Kalisz Pomorski (deutsch: Kallies, früher Callies) ist eine Kleinstadt und Sitz einer Stadt- und Landgemeinde im Powiat Drawski (Dramburgischen Kreis) in der polnischen Woiwodschaft Westpommern. Geographische Lage mini|links|Kallies (Callies) nordwestlich der Stadt Schneidemühl und nordöstlich der Stadt Arnswalde – siehe obere Bildhälfte – auf einer Landkarte der Provinz Posen von 1905 (gelb markierte Flächen kennzeichnen Gebiete mit seinerzeit mehrheitlich polnischsprachiger Bevölkerung) mini|links|Stadtpanorama von Kallies auf einer Lithographie aus der Zeit vor 1846Pomerania – Geschichte und Beschreibung des Pommernlandes. IV. bis VI. Buch, E. Sanne & Comp., Stettin 1846 (books.google.de)

Die Stadt liegt in Hinterpommern in einer Talsenke des Pommerschen Höhenrückens umgeben von vier Seen, etwa 60 Kilometer ostsüdöstlich von Stargard und 90 Kilometer ostsüdöstlich von Stettin auf einer Höhe von 89 m über dem Meeresspiegel. Zwanzig Kilometer südlich der Stadt beginnt der Draheimer Nationalpark. Im Norden und Süden verlaufen die Draheimer und die Kroner Seeplatten.

Der Ort ist ein touristisches Zentrum mit Seestrand, Wassersportmöglichkeiten und weitläufigen Wanderwegen.

Geschichte mini|Stadtkirche (bis 1945 evangelisch) mini|Schloss Kallies, renoviert nach dem Brand von 1945 (Aufnahme 2013) mini|Rathaus Bei Ausgrabungen im Jahre 1939 entdeckte man in Kallies einen bronzezeitlichen Schatz aus der Zeit um 1000 v. Chr. sowie ein Urnengrabfeld aus den Jahren 200 bis 400 n. Chr. In der Mitte des 13. Jahrhunderts siedelten die brandenburgischen Markgrafen im Gebiet östlich der Drage deutsche Einwanderer an, die auch den Ort Kallies gründeten. Er hatte sich bis zum Anfang des 14. Jahrhunderts bereits so weit entwickelt, dass ihm 1303 von den Markgrafen das Magdeburger Stadtrecht verliehen wurde.Heinrich Gottfried Philipp Gengler: Regesten und Urkunden zur Verfassungs- und Rechtsgeschichte der deutschen Städte im Mittelalter. Erlangen 1863, S. 461; . Um die Wirtschaftskraft der Stadt weiter zu fördern, erhielt sie zudem das Stapelrecht für Holzkohle und Pech, und um genügend Mittel für den Bau einer Stadtbefestigung aufbringen zu können, wurden der Stadt alle Abgaben erlassen. 1350 erhielt der Ritter Henning von Wedell Kallies als Lehnsbesitz, der 1378 an die Familie von Güntersberg überging. Sie behielt das Lehen bis 1731. In den Jahren von 1402 bis 1455 gehörte die Stadt dem Deutschen Orden, danach war sie Bestandteil der brandenburgischen Neumark. Während der Ordenszeit überfielen polnische Truppen dreimal die Stadt und steckten sie dabei jedes Mal in Brand.

1623 fielen zahlreiche Einwohner von Kallies der Pest zum Opfer, und in den Jahren 1683 und 1771 wurde die Stadt durch Brände so gründlich zerstört, dass ab 1777 mit finanzieller Hilfe des preußischen Königshauses ein umfangreicher Neuaufbau begonnen wurde. Dabei gestaltete man das Straßennetz völlig neu.

Bei der preußischen Verwaltungsneugliederung von 1816 wurde Kallies in den Kreis Dramburg im Regierungsbezirk Köslin in der Provinz Pommern des Deutschen Reichs eingegliedert.

Der Anschluss an das Eisenbahnnetz erfolgte am 1. September 1888 mit der Eröffnung des Streckenabschnitts Deutsch Krone–Kallies. Es folgten 1895 die Bahnlinien nach Arnswalde und nach Stolzenhagen und 1900 nach Falkenburg, wodurch der kleine Ort mit knapp 3000 Einwohnern zu einem bedeutenden Bahnknotenpunkt mit zwei Bahnhöfen wurde. Am Anfang des 20. Jahrhunderts hatte Kallies eine evangelische Kirche, eine Synagoge, Tuchfabriken und war Sitz eines Amtsgerichts; in der Nähe befand sich das Schloss Kallies mit einer Kartoffelstärke-Fabrik. Die verkehrsmäßige Erschließung begünstigte die Ansiedlung weiterer Industriebetriebe wie der Kalksandsteinfabrik und eines Zementwerks. 1927 schloss die letzte Tuchfabrik.

Nach dem Ersten Weltkrieg entstand ein neues Stadtviertel am Bahnhof durch den Zuzug zahlreicher Bewohner der an Polen abgetretenen Gebiete, nämlich der größeren Teile der Provinz Posen und der Provinz Westpreußen. 1924 begann die Elektrifizierung der Stadt. Anfang der 1930er Jahre hatte die Gemarkung der Stadt Kallies einen Flächeninhalt von 26,7 km². Innerhalb der Gemeindegrenzen standen zusammen 423 bewohnte Wohnhäuser an 17 verschiedenen Wohnplätzen:

Um 1935 gab es in der Stadt Kallies unter anderem drei Hotels, zwei Gasthöfe, eine Apotheke, elf Bäckereien, zwei Bankgeschäfte, drei Baugeschäfte, eine Buchdruckerei, eine Färberei, eine Fassholzfabrik, zwei Gärtnereien, sieben Gemischtwarenläden, eine Gerberei, eine Getreidehandlung, eine Kalksandsteinfabrik, eine Lebensmittelfabrik, zwei Mineralwasserfabriken, acht Metzgereien, eine Molkerei, zwei Mühlen, eine Rohproduktenhandlung, fünf Schmieden, zwei Speditionsgeschäfte, zwei Stellmacher, sieben Tischler, drei Töpfer, fünf Viehhandlungen, eine Zementwarenfabrik und zahlreiche weitere Einzelhandelsgeschäfte, Handwerksbetriebe und Dienstleister.Klockhaus' Kaufmännisches Handels- u. Gewerbe-Adressbuch des Deutschen Reichs, Band 1 A, Berlin 1935, S. 1042–1009 (Google Books). 1935 wurde der Umbau des Rathauses vollendet.

Im Jahr 1938 wurde Kallies, wie der übrige Landkreis Dramburg, dem neu gebildeten Regierungsbezirk Grenzmark Posen-Westpreußen innerhalb der Provinz Pommern des Deutschen Reichs zugeordnet.

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Kallies im Februar 1945 bei dem heftigen Widerstand gegen die Eroberung durch die sowjetischen Truppen zu großen Teilen zerstört. Nach Kriegsende wurde Kallies wie ganz Hinterpommern von der Sowjetunion der Volksrepublik Polen zur Verwaltung übderlassen. Anschließend begann die Zuwanderung polnischer Zivilisten, die zum Teil aus Gebieten östlich der Curzon-Linie kamen und die die Wohnstätten der einheimischen Bevölkerung bezogen. Der Name der Stadt wurde zu ‚Kalisz Pomorski‘ polonisiert. Soweit die einheimischen Stadtbewohner nicht geflohen waren, wurden sie in der Folgezeit von der polnischen Verwaltungsbehörde aus Kallies vertrieben.

Demographie + Bevölkerungsentwicklung bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs Jahr Einwohner Anmerkungen 1719 776 Gustav Kratz; Die Städte der Provinz Pommern – Abriss ihrer Geschichte, zumeist nach Urkunden. Berlin 1965, S. 57 (books.google.de). 1750 1016 1801 1726 darunter vier Judenfamilien mit 21 Individuen,Friedrich Wilhelm August Bratring: Statistisch-topographische Beschreibung der gesammten Mark Brandenburg. Band 3: Die Neumark Brandenburg enthaltend. Berlin 1809, S. 226 (books.google.de). nach anderen Angaben 1944 Einwohner 1802 1673 1810 1944 1816 2182 davon 2080 Evangelische, zehn Katholiken, 92 JudenAlexander August Mützell und Leopold Krug: Neues topographisch-statistisch-geographisches Wörterbuch des preussischen Staats. Band 5: T–Z. Halle 1823, S. 304–311, Ziffer 294. 1821 2097 1831 2641 Stadt, mit drei Toren, einer Kirche und 312 Häusern, einem Schloss- und Hof-Patrimonialgericht und jährlich sechs Kram- und Viehmärkten, Haupteinnahmequellen der Einwohner sind Ackerbau, Tuch- und Wollweberei sowie Bierbrauerei und Spiritusbrennerei;Georg Friedrich Krause: Handbuch zu dem Atlas von Preußen in 27 Karten; oder: geographisch-statistisch-topographische Beschreibung der preußischen Mönarchie. Zweite Hälfte: Verzeichniß sämmtlicher Städte, Flecken, Dörfer, Weiler, Vorwerke etc. der Monarchie. Band I: A – E, Müller, Erfurt 1835, S. 527 (Google Books). nach anderen Angaben 2663 Einwohnker, darunter elf Katholiken und 147 Juden 1843 2747 darunter drei Katholiken und 164 Juden 1852 3092 darunter zwei Katholiken und 148 Juden 1861 3200 darunter vier Katholiken und 119 Juden 1875 3344 1880 3499 1890 3557 davon elf Katholiken, 52 Juden 1900 3679 meist Evangelische 1925 3416 1910 3373 am 1. Dezember, Stadt mit einer evangelischen Kirche, einer Synagoge, Bankgeschäften, Kram- und Viehmärkten sowie Zementwaren- und TuchfabrikationKallies, Stadt, Kreis Dramburg, Regierungsbezirk Köslin, Provinz Pommen. In: Meyers Gazetteer, mit Eintrag aus Meyers Orts- und Verkehrslexikon, Ausgabe 1912 (meyersgaz.org). 1925 3490 darunter 3343 Evangelische, 68 Katholiken und 22 Juden,Die Stadt Kallies im ehemaligen Kreis Dramburg in Pommern (Gunthard Stübs und Pommersche Forschungsgemeinschaft, 2011). nach anderen Angaben 3416 Einwohner 1933 3893 1939 4019

Anzahl Einwohner bis heute 350px|Entwicklung der jährlichen Einwohnerzahl von Kalisz Pomorski

Sehenswürdigkeiten Die Stadtkirche wurde von 1771 bis 1781 errichtet und war bis 1945 evangelisches Gotteshaus. Die bisherige gotische Kirche aus dem 14. Jahrhundert wurde wegen Brandschäden abgerissen. Die heutige Kirche ist im klassischen Stil auf einem griechischen Kreuzplan erbaut. Sie hat einen einräumigen Innenraum mit einer flachen Decke. An der Westseite befindet sich der dreigeschossige, mit einem Zeltdach gedeckte Turm. Ursprünglich lag hier der Haupteingang, der sich nunmehr auf der Südseite befindet. Nach 1945 wurde der Seiteneingang von Norden zugemauert und dort der heutige Altar aufgestellt, wodurch sich der Grundriss des Tempels von der Quer- (West-Ost-Achse) zur Längsachse (Süd-Nord-Achse) änderte. Die Pilaster und die Fensteröffnungen sind mit halbrunden Bändern mit markanten Schlusssteinen eingerahmt. Die Kirche wurde nach dem Vorbild der Garnisonskirche in Potsdam gestaltet. Das charakteristische Aussehen der Kirche unterscheidet ihn von allen anderen Kirchen in Pommern. Sie wurde renoviert im 19. Jahrhundert sowie 1968 und 1977. Das Schloss Kallies war ursprünglich ein Herrenhaus in Form eines ritterlichen Wohnturms, das in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts von der Familie Wedel erbaut wurde. Dann wurde es von der Familie Güntersberg, die die Stadt in den Jahren 1378–1732 regierte, in eine befestigte Burg umgewandelt. 1409 brannte sie ab und wurde nach dem Wiederaufbau vor 1450 vermutlich von Heinrich von Güntersberg erweitert. Nach Bränden Ende des 16. Jahrhunderts bauten die Güntersbergs das Schloss als Renaissanceschloss wieder auf, dargestellt auf Merians Kupferstich von 1652. Spätere Umbauten im 18., 19. und 20. Jahrhundert verwandelten es in ein Wohnhaus, ergänzt durch ein zweistöckiges Nebengebäude. Der älteste erhaltene Teil sind gotische Keller und Außenmauern. Nach der Zerstörung in den Nachkriegsjahren wurde das Gebäude mehrfach wieder aufgebaut. Das Schloss ist von einem Park mit zahlreichen alten Bäumen umgeben, das Gebäude selbst beherbergt die Stadtbibliothek sowie Repräsentations- und Ausstellungsräume.

Verkehr Die benachbarten größeren Städte Stargard und Wałcz (Deutsch-Krone, Hinterpommern) sind über die Fernstraße 10 zu erreichen. Die Stadt liegt an der Eisenbahnlinie Ulikowo–Piła, die seit 2001 im Personenverkehr stillgelegt war und auf der ab 1. September 2006 wieder Züge von Stargard und Stettin verkehren.

Städtepartnerschaften Im Jahr 1999 wurde mit der schleswig-holsteinischen Stadt Kaltenkirchen ein Partnerschaftsvertrag abgeschlossen. Außerdem besteht ein Partnerschaftsverhältnis mit der Stadt Torgelow in Mecklenburg-Vorpommern.

Söhne und Töchter der Stadt Jakob Klinckebeil (1627–1694), deutscher Dichter Johann Wilhelm von Dittmar (1725–1792), preußischer Generalmajor Hermann Lamprecht (1846–1909), deutscher Glasmacher und Ofenbauer Paul Sydow (1851–1925), deutscher Botaniker und Mykologe Fritz Torno (1881–1962), deutscher Architekt Wilhelm Duhmer (1884–1964), deutscher Kommunalpolitiker, Oberbürgermeister der Stadt Görlitz Werner Kienitz (1885–1959), deutscher General der Infanterie, zuletzt Kommandierender General des stellvertretenden II. Armeekorps Karl Thäter (1886–1962), deutscher Vizeadmiral Karl Scharping (1908–nach 1969), deutscher Journalist und Beamter im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda Bernhard König (1932–2024), deutscher Romanist und Rektor der Universität zu Köln Friedbert Grams (1942–2022), deutscher Politiker (DBD, CDU), ehemaliges Mitglied des Landtags von Mecklenburg-Vorpommern

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