Kreativität ist die Fähigkeit, etwas zu erschaffen, was neu oder originell und dabei nützlich oder brauchbar ist.Michael Mumford (2003): Where have we been, where are we going? Taking stock in creativity research, in: Creativity Research Journal, 15, S. 107–120. Darüber hinaus gibt es verschiedene Ansätze, was Kreativität im Einzelnen auszeichnet und wie sie entsteht.

Das Wort Kreativität bezeichnet im allgemeinen Sprachgebrauch vor allem die Eigenschaft eines Menschen, schöpferisch oder gestalterisch tätig zu sein. Falsch ist jedoch die verbreitete Vorstellung, dass Kreativität nur mit Berufen oder Tätigkeiten aus den Bereichen der bildenden Kunst und der darstellenden Kunst verbunden sei (sogenannte art bias).

Es wird zwischen alltäglicher (small c) und außergewöhnlicher (Big C) Kreativität unterschieden. Außergewöhnliche Kreativität ist die herausragende (meist objektive) Kreativität wie auf der Ebene der Genies. Alltägliche Kreativität ist die (meist subjektive) Kreativität, die sich bei vielen Arbeiten beobachten lässt, wie das Umgestalten eines Gartens oder das Improvisieren beim Kochen. Dabei existieren viele Übergänge von alltäglicher und außergewöhnlicher Kreativität. Beide entwickeln sich in einem Zusammenspiel von Persönlichkeitscharakteristika und Umgebungsbedingungen.

Etymologie und Sprachgebrauch Das Verb kreieren entstand im 15. Jahrhundert ursprünglich mit der Bedeutung ‘ernennen, erwählen’ als eine Entlehnung aus dem Lateinischen von creāre ‘(er)schaffen, (er)zeugen, (er)wählen’. In dieser Bedeutung wurde es noch Mitte des 19. Jahrhunderts gebraucht, z. B. jemanden zum Notar oder Doktor kreieren. In seinen jüngeren Bedeutungen als ‘(er)schaffen, erfinden’ ist es dagegen entlehnt vom (ebenfalls auf creāre beruhenden) französischen créer.

Das Adjektiv in der Schreibweise creativ ist eine Entlehnung des 19. Jahrhunderts aus dem Englischen. Gleiches gilt für das Substantiv Kreativität, das sich mindestens seit der Nachkriegszeit im deutschen Sprachraum nachweisen lässt.

Das Adjektiv kreativ wird in Wortkombinationen auch als Euphemismus gebraucht, um das Ausreizen und auch Verletzen von Regeln zu umschreiben, etwa bei kreative Buchführung.

Definitionen von Kreativität Dorsch kam noch 1994 (wie andere Forscher auch) zu dem Schluss, dass Kreativität kein scharf eingrenzbarer Begriff sei, dass sie also Raum zur Spekulation biete. Inzwischen ist jedoch seit Anfang der 2000er Jahre die oben genannte Definition die Standarddefinition von Kreativität. Darüber hinaus gibt es viele Abwandlungen von dieser Definition.

Bedeutung von Nützlichkeit/Brauchbarkeit Es wurde zum Beispiel auch vorgeschlagen, sich nur auf das Kriterium der Neuheit/Originalität zu beschränken. Das wurde jedoch kritisiert, da damit jede noch nicht dagewesene bizarre Handlung oder Äußerung schon als kreativ bezeichnet werden müsste.

Je nach Tätigkeitsfeld kann das Kriterium der Nützlichkeit und Brauchbarkeit auch weit gefasst werden. So kann der Nutzen oder der Wert z. B. von Kunst auch darin liegen, bei der künstlerisch tätigen Person selbst Emotionen auszudrücken (small c creativity) oder diese in anderen Personen hervorzurufen (big C Creativity). (siehe Außergewöhnliche und alltägliche Kreativität)

Alternative Definitionen Andere Autoren unterscheiden zwischen problemlösender Kreativität, die zur Lösung einer vorgegebenen Aufgabe erforderlich ist, und schöpferischer Kreativität, die der Erkundung künftiger Möglichkeiten dient. Winkelhofer nennt diese beiden Formen „normative“ bzw. „erforschende“ Kreativität.Georg Winkelhofer: Kreativ managen: Ein Leitfaden für Unternehmer, Manager und Projektleiter. Springer Science & Business, Berlin/Heidelberg/New York 2006, ISBN 3-540-28407-9, S. 13.

Eine ältere Definition bezieht die Standarddefinition nur auf den kreativen Prozess: Der Kognitionspsychologe Joy Paul Guilford bezeichnete als kreativ jede neue, noch nicht dagewesene, von wenigen Menschen gedachte und effektive Methode, ein Problem zu lösen beziehungsweise die Miteinbeziehung von Faktoren wie Problemsensitivität, Ideenflüssigkeit, Flexibilität und Originalität. Demzufolge wäre Kreativität die zeitnahe Lösung (Flexibilität) für ein Problem mit ungewöhnlichen, vorher nicht gedachten Mitteln (Originalität) und mehreren Möglichkeiten der Problemlösung (Ideenflüssigkeit), die für das Individuum vor der Problemlösung in irgendeiner Weise nicht denkbar ist (Problemsensitivität).

Auch Wissenschaftler wie Stein (1953), John E. Drevdahl (1956) und Edward de Bono (1957) versuchten, Kreativität zu definieren, um sie messbar zu machen. De Bono prägte unter anderem den Begriff des lateral thinking, der als Querdenken in die deutsche Umgangssprache Einzug hielt. 1962 versuchten Getzel und Jackson, Kriterien festzulegen, die den kreativen Menschen als solchen erkennbar machen sollten. Dabei legten sie vier Hauptmerkmale fest, die sie als kreative, intelligente, moralische und psychologische Fähigkeiten bezeichneten. Weitere Definitionen stammen von Donald W. MacKinnon (1962) und F. Barron (1965). Dabei definierte MacKinnon Kreativität als eine Idee, die neu ist und gleichzeitig selten von mehreren Menschen gedacht wird, die zu verwirklichen ist und die der Verbesserung oder der Veränderung dient.

Außergewöhnliche und alltägliche Kreativität Bei Alltagskreativität unterliegt die Bewertung anderen Maßstäben als bei herausragender Kreativität. Vor allem bei Alltagskreativität geht es eher um den Nutzen für den Kreativen selbst, z. B. eigene Probleme zu lösen oder negative Erfahrungen zu verarbeiten. Bei alltäglicher Kreativität steht auch das kreative Erleben im Vordergrund.

Kreative Leistungen werden meist erst als solche anerkannt, wenn sie sich in irgendeiner Weise als nützlich für andere erweisen. Entsprechend ist herausragende Kreativität im Gegensatz zur alltäglichen nicht nur für die kreative Person, sondern auch für andere Menschen bedeutsam. Bei herausragender Kreativität geht es eher um die Bewertung durch andere Menschen, also die Frage, wie der Einzelne von außen über seine Kreativität und die dadurch entstehenden Problemlösungsfähigkeit bewertet wird.

Zwar entstanden durch die Phantasie eines Einzelnen Picassos kubistische Werke; Joan Mirós Werk ist ein Beispiel für die bildhauerische Kunst und Friedensreich Hundertwasser für architektonische Leistungen;Elliot Aronson, Timothy D. Wilson, Robin M. Akert: Sozialpsychologie. 4. aktualisierte Auflage. Pearson Studium, München 2004, ISBN 3-8273-7084-1. aber der Psychologe Csikszentmihalyi geht davon aus, dass herausragende Kreativität immer in einem System von Individuum, Domäne und anerkennender Umwelt stattfindet. Vielfach wird herausragende Kreativität erst als solche bezeichnet und bewertet, wenn sie einhergeht mit einer völligen Neudefinition bekannter und akzeptierter Gesetzmäßigkeiten oder Bereiche; berühmte Beispiele dafür sind Arnold Schönberg (Zwölftonmusik), Pablo Picasso (Kubismus), Albert Einstein (Relativitätstheorie). Der Bruch mit alten Vorstellungen und Normen und die Schaffung eines neuen Paradigmas, fällt dann in den Bereich der Genies.

Alltagskreativität ist in der Bevölkerung normalverteilt ähnlich wie Intelligenz oder Körpergröße. Herausragende Kreativität ist stark rechtsschief verteilt. Entsprechend werden kreative Leistungen und Erfolge auf hohem Niveau nur selten erbracht. In einer Studie mit 905 Teilnehmern und zehn abgefragten Tätigkeitsfeldern (Bildende Kunst, Wissenschaft, …) erreichten je nach Tätigkeitsfeld etwa 0–6 Personen die achte (jeweilige höchste) Erfolgs- oder Leistungsstufe, d. h. weniger als 1 %.

Kulturgeschichte der Kreativität In der frühen Antike herrschte die Vorstellung vor, dass Inspiration und das Erschaffen von Neuem das Ergebnis göttlichen Eingreifens sind. In der griechischen Mythologie wird Schöpfung mit chaotischen und zerstörerischen Aspekten in Verbindung gebracht. Ähnliche Vorstellungen finden sich in der Bibel, im Hinduismus und Konfuzianismus. Auch in der Moderne findet sich die Vorstellung einer Dialektik von Ordnung und Chaos. So sagt Nietzsche in „Also sprach Zarathustra“: „Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern zu gebären“. Plato war der Ansicht, dass es nicht möglich ist, etwas vollständig Neues zu erschaffen (Creatio ex nihilo). Zu seiner Zeit wurde die Aufgabe von Kunst darin gesehen ein Ideal nachzuahmen oder sich ihm zumindest anzunähern. In der Spätantike trat der Bezug auf das Göttliche in den Hintergrund und Kreativität wurde eher mit dem ‚Daimon‘ oder ‚Genius‘ einer kreativen Person in Verbindung gebracht. Im Mittelalter wurde bedingt durch religiöse Einflüsse erneut der göttliche Aspekt von Inspiration hervorgehoben. In der Renaissance begann man, mit dem Wort „Genie“ nicht mehr einen göttlichen Ursprung in Verbindung zu bringen, sondern künstlerische Schaffenskraft oder die Quelle der Inspiration zu beschreiben. In der Romantik war es üblich, Kreativität und Genie miteinander zu vermengen, und tatsächlich kann diese Vermischung gut bis in die 1900er Jahre beobachtet werden.

Forschungsgeschichte der Kreativität Kreative Fähigkeiten und Leistungen sind Betrachtungs- und Forschungsobjekt mehrerer Wissenschaften, z. B. der Wissenschaftsgeschichte und der Wirtschaftswissenschaften. Joseph Schumpeter (1883–1950) schrieb in seinem 1911 erschienenen Werk Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung Pionierleistungen nicht vorwiegend ökonomischem Eigennutz zu, sondern erklärte sie mit psychologischen Motiven, zu denen auch „Freude am Gestalten“ zählt.Schumpeter: Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, 1997 (1911), S. 138 Schumpeter erkannte das Wechselspiel aus Innovation und Imitation als Triebkraft des Wettbewerbs. Die stark überarbeitete Neuauflage 1926 machte die Begriffe schöpferische Zerstörung und kreative Zerstörung in der Makroökonomie (und darüber hinaus) sehr bekannt.Übersetzungen dieser zweiten Auflage ins Italienische, Englische, Französische, Japanische und Spanische machten das Buch sehr bekannt (Heinz D. Kurz: Joseph A. Schumpeter. Ein Sozialökonom zwischen Marx und Walras. Metropolis-Verlag, Marburg 2005, ISBN 3-89518-508-6. S. 41–53). Zur unternehmerischen Kreativität gehört laut Schumpeter die Fähigkeit zur erfolgreichen Rekombination existierender Ressourcen und Kräfte.Schumpeter: Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung. 4. Auflage. Berlin 1934, S. 17, 100 ff.

Ein erster Ansatz empirischer Erforschung von Kreativität als Personencharakteristikum erfolgte bereits 1869 durch Galton. Er verfolgte ein Konzept von sogenannter „Eminenz“, in dem nicht nur Intelligenzfaktoren eine Rolle spielen. Für seine Studien untersuchte er 300 Familien mit rund 1000 herausragenden, männlichen Persönlichkeiten. Dazu gehörten u. a. Poeten, Musiker und Kunstmaler, deren Verwandtschaft untereinander bezüglich des Vorhandenseins ähnlicher Begabungen untersucht wurden. Hierbei stellte er erstmals statistische Vergleiche zu kreativen Eigenschaften an und erkannte dabei insbesondere bei miteinander verwandten Künstlern stärkere Zusammenhänge. Dafür hatte er Musiker und Maler zu einer statistischen Klasse zusammengefasst. Neben seiner Theorie von Vererbbarkeit solcher „Eminenzen“ zieht er aber auch schon zusätzliche Erklärungen wie z. B. erzieherische und soziale Einflüsse auf die Ausprägung von Kreativität in Betracht.