mini|Die Areolen von Ariocarpus kotschoubeyanus sitzen in einer Furche und erstrecken sich über die gesamte Länge der Warzen. Dies war eines der Merkmale, die Alwin Berger 1925 dazu veranlasste, diese und zwei weitere Ariocarpus-Arten in die heute nicht mehr anerkannte Gattung Roseocactus auszugliedern. mini|Die Areolen von Ariocarpus agavoides befinden sich in der Nähe der Warzenspitzen. Ariocarpus ist eine Pflanzengattung in der Familie der Kakteengewächse (Cactaceae). Der Ursprung des botanischen Namens der Gattung ist ungewiss. Er verweist vermutlich auf die aus dem wolligen Scheitel erscheinenden mehlbeerartigen Früchte.
Die von Michael Joseph François Scheidweiler 1838 erstmals beschriebene Gattung ist vom Südwesten der Vereinigten Staaten bis ins nördliche Zentralmexiko verbreitet und hat ihr Hauptverbreitungsgebiet im Nordosten Mexikos. In Mexiko werden einige Arten durch die ansässigen Völker traditionell zur Leimherstellung sowie medizinisch genutzt.
Beschreibung Vegetative Merkmale Die Arten der Gattung Ariocarpus sind klein bleibend und wachsen geophytisch einzeln oder in Gruppen. Sie besitzen eine große, fleischige Pfahlwurzel, die von einem System von Schleimgängen durchzogen ist. Die Pflanzen ragen bis zu 2 Zentimeter, selten bis zu 10 Zentimeter, aus der Bodenoberfläche heraus und erreichen in der Regel Durchmesser von 5 bis 10 Zentimeter, selten von 3 bis 15 Zentimeter.Allan D. Zimmerman, Bruce D. Parfitt: Ariocarpus. In: Flora of North America. Band 4. Ihre kompakten Triebe bestehen aus Warzen, die bei einigen Arten blattartig geformt sind. Die mehr oder weniger dreieckigen Warzen sind rosettig oder mosaikförmig angeordnet. Sie erreichen eine Länge von 8 bis 20 Millimeter, selten bis zu 60 Millimeter und sind 11 bis 25 Millimeter, selten ab 3 Millimeter, breit. Rippen sind nicht vorhanden. Die Areolen können als wollige Furche auf der Warzenoberseite oder als rundes Polster nahe der Warzenspitze ausgebildet sein oder ganz fehlen. Dornen sind nur bei Sämlingen vorhanden. Gelegentlich treten sie jedoch an ausgewachsenen Warzen von Ariocarpus agavoides auf.
Generative Merkmale Die trichterförmigen Blüten entspringen an der Triebspitze aus der wolligen Basis junger Warzen und öffnen sich am Tag. Die Blüten weisen eine Länge von 1,5 bis 5 Zentimeter auf und erreichen einen ebensolchen Durchmesser. Ihre äußeren Perigonblätter sind bräunlich oder grünlich mit einer rosafarbenen Tönung, die inneren Perigonblätter sind weiß bis gelb oder rosa bis magenta gefärbt. Das Perikarpell und der Fruchtknoten sind kahl, die fünf bis zehn Fruchtblätter sind weiß.
Die keulenförmigen bis fast kugelförmigen, kahlen Früchte sind anfangs fleischig, bei Reife trocken und reißen nicht auf. Sie sind weiß oder cremefarben bis blass grünlich oder rötlich. Die Früchte sind 10 bis 25 Millimeter lang und 5 bis 10 Millimeter im Durchmesser. Ihr Fruchtfleisch ist weiß bis blass grünlich. Es enthält birnenförmige, schwarze, warzige Samen.
Chromosomen Die Basischromosomenzahl der Gattung entspricht mit der aller Kakteengewächse. Untersucht wurden Ariocarpus fissuratus und Ariocarpus retusus, bei denen ein diploider Chromosomensatz mit festgestellt wurde.Edward F. Anderson: A Revision of Ariocarpus (Cactaceae). I. The Status of the Proposed Genus Roseocactus. In: American Journal of Botany. Band 47, Nummer. 7, 1960, S. 582–589, JSTOR:2439437.James F. Weedin, A. Michael Powell: Chromosome Numbers in Chihuahuan Desert Cactaceae. Trans-Pecos Texas. In: American Journal of Botany. Band 65, Nummer 5, 1978, S. 531–537, JSTOR:2442586.
Inhaltsstoffe
mini|Strukturformel von N-Methyltyramin
In den Arten der Gattung Ariocarpus wurden bisher fünf verschiedene Phenylethylamine nachgewiesen, darunter das 1894 von Arthur Heffter in Ariocarpus fissuratus entdeckte Anhalonin, das heute unter der Bezeichnung Hordenin bekannt ist.Arthur Heffter: Ueber zwei Cacteenalkaloïde. In: Berichte der Deutschen Chemischen Gesellschaft. Band 27, Nummer 3, S. 2975–2979, doi:10.1002/cber.18940270362. Weitere nachgewiesene Phenylethylamine sind N-Methyltyramin, N-Methyl-3,4-dimethoxy-β-phenethylamin, N-Methyl-4-methoxy-β-phenethylamin und N,N-Dimethyl-3,4-dimethoxy-β-phenethylamin.D. L. Braga, J. L. McLaughlin: Cactus alkaloids. V. Isolation of Hordenine and N-Methyltyramine from Ariocarpus retusus. In: Planta Medica. Band 17, Nummer 1, 1969, S. 87–94, doi:10.1055/s-0028-1099832.J. L. McLaughlin: Cactus alkaloids. VI. Identification of Hordenine and N-Methyltyramine in Ariocarpus fissuratus varieties fissuratus and lloydii. In: Lloydia. Band 32, Nummer 3, 1969, S. 392–394.W. W. Speir, V. Mihranian, J. L. McLaughlin: Cactus Alkaloids. VII. Isolation of Hordenine and N-Methyl-3,4-Dimethoxy-β-Phenethylamine from Ariocarpus trigonus. In: Lloydia. Band 33, 1970, S. 15–18.D. G. Norquist, J. L. McLaughlin: Cactus alkaloids VIII: Isolation of N-Methyl-3,4-Dimethoxy-β-Phenethylamine from ariocarpus fissuratus var. fissuratus. In: Journal of Pharmaceutical Sciences. Band 59, Nummer 12, 1970, S. 1840–1841, doi:10.1002/jps.2600591231.J. M. Neal, J. L. McLaughlin: Cactus alkaloids. IX. Isolation of N-Methyl-3,4-Dimethoxy-β-Phenethylamine and N-Methyl-4-Methoxy-β-Phenethylamine from Ariocarpus retusus. In: Lloydia, Band 33, 1970, S. 395–396.J. M. Neal, P. T. Sato, C. L. Johnson, J. L. McLaughlin: Cactus alkaloids X: Isolation of Hordenine and N-Methyltyramine from Ariocarpus kotschoubeyanus. In: Journal of Pharmaceutical Sciences. Band 60, Nummer 3, 1971, S. 477–478, doi:10.1002/jps.2600600334.Jan G. Bruhn: Phenethylamines of Ariocarpus scapharostrus. In: Phytochemistry. Band 14, Nummer 11, 1975, S. 2509–2510, doi:10.1016/0031-9422(75)80379-7. Der gelbe Pflanzenfarbstoff Retusin, der zuvor bereits künstlich hergestellt werden konnte, wurde in der Natur erstmals in Ariocarpus retusus entdeckt.Xorge A. Domínguez, Rafael H. Ramírez, Olga Lock Ugaz, Jesús García D., Roger Ketcham: Chemical study of the cactus Ariocarpus retusus. In Planta Medica. Band 16, Nummer 2, 1968, S. 182–183, doi:10.1055/s-0028-1099897.
Ökologie Die Blütezeit reicht vom September bis Dezember. Die Früchte reifen im Spätfrühling.Edward F. Anderson: A Revision of Ariocarpus (Cactaceae). III. Formal Taxonomy of the Subgenus Roseocactus. S. 726. Über die Bestäuber und die Ausbreitung der Samen gibt es keine Angaben.
Verbreitung und Standorte Die Gattung Ariocarpus ist im US-amerikanischen, südwestlichen Texas bis in den Norden Mexikos in der Chihuahua-Wüste verbreitet, wo sie bevorzugt in den trockenen Gips- und Kalksteinebenen in Höhenlagen zwischen 200 und 2000 Metern, gelegentlich auch darüber, in Gipfelnähe niedriger Hügel vorkommt. Zum Hauptverbreitungsgebiet gehören die mexikanischen Bundesstaaten Nuevo León, Tamaulipas, San Luis Potosí und Guanajuato. Als Begleitvegetation sind Agave lecheguilla, Jatropha spathulata, Larrea divaricata, Opuntia-Arten, Mammillaria-Arten, Echinocereus-Arten und Yucca-Arten vorhanden.Edward F. Anderson: A Revision of Ariocarpus (Cactaceae). I. The Status of the Proposed Genus Roseocactus. 1960, S. 586.
Systematik Äußere Systematik Ariocarpus wird innerhalb der Familie der Kakteengewächse in die Tribus Cacteae eingeordnet. Molekulargenetische Untersuchungen gruppieren die Gattung Ariocarpus gemeinsam mit den Gattungen Strombocactus, Turbinicarpus und Epithelantha in einer gut ausgeprägten Klade:Tania Hernández-Hernández, Héctor M. Hernández, J. Arturo De-Nova, Raul Puente, Luis E. Eguiarte, Susana Magallón: Phylogenetic relationships and evolution of growth form in Cactaceae (Caryophyllales, Eudicotyledoneae). In: American Journal of Botany. Band 98, Nummer 1, 2011, S. 44–61, doi:10.3732/ajb.1000129.
Innere Systematik Die Erstbeschreibung erfolgte 1838 durch Michael Joseph François Scheidweiler (1799–1861).M. J. Scheidweiler: Descriptio diagnostica nonnullarum Cactearum quae a domino Galeotti in provinciis Potosi et Guanaxato regni Mexicani inveniuntur. In: Bulletins de l’Academie Royale des Sciences et des Belles-Lettres de Bruxelles. Band 5, 1838, S. 491–492 (online). Der botanische Name, zu dessen Ableitung Scheidweiler nichts mitteilte, leitet sich wahrscheinlich von den griechischen Worten aria (ἀρία) für ‚Mehlbeere‘ (Sorbus aria) und karpos (καρπός) für ‚Frucht‘ ab. Eine zweite mögliche Deutung für den ersten Namensbestandteil wäre eine Verstümmelung des griechischen Wortes erion (ἔριον) für ‚Wolle‘.Edward F. Anderson: Das große Kakteen-Lexikon. 2005, S. 71.
Die Typusart der Gattung ist Ariocarpus retusus. Die lange Zeit gebräuchliche Unterteilung der Gattung in die beiden Untergattungen Ariocarpus subg. Ariocarpus und Ariocarpus subg. Roseocactus ließ sich nicht aufrechterhalten, da die Übergänge zwischen den einzelnen Arten fließend sind. Synonyme der Gattung sind Anhalonium (1839), Roseocactus (1925) und Neogomesia (1941).
Systematik nach N.Korotkova et al. (2021) Die Gattung umfasst folgenden Arten:Nadja Korotkova, David Aquino, Salvador Arias, Urs Eggli, Alan Franck, Carlos Gómez-Hinostrosa, Pablo C. Guerrero, Héctor M. Hernández, Andreas Kohlbecker, Matias Köhler, Katja Luther, Lucas C. Majure, Andreas Müller, Detlev Metzing, Reto Nyffeler, Daniel Sánchez, Boris Schlumpberger, Walter G. Berendsohn: Cactaceae at Caryophyllales.org – a dynamic online species-level taxonomic backbone for the family – Electronic supplement. In: Willdenowia. Band 51, Nr. 2, 2021, S. 9–11 (doi:10.3372/wi.51.51208). Ariocarpus agavoides Ariocarpus bravoanus Ariocarpus bravoanus subsp. bravoanus Ariocarpus bravoanus subsp. hintonii Ariocarpus fissuratus Ariocarpus kotschoubeyanus Ariocarpus retusus Ariocarpus scaphirostris Ariocarpus trigonus und die Hybriden Ariocarpus ×drabi Naturhybride aus Ariocarpus retusus und Ariocarpus kotschoubeyanus Ariocarpus ×dubeniorum Kulturhybride aus Ariocarpus scaphirostris und Ariocarpus agavoides Ariocarpus ×nelissae Kulturhybride aus Ariocarpus agavoides und Ariocarpus retusus subsp. scapharostroides
Systematik nach E.F.Anderson/Eggli (2005) Die Gattung Ariocarpus umfasst folgende Arten, Unterarten und Hybriden:Edward F. Anderson: Das große Kakteen-Lexikon. 2005, S. 71–75. Ariocarpus agavoides Ariocarpus agavoides subsp. agavoides Ariocarpus agavoides subsp. sanluisensis ) = Ariocarpus agavoides Ariocarpus bravoanus Ariocarpus bravoanus subsp. bravoanus Ariocarpus bravoanus subsp. hintonii Ariocarpus fissuratus Ariocarpus kotschoubeyanus Ariocarpus retusus Ariocarpus retusus subsp. retusus Ariocarpus retusus subsp. trigonus ≡ Ariocarpus trigonus Ariocarpus scaphirostris und die Hybriden Ariocarpus ×drabii Ariocarpus ×dubniorum
Botanische Geschichte mini|Zeichnung aus Scheidweilers Erstbeschreibung der Gattung von 1838. mini|Zeichnung aus Lemaires Beschreibung der Gattung von 1839. mini|Engelmanns Darstellung von Ariocarpus fissuratus aus dem Jahr 1859 Henri Guillaume Galeotti (1814–1858), der sich seit Ende 1835 in Mexiko aufhielt, fand die ersten Pflanzen in den Spalten von Porphyrfelsen bei San Luis Potosí in Höhenlagen von 2300 bis 2400 Metern. Er schickte sie an seinen belgischen Auftraggeber Philippe Marie Guillaume Vandermaelen (1795–1869) nach Brüssel. Michael Joseph François Scheidweiler erkannte 1838, dass es sich um eine bisher unbeschriebene Pflanzengattung handelte und beschrieb sie als Ariocarpus retusus. Charles Lemaire, der die Veröffentlichung Scheidweilers vermutlich nicht kannte, beschrieb 1839 die Art unter dem neuen Namen Anhalonium prismaticum nach Pflanzen aus der Sammlung von Hippolyte Boissel de Monville.Charles Lemaire: Cactearum Genera Nova Speciesque Novae et Omnium in Horto Monvilliano. Paris 1839, S. 1.