Die Nationalratswahl am 1. Oktober 2006 war die 23. in der Geschichte der Republik Österreich. Stimmenstärkste Partei wurde die SPÖ mit Alfred Gusenbauer, die leichte Stimmverluste gegenüber der letzten Nationalratswahl 2002 hinnehmen musste und in weiterer Folge nach den Koalitionsverhandlungen den Bundeskanzler stellte. Mit starken Verlusten belegte die ÖVP mit ihrem Spitzenkandidaten, dem vorherigen Bundeskanzler Wolfgang Schüssel, den zweiten Platz. SPÖ und ÖVP vereinbarten im Rahmen von Koalitionsverhandlungen nach der Wahl eine Große Koalition, die am 11. Jänner 2007 angelobt wurde.
Die Grünen mit Alexander Van der Bellen wurden mit dem sehr knappen Vorsprung von 532 Wählerstimmen (~ 0,011 %) auf die FPÖ mit Heinz-Christian Strache erstmals in der Geschichte drittstärkste Kraft bei einer Wahl und stellten dementsprechend den 3. Nationalratspräsidenten; an Mandaten lagen die beiden Parteien mit je 21 Mandaten gleichauf. Das BZÖ mit dem Spitzenkandidaten Peter Westenthaler erreichte 4,1 % und überwand damit die Vier-Prozent-Hürde.
Gesamtergebnis mini|350px|Stärkste Partei in den Regionalwahlkreisen nach dem vorläufigen Endergebnis (mit Wahlkarten) mini|350px|Stärkste Partei in den Gemeinden (für Wien Bezirke) nach dem vorläufigen Endergebnis (ohne Wahlkarten) Amtliches Endergebnis mit Wahlkarten:
Wahlberechtigte6.107.892abgegebene Stimmen4.793.780Wahlbeteiligung78,49 %ungültige Stimmen85.499gültige Stimmen4.708.281
Partei Stimmen Prozent(1) Sitze Sozialdemokratische Partei Österreichs (SPÖ)1.663.98635,34 %68(2)Österreichische Volkspartei (ÖVP)1.616.49334,33 %66Die Grünen – Die Grüne Alternative (GRÜNE)520.13011,04 %21Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ)519.59811,03 %21Liste Westenthaler – BZÖ (BZÖ) (3)193.5394,11 %7Liste Dr. Martin – (MATIN)131.6882,79 %0Kommunistische Partei Österreichs (KPÖ)47.5781,01 %0EU-Austritt – Neutrales Freies Österreich (NFÖ)10.5940,22 %0 Sozialistische LinksPartei, Liste gegen Kapitalismus und Rassismus (SLP)2.2570,04 %0Sicher - Absolut - Unabhängig, Franz Radinger (SAU)1.5140,03 %0 Initiative 2000 (IVE)5920,01 %0Liste Stark (STARK)3120,00 %0 (1) Nicht kaufmännisch gerundet, sondern strikt auf zwei Stellen abgerundet (2) Ein SPÖ-Mandat geht auf Grund eines Wahlbündnisses an das LIF. (3) In Kärnten: Die Freiheitlichen in Kärnten – Liste Jörg Haider – BZÖ.
Vergleich mit Nationalratswahl 2002 2006Veränderung 2002 → 20062002Anzahl Anzahl Anzahl Wahlberechtigte6.107.892+195.3005.912.592abgegebene Stimmen4.793.780−188.4814.982.261ungültige Stimmen85.499+12.88372.616gültige Stimmen4.708.281−201.3644.909.645 Basis Basis BasisgültigeStimmenWahlbe-rechtigtegültige StimmenWahlberechtigtegültigeStimmenWahlbe-rechtigte%-Punkterelativ%-PunkterelativSPÖ1.663.98635,34 %27,2 % −128.513 −1,17 −3,2 % −3,1 −10,1 %1.792.49936,51 %30,3 %ÖVP1.616.49334,33 %26,5 %−460.340−7,97−18,8 %−8,7−24,7 %2.076.83342,30 %35,1 %Nicht- &Ungültigwähler1.399.405 22,9 %+396.458 5,935,1 %1.002.947 17,0 %Grüne520.13011,05 %8,5 %+55.150+1,58+16,7 %+0,7+8,3 %464.9809,47 %7,9 %FPÖ519.59811,04 %8,5 %+28.270 +1,03 +10,3 % +0,2 +2,4 %491.32810,01 %8,3 %BZÖ193.5394,11 %3,2 %+193.5394,11 3,2 MATIN131.6882,80 %2,2 %+131.6882,80 2,2 KPÖ47.5781,01 %0,8 %+20.010+0,45+80,4 %+0,3+67,2 %27.5680,56 %0,5 %NFÖ10.5940,23 %0,2 %+10.5940,23 0,2 SLP2.2570,05 %0,0 %−1.649−0,03−37,5 %0,0−43,9 %3.9060,08 %0,1 %SAU1.5140,03 % +1.5140,03 0,0 IVE5920,01 % +5920,01 0,0 STARK3120,01 % +3120,01 0,0
Ergebnisse in den Bundesländern
Hier werden die Ergebnisse in den Bundesländern aufgelistet.Ergebnisse nach Bundesländern
Partei B K N O S St T V W SPÖ 45,0 35,4 36,2 36,1 28,5 37,2 23,2 18,5 41,0 ÖVP 36,1 21,2 39,2 35,2 39,2 37,5 43,8 42,0 21,8 GRÜNE 5,8 7,5 9,0 10,2 12,5 7,9 13,0 16,4 17,4 FPÖ 8,7 7,2 9,6 12,2 12,3 10,4 10,8 10,9 13,9 BZÖ 1,7 24,9 2,3 2,6 3,13 3,2 3,3 3,2 1,8 MATIN 2,0 1,9 3,0 2,8 3,15 1,91 4,1 7,7 2,2 KPÖ 0,5 0,9 0,8 0,8 0,8 1,89 0,7 0,55 1,2 NFÖ 0,3 0,6 1,0 0,64 0,4 SLP 0,3 SAU 0,5 IVE 0,3 STARK 0,1
Politisches Vorfeld der Wahl 2006 mini|Statue der Pallas Athene vor dem Parlamentsgebäude Nach der Nationalratswahl 1999 waren vier Parteien im österreichischen Nationalrat vertreten (SPÖ, FPÖ, ÖVP, Die Grünen). Erstmals in der Zweiten Republik (nach 1945) bildeten FPÖ und ÖVP eine Koalitionsregierung unter Führung Bundeskanzler Wolfgang Schüssels (ÖVP). Nach internen Streitigkeiten in der FPÖ (Knittelfelder FPÖ-Versammlung 2002) wurden im Jahr 2002 vorgezogene Wahlen abgehalten (Nationalratswahl 2002), die der ÖVP mit 42 % der Stimmen die relative Mehrheit und eine Fortsetzung der Koalition mit der auf 10 % zurückgefallenen FPÖ sicherten. Seit der Spaltung der FPÖ im Frühjahr 2005, als alle ihre Regierungsmitglieder und führende Vertreter wie Jörg Haider das Bündnis Zukunft Österreich (BZÖ) gründeten und die ÖVP die Koalition mit der neuen Partei an Stelle der FPÖ fortsetzte, bis zur Nationalratswahl 2013 waren fünf Parteien mit Abgeordneten im Nationalrat vertreten.
Für den 1. Oktober als Termin war ein vorzeitiger Auflösungsbeschluss des Nationalrats nötig, den die fünf Parlamentsparteien einstimmig am 14. Juli 2006 fassten. Ohne frühzeitige Auflösung hätte die Wahl regulär knapp zwei Monate später, am 26. November 2006, stattgefunden.
Erstmals in der zweiten Republik hatten nach Umfragen bis zu sechs Parteien reelle Chancen auf den Einzug in den Nationalrat. Neben den im Nationalrat bereits vertretenen Parteien zählte dazu die Liste Hans-Peter Martin (MATIN), die aber mit 2,8 % an der Vier-Prozent-Hürde scheiterte. Die Kommunistische Partei Österreichs (KPÖ) trat bundesweit an und konnte ihren Stimmenanteil zwar verdoppeln, erreichte aber dennoch nur knapp über 1 %. Das Liberale Forum (LIF), das seit der Wahl 1999 nicht mehr im Nationalrat vertreten ist, konnte durch ein Wahlbündnis mit der SPÖ wieder einen Mandatar, seinen Parteichef Alexander Zach, entsenden.
Wahlwerbende Parteien Österreichische Volkspartei mini|90px|links|ÖVP Wahlplakat mit Slogan "Österreich. Bleibt besser." Die Österreichische Volkspartei (ÖVP) trat mit Bundeskanzler Wolfgang Schüssel als Spitzenkandidat an. Er wurde von einem Personenkomitee unterstützt, dem unter anderem Claus Raidl (Generaldirektor von Böhler-Uddeholm, wirtschaftspolitischer Berater Schüssels), Veit Sorger (Präsident der Industriellenvereinigung), Heidi Senger-Weiss (Speditions-Unternehmerin aus Vorarlberg) und Helmut Pechlaner (Direktor des Tiergartens Schönbrunn) angehörten. Das Personenkomitee leitete Christian Gehrer, Sohn der Bundesministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur Elisabeth Gehrer.tirol.com: , 26. Juli 2006
Im Wahlkampf suchte die ÖVP mit Slogans wie „Sicher. Österreich.“, „Österreich. Hier geht’s uns gut.“ und „Österreich. Bleibt besser.“ eine positive Grundstimmung zu vermitteln und griff vor allem die SPÖ an, der mangelnde Wirtschaftskompetenz unterstellt wurde („Gusenbauer-SPÖ kann nicht wirtschaften!“), wobei auch immer wieder die „BAWAG-Affäre“ ins Spiel gebracht wurde.
Ebenso versuchte sie, eigene Erfolge herauszustreichen. So wurden in der ÖVP-BZÖ-Bundesregierung 50 % der Ministerposten mit Frauen besetzt, mit Susanne Riess-Passer (FPÖ) war von 2000 bis 2002 erstmals eine Frau Vizekanzlerin und auch für den Obersten Gerichtshof hat die Regierung erstmals eine Präsidentin bestellt, die ihr Amt am 1. Jänner 2007 antrat. Allerdings wurde diese von Justizministerin Karin Gastinger dem Bundespräsidenten vorgeschlagen. Im Bildungsbereich wurde auf den Umstand verwiesen, dass die Akademikerquote stark gestiegen sei und die Einführung der Studiengebühren eine Verkürzung der Studiendauer bewirkt habe.
Sozialdemokratische Partei Österreichs 90px|mini|SPÖ Wahlplakat mit Slogan "Neue Fairness braucht das Land." Die Sozialdemokratische Partei Österreichs (SPÖ) ging, wie bereits bei der vorangegangenen Wahl 2002, mit Alfred Gusenbauer als Spitzenkandidat in die Wahl.
Im Wahlkampf wurde von Seiten der SPÖ der Anstieg der Jugendarbeitslosigkeit und die Pensionsreform der Regierung Schüssel thematisiert („Schüssels traurige Bilanz: Pensionen immer weniger wert!“). Weitere Wahlkampfthemen waren unter anderem: Der von der ÖVP-FPÖ-Koalition beschlossene Kauf der Eurofighter, der im Falle einer Regierungsbeteiligung storniert werden soll. Die derzeitige Frauenpolitik der Regierung, insbesondere die Abschaffung eines eigenständigen Frauenministeriums in den Jahren 2000–2002. Im Bereich Bildung forderte die SPÖ weitgreifende Reformen und Budgeterweiterungen.Der Standard: SPÖ verlangt Modularisierung der Oberstufe an Schulen, 20. Oktober 2006 Im Falle einer Regierungsbeteiligung sollen die von der ÖVP-FPÖ-Koalition 2001 eingeführten Studiengebühren wieder abgeschafft werden. Steuersenkung für Arbeitnehmer, Anpassung der Pensionen an den Inflationsindex sowie Wegfall der Rezeptgebühr für Wenigverdiener.
Nachdem sie lange den ersten Platz innegehabt hatte, verlor die SPÖ in Meinungsumfragen ab März 2006 die Mehrheit zugunsten der ÖVP. Hauptgrund dafür dürfte die Affäre um die Bank für Arbeit und Wirtschaft (BAWAG) gewesen sein, die den Haupteigentümer, den von der Fraktion Sozialdemokratischer Gewerkschafter dominierten Österreichischen Gewerkschaftsbund, in Turbulenzen stürzte und zu innerparteilichen Streitigkeiten führte („BAWAG-Affäre“).
Am 3. September 2006 schlossen SPÖ und Liberales Forum ein Wahlbündnis. Erklärtes Ziel des Bündnisses war es, eine weitere von der ÖVP geführte Regierung zu verhindern.
Freiheitliche Partei Österreichs
Die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) trat mit Parteiobmann Heinz-Christian Strache als Spitzenkandidat zur Wahl an.
In den Medien wurde das von der FPÖ zu Beginn des Jahres 2006 initiierte Volksbegehren Österreich bleib frei als Auftakt des Wahlkampfes gewertetDie Presse: Strache konnte rote Wähler mobilisieren, 14. März 2006. Die FPÖ plakatierte Anfang August ein „Duell um Österreich“ zwischen Wolfgang Schüssel und Alfred Gusenbauer auf der einen und Strache auf der anderen Seite.
Von der FPÖ wurden vor allem die folgenden vier Punkte des Programms der Partei hervorgehoben: Kein Beitritt der Türkei zur EU und Ablehnung der „EU-Verfassung“ Keine Erhöhung des EU-Beitrages Österreichs Verschärfung des Staatsbürgerschaftsrechts „Zuwanderungsstopp“ und Bekämpfung von „Asylmissbrauch“FPÖ: Dafür stehen wir! Asylmissbrauch wirksam bekämpfen
Damit fokussierte das Programm auf altbekannte Themen, insbesondere Ausländer („Sozialstaat statt Zuwanderung“, „Daham statt Islam“, „Sichere Pensionen statt Asyl-Millionen“) und die EU („Heimat statt Schüssel und Brüssel“)FPÖ/Heinz-Christian Strache: Wahlplakate, das schon bei der Wahl in Wien 2005 erfolgreich propagiert wurde.
Die Grünen
Die Grünen – Die Grüne Alternative (Grüne) gingen mit Spitzenkandidat und Parteichef Alexander Van der Bellen in die Wahl.
Den Vorwahlkampf eröffneten die Grünen im Mai 2006 mit der Präsentation zweier Schwarzbücher. Das Schwarzbuch Schwarz beschäftigt sich kritisch mit der Regierungspolitik der ÖVP. Wenige Tage später wurde das Schwarzbuch Rot veröffentlicht, das der Oppositionsarbeit der SPÖ gewidmet ist. Die Grünen lasteten ÖVP und SPÖ „grobe Verstöße“ in Menschenrechtsfragen an. Kritisiert wurde insbesondere die Zustimmung der SPÖ zur Asyl- und Fremdenrechtsnovelle 2005, die viele Verschärfungen mit sich brachte.
Zentrale Themen waren: die so genannte „Energiewende“, d. h. der Ausstieg aus fossilen Energieträgern und die Förderung alternativer Energieträger Verbesserung der Situation der Frauen auf dem Arbeitsmarkt die bedarfsorientierte Grundsicherung, die als Armutsbekämpfungsinstrument dienen soll eine Bildungsreform mit einer Senkung der Klassenschülerzahlen, mehr Flexibilität und Geld für tertiäre Bildung sowie Investitionen in Entwicklung und Wissenschaft eine mit der Bildungsreform zusammenhängende Reduktion der Jugendarbeitslosigkeit ein Punktesystem im Bereich der Zuwanderung, um hochqualifizierten Einwanderungswilligen Vorrang zu geben