Kinder- und Jugendliteratur ist Literatur, die an junge Menschen vom ersten Vor-Lesealter bis zur Adoleszenz gerichtet ist. Sie umfasst sowohl fiktionale Literatur (Belletristik) als auch Sachliteratur, darunter Druckerzeugnisse und elektronische Texte ebenso wie Hörbücher.

Unterscheidungskriterien Der Begriff Kinder und Jugendliteratur ist nicht eindeutig festgelegt. Unterschieden wird zwischen intentionaler KJL (Gesamtheit der für Kinder und Jugendliche als geeignet empfundenen Literatur), spezifischer KJL (Gesamtheit der für Kinder und Jugendliche geschriebenen fiktionalen und nichtfiktionalen Texte), Kinder- und Jugendlektüre (Gesamtheit der von Kindern und Jugendlichen rezipierten fiktionalen und nichtfiktionalen Texte) sowie KJL als Teilsystem des gesellschaftlichen Handlungs- bzw. Sozialsystems „Literatur“ („Subsystem KJL“).Carsten Gansel: Moderne Kinder- und Jugendliteratur. Vorschläge für einen kompetenzorientierten Unterricht. Cornelsen Scriptor, Berlin 2010, ISBN 978-3-589-22927-7, S. 13.

Literarische Werke für minderjährige Leser (spezifische KJL) werden oft für ein bestimmtes Lesealter verfasst. Einige „Klassiker“, wie Sagen oder Romane aus früheren Jahrhunderten, erscheinen auch in extra für Kinder und Jugendliche bearbeiteten Neufassungen bzw. Nacherzählungen. Kinderbücher werden außerdem meist durch Illustrationen ergänzt, wobei der Bildanteil den Wortanteil umso mehr übertreffen kann, je jünger die anvisierte Zielgruppe ist.

Literaturen für verschiedene Altersgruppen Die Übergänge zwischen Kinder-, Jugend- und Erwachsenenliteratur sind fließend, unterliegen dem historischen Wandel und können somit nur lose definiert werden.Boundary Issues Genauso kann sich die Lesergruppe von Werken im Laufe der Zeit ändern. So haben einige ursprünglich für Erwachsene verfasste Werke heute einen Rang in der Jugendliteratur erlangt. In anderen Fällen ist genauso der umgekehrte Prozess zu beobachten. Beispielsweise bei den Harry-Potter-Romanen oder dem Roman Krokodil im Nacken von Klaus Kordon, der 2003 den Preis der Jugendjury des Deutschen Jugendliteraturpreises erhielt (vgl. Zellerhoff, 2012, 34–48).

Deutschland Im Gegensatz bei den verpflichtenden Altersfreigaben in der Filmwelt (FSK), gelten auf dem Buchmarkt, abgesehen von den grundlegenden gesetzlichen Vorschriften zum Jugendschutz, lediglich freiwillige Empfehlungen einiger Verlage bezüglich geeigneter Altersgrenzen. Für Kinderbücher wird darüber hinaus häufig zwischen unterschiedlichen Anforderungsniveaus der Leseschwierigkeit unterschieden.

Literarisch und thematisch anspruchsvolle Jugendbücher werden im deutschen Sprachraum gerne mit der Zielgruppe Junge Erwachsene gekennzeichnet und sprechen oft eine größere Altersbreite auch oberhalb von 18 Jahren an.

Englischsprachiger Raum Im englischsprachigen Raum ist die Differenzierung der fiktionalen Literatur nach Altersgruppen eher strikter als in den deutschsprachigen Ländern. Als „Middle Grade Fiction“ (fiktionale Literatur für Kinder der mittleren Klassenstufen) bezeichnet man dort Literatur der Zielgruppe Zehn- bis Zwölfjährige.

Bilderbuch mini|Kind liest ein interaktives Bilderbuch. mini|Bilderbuchillustratoren: Kim Dong-sung, Jon Klassen und Alessandro Sanna beim Kinder- und Jugendprogramm des Internationalen Literaturfestivals Berlin

Bilderbücher sind mehrheitlich an Kinder im Vorschulalter adressiert, die noch nicht lesen können. Da das Schreiben und Illustrieren von Bilderbüchern an die Gestalter sehr verschiedenartige Anforderungen stellt, arbeiten Autoren und Illustratoren oft im Team. Andere Bilderbuchautoren beherrschen das Schreiben und Illustrieren jedoch gleichermaßen. Während die Mehrzahl der Bilderbücher großformatig ist und kaum mehr als 48 Seiten umfasst, können Bilderbücher – wie zum Beispiel Die Entdeckung des Hugo Cabret von Brian Selznick – in Einzelfällen auch weitaus umfangreicher und für ein älteres Lesepublikum bestimmt sein. Zu den Sonderformen des Bilderbuchs zählen das Fühlbuch, das Lift-the-Flap-Buch und das Aufklapp-Bilderbuch. Erstlesebücher für Kinder von sechs bis neun Jahren sind ebenfalls illustriert, enthalten jedoch mehr Text als Bilderbücher und umfassen im deutschsprachigen Raum 64 bis 96 Seiten. In den englischsprachigen Ländern existiert für dieselbe Zielgruppe eine sehr umfangreiche, nach Schwierigkeitsgraden gestaffelte Literatur aus broschierten Bändchen, deren Umfang nur jeweils 24 bis 48 Seiten beträgt. In allen Fällen sind die Geschichten sehr knapp gehalten und werden in kurzen Sätzen erzählt, um das Lesen zu erleichtern.

Kinderbuch

Kinderbücher richten sich an Kinder vom Erstlesealter bis etwa elf Jahren; es handelt sich oft um belletristische Bücher, Sachbücher oder Mischformen, die ungeübtes Lesen fördern und Kinder in die Welt des Lesens einführen.

Auch Kinderbücher sind oft illustriert; die Illustration tritt gegenüber dem Text, verglichen mit dem Bilderbuch, in den Hintergrund.

Interaktive Bücher siehe Tiptoi-Bücher

Jugendliteratur Definition Unter Jugendliteratur versteht man fiktionale Literatur, die für Jugendliche – also für junge Menschen zwischen etwa 12 und 18 Jahren – geschrieben, veröffentlicht oder vermarktet wird.

Begriffsgeschichte Eine Unterscheidung von Literatur für Kinder und für Jugendliche findet sich erstmals bei der britischen Autorin Sarah Trimmer, die im Jahre 1802 erstmals von Jugendbüchern (Books for Young Persons) sprach und damit die 14- bis 21-Jährigen meinte. Trimmers englische Wortschöpfung geriet jedoch schon um die Wende zum 20. Jahrhundert wieder aus der Mode. Unter dem Einfluss der Young Adult Library Services Association hat sich im englischen Sprachraum seit den 1960er Jahren der modernere Ausdruck Young Adult Fiction durchgesetzt. Im Deutschen hat die Ausbreitung des Wortes Jugendliteratur im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts begonnen.

Im weiteren Sinne wird, besonders bei älteren Literaturwissenschaftlern, unter Jugendliteratur gelegentlich auch das gesamte Gebiet der Kinder- und Jugendliteratur verstanden.Zum Beispiel Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur (= Kröners Taschenausgabe. Band 231). 6., verbesserte und erweiterte Auflage. Kröner, Stuttgart 1979, ISBN 3-520-23106-9.

Charakteristik Charakteristisch für literarische Texte, die als Jugendliteratur eingestuft werden, ist eine im Mittelpunkt der Erzählhandlung stehende jugendliche Hauptfigur, die im Laufe der Handlung Erfahrungen von Heranwachsen macht und die sich den jugendlichen Lesern (sei es als Ich-, sei es als personaler Erzähler) so mitteilt, dass diese sich leicht in sie einfühlen und mit ihr identifizieren können.

Davon abgesehen deckt Jugendprosa jedoch das gesamte Spektrum der literarischen Genres ab. Die Handlungsrahmen dieser Literatur können so vielfältig ausfallen, wie die Fantasie und Begabung der Autoren es erlaubt. Im Mittelpunkt von Jugendromanen und -erzählungen stehen sehr oft die Herausforderungen und Probleme der Jugend, sodass Jugendliteratur gelegentlich pauschal als Problemliteratur oder Coming of Age- (Heranwachsenden-) Literatur bezeichnet wird. Jugendromane sind oft kurz und umfassen manchmal nur 16.000 Worte.Nancy Lamb: Crafting Stories for Children. Writer’s Digest Books, Cincinnati 2001, ISBN 1-58297-238-9, S. 24. Von diesen Eigenheiten abgesehen, besitzt Jugendliteratur freilich dieselben grundlegenden Elemente wie jede Literatur: Figuren, Handlung, Handlungsrahmen, Thema und Stil. Die stilistische Bandbreite ist erheblich und reicht von einer zügig-nüchternen Erzählweise bis hin zu schwelgerischem Wortreichtum.

Jugendliteratur vor 1950 Werke, die den eingangs genannten Definitionskriterien (jugendlicher Protagonist, Thematisierung von Konflikten aus dem Erfahrungsbereich jugendlicher Leser) genügen, existierten bereits seit dem 19. Jahrhundert. Beispiele: Abenteuer- und Reiseromane: Johann David Wyss: Der Schweizerische Robinson, 1812 männliche Entwicklungsromane: Mark Twain: Die Abenteuer des Huckleberry Finn, 1884 Rudyard Kipling: Kim, 1901 Rainer Maria Rilke: Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke, 1904 Robert Musil: Die Verwirrungen des Zöglings Törleß, 1906 Alain-Fournier: Der große Meaulnes, 1913 Marjorie Kinnan Rawlings: Frühling des Lebens, 1938 weibliche Entwicklungsromane: Louisa May Alcott: Little Women, 1868/1869

Geschichte Anfänge Bis ins 18. Jahrhundert war Kinderliteratur im eigentlichen Sinn nicht vorgesehen. Die Kindheit galt als Übergangsphase, Kinder wurden als „kleine Erwachsene“ betrachtet. Noch dazu waren noch weit in die Neuzeit hinein die meisten Menschen Analphabeten, für Lektüre eigens für Kinder und Jugendliche bestand somit keine Nachfrage. In Europa diente die erste Literatur, mit der Kinder in der Regel nur an Klosterschulen in Berührung kamen, vor allem der religiösen Unterweisung und erst mittelbar auch der Alphabetisierung.

Auch die Erfindung des Buchdrucks Mitte des 15. Jahrhunderts erleichterte Kindern und Jugendlichen den Zugang zur Literatur zunächst nur in begrenztem Maße. Er beschränkte sich zumeist auf speziell für Kinder gefertigte Lernhilfen wie etwa Hornbücher. Wichtigste Lektüren blieben, besonders im protestantischen Bereich, Bibel, Gesangbuch und Martin Luthers Kleiner Katechismus.

Zu allen Zeiten Kindern zugänglich waren Märchen, die seit dem 16. Jahrhundert, besonders aber im 19. Jahrhundert gesammelt und auch für Kinder bearbeitet wurden – unter anderem von Giovanni Francesco Straparola, Charles Perrault, Gabrielle-Suzanne de Villeneuve, den Brüdern Grimm und Božena Němcová.

mini|Orbis Sensualium Pictus (1658)

Ab den 1580er Jahren erschienen zahlreiche günstige, oft minderwertige Bücher, die von Hausierern vertrieben und später auch Volksbücher genannt wurden. Ein erstes bedeutendes Werk für Kinder und Jugendliche war der 1658 von dem Tschechen Johann Amos Comenius veröffentlichte Orbis sensualium pictus. Wie der Untertitel verrät, sollte die ganze Welt der Dinge und des Lebens gemalt und benannt werden. Der Orbis pictus wurde bis ins 19. Jahrhundert Vorbild für ähnliche Werke, die Kinder mit der realen Welt vertraut machen wollten.

In den 1750er Jahren kamen nur wenige Seiten umfassende Hefte unterschiedlichen Inhalts aus Pappe auf den Markt, die oft Gebete sowie ein mit Holzschnitten illustriertes ABC enthielten. Das ABC-Buch war erfunden. Diese Buchform war bis Mitte des 19. Jahrhunderts populär. Bekannt wurde der vom englischen Buchverkäufer und Autor anti-katholischer Verse Benjamin Harris verfasste New England Primer, der zum am weitesten verbreiteten Schulbuch Nordamerikas wurde.

Der Enzyklopädismus des 18. Jahrhunderts schlug sich auch in der Kinderliteratur nieder, etwa in dem 1774 veröffentlichten Elementarwerk des Pädagogen Johann Bernhard Basedow. Mit Jean-Jacques Rousseau und seiner Schrift Emil oder Über die Erziehung (1762) beginnt ein Wandel in der Betrachtung von Jugendliteratur anzusetzen. Es setzt sich allmählich die Erkenntnis durch, dass Kinder ihre eigene Art haben, „zu sehen, zu denken und zu fühlen“. Ab dem Zeitalter der Aufklärung beschäftigte man sich zunehmend intensiver mit Kindererziehung und Bücher bekommen dabei einen neuen Stellenwert: Es wird die moderne Kinder- und Jugendliteratur erfunden. Zu den bekannstesten Werken der Zeit gehört Robinson der Jüngere (1779) von Joachim Heinrich Campe, bei dem es sich um eine Bearbeitung von Daniel Defoes Robinson Crusoe handelt. Campe wollte Kindern den Zugang zu dem Werk erleichtern.

Moralistische Werke mini|James Janeway, A Token for Children, postume Ausgabe von 1676.

Im 17. und 18. Jahrhundert veröffentlichten Puritaner in England und Amerika Kinderbücher, die von protestantischer Ethik geprägt waren. Da die Kindersterblichkeit damals sehr hoch war – nur jeder zweite Mensch erreichte das Erwachsenenalter –, lag der erzieherische Sinn der moralistischen Kinderliteratur vor allem in der Vorbereitung der Kinder auf ihren Tod und der Vermeidung der „Höllenverdammnis“.