Integralismus (seltener: Integrismus) bezeichnet im Kontext des Katholizismus verschiedene Strömungen und Bewegungen, die fordern, dass das gesellschaftliche und politische Leben der Autorität der Kirche unterstellt werden müsse. Der Begriff wurde geprägt als Selbstbezeichnung antimodernistischer Katholiken Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts und wird seither sowohl als historische Kategorie als auch – kritisch – als Beschreibung einer bestimmten Art des Katholisch-Seins verwendet. Oswald von Nell-Breuning definierte ihn als „religiösen Totalitarismus“ innerhalb des Katholizismus.Vergleiche
In der Forschung werden mehrere Phasen des Integralismus unterschieden: der „klassische“ Integralismus um die Wende zum 20. Jahrhundert, dessen bekanntester Ausdruck der Denunziantenkreis Sodalitium Pianum unter Umberto Benigni war; das Nachwirken dieser Strömung in politischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts, etwa im portugiesischen Integralismo Lusitano oder im Brasilianischen Integralismus; ein nachkonziliarer Integralismus, der nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil in traditionalistischen Gruppen wie der Piusbruderschaft fortlebte; sowie schließlich der seit den 2010er Jahren vor allem in den USA aufgekommene Neo-Integralismus, eine intellektuelle Bewegung innerhalb der Neuen Rechten, die eine Unterordnung des Staates unter die Kirche in Fragen des übernatürlichen Gemeinwohls anstrebt.
Klassischer Integralismus
Die Wurzeln des „klassischen“ Integralismus liegen im mittelalterlichen Gregorianischen Reformpapsttum, im Zuge dessen auch die Gesellschaft radikal verkirchlicht wurde. James Patterson nennt als Beispiel die Bulle Unam Sanctam (1302), in der Papst Bonifatius VIII. das Recht beanspruchte, stets intervenieren zu können, wenn politische Führer die Lehre der Kirche verletzten.
Auf die im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert folgende Entkirchlichung der Gesellschaft reagierte eine Gruppe von Katholiken mit einem Antimodernismus, der die erneute Verkirchlichung forderte. Im Kontext des Streits zwischen diesen Antimodernisten und den „Modernisten“ bezeichneten sich insbesondere nach Veröffentlichung der päpstlichen Enzyklika Pascendi Dominici Gregis (1907) jene Antimodernisten, die sich als dem katholischen Glauben besonders treu verstanden, und die einen nicht nur theologischen, sondern direkt gesellschaftlich wirksamen Antimodernismus vertraten, als „integrale Katholiken“ (frz.: „Catholiques intégraux“).
Wichtig war vor allem ein kleiner Kreis von Denunzianten um Umberto Benigni, der bekannt wurde unter dem Namen Sodalitium Pianum. Die Angehörigen beschrieben sich selbst als „cattolici integrali“; auch im Deutschen verwendeten sie „Integralismus“ als Selbstbezeichnung. Anfang des 20. Jahrhunderts ging der Benigni-Kreis vor gegen „Liberalismus“, worunter nach dem radikalen Verständnis dieser Gruppe auch diverse katholische Ansätze fielen, sich in Politik und Gesellschaft den Verhältnissen der Zeit anzupassen. Zu diesem Zweck sammelte der Kreis mit Billigung und Unterstützung von Papst Pius X. Informationen über vermeintliche „Modernisten“, spielte diese zum einen vermengt mit Desinformation dem Papst zu und veröffentlichte sie zum anderen in Form von Pressekampagnen über eine Reihe ihm nahestehender Zeitschriften in der Öffentlichkeit – darunter Benignis eigenes Blatt Correspondance de Rome und im deutschen Sprachraum die Trierer Petrus-Blätter, das Österreichische katholische Sonntagsblatt, die Wochenschrift Klarheit und Wahrheit, außerdem bis 1945 die Schweizer Schildwache.Zu dieser vergleiche Ziele waren zum Beispiel zu progressive Akademiker oder im deutschen Sprachraum die Deutsche Zentrumspartei und christliche Gewerkschaften, die in den Augen Roms und romtreuer Katholiken gar zu unabhängig von der Kurie agierten, verdächtig mit Protestanten kooperierten und daher als Vorboten einer neuen Glaubensspaltung bewertet wurden.Zum geschichtlichen Hintergrund vergleiche noch Unter dem Nachfolger von Pius X., Papst Benedikt XV., wurde das Sodalitium um 1921 förmlich aufgelöst.
Nachwirken des klassischen Integralismus
Auch nach Auflösung des Sodalitium wirkte der Integralismus an verschiedenen Orten fort. In Portugal hatte er die 1914 gegründete monarchistische und kirchennahe Bewegung Integralismo Lusitano inspiriert, Wurzel und Vorgänger des portugiesischen Faschismus unter António de Oliveira Salazar, der bei seinem Umbau des Staats in den 1930ern integralistische Ideen jedoch nur eingeschränkt umsetzte. Nach dem Vorbild des portugiesischen Integralismus wiederum gründete außerdem 1932 Plínio Salgado in Brasilien die Partei Ação Integralista Brasileira, in der sich die rechtsextreme Bewegung des Brasilianischen Integralismus formierte, darunter auch die meisten Deutsch-Brasilianer, die diese Partei der brasilianischen Nazi-Partei vorzogen. Nach einem erfolglosen Putsch-Versuch wurde sie 1938 verboten. Integralistische Ideen wirken in Brasilien jedoch fort und werden weitergepflegt in der rechtschristlichen Bewegung Sociedade Brasileira de Defesa da Tradição, Família e Propriedade (TFP).
Auch in Deutschland flackerte der Integralismus nach dem Zweiten Weltkrieg wieder auf, nun oft bezeichnet als „Rechtskatholizismus“.Vergleiche auch Ab 1945 versuchten Rechtskatholiken, vor allem mit Hilfe der Christlich Demokratische Union Deutschlands „Gedanken und Vorstellungen eines christlichen Staates in die Verfassungen und die grundlegenden Gesetze einzubringen“. Die Unionsparteien entzogen sich diesen Bestrebungen nur teilweise.
Integralismus nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil
Das Zweite Vatikanische Konzil, geprägt vom Gedanken des Aggiornamento und vorbereitet durch Texte wie Jacques Maritains Antimoderne (1922), markierte eine Abkehr des katholischen Lehramts vom integralistischen Denken. Die Erklärung Dignitatis humanae entwickelte eine Kirchenlehre, in der die Kirche nicht mehr als Akteur mit Herrschaftsanspruch verstanden wurde, sondern die Religionsfreiheit zu achten habe und nicht länger beanspruchte, Individuen in religiösen Belangen Zwang unterwerfen zu können.
Ungefähr zeitgleich entwickelten mehrere Konzilstheologen Theologien, laut denen es sich beim Integralismus weniger um ein konkretes historisches Phänomen handle als um eine abzulehnende „Art, katholisch zu sein“. Yves Congar beispielsweise beschrieb ihn als „primär eine Mentalität oder Haltung, die eine bestimmte Art und Weise bestimmt, katholische Positionen einzunehmen.“ Wie Nell-Breuning entdeckte auch Congar eine Nähe zwischen einer Neigung zum Integralismus und einer Neigung zu politisch rechten Gesinnungen; darüber hinaus sammelte er acht Merkmale, die seiner Ansicht nach diese Art und Weise des Katholisch-Seins bestimmten: (1) Pessimismus hinsichtlich der menschlichen Natur, (2) die Überzeugung von der Notwendigkeit starker Autorität, (3) Misstrauen gegenüber dem Begriff der Entwicklung, (4) Neigung zu einem rigoristischen Katholizismus, (5) Betonung dogmatischer Formeln gegenüber der subjektiven Glaubenswirklichkeit, (6) intellektuelle Leidenschaft für deduktives und Abneigung gegen induktives Denken, (7) Autoritarismus in der Kirche sowie (8) die Vorstellung, dass die Kirche durch eine Autoritätsstruktur geprägt sein solle.Vergleiche Ähnlich bestimmte Karl Rahner den Integralismus als nicht nur ein historisches Phänomen, sondern eine nach wie vor nicht überwundene „bestimmte Deutung des Verhältnisses der Kirche zur Welt […], das jede Art von ‚Säkularisation‘ verwirft [… –] die theoretische oder (unreflex) praktische Haltung, derzufolge das Leben des Menschen von allgemeinen, von der Kirche verkündigten und in ihren Ausführungen überwachten Prinzipien aus eindeutig entworfen und manipuliert werden könne.“ Solcherart aber wolle die Kirche Rahner zufolge gar nicht sein; Integralismus sei „prinzipiell falsch“. Hans Urs von Balthasar schließlich leitete aus den Schriften Maurice Blondels zwei verschiedene „Erkenntnistheorien“ ab: Die des „zeitaufgeschlossenen“ Christen, der in der Geschichte solidarisch tätig werde, versus der des Integralisten, der geleitet von anderen Prioritäten „mit allen Mitteln […] zuerst die politische und soziale Machtstellung der Kirche an[strebe], um dann von dieser errungenen Festung und Kanzel aus die Bergpredigt und Golgotha zu verkünden.“
In diesem für integralistische Ideen nicht mehr günstigen KlimaVergleiche auch wurden dieselben in einzelnen Bewegungen und Gruppen weitergepflegt. Hans Urs von Balthasar nennt als Beispiele die französische Gruppe La Cité Catholique mit der eigenen Zeitschrift Verbe und die bereits ältere Bewegung Opus Dei als „stärkste integralistische Machtballung in der Kirche“, die laut Gabriela Arguedas-Ramírez den Integralismus ähnlich in die Gegenwart transportierte wie TFP in Brasilien. Christopher van der Krogt trägt außerdem exemplarisch vier um diese Zeit entstandene Gruppen zusammen, die alle jeweils eigene Wege fanden, mit der kirchlichen Innovation umzugehen: die Piusbruderschaft, für die die Päpste seit Johannes XXIII. die Gläubigen fehlgeleitet haben, die Congregation of Mary Immaculate Queen, die als Sedisvakantisten davon ausgehen, seit dem „häretischen“ Johannes XXIII gebe es gar keinen ordentlichen Papst mehr, sowie die Palmarianisch-katholische Kirche, die von einem Gegenpapst geleitet wird. Van der Krogt nennt außerdem Catholics United for the Faith, die sich zwar primär gegen Verhütung und für eine Beibehaltung der traditionellen Geschlechterrollen einsetzten, für ihn aber ein Beispiel für eine kompromisslos innovationsfeindliche romtreue Linie darstellen.
Neo-Integralismus
Der Neo-Integralismus ist eine intellektuelle Bewegung und Strömung innerhalb des US-amerikanischen Postliberalismus, derIm Unterschied zum britischen Postliberalismus. Vergleiche zum Beispiele wiederum als katholischer Flügel der US-amerikanischen Neuen Rechten eingeordnet wird.Auch Vergleiche noch
Integralistische Gedanken kursierten bereits ab den 1980ern wieder in Form des sogenannten „integralistischen Einwands“ unter US-amerikanischen rechtschristlichen Intellektuellen, zu dieser Zeit aber noch individualistisch gedacht und unter evangelikalen Religionsphilosophen: Beginnend mit Alvin Plantingas Advice to Christian Philosophers gingen diese davon aus, dass es für manche Christen unmöglich sei, sich auch in Bereichen wie der Politik oder der Wissenschaft von anderen Maßstäben als den christlichen leiten zu lassen.Vergleiche
Als eigentliches Gründungsmoment betrachtet die Theologin Michaela Quast-Neulinger eine 2012 unter dem Titel „The Idea of Christendom“ veranstaltete wissenschaftliche Tagung an der Katholischen Hochschule ITI im österreichischen Trumau, bei der mehrere Denker zusammenkamen, die später als Hauptvertreter dieser Bewegung gelten sollten.Vergleiche auch Ebenso Unter diesen war der an dieser Hochschule und der Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. lehrende österreichisch-amerikanische Zisterzienser-Pater Edmund Waldstein, der sich zunächst um 2013 über soziale Medien mit Gleichgesinnten vernetzte und dann im folgenden Jahr die Website The Josias startete, die sich zum Zentralorgan des dominanten Flügels der Bewegung entwickelte.
Besonders verbreitet ist der Neo-Integralismus unter US-amerikanischen Katholiken, die – so beobachtete Julian Waller um 2024 – zunehmend „Neo-Integralismus“ als Wechselbegriff für konservativen politischen Katholizismus verwenden.
Von mehreren Neo-Integralisten wird der Neo-Integralismus auch schlicht als „Integralismus“ bezeichnet; ebenfalls gebräuchlich ist unter anderem der Begriff „Integrismus“.
Neo-integralistische Denker und Medien
Der Politikwissenschaftler Julian Waller untergliedert die zentralen Autoren in drei Teilgruppen; Kevin Vallier bezeichnet die erste als die der „Theoretiker“ und die zweite als die der „Strategen“, die konkret einen Umbau des Staatswesens überdächten.