Tiziano Terzani (* 14. September 1938 in Florenz; † 28. Juli 2004 in Pistoia-Orsigna) war ein italienischer Journalist und Schriftsteller.
Als guter Kenner des asiatischen Kontinents arbeitete er 30 Jahre lang als Auslandskorrespondent für das deutsche Nachrichtenmagazin Der Spiegel und wurde einer der bedeutendsten Korrespondenten in Ost- und Südostasien. Überdies war er bei verschiedenen italienischen Zeitungen und Zeitschriften als freier Mitarbeiter tätig, u. a. bei Il Giorno, Il Corriere della Sera, Il Messaggero, La Repubblica. Er war einer der bekanntesten italienischen Journalisten auf internationaler Ebene: seine Reportagen und Erzählungen wurden weltweit gelesen. Er war außerdem Autor von etlichen Romanen, die in Italien und Deutschland großen Erfolg hatten, mit einer Auflage von über 2,5 Mio. in Italienhttp://www.unindovinocidisse.it/de/tiziano-terzani.html und allein über 400.000 postum verkauften Büchern von Das Ende ist mein Anfang in Deutschland.Quelle Media Control, Juli 2013: Er hat mit seiner Ehefrau, Angela Staude, selbst Autorin, und seinen Kindern in Singapur, Hongkong, Peking, Tokio, Bangkok und Delhi gelebt.
Leben
Kindheit und Jugend
Tiziano Terzani wurde am Mittwoch, dem 14. September 1938, in Florenz geboren, in der Sozialsiedlung Monticelli. Sein Vater, Gerardo Terzani, führte eine kleine Autowerkstatt in Florenz. Seine Mutter Lina Venuti, eine strenggläubige Katholikin, arbeitete als Hutmacherin in einem Schneideratelier. Während seiner Kindheit wurde der junge Terzani oftmals auf den Pistoia-Apennin gebracht, um seine Krankheitsanfälligkeit zu verringern und ihm ein heilsames Klima zu ermöglichen. Die Verbindung zu dieser Landschaft, vor allem mit dem Orsigna-Tal, begleitete ihn ein Leben lang. Trotz der Armut seiner Eltern wurde er aufs Gymnasium geschickt. Als Gymnasiast arbeitete er, um etwas Geld aufzutreiben, als Journalist beim Giornale del Mattino, einer florentinischen Zeitung, die mit der Regierungspartei Democrazia Cristiana verbunden war. Er hatte dort die Aufgabe, über Leichtathletikwettkämpfe, Radrennen und vor allem Fußballspiele der nationalen Jugendmeisterschaften zu berichten, meistens in der Provinz Florenz. „Was für ein Glück, was für ein Gefühl von Macht mir dieses Schildchen um den Hals mit dem Wort JOURNALIST darauf verlieh! […] Überall dabei sein zu können, wo etwas passierte. Das Recht darauf zu haben, ganz vorne in der ersten Reihe zu stehen…“Terzani: Das Ende ist mein Anfang, S. 42
Universitätsjahre und Olivetti
Im Sommer 1957 bekam er als Schulabgänger ein Stellenangebot bei der Banca Toscana, das er aber ablehnte: „In einer Bank zu arbeiten, war schlimmer als eine Verdammung, das wäre mein Untergang gewesen!“Terzani: Das Ende ist mein Anfang S. 39 Er machte für ein Jura-Studium die Aufnahmeprüfung an der Elite-Hochschule Scuola Superiore Sant’Anna in Pisa und wurde angenommen. Im selben Jahr lernte er Angela Staude kennen, Tochter des Malers Hans Joachim Staude und der Architektin Renate Mönckeberg, Enkelin des Hamburger Bürgermeisters Johann Georg Mönckeberg. Während der Studienjahre, er in Pisa und sie in München, blieben die beiden in Kontakt. 1961 absolvierte er sein Jurastudium mit Bestnote, nach einer Abschlussarbeit in Völkerrecht. Nach einem kurzen Studienaufenthalt in Leeds, kehrte er nach Italien zurück und nahm das Angebot des italienischen Schreibmaschinenkonzerns Olivetti an, da das gesellschaftliche Engagement des Unternehmens seinen Vorstellungen entsprach. „[…] es ist tatsächlich so, dass viele aus meiner Generation, die ihr Diplom cum laude gemacht hatten, entweder bei der Kommunistischen Partei oder bei Olivetti landeten, denn beide gaben einem die Möglichkeit, sich sozial zu engagieren.“Terzani: Das Ende ist mein Anfang, S. 52 Nach einem langen Praktikum erhielt er eine Stelle in der Personalabteilung, wo er Jungakademiker für die Auslandstochtergesellschaften rekrutierte. Am 27. November 1962 heiratete er Angela Staude in Vinci. Olivetti bot ihm die Möglichkeit, auf Dienstreise zu gehen, zunächst durch Europa – mit langen Aufenthalten in Dänemark, Portugal, den Niederlanden, Großbritannien – und später weltweit. Seine erste Dienstreise nach Fernost, Japan, unternahm er 1965. Bei diesem Anlass besichtigte er kurz Hongkong; dort begann der Traum von einem Leben in China Form anzunehmen: „Ich suchte nach einer Alternative für die westliche Welt, nach einem anderen Modell […] und China war genau das.“Terzani: Das Ende ist mein Anfang, S. 62 1966 kaufte er ein Grundstück im Orsigna-Tal, wo er später ein kleines Haus baute.
Studium in den USA
Nach einer zufälligen Begegnung mit Samuel Gorley Putt, damals Direktor des „Commonwealth Fund Fellowship-Programms“, erlangte er 1966 ein Stipendium, das ihm die Tore zur Columbia University in New York öffnete. Dort begann er das Studium mit Schwerpunkt Sinologie und Geschichte. Das Stipendium erlaubte ihm durch die USA zu reisen. Er schrieb über zwei Jahre wöchentlich Artikel über die Wahlen, die Schwarzen, die Proteste gegen den Vietnamkrieg, den Marsch auf Washington für Arbeit und Freiheit, die Morde an Robert Kennedy und Martin Luther King für „L'astrolabio“, das Wochenblatt der Sinistra Indipendente (Unabhängigen Linken). Er absolvierte ein einwöchiges Praktikum bei der New York Times und fand dort seine großen Vorbilder: „Mein Traum war, Journalismus zu machen wie er (Edgar Snow), unabhängig von den Regeln der Macht, ohne die üblichen Schablonen, auf der Suche nach der Wahrheit“Terzani: Das Ende ist mein Anfang. S. 68 Im Jahr 1968 zog er nach Kalifornien und besuchte die Stanford University, wo er Hochchinesisch studierte. Hier, durch die Kulturrevolution von Mao Zedong neugierig gemacht, vertiefte er sein Interesse am Maoismus und dem chinesischen Kommunismus. In ihm reifte die Überzeugung, dass er seine Untersuchungen persönlich vor Ort nachprüfen musste: „Deswegen wollte ich unbedingt nach China. Ich war neugierig, ich war Journalist, es war kein Zufall, dass ich Chinesisch studierte. Nichts anderes war mir so wichtig. Ich wollte mir diese Welt ansehen!“Terzani: Das Ende ist mein Anfang, S. 65 Nach den zahlreichen Artikeln für „L’astrolabio“ wurde er 1969 vom Rat des Journalistenverbands als „Freier Mitarbeiter der Zeitung“ eingetragen: eine lang ersehnte Berufsbezeichnung. Im selben Jahr wurde sein erster Sohn Folco in New York geboren. Nach dem zweiten Hochschulabschluss kehrte er nach Italien zurück. Hier versuchte er, eine Anstellung als Journalist zu bekommen. Ende 1969 begann er ein Praktikum bei der Redaktion der mailändischen Zeitung Il giorno. Im März 1971 wurde seine Tochter Saskia geboren, und im selben Jahr legte er die Prüfungen ab, um Journalist zu werden. Mit dem Ziel, als Korrespondent arbeiten zu können, kündigte er bei der Redaktion von Il giorno und begab sich auf die Suche nach einer Arbeitsstelle durch Europa. Die passende Gelegenheit fand er beim deutschen Nachrichtenmagazin Der Spiegel, wo er von dem damaligen Herausgeber Rudolf Augstein einen Vertrag für ein Jahr als Freier Mitarbeiter in Süd-Ost Asien bekam.
Der Spiegel und Asien
Terzani erreichte Singapur 1972, wo er das erste Büro von Der Spiegel in Asien eröffnete. Seine Familie folgte ihm kurz vor der großen Offensive der nordvietnamesischen Truppen. Er fuhr an die Front und dokumentierte den Krieg für Der Spiegel und die italienische Presse – l’Espresso und Il Giorno- mit großer Sympathie für den Vietcong.Terzani: Das Ende ist mein Anfang, S. 90 Dabei erntete er viel Bewunderung für seinen Mut und die Qualität seiner Kriegsberichterstattung. 1973 erschienen die Berichte als Buch im italienischen Verlag Feltrinelli unter dem Titel Pelle di leopardo. Im April 1975 war er einer der wenigen westlichen Reporter, die die Einnahme Saigons durch den Vietkong miterlebten.
Ende 1975 zog er mit seiner Familie nach Hongkong um. 1976 begann seine Zusammenarbeit mit La Repubblica, eine neue italienische Zeitung, von Eugenio Scalfari geführt. Ende März desselben Jahres veröffentlichte er sein zweites Werk Giai Phong! La liberazione di Saigon bei Feltrinelli und gewann dafür den Preis „Premio Pozzale Luigi Russo“ im Bereich Sachbuch. Im Oktober hatte er die Gelegenheit, nach Shanghai zu fahren, wo er die ersten Eindrücke über die Politik und die chinesische Gesellschaft gewinnen konnte, nach dem Tod von Mao Zedong.
1978 wurde er Zeuge des Kriegs zwischen Kambodscha und Vietnam: dieser Konflikt beschäftigte ihn lange Zeit; er sammelte zuerst mit Staunen und dann mit Bestürzung die Erzählungen über die von Pol Pot verübten Gräueltaten, was später Autogenozid oder Holocaust in Kambodscha genannt wurde.Ariane Barth, Tiziano Terzani, Anke Rashatusavan: Holocaust in Kambodscha. Rowohlt TB-V., Rnb. November 1982, ISBN 3499330032. Seine Frau Angela hat diese Erfahrung in einem nachgelassenen Werk gesammelt: Fantasmi. Dispacci dalla Cambogia, 2008 bei Longanesi erschienen.
1980, nach einer langen Wartezeit, gelang es Terzani, sich in Peking niederzulassen, um die Redaktion von Der Spiegel zu eröffnen: somit wurde er der erste Korrespondent einer westlichen Zeitschrift in China, vor dem Time-Magazine und Newsweek. Er verwirklichte damit den Traum, den er seit seiner Zeit in Amerika hatte.
Aber die kommunistische Partei spionierte ihn wiederholt aus, während er allein oder zusammen mit seiner Familie das Land bereiste. Er erlebte ein armes und vom Maoismus zerschlagenes China: er schrieb und fotografierte alles. Die Kommunistische Partei ließ ihn daher festnehmen, und er wurde wegen „konterrevolutionärer Aktivitäten“ angeklagt und nach einem Monat im Umerziehungslager des Landes verwiesen. Nach dem schweren Schock dieses Erlebnisses beschloss er sein drittes Werk bei Longanesi zu veröffentlichen, Fremder unter Chinesen. Reportagen aus China, wo er ungefiltert seine vierjährige Erfahrung in China erzählte.
Er zog 1985 mit seiner Familie nach Tokio um, wo er ein dunkles Kapitel in seinem Leben erlebte. Das Land, mit seinem übertriebenen Konsumverhalten, enttäuschte ihn sehr. Er litt dort an starken Depressionen, da er die hohle Geschäftigkeit der Menschen in dem aufstrebenden Land nicht ertragen konnte.Birgit Schönau: Der Guru. in Die Zeit vom 15. März 2007, abgerufen am 26. Juni 2013. In den folgenden Jahren folgte er der Revolution in den Philippinen und beschäftigte sich mit den Ereignissen in Indochina.
Im September 1990 verließ er mit Erleichterung Tokio und zog nach Bangkok. Während des Putsches gegen Gorbatschow, im Sommer 1991, befand sich Terzani an der Grenze zwischen China und der Sowjetunion und entschied sich unverzüglich nach Moskau zu fliegen. Er besichtigte auf allen Wegen und mit allen Verkehrsmitteln 9 der 15 Sowjetrepubliken. Diese Reise machte ihn zu einem direkten Zeugen des Zusammenbruchs der Sowjetunion. Aus dieser Erfahrung entstand der Reisebericht, der 1992 als Buch unter dem Titel Gute Nacht, Herr Lenin. Eine Reise durch ein zerberstendes Land erschien und nachfolgend in die Shortlist des renommierten Preises „Thomas Cook Travel Book Award“ kam. 1993, aufgrund der Warnung eines chinesischen Wahrsagers, entschloss er sich, ein Jahr lang ohne die Nutzung von Flugzeugen, durch Asien zu reisen. Er erlebte ein ungewöhnliches Jahr, und daraus entstand eine faszinierende Reportage mit tiefen Einblicken in asiatische Lebensweisen zwischen materialistischer Moderne und traditionellen magischen Praktiken, unter dem Titel Fliegen ohne Flügel, 1995 erschienen.
1994 verzog er nach Indien, in Delhi, wo er die Gelegenheit hatte, den Entwicklungen und Widersprüchen der indischen Demokratie zu folgen. Im August 1996, nach 25 Berufsjahren und mehr als 200 Reportagen, endete die Zusammenarbeit mit dem Spiegel, und er entschied sich, seine Arbeit als Zeitungsjournalist aufzugeben.
Die Krankheit und die letzten Jahre