Die Hetäre Neaira () lebte im 4. Jahrhundert v. Chr. im antiken Griechenland; über ihr genaues Geburts- und Sterbedatum gibt es keine zuverlässigen Angaben. Sie wurde zur Schlüsselfigur mehrerer aufsehenerregender Prozesse, deren Dokumentation ein lebendiges Bild der Lebensumstände von Frauen in den Gesellschaften der griechischen Stadtstaaten vermittelt. Dank einer umfangreichen schriftlichen Überlieferung ist Neaira heute diejenige Prostituierte der Antike, über deren Lebensumstände die meisten Details bekannt sind.Debra Hamel, Der Fall Neaira. Die wahre Geschichte einer Hetäre im antiken Griechenland, Primus-Verlag, Darmstadt 2004, ISBN 3-89678-255-X.
Leben
Die frühen Jahre
Neaira wurde vermutlich um das Jahr 400 v. Chr. geboren. Ihre Herkunft ist ungewiss, möglicherweise war sie ein Findelkind oder stammte aus einem der Randgebiete Griechenlands, vielleicht Thrakien. Wohl um 390 wurde sie von Nikarete, einer Bordellwirtin aus Korinth, gekauft. Nikarete betrieb ein „besseres“ Etablissement in Korinth, einer Stadt, die in der Antike für ihre florierende Prostitutionswirtschaft berühmt war. Davon zeugt das in der Literatur überlieferte Verb korinthiazein, das ungefähr mit „(herum)huren“ übersetzt werden kann.
Nikarete gab Neaira als ihre Tochter aus und sorgte für die Ausbildung zur Prostituierten. Durch das vorgetäuschte Verwandtschaftsverhältnis versuchte Nikarete den Preis, den die Kunden zu zahlen hatten, in die Höhe zu treiben: Es war üblich, dass freie Frauen höhere Preise für ihre Dienstleistungen verlangten.Zu Nikarete und ihrem Bordell: Pseudo-Demosthenes 59,18 & 19
Dem griechischen Schriftsteller Apollodoros zufolge (der Neaira allerdings fast ausschließlich abwertend darstellt) begann sich Neaira schon vor der Pubertät zu verkaufen, was nichts anderes bedeutet, als dass Nikarete sie wohl schon im Kindesalter zur Prostitution zwang. Ihre Ausbildung schloss nicht nur den Umgang mit Männern, sexuelle Praktiken, Körperpflege und Kosmetik ein; zum Berufsbild einer Hetäre gehörte es ebenso, den Kunden bei Symposien intellektuell anregende Gesellschaft zu leisten. Daher hatten sich die jungen Mädchen auch umfangreiche kulturelle Kenntnisse, etwa in den Bereichen Literatur, Kunst und Musik, anzueignen, über die griechische Frauen damals gewöhnlich nicht verfügten.Pseudo-Demosthenes 59,22
mini|Ein Mann und eine Hetäre (an der Wand hängt eine Geldbörse, die den Charakter dieser Darstellung beschreiben soll) beim Geschlechtsverkehr; Innenbild einer rotfigurigen Trinkschale des Hochzeits-Malers; Privatbesitz, München (um 480–470 v. Chr.)
Neben Neaira lebten im Bordell Nikaretes noch sechs weitere namentlich bekannte Mädchen unterschiedlichen Alters: Metaneira, Anteia, Stratola, Aristokleia, Phila und Isthmias. Wahrscheinlich waren sie alle damals sehr bekannt. Nach Anteia wurden seinerzeit mehrere Dramen benannt, und der Dichter Philetairos erwähnt in seinem Stück Die Jägerin sogar drei von Nikaretes Mädchen (Neaira, Phila und Isthmias). Die Kundschaft gehörte größtenteils zur gehobenen Gesellschaft. Oft kam sie auch von außerhalb Korinths, da die Stadt dank ihrer günstigen Lage am Isthmus ein Handelszentrum war. Als Kunden sind namentlich Politiker, Sportler, Philosophen und Dichter bekannt, darunter der Dichter Xenokleides und der Schauspieler Hipparchos.Pseudo-Demosthenes 59,19; Athenaios, Deipnosophisten 13 567c & 586e
Ein berühmter Gast im Bordell Nikaretes und Stammkunde bei Metaneira war der Redner Lysias. Da sein Geld nur Nikarete zugutekam, er aber auch seiner Geliebten einen persönlichen Gefallen erweisen wollte, finanzierte er dieser Mitte der 380er Jahre eine Reise nach Eleusis bei Athen, wo sie auf seine Kosten in den dortigen Mysterienkult eingeführt wurde. Auf der Reise nach Athen wurden beide nicht nur von Nikarete, sondern auch von Neaira begleitet. Es war wohl Neairas erster Aufenthalt in der attischen Metropole.Pseudo-Demosthenes 59,22 & 23
378 v. Chr. kam sie erneut in die Stadt, diesmal zu den Panathenäen, wobei sie sich in der Begleitung ihrer Herrin und ihres eigenen Stammkunden Simos aus Thessalien befand. Letzterer gehörte der bedeutenden thessalischen Familie der Aleuaden an und war Mitte des 4. Jahrhunderts v. Chr. eine Berühmtheit in Griechenland, wenn auch über seinen Status zur Zeit der Reise heute nichts Genaues mehr gesagt werden kann.Pseudo-Demosthenes 59,24
Wie das Verhältnis Metaneiras zu Lysias und dasjenige Neairas zu Simos zeigen, musste der Umgang mit Nikaretes Hetären keineswegs ein einmaliges, kurzes Vergnügen sein, sondern konnte zu einer dauerhafteren Beziehung werden. Trotzdem sind sie nicht zur höchsten Klasse der Prostituierten zu zählen, da sie als Sklavinnen keinerlei Wahlfreiheit in Bezug auf ihre Kundschaft hatten.
Zwischen Bordell und Freiheit mini|Zwei Männer bei einem Hetärenbesuch; attisch-rotfigurige Hydria des Kleophrades-Malers aus den Staatlichen Antikensammlungen München, Inv. 2427 Die finanziell ergiebigste Zeit für Nikarete waren die Lebensjahre zwischen der Pubertät und dem beginnenden dritten Lebensjahrzehnt ihrer Sklavinnen, weil danach deren Anziehungskraft auf Kunden nachließ. So kam es Nikarete wohl nicht ungelegen, als Timanoridas aus Korinth und Eukrates aus Leukas wahrscheinlich kurz nach der Rückkehr aus Athen im Jahr 376 v. Chr. Neaira kauften. Vermutlich gehörten sie zu Neairas Stammkunden und waren der Meinung, dass es auf Dauer erschwinglicher war, sie zu besitzen, auch wenn sich erwies, dass der Kauf beide noch einmal einen stattlichen Betrag kosten sollte.Pseudo-Demosthenes 59,30 mini|links|Athenische Tetradrachme aus Athen aus der Zeit der Neaira (etwa 393–355 v. Chr.) Nikarete forderte nicht weniger als 3000 Drachmen (das Zehnfache des Preises, den ein gelernter Handwerkssklave erzielte, und das fünf- bis sechsfache Jahreseinkommen eines Arbeiters). Obwohl beide damit an ihre finanziellen Grenzen gingen, wurde der Handel abgeschlossen. Nun hatte Neaira zwei neue Besitzer, die mit ihr nach Belieben umgehen konnten. Diese Praxis war nichts Ungewöhnliches und ist mehrfach in antiken Quellen bezeugt. Anders als bei ähnlichen Arrangements kam es in diesem Falle jedoch zu keinem Streit zwischen den Besitzern.Pseudo-Demosthenes 59,30
Nach wohl etwa einem Jahr wollte einer der beiden (oder gar beide) heiraten. Eine Hetäre zu unterhalten war teuer, weshalb nach einem Ausweg gesucht werden musste. Die drei kamen zu der Übereinkunft, dass Neaira sich für 2000 Drachmen freikaufen konnte, wenn sie danach Korinth für immer verließ. Mit Hilfe früherer Kunden, vor allem eines Mannes namens Phrynion, brachte sie das Geld auf und kaufte sich frei. Mit Phrynion ging sie in dessen Heimatstadt Athen, wo das Paar für einige Zeit zusammen lebte.Pseudo-Demosthenes 59,30–32
Phrynion war ein Lebemann und nahm, wie Apollodoros schildert, Neaira regelmäßig zu seinen Ausschweifungen mit. Dabei soll er mit Neaira sogar öffentlich Geschlechtsverkehr gehabt haben, was im alten Griechenland ungewöhnlich und selbst in offen gesinnten Kreisen nicht statthaft war. In aller Ausführlichkeit wird ein Gelage im Spätsommer des Jahres 374 beim athenischen Strategen Chabrias geschildert, der gerade seinen Sieg bei den Pythischen Spielen feierte. Während des Festes soll Neaira sich bis zur Bewusstlosigkeit betrunken haben, so dass sich in ihrem trunkenen Zustand viele der Gäste und sogar Sklaven an ihr vergingen.Pseudo-Demosthenes 59,33
Irgendwann zwischen den Sommern der Jahre 373 und 372 v. Chr. packte Neaira ihre Habseligkeiten und verließ Phrynion. Es ist unklar, warum sie diesen Schritt tat; vielleicht wurde sie von ihm schlecht behandelt. Neben ihren eigenen Besitztümern nahm sie wohl auch ein paar Gegenstände aus dem Besitz Phrynions mit. Ihr Ziel war Megara, wie Korinth ein Zentrum der Prostitution. Neaira hätte wohl ein gutes Auskommen gehabt, wenn nicht zu dieser Zeit der Boiotische Krieg ausgetragen worden wäre, der den Handel und mit ihm die Prostitution zum Erliegen brachte, weil die Kundschaft der Stadt fernblieb. Neaira blieb zwei Jahre in der Stadt und bestritt in dieser Zeit mehr schlecht als recht ihren Lebensunterhalt als Prostituierte, wobei zu bedenken ist, dass sie nicht nur sich selbst zu versorgen hatte, sondern auch ihre beiden Sklavinnen Thratta und Kokkaline, die sie wohl schon erworben hatte, während sie mit Phrynion lebte.Pseudo-Demosthenes 59,35 & 36
Leben mit Stephanos
Nach der Schlacht bei Leuktra, die die Machtverhältnisse in Griechenland zu Ungunsten der Spartaner und zu Gunsten der Thebaner verschob, kam der reiche Athener Stephanos nach Megara und blieb offenbar eine Weile in Neairas Haus. Hier begannen die beiden eine Affäre und verliebten sich allem Anschein nach ineinander. Möglich ist jedoch auch, dass Neaira zwar nicht verliebt war, aber die Sicherheit bei Stephanos dem unsicheren und unsteten Leben vorzog. Auch nach der Schlacht von Leuktra hatte sich ihre Situation in Megara nicht gebessert, daher kehrte sie mit Stephanos wieder nach Athen zurück. Sie glaubte wahrscheinlich, in Stephanos einen Beschützer zu haben, der ihr auch vor Phrynion Sicherheit bieten konnte.Pseudo-Demosthenes 59,37
Interessant ist, dass Apollodoros nun behauptete, Neaira habe beim Verlassen Megaras drei eigene Kinder mit nach Athen genommen: die beiden Söhne Proxenos und Ariston sowie eine Tochter namens Strybele, die im späteren Leben Phano genannt wurde. Apollodoros berichtet weiterhin, dass Phano mittlerweile auch Hetäre geworden war und als solche eine ernsthafte Konkurrentin für ihre Mutter darstellte. Angeblich musste Neaira nach der Rückkehr nach Athen sogar als Hetäre für den Lebensunterhalt des Stephanos sorgen. All diese Behauptungen sind jedoch kaum haltbar, und Apollodoros bringt keine Beweise dafür.Pseudo-Demosthenes 59,38 & 119
Ein Problem war zunächst, dass Phrynion, sobald er von der Anwesenheit Neairas in Athen erfuhr, diese mit Hilfe mehrerer Freunde aus Stephanos’ Haus verschleppte. Eine solche Handlungsweise bedeutete, dass er Rechte geltend machen wollte, die ein Herr seiner Sklavin gegenüber hatte. Doch ist es mehr als fragwürdig, dass Neaira in einem solchen Falle zurück nach Athen gegangen wäre. Stephanos brachte daraufhin eine Klage gegen Phrynion ein, dieser antwortete mit einer Gegenklage. Somit musste der Status Neairas vor Gericht geklärt werden.Pseudo-Demosthenes 59,40
Zunächst konnte sie zu Stephanos zurückkehren, der mit zwei Freunden für sie bürgte; zu einer Verhandlung kam es jedoch nie. Beide Seiten einigten sich darauf, private Schlichter (diaitetai) zu konsultieren. Sie wählten je einen Schlichter ihres Beliebens aus und einen dritten, der ihnen beiden genehm war. Ebenso vereinbarten sie, sich dem Schiedsspruch zu unterwerfen und keine weiteren rechtlichen Schritte zu unternehmen.Pseudo-Demosthenes 59,45
Das Ergebnis war, wie oft in solchen Schlichtungsverfahren, ein Kompromiss, mit dem sowohl Phrynion als auch Stephanos zufrieden sein konnte; Neaira hatte von vornherein keine Wahl. Es wurde festgestellt, dass sie keine Sklavin, sondern eine Freigelassene sei. Sie musste jedoch außer Kleidung, Schmuck und ihren selbst gekauften Sklavinnen alles zurückgeben, was sie aus dem Haushalt Phrynions mitgenommen hatte. Außerdem sollte sie beiden Männern zu gleichen Teilen zur sexuellen Verfügung stehen. Für ihren Lebensunterhalt musste jeweils der Mann aufkommen, bei dem sie gerade lebte. Wie lange diese Übereinkunft eingehalten wurde, ist unklar, weil Phrynion von da an nie wieder in den Quellen genannt wird.Pseudo-Demosthenes 59,46–48
Affären um Phano