Die Kopflaus (Pediculus humanus capitis) ist ein flügelloses Insekt aus der Ordnung der Tierläuse (Phthiraptera). Sie gehört zur Familie der Menschenläuse (Pediculidae) und zur Gattung Pediculus – diese Gattung umfasst vier Arten, von denen zwei ausschließlich den Menschen parasitieren. Der Befall wird als Pedikulose bezeichnet. Ob Pediculus humanus und Pediculus capitis separate oder nur Unterarten einer Spezies sind, ist unter Wissenschaftlern strittig;Head and body lice appear to be the same species, genetic study finds. Auf: eurekalert.org. vom 9. April 2012. Brett Olds u. a.: Comparison of the transcriptional profiles of head and body lice. In: Insect Molecular Biology. Band 21, Nr. 2, 2012, S. 257–268, doi:10.1111/j.1365-2583.2012.01132.x. handelte es sich um Unterarten, wäre die korrekte Bezeichnung für die Kleiderlaus Pediculus humanus humanus und für die Kopflaus Pediculus humanus capitis.
Die Bezeichnung „Kleiderlaus“ ist insofern irreführend, als Pediculus humanus direkt am Körper anliegende Kleidung als „Rückzugsgebiet“ nutzt, aber prinzipiell überall am Körper – mit Ausnahme des Kopfes – Blut saugt. Filzläuse oder Schamläuse (Pthirus pubis) parasitieren ebenfalls ausschließlich den Menschen, gehören aber zu einer anderen Gattung (Pthirus) und Familie (Phthiridae).I. F. Burgess: Head Lice Biology. In: J. Heukelbach (Hrsg.): Management and Control of Head Lice Infestation. UNI-MED, Bremen 2010.J. R. Busvine: Evidence from double infestations for the specific status of human head lice and body lice (Anoplura). In: Systematic Entomology. Nr. 3, 1978, S. 1–8.N. P. Leo, N. J. H. Campbell u. a.: Evidence from mitochondrial DNA that head lice and body lice of humans (Phthiraptera:Pediculae) are conspecific. In: Journal of Medical Entomology. 2002, Band 39, Nr. 662, S. 666.N. P. Leo, J. M. Hughes u. a.: The head and body lice of humans are genetically distinct (Insecta: Phthiraptera, Pediculae): evidence from double infestations. In: Heredity. 2005, Band 95, S. 34–40.
Biologische Merkmale mini|Leere Eihülle einer Nisse bei 25-facher Vergrößerung. (Die Haarwurzel befindet sich rechts unten außerhalb des Bildes.) mini|Ausgewachsene männliche (links) und weibliche Kopflaus zwischen Streichholzkopf und 1-Eurocent-Münze
Der natürliche Lebensraum der Kopflaus sind Kopfhaut und Haare des Menschen. Kopfläuse nehmen Blut auf, indem sie mit stilettartigen Fortsetzungen ihres Kopfes die oberste Hautschicht einritzen und Blut aus einer eröffneten Kapillare aufsaugen. Gleichzeitig spritzen sie Speichel in die mikroskopisch kleine Wunde, um die Blutgerinnung zu unterbinden. Bislang unbekannte Inhaltsstoffe des Läusespeichels wirken immunogen, werden also vom Immunsystem des Menschen als fremd erkannt.
Die Kopflaus hat pigmentierte Augen. Das Abdomen der Kopflaus ist in sieben Abschnitte (Segmente) gegliedert. In jedem Segment befindet sich auf jeder Körperseite eine Atemöffnung (Stigme). Ein weiteres Stigmenpaar befindet sich im Bereich des Thorax. Die Stigmen haben einen Durchmesser von weniger als zehn Mikrometer und gehen in Tracheen über, die sich verästeln und die inneren Organe der Laus mit Sauerstoff versorgen.
Die Endglieder der Beine sind zu hakenförmigen Krallen umgeformt. Mit diesen Klauen kann sich die Kopflaus sehr gut an Haaren festhalten bzw. daran entlang bewegen. Typischerweise hält sich eine Kopflaus mit einigen Klauen an einem Haar fest und ergreift mit den freien Klauen ein anderes. Auf diese Weise gelangen die Parasiten schnell von einem Kopf zu einem anderen. Auf glatten Oberflächen können sich Kopfläuse dagegen nur unbeholfen fortbewegen.
Kopfläuse machen nur eine unvollständige Metamorphose durch (Hemimetabolie). Das heißt, aus dem Ei geschlüpfte Nymphen sehen bereits wie adulte Läuse aus, sind aber deutlich kleiner. Frisch geschlüpfte Nymphen sind 1–2 mm, erwachsene Läuse ca. 3 mm lang. Nach etwa 9–12 Tagen ist eine Kopflaus geschlechtsreif. Erst dann versucht sie, auf den Kopf einer anderen Person zu gelangen. Weibliche Kopfläuse sind nicht zur Parthenogenese befähigt.M. Alejandra Perotti, Silvia S. Catalá, Analía del V Ormeño, Monika Żelazowska, Szczepan M. Biliński, Henk R. Braig: The sex ratio distortion in the human head louse is conserved over time. In: BMC Genetics. 2004, Band 5, Nr. 10, doi:10.1186/1471-2156-5-10.
Bei den ausgewachsenen und geschlechtsreifen Tieren ist die männliche Laus etwas kleiner und schlanker als die weibliche. Sie können ausgewachsen eine Größe von bis zu 3 mm erreichen.
Der chitinöse Panzer der Laus kann transparent, weißlich-gräulich oder bräunlich sein. In Bevölkerungen mit einer schwachen Hautpigmentation ist die Chitinhülle in der Regel weißlich-gräulich, in Bevölkerungen mit dunkler Haut dagegen eher bräunlich. Nach dem Blutsaugen erscheint die Laus rötlich, da der mit Blut gefüllte Verdauungstrakt durch die Chitinhülle hindurch schimmert. Die unterschiedliche Farbe der Chitinhülle ist eine im Laufe der Evolution erfolgte Anpassung, die die Erkennung der Parasiten durch den Wirt erschwert und das Entlausen schwierig macht.
Das Temperaturoptimum für die Entwicklung der Eier liegt zwischen 34 °C und 36 °C. Bei dieser Temperatur und einer hohen Luftfeuchtigkeit (Verhältnissen, wie sie für die Kopfhaut charakteristisch sind) schlüpfen juvenile Läuse in der Regel innerhalb von 7–8 Tagen aus dem Ei. Sinkt die Temperatur, dauert die Entwicklung des Embryos länger. Allerdings enthalten etwa 30 % aller Eier keinen Embryo, oder der Embryo hat sich nicht zu einer lebensfähigen Laus entwickelt.M. Takano-Lee u. a.: In vivo and in vitro rearing of Pediculus humanus capitis (Anoplura: Pediculae). In: Journal of Medical Entomology. 2005, Band 40, S. 628–635.J. E. Webb: Spiracle structure as a guide to the phylogenetic relationships of the Anoplura (biting and sucking lice) with notes on the affinities of the mammalian host. In: Proceedings of the Zoological Society. 1946, Band 116, S. 49–119.
Entwicklungsgeschichte/Geschichte Vorfahren der heutigen Kopfläuse parasitierten bereits unsere hominiden Urahnen. Vor etwa 5,6 Millionen Jahren trennten sich die Vorfahren der Kopflaus/Kleiderlaus in zwei Arten auf, die sich auf Schimpansen und den Menschen spezialisierten. Pediculus schaeffi befällt noch heute Schimpansen und Pediculus humanus den Menschen.
Studien an mitochondrialer DNA (mtDNA) haben gezeigt, dass sich Pediculus humanus vor etwa zwei Millionen Jahren in drei monophyletische Gruppen aufgeteilt hat, von denen jede eine charakteristische geographische Verteilung hat. Die monophyletische Gruppe A beinhaltet Kopfläuse und Kleiderläuse und ist weltweit verbreitet. Die monophyletische Gruppe B findet sich ausschließlich in Kopflauspopulationen von Europa, Amerika und Australien. Gruppe A und B waren in Nordamerika bereits vor der Entdeckung Amerikas und wurden mehrfach im Haar von indianischen Mumien entdeckt. Die monophyletische Gruppe C wurde bislang nur in Nepal und in Australien nachgewiesen. Nach einer Theorie haben sich Kleiderläuse und Kopfläuse in zwei Arten aufgetrennt, als unsere Vorfahren ihr dichtes Haarkleid verloren und anfingen, sich mit Fellen zu bekleiden.
Eine 2004 publizierte Genanalyse von Kopfläusen, die ein Team um David Reed von der University of Florida vorlegte, wies zwei Abstammungsgruppen nach, deren Entwicklung – geschätzt anhand der molekularen Uhr – seit mehr als 1,1 Millionen Jahre getrennt voneinander verlief.David L. Reed u. a.: Genetic Analysis of Lice Supports Direct Contact between Modern and Archaic Humans. In: PLOS Biology. Band 2, Nr. 11, 2004, Artikel e340, doi:10.1371/journal.pbio.0020340. Heute kommt die eine Population auf allen Kontinenten vor, die zweite nur in Amerika. Da die Trennung der beiden Läuse-Populationen annähernd in jene Zeitspanne fällt, in der Homo erectus aus Afrika auswanderte, vermuten die Forscher, dass Homo erectus die Vorfahren der einen Population mitbrachte und dass sie die aus Homo erectus hervorgegangenen Neandertaler ebenfalls besiedelten. Als Jahrzehntausende später der in Afrika aus Homo erectus hervorgegangene moderne Mensch (Homo sapiens) aus Afrika auswanderte, brachte er die zweite Population mit, die sich zwischenzeitlich in Afrika – wie er selbst – genetisch verändert hatte. Während es in Europa offenbar keinen intensiven Kontakt zwischen Neandertaler und Homo sapiens gab, bei denen die ausschließlich auf dem menschlichen Kopf lebenden Läuse übertragen werden konnten, muss es – so die Deutung von David Reed – in Asien zu engeren Kontakten gekommen sein: Die später von Asien aus nach Amerika weitergewanderten Gruppen von Homo sapiens scheinen jedenfalls beide Läuse-Populationen mitgeführt zu haben, die eigenen und die mutmaßlich von Homo erectus übernommenen.
Läuse und Lauseier sind in 8.000 bis 10.000 Jahre alten Textilien, Haaren und Kämmen identifiziert worden, die bei archäologischen Ausgrabungen z. B. auf den Aleuten, im Südwesten der Vereinigten Staaten, in Mexiko und Peru entdeckt wurden. Auf einem koptischen Holz-Kamm aus Antinoë in Ägypten wurden sieben Nissen entdeckt.Ricardo L. Palma: Ancient Head Lice on a Wooden Comb from Antinoë, Egypt. In: Journal of Egyptian Archaeology. Band 77, 1991, S. 194, doi:10.2307/3821971. Vergleichbare Funde sind aus dem hellenistischen und römischen Palaestina bekannt.Yani K. Mumcuoglu, Joseph Zias: Head lice, Pediculus humanus capitis (Anoplura: Pediculidae) from hair combs excavated in Israel and dated from the first century B.C. to the eighth century A.D. In: Journal of Medical Entomology. Band 25, 1988, S. 545–547, doi:10.1093/jmedent/25.6.545.
Im 17. und im 18. Jahrhundert war Kopflausbefall in Europa in allen Gesellschaftsschichten verbreitet. Bei Perückenträgern waren Kopfläuse eine regelrechte Plage. Noch im 19. Jahrhundert war Kopflausbefall in den ärmeren Bevölkerungsschichten in den Städten wie auf dem Land extrem häufig. Besonders betroffen waren Familien, in denen man sehr eng zusammen lebte und sich mehrere Personen ein Bett teilten. Unter diesen Verhältnissen hatten die meisten Menschen gleichzeitig Kopf- und Kleiderläuse.A. Araujo, L. F. Ferreiraet u. a.: Ten thousand years of head lice infection. In: Parasitology Today. 2000, Nr. 7, S. 269.J. E. Light, M. A. Toups, D. L. Reed: What’s in a name: the taxonomic status of human head and body lice. In: Molecular Phylogenetics and Evolution. 2008, Nr. 47.J. E. Light, J. M. Allen u. a.: Geographic distributions and origins of human head lice (Pediculus humanus capitis) based on mitochondrial data. In: Journal of Parasitology. Band 94, Nr. 6, 2008, S. 1275–1281.M. Pagel, W. Bodmer: A naked ape would have fewer parasites. In: Proceedings Royal Society London B. 2003, Nr. 270, S. 117–119.D. Raoult, D. L. Reed u. a.: In: Molecular identification of lice from Pre-columbian mummies. In: The Journal of Infectious Diseases. 2008, Band 197, Nr. 4, S. 535–543, doi:10.1086/526520.D. L. Reed, J. E. Light u. a.: Pair of lice lost or parasites regained: the evolutionary history anthropoid primate lice. In: BMC Biology. 2007, Band 5, Nr. 7, doi:10.1186/1741-7007-5-7.
Vorkommen Kopfläuse sind – im Gegensatz zu Kleiderläusen – weltweit verbreitet. Die Häufigkeit schwankt jedoch erheblich von Bevölkerungsgruppe zu Bevölkerungsgruppe. In der Regel sind Kinder häufiger betroffen als Erwachsene und Mädchen häufiger als Jungen. Dies hängt mit dem alters- und geschlechtsspezifischen Verhalten zusammen, das Kopfläusen einen leichteren Wirtswechsel ermöglicht, und nicht mit biologischen Merkmalen des Wirtes.
In Mittel- und Nordeuropa liegt die Häufigkeit von Kopflausbefall im Kindesalter zwischen 2 und 20 %, in Entwicklungsländern dagegen bei bis zu 60 %. In einem städtischen Elendsquartier in Brasilien hatten 80 % aller Mädchen Kopfläuse.
Kopflausbefall tritt typischerweise in Form von Kleinepidemien in betreuten Einrichtungen, Kindergärten oder Schulen auf. Bei Epidemien in Kindergärten oder Schulklassen können 30 % und mehr aller Kinder betroffen sein.