miniatur|300px|Kriege auch um die begrenzten globalen Ressourcen, Machtkämpfe, Hungersnöte oder die Folgen der menschengemachten globalen Erwärmung treffen vor allem die, welche in der Regel besonders wenig dazu beigetragen haben(Bild: Somalische Flüchtlinge,s. a. Klimagerechtigkeit) Als Umweltflüchtlinge werden Personen bezeichnet, die sich aufgrund von Umweltveränderungen oder Naturkatastrophen gezwungen sehen, ihre Heimat zu verlassen und sich auf die Flucht zu begeben. Wenn die menschengemachte Erderwärmung als Ursache der Umweltveränderung angesehen wird, spricht man auch von Klimaflüchtlingen. Beide Gruppen fallen jedoch nicht unbedingt unter den rechtlich definierten Begriff Flüchtling.

Schätzungen zur Migration aufgrund von Umweltproblemen (Umweltmigration) oder damit verbundener Probleme gehen von einer Größenordnung zwischen grob 50 und 150 Mio. betroffenen Menschen aus. Neuere Studien zeigen, dass Dürre und zunehmende Trockenheit weltweit einen signifikanten Einfluss auf interne Migrationsströme haben; besonders in hyper-ariden und ariden Regionen in Südeuropa, Südasien, Afrika und dem Nahen Osten sind die Migrationsraten durch klimatische Belastungen erhöht.

Begriff Rechtliche Lage Umweltflüchtlinge sind nicht explizit als Flüchtling im Sinne von Artikel 1 der Genfer Flüchtlingskonvention (Abkommen über die Rechtsstellung der Flüchtlinge) von 1951, mithin als Konventionsflüchtling, anerkannt. Dieser völkerrechtliche Vertrag legt im Geiste der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 die folgenden Gründe explizit fest: nämlich . Nicht erfasst sind aber materielle persönliche Notlagen, wie Hunger oder gravierende wirtschaftliche Probleme, und alle äußeren Umstände, wie Krieg oder eben Umweltdegradation und Naturkatastrophen.Vergl. dazu Nora Markard: Kriegsflüchtlinge: Gewalt gegen Zivilpersonen in bewaffneten Konflikten als Herausforderung für das Flüchtlingsrecht und den subsidiären Schutz. Band 60 von Jus Internationale et Europaeum (), Verlag Mohr Siebeck, 2012, ISBN 978-3-16-151794-5, Kapitel Bedeutung und Auslegung der Genfer Flüchtlingskonvention, S. 13 ff (). Jedoch können umwelt- oder klimabedingte Flucht beispielsweise dann (mittelbar) von der Konvention umfasst sein, wenn der Staat eine spezifische Gruppe aus den genannten Konventionsgründen heraus nicht ausreichend vor den Folgen des Klimawandels oder von Umweltkatastrophen schützt. Jüngere internationale Abkommen, wie der „Globale Pakt für sichere, geordnete und reguläre Migration“, erkennen zunehmend die Auswirkungen von Umweltveränderungen auf Migration an, wobei Klimaveränderungen als wachsender Migrationsfaktor angesehen werden.

Das Büro des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR) orientiert sich bisher bei seiner Definition von Flüchtlingen an der Beschreibung in der Genfer Konvention.Bogumil Terminski; Towards Recognition and Protection of Forced Environmental Migrants in the Public International Law: Refugee or IDPs Umbrella. Policy Studies Organization (PSO) Summit, December 2011, o.g.A. Erst in jüngeren Veröffentlichungen widmet sich der UNHCR dem Phänomen und erkennt Naturkatastrophen als Grund für Flüchtlingsbewegungen an.UNHCR: The State of the World’s Refugees – Displacement in the New Millennium. 2006 (siehe online, unhcr.org). Obwohl der Klimawandel oft als treibender Faktor für internationale Migration dargestellt wird, zeigt empirische Forschung, dass die Auswirkungen auf interne Migration innerhalb von Ländern wesentlich stärker sind: Kurzdistanzmigration innerhalb von Staaten wird durch lokale sozioökonomische Bedingungen und den Grad der städtischen Entwicklung beeinflusst.

Bis Anfang der 2000er bestand lediglich in Schweden, Finnland und den USA die Möglichkeit, aufgrund von Naturkatastrophen ein temporäres Asylrecht zu erlangen.United States Committee for Refugees and Immigrants: World Refugee Survey 2003 (, refugees.org).

Die beiden zentralen Richtlinien der Europäischen Union, die über die UN-Flüchtlingskonvention hinausgehen, die Qualifikationsrichtlinie (auch Anerkennungsrichtlinie, 2004/2011, subsidiärer Schutz) und Massenzustrom-Richtlinie (2001, vorübergehender Schutz) geben bisher keine explizite Möglichkeit, Umweltflüchtlinge als solche anzuerkennen.

Im Oktober 2015 verabschiedeten 109 Staaten die Nansen-Schutzagenda („Agenda for the protection of cross-border displaced persons in the context of disasters and climate change“).Nansen-Schutzagenda für Menschen auf der Flucht vor Naturkatastrophen, Volume 1 (PDF, Anzahl Seiten 56, 6.0 MB, Englisch)Nansen-Schutzagenda für Menschen auf der Flucht vor Naturkatastrophen, Volume 2 (PDF, Anzahl Seiten 104, 2.4 MB, Englisch) Diese Agenda enthält Maßnahmen aus den Bereichen Katastrophenvorsorge, Anpassung an den Klimawandel oder humanitäre Hilfe. Darauf aufbauend wurde im Mai 2016 die „Plattform zu Flucht vor Naturkatastrophen“ (Platform on Disaster Displacement) mit Sitz in Genf ins Leben gerufen.Platform on Disaster Displacement, abgerufen am 7. August 2018

Auch die Präambel des 2015 von 196 Staaten verabschiedeten Klimavertrages von Paris verweist darauf, dass Staaten ihren Verpflichtungen gegenüber Migranten und anderen besonders verletzlichen Gruppen in der Folge des Klimawandels dringend nachkommen müssen.

Die Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen haben aufgrund ihrer New Yorker Erklärung von 2016 im Jahr 2017 einen Prozess gestartet, der Ende 2018 mit dem „Pakt für sichere, geordnete und reguläre Migration“ abgeschlossen sein soll.The Global Compact for Safe, Orderly and Regular Migration (GCM), abgerufen am 7. August 2018 Dies entspricht auch dem 2015 beschlossenen UN-Nachhaltigkeitsziel 10.7 („Eine geordnete, sichere, reguläre und verantwortungsvolle Migration und Mobilität von Menschen erleichtern, unter anderem durch die Anwendung einer planvollen und gut gesteuerten Migrationspolitik“) im Zusammenhang mit dem Ziel 13 („Umgehend Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels und seiner Auswirkungen ergreifen“). Der Menschenrechtsausschuss der Vereinten Nationen hat 2020 festgestellt, dass die Klimakrise ein Asylgrund sein kann und ein Land keinen Menschen abschieben darf, der Asyl sucht, weil die Klimakrise sein Leben im Heimatland gefährdet.

Im September 2021 hat UN-Menschenrechtschefin Michelle Bachelet Migrationsmöglichkeiten für Klimaflüchtlinge gefordert.

Abgrenzung zu anderen Formen der Flucht Der Begriff geht auf den Wissenschaftler Essam El Hinnawi zurück, der ihn 1985 im Rahmen eines Berichts des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) einführte. Seitdem wurde er auf vielfältige Weise benutzt, konnte sich jedoch nur in Ansätzen durchsetzen. Besonders die zahlreichen verschiedenen wissenschaftlichen Definitionen von Umweltflucht lassen den Begriff unklar werden.Black, Richard (2001): Environmental refugees: myth or reality? New Issues in Refugee Research, No. 34, Geneva/Sussex (, jha.ac). Sinkt beispielsweise durch Bodenerosion die Produktivität des Bodens, verringert sich damit die Ernte, was Einbußen bei den Ernteerträgen sowie bei dem verfügbaren Einkommen der Landbevölkerung nach sich zieht. Irgendwann verlassen die Menschen ein so degradiertes Gebiet, und es ist unklar, ob sie als Umwelt- oder als Wirtschaftsflüchtlinge eingestuft werden sollten, da prinzipiell beides in Frage kommt. Gleichsam schwierig wird die Klassifizierung der Flüchtlinge durch den später im Zusammenhang mit der globalen Erwärmung eingeführten Begriff Klimaflüchtling. Treten dann durch Mangel regionale Spannungen und gar bewaffnete Konflikte auf, ist auch der Übergang zum Kriegsflüchtling fließend.

Ursachen mini|hochkant=2|Die Weltkarte zeigt Gebiete, in denen auf Grund des Klimawandels lokale Umweltveränderung zu Klimaflucht führen könnten. Rosa: Hurrikans/Tropische Wirbelstürme – Gelb: Desertifikation/Dürre – Blau: Veränderungen durch Meeresspiegelanstieg (Inseln, Deltas)

Als Ursache für das Entstehen von Umweltflüchtlingen werden zahlreiche verschiedene Umweltveränderungen genannt, darunter Desertifikation, Bodenerosion, Versalzung der Böden und Wassermangel. Aufgrund von Klimaveränderungen infolge der Globalen Erwärmung werden möglicherweise zukünftig zahlreiche Klimaflüchtlinge in gemäßigtere Klimazonen auswandern müssen. Langfristige Trockenheit und Dürreperioden, die durch die globale Erwärmung verschärft werden, beeinträchtigen landwirtschaftliche Erträge und die Wasserversorgung in vielen Teilen der Welt und dies führt zu zunehmender Migration aus ländlichen Regionen, die auf landwirtschaftliche Einkommen angewiesen sind. Die Folgen der globalen Erwärmung, wie in einer Studie aus dem Jahr 2024 gezeigt, beeinflussen insbesondere Gebiete mit hoher landwirtschaftlicher Abhängigkeit.

In stark betroffenen Gebieten wie Südasien und Afrika wurden signifikante Migrationseffekte beobachtet, die auf Trockenheit und zunehmende Aridität zurückzuführen sind; diese Regionen verzeichnen einen Anstieg der Migration aufgrund sinkender Erträge und zunehmender Wasserknappheit.

Der Klimawandel kann laut den Vereinten Nationen durch vier Ursachen zu Migrationsbewegungen führen. Dazu gehören der Verlust von Staatsgebiet durch den steigenden Meeresspiegel, die Folgen dieses Anstiegs in Form von Küstenerosion oder Versalzung küstennaher Gebiete, sich ausweitende Wüsten, und schließlich durch den Klimawandel bedingter Mangel an Ressourcen wie Wasser oder Boden.Migration durch Klimawandel? Tanja El-Cherkeh, HWWI Update 09 2009.

Dürre und Aridität sind besonders in Regionen mit geringen Anpassungskapazitäten ein wesentlicher Migrationsfaktor; in diesen Gebieten führt die Erschöpfung lokaler Ressourcen zunehmend zur Vertreibung von Gemeinschaften, wie es in Teilen von Südeuropa und Afrika der Fall ist.

Prognosen

Globale Lage In einer Studie aus dem Jahr 2024, die auf mehr als 100.000 Migrationsflüsse aus 72 Staaten beruht, wurde festgestellt, dass zunehmende Dürre und Aridität im Zeitraum von 1960 bis 2016 in vielen Ländern erhebliche Auswirkungen auf die interne Migration hatten: die Prognosen dieser Studie deuten darauf hin, dass bis zum Jahr 2050 weltweit bis zu 216 Millionen Menschen aufgrund klimabedingter Veränderungen innerhalb ihrer Heimatländer migrieren könnten. Die Auswirkungen von Klimaveränderungen können sich über längere Zeiträume erstrecken können, wobei der Höhepunkt der Migration oft Jahre nach der eigentlichen Klimaveränderung eintritt; in hyper-ariden Regionen kann der Höhepunkt der Abwanderung bis zu 15 Jahre nach Beginn der Dürre erreicht werden. Laut einer Studie des Internal Displacement Monitoring Centre (IDMC) waren im Jahr 2008 weltweit 36 Mio. Menschen infolge von Naturkatastrophen auf der Flucht, 17 Mio. im Jahr 2009 und über 42 Mio. 2010.Internal Displacement Monitoring Centre (2011): . Nach einem Anfang November 2017 im Vorfeld der UN-Klimakonferenz COP 23 in Bonn veröffentlichten Bericht des Hilfsorganisationen-Verbands Oxfam waren 2016 weltweit fast 24 Mio. Menschen vor allem aus ärmeren Ländern aufgrund von Wetterextremen auf der Flucht. Bewohner ärmerer Nationen haben demnach ein fünffach höheres Risiko, deshalb Heimatvertriebene zu werden als Bewohner reicherer Staaten. Zwischen 2008 und 2016 sollen jährlich durchschnittlich rund 14 Mio. Menschen aus ärmeren Ländern Schutz vor Unwettern, Stürmen und Überschwemmungen gesucht haben.

Frédérik Kok vom norwegischen Büro des IDMC: „Durch die großen Entwicklungsprojekte – Bau von Staudämmen, Industriezentren oder Plantagen – werden pro Jahr zwischen 5 Millionen und 15 Millionen Menschen heimatlos.“Rekacewicz, Philippe (2008): Wer nicht bleiben kann, muss fliehen, in: Le Monde diplomatique, Berlin, März 2008, S. 1, 12-13, siehe online.