Die argentinische Literatur ist Teil der hispanoamerikanischen Literatur und – unter Einbeziehung der portugiesischsprachigen brasilianischen Literatur – Teil der lateinamerikanischen Literatur. Da die spanischsprachigen Länder Mittel- und Südamerikas sich einem gemeinsamen kulturellen Erbe verpflichtet fühlen (hispanidad), ist die argentinische Literatur immer in diesem Kontext zu sehen. Andererseits gibt es spezifische Besonderheiten der argentinischen Kultur, die eine Betrachtung einer genuin argentinischen Literatur sinnvoll erscheinen lassen: Dazu zählen das Fehlen einer indigenen, präkolumbischen Schriftkultur sowie der starke europäische, insbesondere französische Einfluss auf die argentinische Kultur seit der Kolonialzeit und eine deutlich urbane Prägung. Die rioplatensische Kultur – und das schließt die uruguayische mit ein – ist „seit langem städtisch geprägt [...], durchaus nicht tropisch, sondern [...] eher kühl, manchmal auch abgeklärt oder zynisch und den europäischen Avantgarden gegenüber stets aufgeschlossen. [...] Argentinien ist die mehr oder weniger bewußte Entstellung Europas.“Leopold Federmair: Nachwort zu: Ricardo Piglia: Künstliche Atmung. Berlin 2002, S. 216 f.
Identitätssuche und Gaucholiteratur (ca. 1820–1910) Seit der Errichtung des Vizekönigreichs Río de la Plata mit der Hauptstadt Buenos Aires (1776) gewann Argentinien ein eigenes kulturelles Profil. Mangels Verlagen und bildungsbürgerlichem Publikum spielte dabei das sich seit 1801 entwickelnde Zeitungswesen (los papeles públicos) eine zentrale Rolle. Das blieb auch nach der Unabhängigkeit so: literatura verstand sich nicht als Kunst, sondern als essayistische Reflexion und politische Bildungstätigkeit im Rahmen des Aufbaus des neuen Staates und mit der Absicht, das Publikum politisch zu beeinflussen.Dieter Janik: Die Anfänge einer nationalen literarischen Kultur in Argentinien und Chile: eine kontrastive Studie auf der Grundlage der frühen Periodika (1800–1830). Tübingen 1995, S. 10. Die Oberschicht des Landes orientierte sich stark an Europa und nahm kulturelle Strömungen von dort auf. Insbesondere Frankreich und dessen Hauptstadt Paris waren prägend, Französisch wurde zur ersten Bildungssprache. 1793 wurde das erste Theater La Ranchería eröffnet, das Teatro Coliseo folgte im Jahr 1804. Doch gab es zunächst keine einheimischen Autoren und bis in die 1890er Jahre keine herausragenden Werke. Allein Juan Cruz Varela verfasste neben patriotischer Lyrik den 1820er Jahren einige klassizistischen Tragödien, die sich am italienischen Vorbild Alfieris orientierten.
Im Verlauf des 19. Jahrhunderts kam es zur Zurückweisung der französisch geprägten Kultur des aufgeklärt-liberalen städtischen Bürgertums durch die Bewegung des CriollismoDiese Bewegung und die Rolle der Immigranten beschreibt der Literaturkritiker Adolfo Prieto (1928–2016) in El discurso criollista en la formación de la Argentina moderna. Buenos Aires 1988, Neuauflage 2006. und zur Suche nach eigener nationaler Identität. Der prototypische Vertreter der heroischen Freiheitsbestrebungen des Argentiniers war der Gaucho, der zur zentralen Figur der argentinischen Literatur und zur Identifikationsfigur der sich auf die Landbevölkerung stützenden brutalen Diktatur des Generals Juan Manuel de Rosas im frühen 19. Jahrhundert wurde.
Soziokultureller Hintergrund der Gaucholiteratur waren mündlich überlieferte Geschichten über die Abenteuer der Rinder- und Pferdehüter der argentinischen Steppe. Ihre weite Verbreitung und ihren populären, volkstümlichen Charakter erhielten sie aber erst, als Gauchos aufgrund veränderter gesellschaftlicher Verhältnisse in ihrer ursprünglichen Lebensform schon nicht mehr existierten. Der Einfluss der Romantik, einer der literarischen Hauptströmungen des 19. Jahrhunderts, führte zur Hinwendung zu den Wurzeln des Volkes und trug unter dem Einfluss der Gedanken Herders zu einer Verklärung und Idealisierung der Vergangenheit bei.
Wegweisend für die Gaucholiteratur wurde Fausto (1866) von Estanislao del Campo, eine Verssatire auf das gleichnamige Werk von Charles Gounod. Ihren Höhepunkt erreichte die Gaucholiteratur des La Plata-Raums jedoch mit dem Versepos El gaucho Martín Fierro (1872/1879) von José Hernández (1834–1886), das als bedeutendstes Werk der lateinamerikanischen Literatur des 19. Jahrhunderts gilt. Mit Martín Fierro – eigentlich eine Folge von typischen Autobiographien – wurde teils in klagendem, teils in stoischem Ton der Volkspoesie der freie, unabhängige Charakter des Gaucho als Repräsentant des argentinischen Volkscharakters gerühmt und der städtischen Zivilisation gegenübergestellt.Michael Rössner: Die hispanoamerikanische Literatur. In: Kindlers neues Literatur-Lexikon, Hg. Walter Jens, Bd. 20, München 1996, S. 40 – 56, hier: S. 44 f. Ein realistisches Bild des Gauchos und der Indios in der Pampa zeichnet der Reisebericht Una excursion a los indios Ranqueles (1870) des Journalisten und Reiseschriftstellers, Generals und späteren Gouverneurs des Gran Chaco, Lucio Victor Manilla (1831–1913). Gauchoromane spielten in der Folgezeit noch bis ins 20. Jahrhundert hinein eine Rolle; erwähnenswert ist der besonders erfolgreiche Roman Don Segundo Sombra (1926; dt.: „Das Buch vom Gaucho Sombra“) von Ricardo Güiraldes. mini|hochkant|Titel des Romans Martín Fierro von José Hernández Während die herrschende Oligarchie sich mit patriotischer Lyrik feiern ließ, stand die erzählende Prosa der Jahrzehnte bis zu Rosas Sturz unter dem Vorzeichen des Kampfes gegen seine Diktatur. In der Erzählung El matadero („Der Schlachthof“, ca. 1838) des romantischen Schriftstellers und Politikers Esteban Echeverría (1805–1851) wird nicht nur der Gaucho-Mythos beschworen und die endlose Weite der argentinischen Pampa als prägend für seinen Charakter und den des argentinischen Menschen dargestellt; zugleich handelt es sich um eine politische Allegorie auf das blutige Rosas-Regime, das bis 1852 dauerte. Echeverría, Juan Bautista Alberdi, Juan María Gutiérrez und andere Literaten schlossen sich zu einem oppositionellen Geheimbund, der Asociación de Mayo, zusammen, welcher der Bewegung des Jungen Deutschlands vergleichbar war; viele seiner Mitglieder mussten nach Montevideo oder Chile emigrieren. Der von Victor Hugo und der europäischen Romantik beeinflusste José Mármol (Cantos de peregrino 1847) musste seinen historischen Roman Amalia – den ersten der La Plata-Region überhaupt – 1851 in Montevideo veröffentlichen.Michael Rössner (Hrsg.): Lateinamerikanische Literaturgeschichte. 2. Auflage. Stuttgart, Weimar 2002, S. 176 ff.
Ein wichtiges Thema der Literatur des 19. Jahrhunderts war der Gegensatz zwischen dem modernen, städtischen und dem traditionellen, ländlichen Leben. Es wurde vor allem in dem wortgewaltigen Roman Barbarei und Zivilisation. Das Leben des Facundo Quiroga (1845) des Schriftstellers und Politikers Domingo Faustino Sarmiento (1811–1888) behandelt, der unter Rosas ins Exil gegangen war und in den Jahren 1868–1874 Präsident von Argentinien wurde. Facundo, ein grundlegendes Werk der argentinischen Literatur im 19. Jahrhundert, ist eine romantische Erzählung vom Leben des autokratischen Provinzfürsten (caudillo) Facundo Quiroga und zugleich eine kulturtheoretische Betrachtung über den Gegensatz zwischen ländlicher Barbarei und Rückständigkeit einerseits und zivilisatorischem Fortschritt in der Stadt andererseits. Auch Sarmiento ergriff Partei für Zivilisation und Stadtleben und übte auf literarischem Terrain Kritik am herrschenden Diktator Juan Manuel de Rosas und seiner brutalen Politik den Indios gegenüber. Später verflachte die Realistik und machte einer unpolitischen spätromantischen Literatur Platz. Zwar blieb der Konflikt zwischen Gauchismo bzw. Regionalismus einerseits und europeísmo („Europäismus“) andererseits für die argentinische Literatur noch lange charakteristisch; allerdings war der europäische Einfluss hier stets größer als etwa in Brasilien.Gustavo Lins Ribeiro: Tropicalismo e Europeísmo. Modos de representar o Brasil e a Argentina (=Série Antropologia 297). Departamento de Antropologia, Instituto de Ciências Sociais Universidade de Brasília, 2001.
Der Mord an dem Gaucho, Sänger und Banditen Juan Moreira im Jahr 1874 verschaffte der Bühne einen neuen Helden und animierte Eduardo Gutiérrez zu seiner Tragödie Juan Moreira (1884). Doch erst in den 1890er Jahren professionalisierte sich das Bühnentheater unter dem Einfluss der europäischen Einwanderung, vor allem nach spanischem Vorbild. Ein erfolgreicher Theaterautor war Florencio Sánchez (1875–1910). mini|Weideland in der Provinz Entre Ríos, ein Zentrum der jüdischen Zuwanderung Auch dünn besiedelte ländliche Regionen wurden zu Zielen der Zuwanderung von Italienern, Spaniern, Deutschen und Juden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es in der fruchtbaren Provinz Entre Ríos etwa 170 jüdische Kolonien, die Ackerbau, Viehzucht und Milchwirtschaft betrieben. Alberto Gerchunoff, der erste bedeutende jüdische Autor Lateinamerikas, setzte diesen Gauchos Judíos, den „jüdischen Gauchos“, die meist aus Osteuropa stammten, mit dem gleichnamigen Buch 1910 ein literarisches Denkmal.Erna Pfeiffer: Schreiben im transkulturellen Raum. Jüdisch-argentinische Autorinnen in Diaspora und Exil. In: Eva Gugenberger, Kathrin Sartingen (Hrsg.): Hybridität – Transkulturalität – Hybridisierung. Wien, Berlin 2011, S. 157–192, hier: S. 160.
Guillermo Hudson, als Sohn britischer Siedler in der Provinz Buenos Aires geboren, musste wegen einer Verletzung seinen Traum Gaucho zu werden, aufgeben. Er verließ 1874 Argentinien und wurde erst in England zum Schriftsteller. Als Autor von in englischer Sprache verfassten Naturbetrachtungen, ornithologischen Studien und Reiseberichten aus der Pampa (The Purple Land that England Lost, 1885) sowie des populären abenteuerlich-romantischen Romans Green Mansions (1904)W. H. Hudson: Das Vogelmädchen, 1980. Der Roman wurde 1959 unter dem Originaltitel Green Mansion von Mel Ferrer verfilmt., der im Dschungel von Guayana spielt, gilt der Außenseiter dennoch als argentinischer Schriftsteller.
Modernismo und Avantgarde (ca. 1880–1930)
Vor der Jahrhundertwende vollzog sich ein grundlegender soziokultureller Wandel. Aufgrund eines starken Zustroms an Einwanderern aus Europa, darunter vielen Italienern, gingen der vorherrschend ländliche Charakter und die sprachliche Homogenität Argentiniens verloren. Buenos Aires wurde seit den 1880er Jahren zur Metropole Südamerikas. Wirtschaft und Gesellschaft des Landes erfuhren einen tiefgreifenden Modernisierungsprozess. Damit einher ging eine Entwicklung hin zu einer kosmopolitischen Literatur. Thematisch rückte die Großstadt ins Zentrum der Literatur, so in den realistischen Romanen des Anwalts, Journalisten und Politikers Lucio Vicente López (1848–1894). Seine Sittengeschichte La gran aldea („Das große Dorf“, 1882), die die bürgerkriegsartigen Wirren und sozialen Kämpfe in Buenos Aires nach dem Sturz des Caudillo Juan Manuel de Rosas in satirischer Überzeichnung und zugleich in nostalgischer Erinnerung an das „alte“ Buenos Aires schildert, produzierte er in schnellen Folgen in Form eines Feuilletons nach dem Vorbild französischer Trivialromane.Onlineversion auf www.gutenberg.org
Maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung neuer literarischer Formen hatte der aus Nicaragua stammende Rubén Darío (1867–1916), der längere Zeit in Buenos Aires lebte. Sein im Gedichtband Prosas profanas (1896) war von Ästhetizismus und Symbolismus geprägt. Er begründete damit eine völlig neue Ästhetik, in der die Musikalität der Sprache eine wichtige Rolle spielte. Darío gilt als Begründer des Modernismo in seiner lateinamerikanischen Ausprägung. mini|hochkant|Leopoldo Lugones