mini| «Wachtmeister Studer», gespielt von Heinrich Gretler im gleichnamigen Praesens-Film aus dem Jahre 1939 Wachtmeister Studer ist eine literarische Figur des vor allem durch seine Krimis bekannt gewordenen Schweizer Schriftstellers Friedrich Glauser. Er ist die Hauptfigur in fünf Romanen, drei Romanfragmenten und fünf Erzählungen, welche Glauser in einem Zeitraum von sechs Jahren verfasste. Der Schwerpunkt in den Studer-Romanen liegt weniger in der Ermittlung des Täters als auf der atmosphärischen Beschreibung der Schauplätze und dem Motiv hinter der Tat. Studer zeichnet sich durch seine unerschütterliche Ruhe und sein Verständnis für die Täter und Tatverdächtigen aus.
Die Figur Studer Literarisches Vorbild mini|«Ich möchte Georges Simenon danken. Was ich kann, habe ich von ihm gelernt. Er war mein Lehrer.»Friedrich Glauser: Das erzählerische Werk – Gesprungenes Glas, Band 4. Limmat Verlag, Zürich 1993, ISBN 3-85791-206-5, S. 220Maigret-Skulptur von Pieter d’Hont in Delfzijl, Niederlande Als Friedrich Glauser daran dachte, einen Kriminalroman zu schreiben, hatte er ein klares Vorbild im Kopf: Georges Simenon, welcher die Figur des «Maigret» geschaffen hatte. Entdeckt hatte er den belgischen Autor und dessen Romane, die er später als die besten Kriminalromane bezeichneteBernhard Echte (Hrsg.): Friedrich Glauser – Briefe 2. Arche, Zürich 1995, ISBN 3-7160-2076-1, S. 135., als er mit seiner damaligen Freundin Beatrix Gutekunst von Januar bis Ende Mai 1932 in Paris weilte und versuchte, als freier Journalist und Schriftsteller Fuss zu fassen. Als er dabei ein Essay über den französischen Film für den Kulturteil des Bundes schrieb, notierte er diesbezüglich: «Simenon ist ein Mensch, der mit der Regelmäßigkeit eines Federviehs allmonatlich seinen Roman legt. Der Held ist stets ein einfacher Kommissar vom Quai des Orfèvres und heißt Maigret, obwohl er dick ist. Die Romane sind fast alle nach dem gleichen Schema geschrieben. Aber alle sind sie gut. Es ist eine Atmosphäre darin, eine gar nicht billige Menschlichkeit, ein Soignieren des Details.»Friedrich Glauser: Das erzählerische Werk. Band 2: Der alte Zauberer. Limmat Verlag, Zürich 1992, ISBN 3-85791-204-9, S. 160. 1935 wies Glauser in einem Brief an seinen Verleger Friedrich Witz auf Maigrets La Tête d’un homme hin: «Das zweite Buch ist besonders interessant, weil inhaltliche und atmosphärische, ja sogar sprachliche Elemente daraus im Schlumpf-Roman zu entdecken sind.»Walter Obschlager: Nachwort. In: Friedrich Glauser: Schlumpf Erwin Mord. Limmat Verlag, Zürich 1995, ISBN 3-85791-241-3, S. 201. Und zwei Jahre später schrieb Glauser an seinen ehemaligen Lehrer Charly Clerc: «Kennen Sie Georges Simenon ein wenig? [...] Ich gebe übrigens zu, dass ich ihm viel verdanke. Im Grunde genommen war es sein Kommissar Maigret, der mich auf die Idee zu meinem Studer brachte. Ich glaube zwar nicht, dass ich ein Plagiat begangen habe – der Ton, der Rhythmus, die Färbungen von Simenon sind anders als bei mir. Aber immerhin...»Bernhard Echte (Hrsg.): Friedrich Glauser – Briefe 2. Arche, Zürich 1995, ISBN 3-7160-2076-1, S. 779.
In seinem Nachwort zu Schlumpf Erwin Mord stellt Walter Obschlager fest: «Maigret und Studer, beide gehören sie nicht zur Gattung jener Schlaumeier mit dem Psychologenblick, wie Glauser die herkömmlichen Detektivfiguren nennt, diese Denkmaschinen, welche ‹in jenen fernen Höhen schweben, in denen man nach einem Regen trocken bleibt und in der alle Rasierklingen tadellos schneiden. Er muss herunter von seinem Sockel, der Schlaumeier!›.Friedrich Glauser: Das erzählerische Werk – Gesprungenes Glas, Band 4. Limmat Verlag, Zürich 1993, ISBN 3-85791-206-5, S. 219 In der Figur des Kommissar Maigret hat Glauser zum ersten Mal verwirklicht gefunden, was er bei der gesamten Kriminalliteratur vermisst hatte, dass nämlich der Schlaumeier von seinem Sockel heruntergeholt würde. [...] Von Maigret unterscheidet sich Studer jedoch nicht nur in verschiedenen biografischen Einzelheiten, etwa in seinem vorgerückteren Alter, sondern auch in seiner ausgeprägten Empathiefähigkeit mit den Gescheiterten und Benachteiligten.»Vgl. Walter Obschlager: Nachwort. In: Friedrich Glauser: Schlumpf Erwin Mord. Limmat Verlag, Zürich 1995, ISBN 3-85791-241-3, S. 202–207.
2021 kam es zu einem Pastiche einer Wachtmeister-Studer-Geschichte: Die Germanistin Ursula Hasler Roumois verfasste den Roman Die schiere Wahrheit – Glauser und Simenon schreiben einen Kriminalroman. In einem Seebad am Atlantik begegnen sich 1937 unverhofft Friedrich Glauser, mit seinem letzten Geld angereist auf der Suche nach einem Morphiumrezept, und Georges Simenon, auf Urlaub im noblen Grand Hôtel de la Plage in Saint-Jean-de-Monts. Sie unterhalten sich, finden Gefallen aneinander und beschliessen, an Ort und Stelle gemeinsam einen Kriminalroman zu entwerfen.
2022 folgte eine Bearbeitung von Glausers Ascona-Roman-Fragments durch den Tessiner Schriftsteller Andrea Fazioli: Bereits in den 1920er-Jahren begann Glauser mit einem Roman über Studers Ferien in Ascona, der aber bis zu seinem Tod 1938 unvollendet blieb. Im Nachlass haben sich acht Versionen erhalten, welche die ersten beiden Kapitel detailliert und druckreif beschreiben. Glauser variiert darin die Szenen der Kontaktaufnahme eines jungen Mannes mit Studer und dem Eintreffen bei einer alten Mühle, bei der eine Frauenleiche liegt. Hundert Jahre später übernahm Fazioli Glausers Grundidee, ersann eine Erzählung um das Fragment herum und klärte den Fall schliesslich auf. Dazu erläutert der Schriftsteller: «Glauser ist ein Autor, den ich immer geliebt habe, schon als Junge. Für mich war es eine grosse Ehre, das Ascona-Fragment weiterschreiben zu dürfen.»Homepage des Atlantis Verlags
Psychologisches Vorbild In der Sekundärliteratur begegnet man immer wieder der Theorie, dass Glausers strenger und unnahbarer Vater ein unbewusstes Motiv bei der Kreation des Wachtmeisters Studer war. Der Ermittler wäre demnach die Vaterfigur, die Glauser zeit seines Lebens vermisst hatte. Frank Göhre schreibt dazu: «Der Studer verurteilt nicht. Er hat Verständnis für die Gestrauchelten, die ‹armen Hunde›. Er ist der Gegenentwurf zum übermächtigen, strengen Vater Friedrich Glausers.»Frank Göhre: Zeitgenosse Glauser. Ein Porträt. Arche Verlag, Zürich 1988, ISBN 3-7160-2077-X, S. 114 Gerhard Saner erkennt in der Ermittlerfigur ein Wunschideal: «Studer ist die Summe der Lebenserfahrung seines Schöpfers und zugleich dessen Ideal. Aus seinem Stoff hat ihn Glauser gestaltet, und so wie seine Gestalt möchte er leben. (...) Studer tut in Wirklichkeit, was sein Schöpfer nur auf dem Papier tun kann: Ein wenig Unrecht verhindern – ohne an wahre Gerechtigkeit glauben zu müssen.»Gerhard Saner: Friedrich Glauser. Eine Biographie. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1990, ISBN 3-518-40277-3, S. 484 Und Peter Bichsel bemerkt zu Studer: «Sein Wachtmeister Studer wird eine der wunderbarsten Spiesserfiguren bleiben, ein lieber Mensch, ein vernünftiger Mensch, ein gütiger – so etwas wie eine Gegenfigur des Autors, ich bin nicht sicher, ob Glauser selbst ihn liebte oder hasste, wohl beides: Wie seinen Vater in Wien.»Peter Bichsel: Nachwort. In: Friedrich Glauser: Mensch im Zwielicht. Luchterhand, Darmstadt 1988, ISBN 3-630-61814-6, S. 268 Wahrscheinlich ist Wachtmeister Studer letztendlich eine Mischung aus idealisierter Vaterfigur und Symbol der Gerechtigkeit; beides Dinge, die Glauser in seinem Leben stets vermisst hatte.
Reales Vorbild Dass der Figurengestaltung des Wachtmeister Studers aber auch eine reale Begebenheit zugrunde lag, erzählte Glausers letzte Lebensgefährtin Berthe Bendel nach seinem Tode: Als Glauser im Mai 1925 von Belgien in die Schweiz zurückgeschafft wurde, nahm ihn an der Basler Grenze ein Fahnder-Wachtmeister der bernischen Polizei in Empfang. Dieser löste Glauser die Fesseln und nahm ihn ins Bahnhofbuffet mit. Dort entfernte sich der Polizist während des Nachtessens sogar, um zu telefonieren. Und als Glauser später in der Strafanstalt Witzwil vom Fahnder abgeliefert wurde, soll dieser gesagt haben, man solle nett zu diesem Mann sein, er sei kein Verbrecher.Gerhard Saner: Friedrich Glauser - Eine Biographie. Suhrkamp Verlag, Zürich 1981, ISBN 3-518-40277-3, S. 273. In diesem Erlebnis erkennt man unschwer Studers Charakterzug, Verständnis und Mitgefühl für «Verlierer» zu empfinden. Jahre später stellte Glauser dann diesen mehrfachen Vertrauensbeweis eines Polizisten in Matto regiert literarisch dar. Dort heisst es zu Studer: «Ihm kam es auch nicht darauf an, einem Verurteilten, den er in die Strafanstalt führen musste, im Bahnhofbuffet noch ein Bier zu zahlen, so als letzte Freude gewissermassen, vor der langen Einsamkeit in der Zelle…»Friedrich Glauser: Matto regiert. Zürich 1995, ISBN 3-85791-242-1, S. 122 (Nachwort von Bernhard Echte) Das Motiv findet sich bereits in der handschriftlichen Fassung von Schlumpf Erwin Mord: In einer Passage, die für die Drucklegung weggelassen wurde, heisst es, Studer habe dem verhafteten Witschi auf dem Weg in die Strafanstalt am Bahnhofbuffet Bern einen halben Liter Rotwein spendiert.Friedrich Glauser: Schlumpf Erwin Mord, Zürich 1992, ISBN 3-293-20336-1, Anmerkungen, S. 219 Davon findet sich noch ein Reflex in der gedruckten Fassung, als in einem Traum ein Polizeihauptmann Studer festnimmt und dazu sagt: «Aber ich zahl dir keinen Halben Roten im Bahnhofbuffet. Ich nicht!»Friedrich Glauser: Schlumpf Erwin Mord, Zürich 1992, ISBN 3-293-20336-1, S. 91
Erscheinungsbild und Charakter Studer ist gross und korpulent. Er hat graue Haare, ist oft bleich und unter seiner schmalen Nase trägt er einen Schnurrbart. Typische Bekleidungsstücke sind Regenmantel und Filzhut. Immer wieder raucht er seine krummen «Brissago»-Zigarren. Seine Lieblingsstellung beschreibt Glauser wiederholt folgendermassen: Der Wachtmeister hockt auf einem Stuhl (oft auch rittlings), die Schenkel gespreizt und beide Unterarme auf Schenkeln, dazu die Hände gefaltet.
Studer ist stur, hat einen «harten Grind», bleibt dabei aber immer fair. Bürokratie ist ihm ein Gräuel. Er stellt sich oft gegen Obrigkeiten, Studierte und Privilegierte. Demgegenüber bezieht er immer wieder Partei für die Verlierer der Gesellschaft, hilft den «Gestrauchelten» und zeigt so seine menschliche Seite.
Studers Methode Studer arbeitet vor allem intuitiv und verlässt sich vor allem auf sein Gespür. So sagt er passend in Schlumpf Erwin Mord: «Ich brauch weniger die Tatsachen als die Luft, in der die Leute gelebt haben… Verstehst?»Friedrich Glauser: Schlumpf Erwin Mord, Zürich 1992, ISBN 3-293-20336-1, S. 74 Er ist ein geduldiger Zuhörer und ermittelt nach seinem Tempo, in der Regel langsam und gemütlich. Sehr oft drückt er in seinen Ermittlungen auch ein Auge zu, da er nicht bestrafen will, sondern Verständnis entwickelt und vor allem helfen möchte. Studer ist ein früher, bereits in Kommissar Maigret von Simenon angelegter Vertreter jenes Typus des unkonventionellen Ermittlers, ob Polizist oder Privatdetektiv, der später durch Vertreter wie Chandlers «Marlowe», Dürrenmatts «Bärlach», Mankells «Wallander» oder Schneiders «Hunkeler» zur zentralen Figur des Kriminalromans werden sollte.
Sprüche und Gedanken von Studer mini|Heinrich Gretler als «Wachtmeister Studer»
Fiktive Biografie Polizei