Kultur- und Kreativwirtschaft (KKW) (englisch: creative industries, cultural industries oder creative economy) ist ein Sammelbegriff für Wirtschaftszweige, die sich mit der Schaffung, Produktion und/oder medialen Verbreitung von kreativen/kulturellen Gütern und Dienstleistungen befassen. Es sind Branchen, deren Ursprung in der individuellen Kreativität, den Fähigkeiten und Begabungen einzelner Personen liegt und die durch das Schaffen und Verwerten von geistigem Eigentum als Zukunfts- und Wachstumsbranchen einer Wissensgesellschaft und als Motor für die Stadtentwicklung gelten.
Das World Wide Web und die digitale Revolution haben die Grenzen der KKW erheblich erweitert. Die weltweiten Umfragen der UNCTAD zeigen die unterschiedlichen wirtschaftlichen Beiträge der Kreativwirtschaft in verschiedenen Ländern, die zwischen 0,5 % und 7,3 % des Bruttoinlandsprodukts ausmachen und zwischen 0,5 % und 12,5 % der Erwerbsbevölkerung beschäftigen.
Begrifflich und statistisch ist die weltweite Erfassung dieses heterogenen Wirtschaftssektors schwierig, uneinheitlich und einem ständigen Wandel unterworfen. Zu den Kernbereichen der KKW gehören Unterhaltungssoftware, Film, Rundfunk, Verlage, Presse, Kunst, Kunsthandwerk, Architektur, Innenarchitektur, Design, Mode, Schmuck, Darstellende Künste, Musik und Werbung.
Begriffs- und Entwicklungsgeschichte der KKW Max Horkheimer und Theodor W. Adorno prägten Ende der 1940er Jahre in der Dialektik der Aufklärung den Begriff und die Diagnose der „Kulturindustrie“: Kultur werde unter Bedingungen industrieller Massenproduktion und kommerzieller Verwertung standardisiert, in Distributionsapparate eingebettet und damit in ihrer gesellschaftlichen Funktion verändert. Damit steht am Beginn der Diskussion über die Kultur- und Kreativwirtschaft keine „Branche“, sondern eine kritische Theorie der Verbindung von Kapitalismus, Massenmedien und Kultur.
1970er und 1980er Jahre Ab den späten 1970er und frühen 1980er Jahren verschiebt sich die Semantik vom kritischen Singular („Kulturindustrie“) zur pluralen Policy-Kategorie „cultural industries“. In internationalen Foren wird Kultur nicht nur als Wert an sich, sondern zunehmend als Feld organisiert-produktiver Aktivitäten behandelt, die sich kultur- und wirtschaftspolitisch steuern und fördern lassen. 1980 fand in Montreal ein Expertentreffen zu place and role of cultural industries statt; 1982 veröffentlichte die UNESCO den Band Cultural industries: a challenge for the future of culture, der Definitionsfragen, kulturpolitische Zielkonflikte und Governance-Probleme systematisch diskutiert. Aus der kulturkritischen Diagnose wird eine kultur- und wirtschaftspolitische Problemstellung: Wie lassen sich kulturelle Produktion, Medienmärkte, kulturelle Vielfalt und öffentliche Ziele in einem industrialisierten Kommunikationsraum gestalten?
1990er Jahre In den 1990er Jahren entsteht das neue wirtschaftspolitische Paradigma creative industries. Der Begriff setzt stärker als cultural industries auf Innovation, Unternehmertum, Erwerbstätigkeit, Wachstum und die Anschlussfähigkeit an eine wissens- und dienstleistungsbasierte Ökonomie. International besonders prägend war die britische Politik: Die Labour-Regierung von Premierminister Tony Blair propagierte im Wahlkampf 1997 die Creative Industries als Zukunftsbranchen der britischen Wirtschaft. In der Folge entwickelte man 1998 in Großbritannien entsprechende Förderkonzepte. Das UK Department for Culture, Media and Sport (DCMS) veröffentlichte 1998 das Creative Industries Mapping Document, das die creative industries als administrativ definierbares Bündel von Teilmärkten sichtbar macht und ihre ökonomische Bedeutung durch statistische Messung politisch verhandelbar macht. Damit wird Kulturpolitik enger mit Wirtschafts-, Standort- und Arbeitsmarktpolitik gekoppelt: Kreativität wird nicht nur geschützt, sondern als ökonomische Ressource gerahmt.
2000er Jahre Seit den frühen 2000ern wird die globale Diskussion stark durch die Standardisierung von Mess- und Statistiklogiken geprägt. Ein zentraler Strang verläuft über Rechte- und IP-basierte Ansätze: Die World Intellectual Property Organization (WIPO) legte 2003 einen international verwendeten Leitfaden zur Erfassung der wirtschaftlichen Beiträge copyright-basierter Industrien vor. Diese Methodik erleichtert die Vergleichbarkeit zwischen Ländern und unterstützt Regierungen dabei, kultur- und kreativwirtschaftliche Aktivitäten als eigenständiges Politikfeld mit Evidenzanspruch zu behandeln.
Das 2004 von der UNESCO eingerichtete Creative Cities Network (UCCN) zielt darauf ab, die Zusammenarbeit mit und zwischen Städten zu stärken, die Kreativität als einen strategischen Faktor für nachhaltige Entwicklung in wirtschaftlicher, sozialer, kultureller und ökologischer Hinsicht erkannt haben. Auch das von der World Design Organization 2008 initiierte Projekt World Design Capital verfolgt diese Ziele.
Es entsteht ein völkerrechtlich und kulturpolitisch relevanter Rahmen für den Umgang mit Marktlogiken: Die UNESCO-Konvention von 2005 (Convention on the Protection and Promotion of the Diversity of Cultural Expressions) verankert Ziele wie Schutz und Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen und schafft damit eine normative Leitplanke für nationale Kulturpolitiken in einer globalisierten Kulturökonomie. Der Creative Economy Report 2008(UNCTAD, in Zusammenarbeit u. a. mit UNDP, UNESCO, WIPO, ITC) argumentiert, dass kreative Industrien zu den dynamischen Sektoren des Welthandels zählen, und verbindet die Diskussion mit Handel, Beschäftigung, Innovation und Entwicklungsstrategien. „Creative economy“ fungiert damit als Brückenkonzept zwischen Kulturpolitik und globaler Wirtschafts- und Entwicklungspolitik: Es geht nicht nur um Förderung von Kultur, sondern um die Rolle kreativer Wertschöpfung in globalen Wertschöpfungsketten und IP-Regimen.
Deutschland Im Mai 2007 fand im Rahmen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft eine europäische Konferenz zur Kultur- und Kreativwirtschaft in Europa statt, die vom Büro für Kulturpolitik und Kulturwirtschaft und der Friedrich-Naumann-Stiftung veranstaltet wurde.
In Deutschland befasste sich die Enquete-Kommission Kultur in Deutschland in den Jahren 2003 bis 2007 erstmals umfassend mit dem Thema Kultur und Wirtschaft. Die Bundesregierung hat im Jahr 2007 die Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft gestartet, um die Wettbewerbsfähigkeit der Branche zu steigern und die Erwerbschancen innovativer kleiner Kulturbetriebe sowie freischaffender Künstler zu stärken.
Im Jahr 2009 begrüßte die Wirtschaftsministerkonferenz, dass mit dem Leitfaden zur statistischen Erfassung der Kreativwirtschaft erstmals die Basis für eine einheitliche Darstellung und Vergleichbarkeit der Wirtschafts- und Beschäftigungsdaten der Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland geschaffen wurde.
Die Wirtschaftsministerkonferenz (WMK) definierte 2009 den Begriff der Kultur- und Kreativwirtschaft wie folgt:
Diese deutsche Abgrenzung ist sowohl mit der europäischen Kernabgrenzung der EU-Kommission (LEG Task Force Cultural Employment3) als auch mit dem weltweiten Referenzmodell, dem Konzept der britischen , kompatibel.Gutachten 2009: M. Söndermann, C. Backes, Dr. O. Arndt, D. Brünink: auf kultur-kreativ-wirtschaft.de (PDF).
Das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie beauftragte Michael Söndermann, Büro für Kulturwirtschaftsforschung in Köln, die aktuellen wirtschaftlichen Eckdaten zur Kultur- und Kreativwirtschaft zu aktualisieren, zu bewerten und auf der Basis der Daten des Statistischen Bundesamtes zu berechnen. Das Büro für Kulturwirtschaftsforschung in Köln betreute bereits seit den 1990er Jahren mehrere Kulturwirtschaftsberichte: 1998–2013 Nordrhein-Westfalen, 2001 Sachsen-Anhalt, 2003 Hessen, 2004 Schleswig-Holstein, 2005 Berlin, 2009 Thüringen. 2013 beauftragte das Land Berlin-Brandenburg erstmals ein anderes Marktforschungsinstitut, die House of Research GmbH, die Zahlen und Ergebnissen auf andere Grundlagen zu stellen. Seit 2004 analysiert die Hessen Agentur im Auftrag des Hessischen Ministeriums für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Wohnen die Wirtschaftsdaten der hessischen Kultur- und Kreativwirtschaft und veröffentlicht die Daten in sogenannten „Datenreports“.
Österreich Österreich legt im Februar 2004 mit Hilfe von Fördermitteln der Europäischen Union eine umfangreiche Untersuchung des ökonomischen Potenzials der „Creative Industries“ in Wien vor. Im Jahr 2016 wird die Kreativwirtschaftsstrategie für Österreich im Rahmen einer erweiterten FTI-Strategie (Forschung, Technologie und Innovation) beschlossen. Die Kreativwirtschaftsstrategie verfolgt dabei folgende vier Zielsetzungen:
Stärkung des österreichischen Innovationssystems im Zusammenspiel mit anderen Strategien (u.a. FTI-Strategie, Open Innovation Strategie, IP-Strategie), Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der Kreativwirtschaft, Stärkung der transformativen Wirkung der Kreativwirtschaft auf andere Wirtschaftsbranchen, Stärkung des internationalen Bildes Österreichs als kreatives Kultur- und Innovationsland.
Schweiz In den 2000er Jahren setzte in der Schweiz eine systematische Debatte über Kultur als Wirtschaftsbereich ein. Ein früher Referenzpunkt ist der erste nationale Kulturwirtschaftsbericht (2003), der Umsatz- und Beschäftigungspotenziale des kulturellen Sektors aufarbeitete. Regional wurden Kreativwirtschaftsanalysen – besonders für den Großraum Zürich – als Standort- und Strukturberichte etabliert.
2010er und 2020er Jahre In den 2010er und 2020er Jahren verlagert sich der Fokus zunehmend auf Governance-Fragen der Plattformökonomie, auf die Arbeits- und Einkommensbedingungen von Kreativen sowie auf Resilienz in Krisen. Die UNESCO bündelt diese Perspektive in ihren periodischen Globalberichten zur 2005er Konvention; der Bericht Re | Shaping Policies for Creativity (2022) rahmt Kultur und Kreativität explizit als globales öffentliches Gut, bilanziert Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auf Beschäftigung und Wertschöpfung und diskutiert politische Handlungsoptionen zur Stabilisierung kreativer Ökosysteme. Damit ist die Kultur- und Kreativwirtschaft des 21. Jahrhunderts nicht mehr nur ein nationaler Branchenbegriff, sondern ein globales Policy-Feld zwischen kultureller Vielfalt, Marktlogiken, Urheberrecht, digitaler Transformation und Nachhaltigkeitsmanagement.
Deutschland Die im Jahr 2021 gegründete Koalition Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland (k3d), ein Zusammenschluss von 16 führenden privatwirtschaftlichen Branchenverbänden aus den Bereichen Musik, Film, Design, Games, Architektur, Mode, Presse und Verlagswesen, tritt als gemeinsame Interessenvertretung gegenüber der Politik auf Bundes-, Länder- und EU-Ebene auf. Sie versteht sich als Sprachrohr der Branche und formuliert übergeordnete Positionen, Stellungnahmen und Forderungen zu kultur-, medien- und wirtschaftspolitischen Fragestellungen. Zu ihren Zielen gehören unter anderem:
Abbau bürokratischer Hürden Schutz des Urheberrechts, insbesondere im Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz Faire Wettbewerbsbedingungen auf digitalen Marktplätzen Förderung von Innovationen Soziale Absicherung von Künstlern und Kreativen Stärkere politische Sichtbarkeit der Branche
Darüber hinaus organisiert k3d öffentliche Veranstaltungen, um die Bedeutung der Kultur- und Kreativwirtschaft hervorzuheben und Unterstützung zu mobilisieren.