mini|400px|Die Galionsfigur des Feminismus in der Türkei Halide Edip Adıvar (2vR) setzte sich mit dem beginnenden Türkischen Befreiungskrieg vor allem durch Publikationen und Öffentliche Reden für die Beendigung der Besatzung ein.Originalbeschreibung: „Türkische Frauen bei einer Demonstration, aber nicht für Frauenrecht, sondern für die Unabhängigkeit und Freiheit ihres Vaterlandes. Aufnahme von einer politischen Demonstration des Jahres 1922, die sich gegen die Besatzungsmacht (Engländer und Franzosen) richtet. Die Frauen tragen das russische Kopftuch.“ Istanbul 1922 (heute Bundesarchiv Koblenz)
Der Artikel Frauenrechte in der Türkei befasst sich mit der politischen, sozialen, wirtschaftlichen und rechtlichen Stellung der Frauen in der Türkei. Im Vergleich zum Osmanischen Reich wurden die Rechte der weiblichen Bevölkerung seit der Gründung der Türkischen Republik im Jahr 1923 durch grundsätzliche Rechtsreformen im Sinne einer rechtlichen Gleichstellung von Männern und Frauen gestärkt. Wegen verbleibender rechtlicher Lücken bzw. der fehlenden Umsetzung der bestehenden Gesetze, existieren weiterhin Ungleichbehandlungen aufgrund des Geschlechts.
Frauenrechte im Osmanischen Reich Frauen waren im Osmanischen Reich, besonders ab dem 16. Jahrhundert, starken staatlichen Repressionen ausgesetzt. Die theokratische osmanische Herrschaft kontrollierte durch den Erlass detaillierter Verordnungen das tägliche Leben, etwa durch Kleidungsvorschriften, Regelungen über das Verhalten der Frau außerhalb des Hauses sowie in der Ehe.Şirvan Ekici: Die Stellung der Frau in der türkischen Gesellschaft unter besonderer Berücksichtigung der politischen Partizipation der Frau. Universität Wien 1998, Diplomarbeit Auch war der Zugang zu Bildung für Frauen sehr eingeschränkt. Ihnen stand lediglich die Grundschule bis zum 9. Lebensjahr offen.
Eine Ausnahme bildeten die Töchter aus reicheren Familien, denen die Erziehung durch Privatlehrer frei stand. Der Besuch einer höheren geistlichen Schule (Medrese) war nur den Jungen erlaubt. Besondere Rechte galten für Frauen aus der Familie des Sultans.Vgl. Chios#Geschichte.
Außerdem waren jegliche politische Funktionen ausschließlich Männern zugänglich.
Im Zuge der Tanzimat-Reformen im 19. Jahrhundert beschloss die Osmanische Regierung 1839 die Durchführung einiger wichtiger Veränderungen, wobei der Handlungsspielraum der Frauen in den Bereichen Bildung, Erbrecht und Eheleben erweitert wurde.
Der erste Intellektuelle, der sich im Osmanischen Reich für die Gleichstellung der Geschlechter einsetzte, war der Gelehrte Şemseddin Sami (alb. Sami Frashëri), der auch einer der führenden Aktivisten der albanischen Nationalbewegung war. In seinem 1872 entstandenen Roman Taaşşuk -ı Talat ve Fitnat, der zu den ersten dieser Gattung auf Türkisch zählt, beschäftigte sich Şemseddin Sami mit dem Thema arrangierter Ehen und der Rolle der Frau in einer männerdominierten Gesellschaft. 1879 veröffentlichte er sein Werk Kardinlar (Frauen), in dem er sich für eine Geschlechterreform einsetzte und so zum Verfechter der Frauenrechte wurde. In seiner herausgegebenen Enzyklopädie Kamus al-A'lam brachte Şemseddin Sâmi zahlreiche Beweise für den Beitrag von Frauen zur Weltgeschichte. Şemseddin Sâmi betrachtete Männer und Frauen als unterschiedlich, glaubte aber auch an die Gleichstellung der Geschlechter. Man könnte ihn als Vater des Feminismus in der türkisch-muslimischen Welt bezeichnen.
Anfang des 20. Jahrhunderts schlossen sich einige vom damaligen Sultan abgesetzte und ins Exil gedrängte osmanische Parlamentarier und deren Anhänger zusammen, so dass 1908 die Wiederherstellung der verfassungsrechtlichen Ordnung erzwungen wurde. Im Rahmen dieser zweiten Konstitutionellen Periode (Meşrutiyet) gab es unter dem Einfluss der Jungtürken Bestrebungen, Frauen mehr Rechte zuzusprechen. Unter anderem wurde das Mindestheiratsalter für Frauen auf 17 Jahre, für Männer auf 18 Jahre festgelegt; Frauen konnten im Ehevertrag festlegen, dass der Ehemann keine zweite Frau heiraten durfte; außerdem erlangten sie das Recht auf Scheidung.
Zudem kam es in der Spätphase des Osmanischen Reiches zu ersten Gründungen von Frauenvereinen und Herausgabe von Presseorganen mit feministischen Ansätzen.Emine Uçak Erdoğan: Zur Geschichte der türkischen Frauenbewegung. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, 40-41/2023, S. 41.
Republik Türkei In der Republik, die nach der Niederlage des Osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg und dem Türkischen Befreiungskrieg am 29. Oktober 1923 offiziell ausgerufen wurde, wurden die Frauenrechte einschneidend verändert.
Ebenfalls 1923 wurde eine erste feministische Partei gegründet, die Kadınlar Halk Fırkası mit der Vorsitzenden Nezihe Muhiddin. Als diese nicht zu Wahlen zugelassen wurde, setzte Muhiddin ihre Arbeit in der als Verein organisierten Türkischen Frauenunion (Türk Kadınlar Birliği) fort.Emine Uçak Erdoğan: Zur Geschichte der türkischen Frauenbewegung. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, 40-41/2023, S. 41.
Das neue Zivilgesetzbuch Mustafa Kemal Atatürk setzte Richtlinien fest, nach denen der neue Nationalstaat aufgebaut werden sollte. Ihm ging es dabei in erster Linie um zwei Ziele: die Errichtung eines unabhängigen starken Staates und die Modernisierung aller Lebensbereiche. Dieses zeigten sich primär durch Abschaffung des bis dahin geltenden Zivilgesetzbuches (Mecelle), welches sich weitgehend auf islamische theokratische Regelungen stützte (Schari’a). Dieses Gesetzbuch wurde am 4. Oktober 1926 durch das türkische Zivilgesetzbuch, das das Schweizerische Zivilgesetzbuch zum Vorbild hatte, ersetzt. Für die Frauen wurde dadurch nahezu jeder Bereich des täglichen Lebens und der sozialen und politischen Rahmenbedingungen beeinflusst.
So wurde beispielsweise die Vielehe verboten, die Zivilehe zur Norm erhoben, beiden Ehepartnern das Scheidungsrecht zuerkannt und die weiblichen Rechte den männlichen im Erbrecht, im Eigentumsrecht und im Vormundschaftsrecht angeglichen.Zühal Yeşilyurt Gündüz: Die Demokratisierung ist weiblich… Die türkische Frauenbewegung und ihr Beitrag zur Demokratisierung der Türkei. Der Andere Verlag, 2002. Außerdem wurden die höheren Schulen erstmals auch für Frauen geöffnet.
Allerdings wurde auch das Mindestheiratsalter der Frauen von 17 auf 14 Jahre heruntergesetzt und die Berufstätigkeit von Frauen nur mit Zustimmung ihrer Väter oder Ehemänner zugelassen. Im gesamten damaligen schweizerischen und türkischen Zivilrecht wurde der Mann als Oberhaupt der Familie definiert. Damit wurde ihm weitaus mehr Entscheidungsmacht als den weiblichen Familienmitgliedern zugesprochen. Eine vollkommene Rechtsgleichheit zwischen den Geschlechtern wurde dementsprechend mit dem neuen Zivilrecht nicht erreicht.
Symbolismus und Modernismus mini|Schülerinnen bei der Diplomfeier der Çamlıca Girls’ High School im Jahr 1954 Atatürk beabsichtigte mit der Ausweitung der Frauenrechte nach Gündüz, Ekici sich in erster Linie nach außen hin modern und fortschrittlich zu zeigen. Ein weiterer Grund für Atatürks Betonung der weiblichen Rechte, besonders des Rechts auf Bildung, bestand darin, dass er für eine erfolgreiche, langfristige Modernisierung des Landes eine fortschrittliche Erziehung der Kinder als unverzichtbar bewertete. Frauen sollten vermehrt Bildung genießen dürfen, weil die Einstellung und Kompetenzen der späteren türkischen Bürger seiner Meinung nach großenteils von der erzieherischen Qualifikation der Mütter und Lehrerinnen abhing.
“On the Place and Duty of the Turkish Woman: With our people in the past, woman won a high measure of importance. As history will testify readily, our great ancestors and their mothers exhibited really great virtues. Of these virtues which we can enumerate here in many respects, the greatest and the most important was the fact of their rearing worthy children. Indeed the Turkish people’s achievement of great power and brilliant deeds all over the world, not only in Asia but in Europe too. This was owing to the fact that such a worthy ancestors as theirs reared virtuous children all the time and implanted in their minds unfailingly principles of valour and virtue. Here I want to state that our women, apart from their share of the general duties, are obliged to fulfil a task most important, most beneficent most virtuous to their kind: the task of being a good mother…For mothers of today it is a must to be equipped with all the good qualities needed in order to bring up knowledgeable children so as to make them active participants in today’s life. That is why our women have to be well informed, experienced, and learned, even more than our men. They have to be so if they really want to be the mothers of the country.” (Atatürk zit. n.Emel Doğramacı: Women in Turkey and New Millennium. Atatürk Research Center, Ankara, 2000, S. 188ff)
Atatürks Fokus lag demzufolge auf der Bildung nationalistisch geprägter, fortschrittsgläubiger Mütter und Erzieherinnen zum Zwecke der langfristigen Modernisierung des Staates. Außerdem sollte durch die Erweiterung und Betonung bestimmter Frauenrechte das Bild einer modernen, laizistischen und liberalen Republik verstärkt werden.
Politische Partizipation von Frauen mini|Karikatur 1930: Eine Frau aus Quebec erfährt, dass türkischen Frauen Wahlrecht eingeräumt wird mini|Die 18 ersten Frauen, die im Februar 1935 in die Große Nationalversammlung der Türkei gewählt wurden Als wichtiger Schritt in Richtung einer realen Gleichstellung der Geschlechter gilt die Einführung des aktiven und passiven Frauenwahlrechts in den Jahren 1930 für Kommunalvertretungen und 1934 allgemein.Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, Seite 437
Die Zahl der seit 1935 tatsächlich ins türkische Parlament gewählten weiblichen Abgeordneten bleibt jedoch bis heute eher gering. Das höchste Maß an Repräsentation in der Türkischen Großen Nationalversammlung wurde lange Zeit ganz zu Beginn, im Jahr 1935 mit 18 Sitzen erreicht, das entspricht 4,6 %. Nach Finnland (6 %) war die Türkei damit an 2. Stelle in der Welt. Momentan liegt diese Quote bei 20,1 %.
Wahljahre Anzahl der Frauen Abgeordnete Frauen in Prozent1935 18 395 4,6 %1943 16 435 3,7 %1950 3 487 0,6 %1965 8 450 1,8 %1973 6 450 1,3 %1983 12 400 3,0 %1991 8 450 1,8 %1999 22 550 4,0 %2002 24 550 4,4 %2007 49 550 8,9 %2011„Women deputies constitute 14.3 pct of Turkish parliament“ World Bulletin. Abgerufen am 27. September 2012. 79 550 14,3 %Juni 20159755017,6 %Nov. 20158255014,9 %201810560017,5 %202312160020,1 % (Quelle: Gündüz 2002:89) (Stand 2007)
Die Tabelle verdeutlicht die relativ geringe Repräsentation der Frauen im parlamentarischen Entscheidungsgremium. Die Sozialwissenschaftlerin Zühal Yeşilyurt Gündüz nennt in ihrem Werk Die Demokratisierung ist weiblich. Die türkische Frauenbewegung und ihr Beitrag zur Demokratisierung der Türkei folgende Gründe für die geringe politische Präsenz von Frauen in der Großen Nationalversammlung:
„Die klientelistische Struktur der Politik in der Türkei neige ihrer Meinung nach zur Bildung von Männerbündnissen, die den Informationsfluss kontrollieren und Frauen den Zugang zu hohen politischen Ämtern erschweren. Außerdem sind die Konsequenzen des Jahre langen Ausschlusses von Frauen auf allen Ebenen der offiziellen Politik, gestützt auf die Begründung, dass die weibliche Natur zu hoher politischen Arbeit nicht geeignet sei, noch immer stark spürbar, was sich einerseits auf das Wahlverhalten der Türkinnen und Türken andererseits aber auch auf den Willen zur politischen Partizipation der Frauen selbst auswirke. Diese arbeiten oft (auch auf Grund des erlebten Ausschlusses) lieber auf der Ebene nicht-staatlicher, kleinerer politischer Organisationen.“