mini|hochkant|Meister von Flémalle: Der Schächer zur Linken Christi. Fragment eines Triptychons, vermutlich aus der Werkstatt Robert Campins (um 1430)Jochen Sander (Hrsg.): In neuem Glanz. Das Schächer-Fragment des Meisters von Flémalle im Kontext. Frankfurt: Schnell und Steiner 2017. mini|Verkündigung eines unbekannten Künstlers von 1500, Nationalmuseum Island Altniederländische Malerei bezeichnet einen Zeitabschnitt der niederländischen, insbesondere flämischen Malerei, zwischen dem zweiten Viertel des 15. Jahrhunderts und Mitte des 16. Jahrhunderts. Hatte sich Ende des 14., Anfang des 15. Jahrhunderts, ausgehend von Frankreich, eine Formensprache mit überregionalen Spezifika entwickelt, an der auch schon zahlreiche Meister des niederländischen Raumes beteiligt waren, so bildete sich dort jetzt ein erkennbar eigenständiger regionaler Malstil heraus. Zu dessen Eigenheiten gehörte, dass sich die Künstler – unter anderem in der aufkommenden Porträtmalerei – um eine realistische Wirkung bemühten.

Der heute nicht mehr verwendete Begriff Flämische Primitive (Primitifs flamands) ist eine aus der Kunstwissenschaft des 19. Jahrhunderts stammende Bezeichnung.Der Begriff wurde allgemein durch die Ausstellung Exposition des Primitifs flamands, die 1902 in Brügge stattfand. Siehe dazu den Ausstellungskatalog. Abgerufen am 2. Januar 2018.

Historischer Hintergrund mini|hochkant|links|Melchior Broederlam: Verkündigung und Heimsuchung (1398) mini|hochkant|Jan van Eyck: Madonna des Kanzlers Rolin (1435) mini|hochkant|Rogier van der Weyden: Stifterehepaar, Porträts auf der Mitteltafel der Kreuzigung (um 1440–1445) Seit dem 14. Jahrhundert hatte sich ein kultursoziologischer Wandel vollzogen: Weltliche Mäzene lösten die Kirche als wichtigsten Auftraggeber für Kunstwerke ab. Die höfische Kunstproduktion, deren Zentrum Frankreich gewesen war, wurde bereits teilweise von Niederländern dominiert.

Die Niederlande waren durch das Haus Burgund auch herrschaftlich mit Frankreich verbunden, so dass es für flämische, wallonische und holländische Künstler leicht war, an den dortigen Höfen von Anjou, Orléans, Berry oder dem des französischen Königs Fuß zu fassen. Herausragende Meister dieser oft auch internationale Gotik genannten und über Burgund, Böhmen, Frankreich und Norditalien verbreiteten Kunst waren z. B. die Brüder von Limburg aus Geldern. In der niederländischen Ursprungsheimat blieben meist nur zweitrangige Kräfte zurück, wenn man von Ausnahmen wie Melchior Broederlam absieht.

Nach der Schlacht von Azincourt (1415) und dem Tod des Herzogs von Berry zog sich der burgundische Herzog Philipp der Gute nach Flandern zurück. Die Übersiedlung des burgundischen Hofes nach Flandern ermöglichte den einheimischen Meistern beste Arbeitsbedingungen in ihrer eigenen Heimat. Die Abwanderung an die französischen Kulturzentren erübrigte sich nun. Es konnten sich regionale Malerschulen herausbilden. Vorher war die Meisterschaft von Ausnahmebegabungen wie etwa Jan Bondol, Johan Maelwael oder den Brüdern von Limburg vom so genannten „Internationalen Stil“ aufgesogen worden. Nun wurden aus franko-flämischen Künstlern "Niederländer". Der Kunsthistoriker Erwin Panofsky hat gar von der „Repatriierung des flämischen Genies“ gesprochen.Erwin Panofsky: Die altniederländische Malerei. Ihr Ursprung und Wesen. Übersetzt und hrsg. von Jochen Sander und Stephan Kemperdick. Köln 2001. S. 154. ISBN 3-7701-3857-0 Die neue niederländische Künstlergeneration bediente sich aber nicht mehr der überregionalen Formsprache der Zeit um 1400. Sie ist daher als spezifisch niederländische Schule zu bezeichnen.

Der Reichtum der Handelsmetropolen förderte diese Entwicklung noch zusätzlich. Auch bürgerliche Auftraggeber konnten sich nun auf kurzem Wege von den führenden Werkstätten beliefern lassen. Eine Blütezeit der flämischen und brabantischen Städte (Brügge, Antwerpen, Gent, Brüssel, Ypern, Mechelen, Löwen) hatte die Patrizier zu ebenbürtigen Konkurrenten der Fürsten werden lassen, die diesen an Reichtum und Macht nicht nachstanden. Diese neben den Höfen und den Kirchen dritte Auftraggeber- und Mäzenatengruppe wirkte maßgeblich auf die Themenwahl der Künstler ein. Auch religiöse Kunstwerke, wie Altarbilder, wurden häufig nicht mehr direkt von der Kirche in Auftrag gegeben, sondern wurden beispielsweise auch von Kaufmannsgilden gestiftet.

Aufträge für den repräsentativen Gebrauch von Gemälden im eigenen Haus brachten eine völlig neue Kunstgattung hervor, die Porträtmalerei, und diese beförderte wiederum ein individualisierendes Element in der Kunst, das den ohnehin wirksamen Tendenzen ganz und gar entsprach.

Merkmale der Altniederländischen Kunst mini|Rogier van der Weyden: Landschaft auf dem Triptychon der Familie Braque (um 1450) mini|links|hochkant|Jean Pucelle: Verkündigung aus Heures de Jeanne d’Evreux (1328) Um die Höfe der Herzöge von Burgund in Dijon und Brügge und die Stadt Tournai entwickelte sich im frühen 15. Jahrhundert ein eigener Malstil. Einige Kunsthistoriker vermuten die Wurzeln in der französisch-flämischen Buchmalerei, etwa bei Jean Pucelle oder den Brüdern von Limburg. Pucelles Illuminationen mit ihrer plastischen Körperlichkeit der Figuren und Darstellungen perspektivisch angelegter Innenräume lassen ihn als Wegbereiter der Altniederländischen Malerei erscheinen.Erwin Panofsky: Die altniederländische Malerei. Ihr Ursprung und Wesen. Übersetzt und hrsg. von Jochen Sander und Stephan Kemperdick. Köln 2001. S. 33–39.Erwin Panofsky: Die altniederländische Malerei. Ihr Ursprung und Wesen. Übersetzt und hrsg. von Jochen Sander und Stephan Kemperdick. Köln 2001. S. 62–66. mini|hochkant|links|Jan van Eyck: Adam und Eva – Ausschnitte des 1432 vollendeten Genter Altars einander gegenübergestellt Die altniederländischen Werke unterscheiden sich durch ihren präzisen Realismus deutlich von ihren Vorgängern. In Auseinandersetzung mit italienischen Gemälden des 15. Jahrhunderts und den lokalen Traditionen entwickelten die Künstler eine eigenständige, in vielen Aspekten neue Bildsprache. Ein wesentlicher Zug der niederländischen Naturbeobachtung ist die Darstellung der Landschaft. Zunächst wurden die abstrakten Goldgründe durch Landschaftsdarstellungen ersetzt, bevor die Landschaftsmalerei eine eigenständige künstlerische Gattung wurde.

Die genaue Naturbeobachtung erstreckte sich auch auf die Darstellung des menschlichen Körpers. Die Aktdarstellung von Adam und Eva auf dem Genter Altar von Jan van Eyck weisen eine seit der Antike nicht mehr erreichte Natürlichkeit auf. Sie unterscheidet sich wesentlich von den gleichzeitig in Italien aufkommenden Aktdarstellungen, die viel mehr von wissenschaftlich-anatomischer Konstruktion geprägt waren, während Jan van Eyck die Oberfläche und die Bewegung des Körpers genau beobachtete und bis ins kleinste Detail darstellte.

Das unverwechselbar Neue in der altniederländischen Malerei war zum einen die detaillierte stoffliche Oberflächencharakterisierung und zum anderen eine Plastizität durch genau beobachtete und wirkungsvoll eingesetzte Lichteffekte. Dem neuen Stil lag zunächst einmal eine neue Technik zugrunde: die Ölmalerei.

Die niederländische und flämische Malerei orientierte sich vor van Eyck und Robert Campin an der so genannten „Internationalen Gotik“, auch als „Schöner“ oder „Weicher Stil“ bezeichnet. Die lang gestreckten Gestalten und der reiche Faltenwurf der Gewänder verweisen deutlich auf die älteren Traditionen. Allgemein wird der altniederländischen Malerei vor dem 15. Jahrhundert heute wenig Beachtung zuteil. Die Werke gelten meist als provinziell und zweitrangig. mini|hochkant|Robert Campin: Porträt eines fetten Mannes (um 1425) In vielen kunstgeschichtlichen Publikationen wird die altniederländische Malerei erst ab dem meist mit Robert Campin gleichgesetzten Meister von Flémalle behandelt. Von ihm und seinen Mitarbeitern sowie von Hubert und Jan van Eyck werden die Anfänge der altniederländischen Malerei im engeren Sinne geprägt. Der 1432 vollendete Genter Altar der Brüder van Eyck gilt als ein Hauptwerk dieser Epoche. Schon die Zeitgenossen betrachteten die Kunstwerke Jan van Eycks und der anderen flämischen Meister als Ars nova, als etwas vollkommen Neues.

Mit dem Porträt wurde erstmals ein weltliches, individualisiertes Thema zu einem Hauptmotiv der Malerei. Das Genrebild und das Stillleben kamen dagegen erst im niederländischen Barock des 17. Jahrhunderts zum Durchbruch. Allerdings weist die Altniederländische Malerei durch ihre „Verbürgerlichung“ schon in die Neuzeit. Als Auftraggeber traten die reichen Patrizier und Handelsherren immer mehr neben den Adel und den Klerus. Die Gestalten wurden nicht mehr idealisiert dargestellt. Dem Betrachter treten echte Menschen mit ihren körperlichen Unzulänglichkeiten entgegen. Falten, Tränensäcke, alles wurde schonungslos naturalistisch wiedergegeben. Die Heiligen hatten ihren Platz nicht mehr nur in den Gotteshäusern, sie hielten ihren Einzug auch in die Wohnstuben der Bürger.

Die Künstler

mini|Robert Campin und Mitarbeiter: Mérode-Altar (um 1430)mini|links|Hubert van Eyck zugeschrieben: Drei Frauen am Grabe (etwa zwischen 1425 und 1435)Otto Pächt: Van Eyck. Die Begründer der altniederländischen Malerei. München: Prestel 1989, S. 171–174.

Als einer der frühesten Vertreter der neuen Kunstauffassung gilt neben Hubert und Jan van Eyck der Meister von Flémalle, der heute meist mit Robert Campin identifiziert wird. Ein Hauptwerk von Campin und seiner Werkstatt ist das Mérode-Triptychon (um 1430), das heute im Metropolitan Museum in New York zu sehen ist.Felix Thürlemann: Robert Campin. Monografie und Werkkatalog. Prestel Verlag, München 2002, ISBN 3-7913-2807-7.Jochen Sander: Meister von Flémalle: Mérode-Triptychon. In: Stephan Kemperdick, Jochen Sander (Hrsg.): Der Meister von Flémalle und Rogier van der Weyden. Ausstellungskatalog des Städel Museums Frankfurt, 21. November 2008 – 22. Februar 2009 und der Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin, 20. März 2009 – 21. Juni 2009. Hatje Cantz, Ostfildern 2008, S. 192–201. ISBN 978-3-7757-2258-2.

Die tatsächliche Existenz von Jan van Eycks Bruder Hubert ist seit langem umstritten. Neuere Forschungen kamen zum Ergebnis, dass der – nur in wenigen Quellen erwähnte – Hubert nur ein unbedeutender Genter Maler gewesen sei, der in keinerlei verwandtschaftlicher oder sonstiger Beziehung zu Jan stand. Aufgrund neuester Erkenntnisse im Zuge der seit 2012 andauernden Restaurierung des Genter Altars wird im Gegensatz dazu von einigen Kunstwissenschaftlern der Standpunkt vertreten, es gebe keinen Anlass, die Authentizität der auf der Erstfassung der Rahmen des Genter Altars angebrachten Inschrift und damit die Mitwirkung und Existenz Hubert van Eycks zu bezweifeln.Stephan Kemperdick: Die Geschichte des Genter Altars. In: Stephan Kemperdick und Johannes Rößler (Hrsg.): Der Genter Altar der Brüder van Eyck. Begleitpublikation zur Ausstellung Der Genter Altar der Brüder van Eyck in Berlin. 1820–1920. Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz 2014, S. 22. ISBN 978-3-7319-0089-4. mini|hochkant|Rogier van der Weyden: Porträt einer Dame (um 1460) mini|links|hochkant|Hans Memling: Porträt der Maria Maddalena Portinari (etwa 1470–1480)

Als Schüler Campins ist Rogier van der Weyden anzusehen, dessen Mitarbeit am Mérode-Triptychon wahrscheinlich ist.Felix Thürlemann: Robert Campin: Das Mérode-Triptychon. Ein Hochzeitsbild für Peter Engelbrecht und Gretchen Schrinmechers aus Köln. Fischer Taschenbuch Verlag: Frankfurt am Main 1997. S. 11. ISBN 3-596-12418-2 Dieser beeinflusste wiederum Dieric Bouts und Hans Memling. Zeitgenosse Memlings war Hugo van der Goes, der erstmals 1465 urkundlich wurde.