Aleppo (; ; ; ; ; ; gelegentlich auch Haleb; in der Antike zeitweise Beroia) ist eine Stadt im Norden Syriens, die mitunter als eines der ältesten durchgängig bewohnten urbanen Zentren der Welt gilt.Christoph Leonhardt: Religion und Gewalt in Syrien. Legitimierung und Mobilisierung unter der Assad-Dynastie (1970–2020), in: Konfrontation und Kooperation im Vorderen Orient 19, Münster 2024, S. 2, ISBN 978-3-643-25119-0 Sie ist die Hauptstadt des gleichnamigen Gouvernements Aleppo. Im Jahr 2006 erhielt Aleppo nach Mekka als erster Ort die Bezeichnung Hauptstadt der Islamischen Kultur. Aleppo gilt als das Wirtschaftszentrum Syriens. Die Stadt hatte 2008 knapp 1,7 Millionen Einwohner in den Stadtgrenzen und 2010 rund 2,5 Millionen Einwohner mit Vororten. Sie war damit nach Damaskus die zweitgrößte Stadt Syriens. Außerdem ist Aleppo eine der ältesten Städte in der Region und nimmt einen strategischen Punkt zwischen dem Mittelmeer und dem Euphrat ein. Ursprünglich wurde sie auf einer Hügelgruppe in einer breiten fruchtbaren Senke auf beiden Seiten des Flusses Quwaiq erbaut.
Im Bürgerkrieg in Syrien war die Stadt zunächst von Sommer 2012 bis Dezember 2016 umkämpft. Weite Teile der Stadt wurden zerstört und ein großer Teil der Bewohner war geflüchtet. Ab dem 22. Dezember 2016 wurde sie von regimetreuen Truppen des Diktators Baschar al-Assad kontrolliert.https://web.archive.org/web/20161222194329/http://www.tagesschau.de/ausland/aleppo-705.html Laut der UN und der Internationalen Organisation für Migration (IOM) war bis Juli 2017 der Großteil der Einwohner wieder zurückgekehrt. Ende November, Anfang Dezember 2024 eroberten Rebellen der Haiʾat Tahrir asch-Scham (HTS) und kurdische Milizen der Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) die Stadt. Im Januar 2026 kam es in Aleppo zu den schwersten Kämpfen in ganz Syrien seit Assads Sturz 2024. Dabei übernahm die syrische Armee die Kontrolle über die Stadt, die kurdische SDF erklärte eine Waffenruhe und zog sich aus Aleppo zurück.
Bevölkerung und Religion Die Mehrheit der muslimischen Bevölkerung in Aleppo bildet die arabische Bevölkerung. Daneben gibt es Kurden, Turkmenen sowie andere kleinere muslimische Volksgruppen.
Etwa 15 bis 20 % der Einwohner sind Christen, überwiegend Assyrer und Armenier. Sie gehören der Syrisch-Orthodoxen und der Armenisch-Orthodoxen Kirche an. Daneben gibt es auch Griechisch-Orthodoxe Gläubige. Ein großer Teil der Christen lebt im Stadtviertel al-Dschudaide unmittelbar nördlich der Altstadt von Aleppo. Ein weiterer christlich geprägter, jüngerer Stadtteil ist Sulaymaniyah.
Name
Ortsbezeichnung Der akkadische Name der Stadt war Halab bzw. Halap (auch Hallaba, Halba, Halbi, Halpa geschrieben), der hethitische Ḫalpa. In den ägyptischen Quellen heißt die Stadt Chalba, in ugaritischen und aramäischen Ḥlb. Seit seleukidischer Zeit hieß sie Beroia (Βέροια, im Deutschen auch als Beröa bekannt); auch unter römischer Herrschaft war der Ort als Beroea bekannt.
Mit der arabischen Eroberung 637 erhielt die Stadt wieder ihren alten Namen Halab. Seit der osmanischen Eroberung wurde die türkische Namensform oder bekannter. Der heute international übliche Name Aleppo ergab sich als deren italienische Version.
Die arabische Namensform Halab lässt sich (eventuell volksetymologisch) als Vergangenheitsform von „melken“ deuten. Eine Legende verbindet den Namen mit Abraham, der an diesem Ort seine Kuh asch-Schahba gemolken und die Milch an die Armen verteilt haben soll. Wenn die armen Menschen sich trafen, fragten sie sich „Halab Abraham?“, was so viel wie „Hat Abraham gemolken?“ bedeutet. In der syrisch-arabischen Sprache wird die Stadt auch Halab asch-Schahba genannt.
Personennamen Ḫalpa kann auch ein Namensbestandteil sein, wie beim Oberschreiber Ḫalpamuwa in ḪattušaAnnelies Kammenhuber: Die Arier im vorderen Orient. Carl Winter Universitätsverlag, München 1968, S. 76. und der Obermundschenk Ḫalpaziti (mḪal-pa-zi-ti)Von Luwisch ziti ‚Mann‘, siehe Ḫalpaziti. In: Erich Ebeling, Bruno Meissner, Dietz-Otto Edzard (Hrsg.): Reallexikon der Assyriologie und Vorderasiatischen Archäologie. de Gruyter, Berlin 1981, S. 69. unter Arnuwanda,Heinrich Otten (Hrsg.): Hittite and other Anatolian and Near Eastern Studies in Honour of Sedat Alp. S. 414. vermutlich ist dies eine Herkunftsbezeichnung. Auch aus Nuzi sind Personennamen mit dem Element Ḫalpa belegt.David I. Owen, Gernot Wilhelm (Hrsg.): General studies and excavations at Nuzi (= Studies on the civilization and culture of Nuzi and the Hurrians. Band 10/2). CDL Press, Bethesda 1998, S. 126. Aus Alalaḫ ist ein Siegelabdruck eines gewissen Ḫalpa-nubarDominique Collon: The seal impressions from Tell Atchana/Alalakh. 1975. bekannt.
Geschichte mini|Die Altstadt Aleppos mit der Zitadelle in der Mitte auf einer osmanischen Miniatur Mitte des 16. Jahrhunderts. Altertum mini|Bronzemünze aus Beroea, Kopf des Trajan mini|Rückseite der Bronzemünze aus Beroea mit Stadtnamen
Am Ende des 19. Jahrhunderts v. Chr. (gemäß der Mittleren Chronologie) taucht Aleppo erstmals in den Quellen auf. Zu dieser Zeit war es die Hauptstadt des Staates Yamhad, der von hier an bis in die 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts v. Chr. Nordsyrien dominierte. Zu seinem Einflussbereich gehörten unter anderem Karkemiš am Euphrat und Alalach bei Antakya. Der Einfluss der Yamhad-Könige Jarim Lim I. und Hammurapi I., die von den 1680er bis in die 1750er Jahre regierten, reichte bis in das transtigridische Gebiet von Der, und ein Bündnis mit Hammurapi von Babylon ist belegt. Schon in dieser Zeit war Aleppo ein Zentrum der Verehrung des Wettergottes Hadad.
Die Stadt wurde in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts von dem Hethiterkönig Muršili I. eingenommen. Ihre Geschichte nach dem Untergang des Althethitischen Reiches ist unklar. Mittani unterwarf Aleppo spätestens am Anfang des 15. Jahrhunderts. Der Hethiterkönig Tudḫaliya I. scheint einen Feldzug gegen Aleppo unternommen und die Stadt kurzzeitig kontrolliert zu haben. Jedoch wurde die Stadt erst in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts unter Šuppiluliuma I. wieder Teil des hethitischen Reiches, als König wurde Telipinu eingesetzt. Dieser wird auf einer Bauinschriftspolie, die in die Südmauer der Al-Qaiqan-Moschee im Al-Aqaba-Viertel eingemauert ist, erwähnt.Helmuth Theodor Bossert: Bemerkungen zu einer hieroglyphen-hethitischen Inschrift aus Aleppo. In: Syria. Band 31, Nummer 3, 1954, S. 225–253 (Digitalisat). Aleppo war jetzt die Hauptstadt der hethitischen Provinz Ḫalpa. Nach dem Fall des Hethitischen Großreiches um 1200 wurde Aleppo Sitz eines späthethitischen Kleinfürstentums. Darauf verweisen beispielsweise in der Zitadelle von Aleppo ausgegrabene Orthostaten (die derzeit leider noch nicht öffentlich zu besichtigen sind).
Später wurde Aleppo Hauptstadt des aramäischen Königreiches von Bit Agusi, das außerdem auch Arpad (Tell Rifa’at) umfasste. Salmānu-ašarēd III. (858–824 v. Chr.) konnte die Stadt dem assyrischen Reich eingliedern und erreichte, wie bereits sein Vorgänger Adad-nirari II. (911–891), das Mittelmeer. Ab 610 folgte eine Periode der Persischen Herrschaft. Da aus der Zeit der assyrischen und persischen Herrschaft keine Überlieferungen zu Aleppo existieren, wird vermutet, dass die Siedlung, vielleicht beim Fall des hethitischen Reiches, relativ stark zerstört wurde und erst durch die Eroberungen von Alexander und die Bildung des seleukidischen Reiches wieder restauriert wurde.Vgl. J. Sauvaget: Art. Halab. In: The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Band 3, 1971, S. 85–90, hier 85. Alexander besetzte Aleppo 333 v. Chr. und Seleukos I. Nikator errichtete dort um 301–281 eine makedonische Kolonie, die Beroia benannt wurde. Diese befestigte Kolonie mit quadratischem Grundriss erhielt unter anderem rechtwinklig angelegte Straßen und prägte in ihrer Grundform das Stadtbild Aleppos auch für spätere Zeiten. Hadad wurde als Zeus weiter verehrt. Im Jahr 100 v. Chr. wurde Syrien vom armenischen Reich und im Jahr 64 v. Chr. von den Römern erobert.
Mittelalter mini|Die maronitische Sankt-Elias-Kathedrale von Aleppo
Die Stadt wurde unter ihrem alten Namen Teil des Byzantinischen Reiches, 540 wurde sie durch den sassanidischen König Chosrau I. erobert und geplündert und Teile der Bevölkerung verschleppt. Die Zerstörungen wurden durch Justinian I. beseitigt, bevor die Stadt 637 nach mehrmonatiger Belagerung den Arabern in die Hände fiel. Unter den Hamdaniden (944–1003) erreichte Aleppo eine gewisse Unabhängigkeit. Der wichtigste hamdanidische Herrscher war Saif ad-Daula (944–67). 962 wurde die Stadt durch den byzantinischen Kaiser Nikephoros Phokas zurückerobert und systematisch geplündert. Sie blieb bis 976/77 byzantinisch und war danach bis zum Einfall der Seldschuken byzantinischer Vasall. Ab 1025 wurde die Stadt von den arabischen Mirdasiden beherrscht, bis sie 1070 durch die Seldschuken eingenommen wurde.
Die Stadt wurde 1098 und 1124/25 von Kreuzfahrern belagert, aber nicht erobert. Unter 'Imad ad-Din Zengi (1127/28–46), einem Turkmenen aus Mossul, wurde Aleppo zum Zentrum des Widerstands gegen die Kreuzfahrerstaaten. Sein Sohn Nur ad-Din (1146–1174) stellte die durch das verheerende Erdbeben beschädigten Stadtbefestigungen wieder her, unter seiner Herrschaft wurden außerdem zahlreiche wichtige Gebäude errichtet. Nach dem Tod Nur ad-Dins fiel Aleppo an den Ayyubiden-Sultan Saladin. Die Dynastie der Ayyubiden beherrschte die Stadt von 1183 bis 1260. Az-Zahir Ghazi (1186/93–1216), der Sohn Saladins, erneuerte die Befestigung der Zitadelle.
Aleppo blieb in ayyubidischen Händen, bis es, wie weite Teile Nordsyriens, 1260 von den Mongolen unter Hülegü erobert und verwüstet wurde. 1260 bis 1516 war die Stadt Teil des Mamluken-Reiches. Die Zitadelle wurde 1292 wieder aufgebaut, aber um 1400 durch Timur erneut zerstört.
Neuzeit mini|Stadtplan von Aleppo aus dem Jahr 1912, gefertigt in Leipzig von Wagner & Debes mini|Suq von Aleppo, 2010 mini|Stadtpark von Aleppo, 2007 In der Nähe von Aleppo fand 1516 die Schlacht von Mardsch Dabiq zwischen dem Osmanischen Reich und den Mamluken statt. 1517 wurde Aleppo Teil des Osmanischen Reiches. Damals zählte die Stadt etwa 50.000 Einwohner. Sie war Sitz eines Provinzgouverneurs (Beylerbey bzw. Wali). Die Stadt blieb Teil des Osmanischen Reiches bis zu dessen Untergang, aber sie wurde weiter durch interne Fehden erschüttert sowie durch Pestepidemien und im Anschluss an ein großes Erdbeben von 1822, bei dem in der Region Aleppo und Antakya 20.000 Menschen umkamen, 1823 durch die Cholera heimgesucht. Im November 1850 schlug der Artillerieoffizier Józef Bem an der Spitze türkischer Truppen ein Pogrom der muslimischen Bevölkerung gegen die Christen nieder. 1901 lag die Einwohnerzahl von Aleppo um 125.000.
Während des Ersten Weltkrieges war Aleppo ein Zentrum im Völkermord an den Armeniern durch die Jungtürken. Auf Befehl von Talât Pascha wurden die Armenier ab dem 27. Mai 1915 zusammengetrieben und auf Todesmärsche über unwegsames Gebirge in Richtung Aleppo geschickt.
Die Stadt blühte kurzfristig wieder auf, als sie nach dem Ende des Ersten Weltkrieges unter französische Kolonialherrschaft kam, erlebte jedoch nach der Abtretung des Sandschaks Alexandrette mit der Hauptstadt Antakya und dem Hafen İskenderun an die Türkei 1939 wieder einen Niedergang.
Nach 1945 Im Jahr 1947 kam es zu Pogromen gegen die Juden in der Stadt, bei der bis zu 75 jüdische Bürgerinnen und Bürger zu Tode kamen, die Zentralsynagoge von Aleppo zerstört sowie der Codex von Aleppo aus dem 9. Jahrhundert zeitweilig verloren ging und bis heute nur in Teilen wieder aufgetaucht ist.