mini|Hauberg bei Netphen mini|Holzstapel bei Salchendorf

Der Hauberg ist eine für das Siegerland sowie benachbarte Teile des Lahn-Dill-Berglandes und des Westerwaldes typische Form der genossenschaftlichen Waldbewirtschaftung. Sie diente der Gewinnung von Eichenrinde (zur Herstellung von Gerberlohe) und Holzkohle für die regional bedeutsame Eisenerzverarbeitung sowie zur Beschaffung von Brennholz, später auch zur Herstellung von Naturholzmöbeln. Zusätzlich zur forstwirtschaftlichen Nutzung fand aber auch eine landwirtschaftliche Nutzung statt, wie der im Schwendbau typische Anbau von Roggen und Buchweizen im Jahr nach der Holzernte („Haubergskorn“) sowie die spätere gemeinschaftliche Beweidung (Allmende).

2017 gab es noch etwa 200 Haubergsgenossenschaften im Siegerland, wobei die größeren rund 1.000 ha, die kleineren ca. 200 ha Fläche besitzen. Die Gesamtgröße wird auf heute noch etwa 30.000 Hektar abgeschätzt.Richard Pott: Haubergswirtschaft und Brandfeldbau. Kapitel 14 in: Ingo Feeser, Walter Dörfler, Manfred Rösch, Susanne Jahns, Steffen Wolters, Felix Bittmann (Hrsg.): Vegetationsgeschichte der Landschaften in Deutschland. Springer, Berlin 2024. ISBN 978-3-662-68935-6. 2018 wurde die „Haubergswirtschaft im Siegerland und in angrenzenden Regionen“ in das Bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen.Der Förderverein Historischer Hauberg Fellinghausen. In: Heimat Westfalen, Jg. 32 (2019), Heft 6, S. 39.

Überblick Der Hauberg ist ein Eichen-Birken-Niederwald, in dem vereinzelt auch andere Baumarten eingestreut sind. Mit einer Umtriebszeit von 16 bis 20 Jahren wird der Hauberg durch Kahlschlag derart „auf den Stock gesetzt“, dass die Bäume wieder ausschlagen und der Zyklus erneut beginnt. Nur im Jahr nach dem Kahlschlag wurde die Fläche zur Aussaat von Getreide genutzt ('Haubergskorn'). In Jahren reicher Eichelmast wurden die Schweine im Hauberg gehütet. Traditionell wurde ein Hauberg in so viele „Haue“ (auch „Jahne“) eingeteilt, wie Jahre von Umtriebszeit vorgesehen waren, und dann jedes Jahr einer davon genutzt.

Mit dem Rückgang der Nachfrage nach Gerberlohe und Holzkohle hat die Bewirtschaftungsform ihre Bedeutung verloren. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden deshalb umfangreiche Flächen in Hochwaldnutzung überführt. Die noch verbliebenen Niederwaldbestände dienen neben der Naturmöbelfertigung fast ausschließlich der Brennholz- und Industrieholzgewinnung.

Genossenschaftliche Struktur Die Hauberggenossenschaft ist eine Spezialform einer Genossenschaft, bei der die Genossenschaftsmitglieder gemeinsam die forstwirtschaftliche Nutzung eines bewaldeten Gebietes übernehmen. Die Hauberge sind ungeteiltes und unteilbares (ideelles) Gesamteigentum der Genossenschaft, die Anteile an der Genossenschaft, sogenannte Haubergspfennige (Penning auf Siegerländer Platt, im Dillkreis Gulden und AlbusKarl Löber: Beharrung und Bewegung im Volksleben des Dillkreises, Elwert Verlag Marburg 1965.) können vererbt und verkauft werden. Die Haubergsgenossenschaft wird als Körperschaft des öffentlichen Rechts angesehen und kann unter ihrem Namen Rechte erwerben und Verbindlichkeiten eingehen, Eigentum und andere dingliche Rechte an Grundstücken erwerben, vor Gericht klagen oder verklagt werden.

Die Hauberggenossenschaft unterliegt dem Haubergsrecht und einer von der Aufsichtsbehörde genehmigten Haubergsordnung. Die Haubergsordnungen können in ihren Regelungen zur Bewirtschaftung sowie zu den Aufgaben und Befugnissen der Genossenschaftsorgane regional verschieden sein.

Ein gewählter Vorstand führt die laufenden Geschäfte. Zu den Aufgaben des Vorstandes gehört vor allem die Organisation der Nutzung. Diese erfolgt jährlich. Dazu werden die schlagreifen Flächen ausgewiesen, in Lose unterteilt, mit einfachen Mitteln örtlich vermessen und markiert. Die Markierungen sind einfache Holzpflöcke bzw. Einkerbungen/Markierungen am Stamm (Dillkreis), die mit einem einfachen System aus Kerben und Punkten versehen werden, die als Zeichen des Anteilseigners bekannt sind (sogen. Stippen oder Haubergszeichen). Die Lose werden "ausgespielt", d. h. durch Auslosen den Genossen zur Bewirtschaftung zugeteilt, wobei als Verteilerschlüssel für die Anzahl der Lose die Anteilsgröße am Gesamteigentum herangezogen wird. Über die Zuordnung des konkreten Loses in der Örtlichkeit wird gesondert, z. B. durch ein Losverfahren entschieden.

Wegen des zurückgegangenen Interesses der Anteilseigner an der Haubergsarbeit wird heute die Holzwerbung vom Haubergsvorstand häufig an einen Unternehmer vergeben.

Geschichte und wirtschaftliche Bedeutung miniatur|Früher wurde das Holz größtenteils in Kohlenmeilern zu Holzkohle zur Verhüttung verarbeitet In den submontanen westlichen Mittelgebirgen wie dem Siegerland hatten sich vor Besiedelung durch den Menschen hallenartige Silikat-Buchenwälder vom Typ eines Luzulo-Fagetum etabliert. Die Einwanderung der Buche erfolgte hier, nach den Pollendiagrammen, gegenüber den tieferen Lagen verzögert und war erst um etwa 1000 v. Chr. abgeschlossen. Pollen von siedlungsanzeigenden Arten ist in sehr geringer Dichte etwa seit der Bronzezeit in den Moorprofilen belegbar.Richard Pott: Sauerländisches Bergland und Westerwald. Kapitel 34 in: Ingo Feeser, Walter Dörfler, Manfred Rösch, Susanne Jahns, Steffen Wolters, Felix Bittmann (Hrsg.): Vegetationsgeschichte der Landschaften in Deutschland. Springer, Berlin 2024. ISBN 978-3-662-68935-6. Im Siegerland sind archäologisch sporadische Nachweise für die Anwesenheit von Menschen, etwa zur Gewinnung von Hämatit als Pigment schon seit dem Mittelneolithikum belegbar. Eine bronzezeitliche Besiedlung ist aber archäologisch nicht nachweisbar. Manuel Zeiler, Sidney Sebald, Gisela Grupe (2017): Die Berge rufen! Archäologisch-anthropologische Studie zur Migration in die eisenzeitliche Montanlandschaft Siegerland (Nordrhein-Westfalen) anhand von Brandbestattungen. Archäologisches Korrespondenzblatt 47 (2): 173–199.

Soweit erkennbar begann die dauerhafte Besiedelung der Waldlandschaft des Siegerlands damit erst in der Eisenzeit. Dabei sind Funde aus der älteren Eisenzeit (Hallstattzeit) dünn und sporadisch. Eine stärkere Nutzung setzte erst in der vorrömischen Eisenzeit ein. Die großen Vorkommen von Eisenerz waren möglicherweise überhaupt erst der Anlass, in diese recht siedlungsfeindlichen Mittelgebirgslagen vorzustoßen. Dabei wurde die sehr stark mit Eisen angereicherte Verwitterungszone der Eisenlagerstätten gezielt abgebaut und in Rennöfen verhüttet.Jennifer Garner, Thomas Stöllner, Stephanie Menic, Manuel Zeiler (2019): Frühe Eisenhütten im Siegerland. AiD Archäologie in Deutschland 1/2019: 8–13. Ob diese Zuwanderer als „Kelten“ klassifiziert werden können, ist ein altes Streitthema. Die archäologischen Bezüge weisen auf zahlreiche umliegende Landschaften, insbesondere Nordhessen und die Wetterau, hin. Nach Strontiumisotopenanalyse von Knochenfragmenten aus Brandbestattung sind, neben ortsansässigen Siedlern, Zuwanderer, möglicherweise aus der Wetterau, in den Gräbern der Siedlungen nahe der Verhüttungsplätze fassbar. Obwohl in der Archäologie dergleichen Spekulationen heute nicht mehr gern gesehen werden, kann das als Indiz gesehen werde, dass es sich tatsächlich um Kelten gehandelt hat. Vermutlich haben diese Siedler die angrenzenden Landschaften, durch Handel, mit Eisen versorgt.

Während früher als gesichert galt, dass die eisenzeitlichen Berg- und Hüttenleute umfangreich Holzkohle zum Betrieb der Meiler gebrannt haben müssten, gibt es inzwischen Indizien, dass sie auch direkt mit Holz gearbeitet haben. können. Da die, aufgrund der einfachen Technik immer noch sehr eisenreichen Schlacken im Mittelalter offenbar gezielt abgebaut und erneut verhüttet wurden, sind die eisenzeitlichen Spuren aber archäologisch meist verwischt und nur an wenigen Stellen erschliesbar. Anhand der Analyse von Holzkohlenresten ist nachweisbar, dass die frühen Hüttenleute immer noch Buchenholz verwendeten. Es standen aber offenbar nur noch dünne Knüppel von 5 bis 20 Zentimeter Durchmesser zur Verfügung. Anhand der Pollenspektren ist aber ein Rückgang der Buche und ein starker Anstieg der Eiche für die jüngere Eisenzeit nachweisbar, der darauf hindeutet, dass einsetzende Niederwaldwirtschaft die Buchen zurückdrängte und die daran besser angepassten Eichen förderte. Parallel mit den Eichenpollen entwickelten sich auch die Siedlungszeiger. Dem starken Anstieg folgten zwei Rückgangsphasen: Eine schwächere in der älteren römischen Kaiserzeit, dann eine weitaus stärkere in der Völkerwanderungszeit. Wahrscheinlich wurde in dieser Zeit der Eisenbergbau im Siegerland ganz aufgegeben. In der wohl fast siedlungsleeren Landschaft konnten sich die Buchenwälder auf Kosten der Eichenwälder wieder erholen. Eine, nun weitaus stärkere als die eisenzeitliche, Siedlungsperiode setzte hier erst mit der Rodungsperiode etwa 750 bis 900 nach Christus wieder ein.Richard Pott (1993): Landnutzungsformen des südwestfälischen Berglandes in prähistorischer und historischer Zeit. Naturwissenschaften 80: 99–107. doi:10.1007/BF01131011

Als Form der nachhaltigen Bewirtschaftung entwickelte sich nun der Siegerländer Hauberg. Er war ein Niederwald (überwiegend Eiche/Birke) im Besitz von Genossenschaften, jede eingeteilt in meist 20 Parzellen. Pro Jahr durfte nur eine Parzelle zur Verkohlung genutzt werden. Da das Wichtigste, die Holzkohle, nun begrenzt war, wurde man erfinderisch in Nebennutzungen. So wurden Teile des Haubergs im Laufe des zwanzigjährigen Zyklus zum Spender von Eichenlohe zur Lederherstellung, zum Acker für Buchweizen und Roggen, das schon erwähnte Haubergskorn, zur Mehlgewinnung oder zur Weidefläche für Kühe. Dieser Hauberg behauptete sich bis ins 19. Jahrhundert. Dann kam mit der Steinkohle und der Eisenbahn eine andere Energie in Siegerland und bald darauf kam der Erzbergbau wegen zu hoher Kosten zum Erliegen. Viele Wälder entwickelten sich wieder zu Hochwäldern, aber vielerorts sieht man immer noch Niederwald, der einst ein Kohlwald war.Arbeitspapier „Vorschlag für ein Informationszentrum ‚Hauberg und Eisen‘ des ‚Arbeitskreises Historischer Hauberg Fellinghausen‘“ aus dem Jahr 2003.

(siehe hierzu auch Lahn-Dill-Gebiet, Abschn. 6. Eisenerzeugung, 6.5 Wald wird dezimiert, 6.6 Holzkohle wird knapp)

Alte Meilerplätze aus vorchristlicher Zeit sind in den Haubergsgegenden häufig nachgewiesen. Die Rennöfen benötigten große Mengen an Holzkohle für die Eisenverhüttung. Im 15. Jahrhundert waren die Wälder dadurch derart ausgebeutet, dass es schließlich im 16. Jahrhundert zu einer hoheitlichen Regelung der Waldnutzung kam. Die Grafen zu Nassau (1562) und zu Sayn (1565) erließen eine Waldordnung, in der neben der Ordnung der allgemeinen Nutzung auch für Nachhaltigkeit gesorgt wurde. Seitdem wurde die Niederwaldwirtschaft hoheitlich durch Haubergsordnungen geregelt. Die heutigen Haubergsordnungen basieren noch auf den letzten preußischen Verordnungen. So die Haubergsordnung für den Kreis Altenkirchen, verordnet am 9. April 1890 durch „…Wilhelm, von Gottes Gnaden König von Preußen etc. …“.

Der Schwendbau mit Roggen und Buchweizen hat die Holznutzung von den Anfängen an begleitet. Die Niederwaldwirtschaft ist in kleinen Flächen nicht zu betreiben. Die genossenschaftliche Nutzung war daher eine notwendige Konsequenz dieser Wirtschaftsform.

Mitte des 19. Jahrhunderts wurden aus einem Hektar Hauberg durch Lohe, Holzwerbung, Schanzen, Roggen, Roggenstroh und Hutung über eine Umtriebszeit von 18 Jahren etwa 830 Mark erwirtschaftet. Dafür fielen Arbeit und Kosten im Wert von 340 Mark an. Der Gewinn pro Jahr und Hektar betrug somit gut 27 Mark. Bei einem Wert von 3 Mark pro Tagewerk entsprach dieser Gewinn dem Wert von 9 Tagewerken. Das war fast der halbe Monatslohn eines Lehrers, aber mit nur 6 Tagwerken Arbeitseinsatz erreicht. Der Hauberg trug daher erheblich zum bäuerlichen Einkommen bei.