architekt in Noto tätig und war unter anderem an der Vollendung der Kathedrale von Noto sowie am Umbau des Palazzo Trigona beteiligt. In Catania waren zudem Giuseppe Palazzotto (1702–1764) und Andrea Amato an der Bauleitung des Benediktinerklosters San Nicolò l’Arena beteiligt.

Vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart Nach dem Abschluss des Wiederaufbaus im späten 18. Jahrhundert blieben die Städte des Val di Noto weitgehend unverändert. 1844 wurde die Kathedrale von Noto zur Bischofskirche des neu gegründeten Bistums Noto erhoben. Bereits 1848 stürzte die Kuppel der Kathedrale durch ein Erdbeben ein – ein frühes Zeichen für die anhaltende Verwundbarkeit der Bausubstanz.

Im Zweiten Weltkrieg erlitten einige der Städte Schäden durch alliierte Bombardierungen, insbesondere Catania, das 1943 im Zuge der alliierten Landung auf Sizilien (Operation Husky) umkämpft war.

Die größte Herausforderung der jüngeren Geschichte war der teilweise Einsturz der Kathedrale von Noto am 13. März 1996, der auf Bauschäden zurückging, die durch das Erdbeben von Santa Lucia im Jahr 1990 verschärft worden waren. Die Kathedrale wurde in jahrelanger, aufwendiger Handarbeit Stein für Stein wiederaufgebaut und am 18. Juni 2007 wiedereröffnet.

2002 wurden die acht spätbarocken Städte des Val di Noto von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. Architektonische Merkmale mini|Stadtansicht von Modica mit dem Dom San Giorgio

Die Architektur der spätbarocken Städte des Val di Noto ist eine eigenständige regionale Ausprägung des europäischen Barocks, die oft als „sizilianischer Barock“ bezeichnet wird. Sie entstand aus dem gemeinsamen Wiederaufbau nach der Katastrophe von 1693 und zeichnet sich durch eine große stilistische Homogenität aus. Im Unterschied zum eher klassizistisch geprägten römischen Barock ist der sizilianische Barock durch eine stärkere Betonung von Licht-Schatten-Effekten (Chiaroscuro) und dramatischen Fassadenverläufen gekennzeichnet.

Charakteristisch für diesen Stil sind geschwungene, dynamische Fassaden mit konkav-konvexen Verläufen, die durch starke Hell-Dunkel-Kontraste eine ausgeprägte szenografische Wirkung entfalten. Die Fassaden vieler Kirchen sind als Turmfassaden (facciata-campanile) gestaltet, bei denen der Glockenturm integraler Bestandteil der Schaufassade ist – ein typisches Merkmal, das bei San Giorgio in Ragusa und San Giorgio in Modica zu sehen ist. Diese Bauform war eine pragmatische Reaktion auf die beengten Platzverhältnisse und Hanglagen vieler Städte.

mini|Figürliche Balkonkonsole (Mascherone) in Noto – typisches Detail des sizilianischen Barocks

Die Balkone der Palazzi sind ein weiteres Markenzeichen. Sie werden von skulpturalen Konsolen getragen, die oft als Masken (Mascheroni), Putten, groteske Fratzen oder fantastische Tiere gestaltet sind. Hinzu kommen aufwendig gestaltete Balkongeländer aus Schmiedeeisen.

Monumentale Freitreppen verbinden Kirchen und Plätze miteinander und dienen als urbane Bühnen. Die bekannteste ist die Scala Santa Maria del Monte in Caltagirone mit ihren 142 Stufen, die mit handbemalten Majolika-Fliesen verziert ist.

Das farbliche Erscheinungsbild wird maßgeblich durch das verwendete Baumaterial bestimmt. Während in Catania schwarzer Lavastein vom Ätna den Barock in dunklen Grautönen erscheinen lässt, prägt in Noto, Modica und Scicli ein honigfarbener Kalkstein das Erscheinungsbild der Städte.

Kennzeichnend für die Stadtplanung ist die Anlage breiter Hauptachsen, die repräsentative Plätze miteinander verbinden, sowie die terrassenförmige Anpassung an Hanglagen, bei der Freitreppen die Höhenunterschiede überwinden und als urbane Bühnen dienen.

Galerie

Welterbestatus Die Aufnahme in die UNESCO-Welterbeliste im Jahr 2002 erfolgte aufgrund folgender Kriterien: Kriterium (i): Die Städte seien ein „herausragendes Zeugnis der spätbarocken Kunst und Architektur“. Kriterium (ii): Sie repräsentierten den „Höhepunkt und die letzte Blüte der Barockkunst in Europa“. Kriterium (iv): Die außergewöhnliche Qualität liege in ihrer „geografischen und chronologischen Homogenität sowie in der Menge der Bauten“, die eine Folge des Erdbebens von 1693 seien. Kriterium (v): Sie seien „charakteristisch für das Siedlungsmuster und die urbane Form der Region“ und gleichzeitig „dauerhaft durch Erdbeben und Ätna-Ausbrüche gefährdet“.

Die acht Städte wurden als serielle Welterbestätte eingetragen: Obwohl sie räumlich voneinander getrennt sind, bilden sie aufgrund ihrer gemeinsamen Entstehungsgeschichte und ihres einheitlichen architektonischen Stils ein zusammenhängendes Ensemble. Die eingetragene Kernzone umfasst eine Fläche von 112,79 Hektar, die sich aus den ausgewiesenen Flächen der acht Städte zusammensetzt; die Pufferzone umfasst 305,8 Hektar.

Erhaltung und Gefährdung