mini|Steinskulptur von Erzbischof Stephan Langton an der Außenseite der Kathedrale von Canterbury
Stephen (auch Stephan) Langton (* um 1150 vermutlich in Langton bei Wragby, England; † 9. Juli 1228 in Slindon, Sussex) war ein englischer Theologe (Doctor nominatissimus), römisch-katholischer Kardinal und von 1207 bis 1228 Erzbischof von Canterbury. Seine Wahl zum Erzbischof führte zu einem mehrjährigen Konflikt zwischen dem englischen König und dem Papst, und als Erzbischof hatte Langton eine erhebliche Mitwirkung an der Entstehung der Magna Carta. Neben dieser politischen Bedeutung gilt Langton jedoch auch als einer der bedeutendsten Theologen des Mittelalters.
Herkunft, Jugend und Tätigkeit als Hochschullehrer
Jugend und Studium Stephen Langton war einer von drei Söhnen, vielleicht der älteste, des kleinen Landadligen Henry Langton aus Langton-by-Wragby in Lincolnshire. Über die Jugend und die Ausbildung von Stephen Langton gibt es keine Belege, seine erste gesicherte Erwähnung erfolgt erst 1206, als er zum Kardinal ernannt wurde. Wahrscheinlich besuchte Langton eine Schule in Lincoln, wo es im 12. Jahrhundert schon eine Kathedralschule gab und das keine 20 km von seinem Geburtsort entfernt liegt. Als 15-Jähriger ging er nach Paris, wo er die Sieben Freien Künste und anschließend Theologie studierte. Eine derartige Ausbildung dauerte etwa 15 Jahre, danach unterrichtete er ab den 1180er Jahren als Magister Theologie in Paris. Die Universität von Paris entstand erst um 1200, doch bereits um 1165 gab es schätzungsweise 3000 Studenten in Paris, die damit etwa ein Zehntel der damaligen Bevölkerung ausmachten. Langtons Lehrer in den Sieben Künsten sind unbekannt, der damals bedeutendste Theologielehrer in Paris war Peter Cantor. Ob Langton jemals ein formaler Schüler von Peter Cantor war, ist umstritten, doch zweifellos beeinflusste ihn dieser in der Wahl der theologischen Fragen und in der Auslegung der Bibel. Sein Bruder Simon Langton folgte ihm nach Paris. Langton wurde zunächst von seiner Familie unterstützt, bis er für seinen Lebensunterhalt kirchliche Pfründen in York und später an Notre Dame in Paris erhielt. Zwischen 1191 und 1205 lebte er zeitweise in York, wo er als Master Stephen Langton als Zeuge in Urkunden von Erzbischof Geoffrey genannt wird. Noch als alter Mann erinnerte er sich 1226 an seine gute Zeit in York. Seine Pfründe in Paris hat er wahrscheinlich vom französischen König Philipp II. erhalten und seine Yorker Pfründe von Erzbischof Geoffrey. Damit kam Langton schon früh in Verbündung zu zwei Männern, die später erbitterte Gegner des englischen Königs Johann Ohneland waren, auch wenn Geoffrey dessen Halbbruder war.
mini|Darstellung Langtons in der Kirche von Langton-by-Wragby
Beginnende Tätigkeit als Hochschullehrer Wie Peter Cantor umgab sich auch Langton später als Lehrer mit fähigen Schülern. Von diesen machten mindestens zwei, wenn nicht sogar sechs, bemerkenswerte Karrieren, darunter der spätere Bischof von Chichester Richard Poore, Thomas of Marlborough, der von 1229 bis 1236 Abt von Evesham Abbey war, Henry of Sandford, der spätere Bischof von Rochester, Alexander Stavensby, der spätere Bischof von Coventry und Lichfield, Anders Sunesen, der spätere Erzbischof von Lund und auch Bernardo II., der spätere Erzbischof von Santiago, der eine große Sammlung von Langtons Schriften besaß. Langton verfasste meist theologische Schriften, sein Schwerpunkt bildete dabei die biblische Exegese des Neuen und, mit Ausnahme der Psalmen, des Alten Testaments. Vermutlich begann er, seine Schriften als Vorlesungen für seine Lehrtätigkeit zu verfassen. Da von ihm jedoch kaum eigene Schriften erhalten sind, sondern nur Bearbeitungen und Kopien seiner Schüler oder Aufzeichnungen seiner Predigten, ist das Ausmaß seiner Tätigkeit schwer einzuschätzen. Als er zwischen 1207 und 1213 und von 1216 bis 1218 seine Ämter nicht ausüben konnte, überarbeitete er vermutlich seine Schriften. Langton baute seine Schriften nach Cantors Vorbild dreistufig auf. Zuerst erörterte er eine theologische Frage, dann folgte der Kommentar einer Bibelstelle und schließlich eine Predigt. Dabei griff er auf ältere Arbeiten aus der Glossa ordinaria und auf neuere Autoren wie Andreas von St. Viktor und Petrus Lombardus zurück. Langton hob in seinem Werk vor allem die geistliche Bedeutung der Texte hervor.
Kapiteleinteilung der Bibel Stephan Langton wurde früh die Einteilung der Bücher der Bibel in nummerierte Kapitel zugeschrieben, wie sie sich erstmals in der sogenannten Pariser Bibel findet.Otto Schmid: Über verschiedene Eintheilungen der Heiligen Schrift: insbesondere über die Capitel-Einteilung Stephan Langtons im XIII. Jahrhunderte. Graz 1892, S. 56–106.Frans A. van Liere: An Introduction to the Medieval Bible. Cambridge University Press, Cambridge 2014, ISBN 978-1-107-72898-1, hier S. 43. Eine Liste der Kapitelanfänge, mit der ausdrücklichen Zuschreibung an den „Erzbischof von Canterbury“, findet sich in der Handschrift Ms. lat. 14417 der Pariser Nationalbibliothek, einer Sammelhandschrift aus dem 13. Jahrhundert,Digitalisat von fol. 125r von Ms lat. 14417 auf der Homepage der Bibliothèque Nationale de France, mit Überschrift und Beginn der Liste (von bis ). vor den Glossen Stephan Langtons zur Historia Scholastica von Petrus Comestor.Otto Schmid: Über verschiedene Eintheilungen der Heiligen Schrift: insbesondere über die Capitel-Einteilung Stephan Langtons im XIII. Jahrhunderte. Graz 1892, S. 58–92.
Diese Einteilung verbreitete sich im Spätmittelalter in ganz Lateineuropa und ist heute allgemein (auch in volkssprachlichen Bibelübersetzungen) üblich. Die einheitliche Unterteilung in Verse ist, jedenfalls im Alten Testament, schon wesentlich älter, sie wurde bereits von den Masoreten durch einen speziellen Akzent (Sof Pasuk) schriftlich fixiert. Die Nummerierung der Verse hingegen setzte sich erst im Laufe des 16. Jahrhunderts durch; sie war vor allem für den Vergleich verschiedensprachiger Bibelausgaben hilfreich. Der heutige Zitationsstandard – z. B. – verbindet also die lateinische Kapitelzählung Langtons mit der traditionellen hebräischen Verseinteilung. Die Verseinteilung im Neuen Testament geht dagegen erst auf Robert Estienne 1551 zurück.
Erklärung der hebräischen Namen Langtons Anteil an der Erstellung der Interpretationes nominum Hebraicorum, eines Handbuchs, das die in der Bibel genannten hebräischen Namen erklärte, ist dagegen umstritten. Nach einigen Schriften wird es ihm zugeschrieben, andere dagegen datieren es bis ins achte Jahrhundert zurück, so dass Langton es vielleicht nur überarbeitete und weiter verbreitete. Daneben verfasste er einen Kommentar zum damals geläufigsten Lehrbuch der Kirchengeschichte, der Historia Scholastica von Petrus Comestor. Innerhalb von Langtons Kommentaren sind Abschnitte, in denen er einen Quaestio erklärt. Diese sammelte er teilweise in einzelne, miteinander verwandte Gruppen. Dazu sind über 600 Predigten von ihm überliefert, von denen der Großteil aus seiner Zeit in Paris stammt und die meist an ein geistliches Publikum gerichtet waren. Auch wenn seine Texte und Predigten alle auf Latein verfasst sind, hielt er seine Laienpredigten in der mundartlichen Volkssprache. In seinen eigenen Predigten wurde er vielleicht von dem charismatischen Prediger Fulko von Neuilly beeinflusst, der in den 1190er Jahren wirkte. Häufig bezog er sich auch auf jüdische Interpretationen, wobei umstritten ist, inwieweit er hebräisch verstand. Er sprach jedenfalls gelegentlich mit Juden, ohne sich mit ihnen auf kontroverse Disputationen einzulassen.
Würdigung Langtons Werk zeichnet sich allgemein durch Selbstbewusstsein und Lebhaftigkeit aus. Sein Selbstbewusstsein erwarb er durch seine gründliche Denkweise und seine weitreichenden Kenntnisse der früheren Literatur, von denen er auch die Schriften der Kirchenväter Hieronymus, Augustinus und Gregor kannte. Seine Lebhaftigkeit zeigen seine vielen bildlichen Darstellungen und Vergleiche, die er benutzte. Dabei bezog er sich nicht nur auf biblische Gleichnisse, sondern bezog auch zeitgenössische Gegebenheiten, einschließlich des damaligen Lebens in der Schule, in seine Texte mit ein. Die biblische Exegese diente ihm als Vorbild für die mittelalterliche Gesellschaft, und er lehrte, dass Gott keine Könige gewollt hat, die sich nicht an das Recht hielten. Dies belegte er mit Beispielen aus dem Alten Testament. Dennoch lehrte er auch, dass es für den Einzelnen richtig sei, den Königen grundsätzlich zu gehorchen und es nur in Ausnahmefällen richtig sei, ihnen den Gehorsam zu verweigern.
Wahl zum Erzbischof von Canterbury 1206 endete Langtons bisheriges Leben als erfolgreicher Hochschullehrer abrupt. Als Papst Innozenz III. im Sommer 1205 vom Tod von Erzbischof Hubert Walter von Canterbury erfuhr, berief er schon bald danach Langton zu sich nach Rom und ernannte ihn zum Kardinalpriester von San Crisogono. Der Papst, der etwa gleichaltrig mit Langton war, kannte ihn schon lange, seitdem er vor 1187 in Paris studiert hatte. Wie Langton bewunderte er Thomas Becket, den als Märtyrer gestorbenen Erzbischof von Canterbury. Über die Wahl eines neuen Erzbischofs von Canterbury kam es zum Streit zwischen König Johann Ohneland und den Mönchen des Kathedralkapitels von Canterbury. Die beiden Parteien konnten sich nicht auf einen Kandidaten einigen, und Langton konnte beobachten, wie die Mönche von Canterbury, die englischen Bischöfe und der König ihre Gesandten nach Rom sandten, um ihre Sicht des Konflikts darzustellen. Der Papst kannte die Unzufriedenheit der Mönche über die beiden vorigen Erzbischöfe Balduin von Exeter und Hubert Walter, die Vertraute der englischen Könige gewesen waren. Im Dezember 1206 lehnte er die Kandidaten der Mönche und des Königs ab und wies das Mitspracherecht der englischen Bischöfe zurück. Die Abgesandten der Mönche bedrängte er, Langton zum neuen Erzbischof zu wählen. Die Mönche waren darüber gespalten, da ihnen klar war, dass Langton, den der König nicht kannte und der lange Jahre in Paris beim mit ihm verfeindeten französischen König gelebt hatte, für Johann inakzeptabel war. Trotz dieser Bedenken wählten sie ihn schließlich Ende 1206 zum neuen Erzbischof von Canterbury.
Wie seine Vorgänger erwartete König Johann dagegen, die Wahl des Erzbischofs und Primas der englischen Kirche beeinflussen zu können, damit er treue Diener mit diesem Amt belohnen und sicherstellen konnte, dass dieses wichtige Amt von einem seiner Vertrauten ausgefüllt würde. Seine Einwände des Königs begegnete der Papst mit dem Lob auf Langtons Qualitäten, der nicht nur ein Doktor der freien Künste, sondern auch ein Lehrer der Theologie sei, und dass er für würdig befunden wurde, sowohl in Paris wie auch in York Pfründe zu haben. Vielleicht war dem Papst unbewusst, wie sehr er damit den König brüskierte, und er scheint geglaubt zu haben, dass der König, wie zuvor bei anderen umstrittenen Bischofswahlen, letztlich zustimmen würde. Nach dem Kirchenrecht war der Papst auch im Recht, da die Zustimmung des Königs für eine Bischofswahl nicht erforderlich war, wenn die Wahl in Gegenwart des Papstes stattgefunden hatte. Der König sah die Bischofswahl jedoch aus einer ganz anderen Sichtweise, was zum Bruch zwischen ihm und den Papst und zu einem über sechsjährigen Konflikt zwischen ihnen führte.