mini|Ostfriesland um 1600, gezeichnet von Ubbo Emmius

Die Geschichte Ostfrieslands hat eine teils recht eigenständige Entwicklung innerhalb Deutschlands genommen, weil die Region durch große Moore im Süden des Landstrichs bei gleichzeitiger Hinwendung zur See über Jahrhunderte relativ isoliert war. So war in OstfrieslandIm vorliegenden Artikel geht es um die historische Region Ostfriesland, die heute die Stadt Emden sowie die Landkreise Aurich, Leer und Wittmund umfasst, siehe dazu die Definition der Ostfriesischen Landschaft: Verfassung der ostfriesischen Landschaft, Artikel I (Grundsätze), Absatz 2: „Ostfriesland umfasst die kommunalen Gebietskörperschaften Landkreise Aurich, Leer und Wittmund sowie Stadt Emden.“ im Mittelalter der Feudalismus nur wenig ausgeprägt, stattdessen entstand das Gefolgschaftssystem der Friesischen Freiheit. Erst 1464 wurde das Haus Cirksena mit der Reichsgrafschaft Ostfriesland belehnt. Der Absolutismus blieb in Ostfriesland jedoch unbekannt. In den zwei Jahrhunderten nach etwa 1500 machte sich ein spürbarer Einfluss der Niederlande bemerkbar – politisch, wirtschaftlich und kulturell. 1744 verlor die Grafschaft ihre Selbstständigkeit innerhalb des Heiligen Römischen Reichs und gehörte fortan zu Preußen, nach dem Wiener Kongress (1815) zum Königreich Hannover, ab 1866 wiederum zu Preußen und seit 1946 zu Niedersachsen.

Prägend ist auch der Jahrhunderte währende Kampf gegen die Fluten der Nordsee. In dem flachen Land an der Küste begannen die Menschen um das Jahr 1000, sich durch die Anlegung von Warften und Deichen gegen die Fluten zu schützen. Dabei kam es jedoch immer wieder zu schweren Rückschlägen in Form von verheerenden Sturmfluten, die zu Deichdurchbrüchen, Überschwemmungen und Landverlusten führten.

Fortschritte in der landwirtschaftlichen Nutzung waren durch verbesserte Melioration der Marschen und die planmäßige Urbarmachung der Moore (ab 1633) zu verzeichnen. Der Handel, insbesondere der Seehandel, hat zu fast allen Zeiten eine wichtige Rolle gespielt. So war die Stadt Emden um 1600 eine bedeutende Hafenstadt in Europa und entwickelte sich zugleich zu einem Hort des Calvinismus. Landwirtschaft und Fischerei waren über Jahrhunderte die wichtigsten Erwerbszweige. Die Industrialisierung hingegen fand erst spät statt.

Geschichte Frühgeschichte Steinzeit mini|Die rekonstruierte Grabkammer des Großsteingrabes Tannenhausen mini|Die Sonnenscheibe von Moordorf, Gold, Durchmesser: 145 mm, Höhe: 0,14 mm, Gewicht: 36,17 g, Landesmuseum Hannover Das bis dato älteste Artefakt, das auf menschliche Anwesenheit schon im jüngeren Mittelpaläolithikum, also der Zeit der Neandertaler hinweist, ist ein blattförmiger, 12,5 cm langer Schaber aus Holtland im Landkreis Leer. Auch der Faustkeil aus Neulorup bei Friesoythe stammt aus dieser Epoche, ebenso wie Faustkeile aus Westfriesland. Zeitlich lassen sich diese frühesten Werkzeuge allerdings nicht genauer einordnen.Henny A. Groenendijk, Jana Esther Fries, Jan F. Kegler, Daan C. M. Raemaekers: Von Jägern zu Bauern / Van jager tot boer, in: Land der Entdeckungen. Die Archäologie des friesischen Küstensaumes / Land von ontdekkingen. De archeologie van het Friese kustgebied, Aurich 2013, S. 113 (mit Abbildung des Schabers), S. 76 (Beschreibung).

Früheste Spuren menschlicher Anwesenheit finden sich erst wieder von jungpaläolithischen Rentierjägern der Hamburger Kultur.Karl-Ernst Behre/Hajo van Lengen: Ostfriesland. Geschichte und Gestalt einer Kulturlandschaft. Ostfriesische Landschaft, Aurich 1995, S. 40 f. Es folgen mesolithische Fundorte und später Nachweise neolithischer Siedlungen der Glockenbecherkultur, der Megalithkultur und der Schnurkeramischen Kultur. Auf Spiekeroog und Baltrum fanden Hobbyarchäologen 2016 und 2018 zwei menschliche Kieferknochen. Sie sind 7500 und 5500 Jahre alt und die ältesten bis dato gefundenen menschlichen Überreste im Gebiet der südlichen Nordsee. Der Spiekerooger Unterkiefer stammt von einem ca. 40-jährigen Mann, der im 6. Jahrtausend vor Christus lebte, also noch zu Zeiten der Jäger und Sammler. Der Unterkiefer von Baltrum gehörte ebenfalls zu einem männlichen Erwachsenen, der allerdings etwa 2000 Jahre später lebte, also in der Übergangszeit zu den ersten bäuerlichen Kulturen an der Nordseeküste. Genetische Analysen der Knochen ergaben, dass sich die Bevölkerung an der Nordseeküste deutlich von anderen europäischen Bevölkerungsgruppen unterschied. Während sich in weiten Teilen Europas zwischen etwa 6500 und 4000 v. Chr. Nachfahren westanatolischer Bauern mit lokalen Jäger- und Sammlergruppen vermischten und dies zu einem Austausch von 70 bis 100 Prozent der ursprünglichen nacheiszeitlichen Abstammung führte, blieb in Feucht-, Fluss- und Küstengebieten ein hoher Anteil der DNA der älteren Bevölkerung länger erhalten. Dort lag der Anteil von Menschen mit Vorfahren aus Jäger- und Sammlergruppen noch rund 3000 Jahre später bei etwa 50 Prozent. Diese Erkenntnisse beruhen auf der Auswertung von 112 menschlichen Knochenfunden aus Feucht-, Fluss- und Küstengebieten der Niederlande, Belgiens und Westdeutschlands aus dem Zeitraum zwischen 8500 und 1700 v. Chr.

Überregional bedeutende Funde aus der Frühzeit bäuerlicher Kultur sind die älteste Brandbestattung Nordwestdeutschlands (datiert auf 2700–2900 v. Chr.)Archäologischer Dienst der Ostfriesischen Landschaft: Die Steinzeit. und der Pflug von Walle von etwa 1000 v. Chr. geschätzt., abgerufen am 12. Mai 2025. Eine genaue Datierung des Fundes steht noch aus.Wolfgang Schwarz: Die Urgeschichte in Ostfriesland . Leer 1995, ISBN 3-7963-0323-4, S. 106.

Die ältesten Funde menschlicher Besiedelung in Ostfriesland wurden bei Hesel gemacht.Arbeitsgruppe der Ortschronisten der Ostfriesischen Landschaft: Hesel (PDF; 0,9 MB), abgerufen am 12. Mai 2025. Dort wurden unter anderem Reste einer Kultstätte entdeckt. Aus der Jungsteinzeit liegt eine Reihe von Steinwaffen und Keramiken vor. Hünengräber (Utarp und Tannenhausen) und Funde von Steinbeilen stammen aus der Zeit der Megalithkultur. Den bedeutendsten Fund aus der Bronzezeit stellt die Goldscheibe von Moordorf dar. Die Bevölkerung dünnte sich mit der Versumpfung der Landschaft merklich aus.

Germanische Stämme Eine Neubesiedlung fand erst im zweiten Jahrhundert vor Christus statt. Die Siedler aus dem Großverband der germanischen Ingwäonen kamen wahrscheinlich aus Jütland und Skandinavien. Plinius der Ältere nennt Chauken und Friesen aus dem Großverband der Ingwäonen.Plinius der Ältere, Naturalis historia 16,1,2–4. Dabei kann bis heute nicht geklärt werden, ob die erwähnten Ur-Friesen („Frisii“) germanischen Ursprungs waren oder erst durch den Zuzug germanisiert wurden.

Während ursprünglich Chauken das Gebiet zwischen Ems und Weser bewohnten, begannen etwa um die Zeitenwende Friesen langsam in diesen Raum vorzudringen. Die Chauken wurden von ihnen teils verdrängt, teils in ihren Stammesverband aufgenommen. Seit dem zweiten Jahrhundert wurden die Chauken nicht mehr erwähnt. Ob sie im Stammesverband der Sachsen oder dem der Franken aufgingen, ist unklar.Klaus-Peter Johne: Die Römer an der Elbe: Das Stromgebiet der Elbe im geographischen Weltbild und im politischen Bewusstsein der Griechisch-römischen Antike. Akademie Verlag, Berlin 2006, ISBN 3-05-003445-9, S. 295. Von der Landseite her drängten sächsische Stämme in die Geestgebiete vor. Die späteren Ostfriesen gingen aus der Vermischung dieser Gruppen hervor.

Die Grenze zwischen Friesen und Chauken hatte sich quer durch Ostfriesland gezogen. Es wird angenommen, dass Orte, deren Namen auf -um (früher -hem) enden, friesische Siedlungen waren (zum Beispiel Jemgum, Bingum, Petkum, Borssum), Orte auf -ens hingegen chaukischen Ursprungs sind (zum Beispiel Esens, Wiesens, Popens, Schortens).

Römische Erkundungszüge und Siedlungen 12 v. Chr. erreichten die Römer unter ihrem Feldherrn Drusus erstmals Ostfriesland.Norbert Fiks: Die Römer in Ostfriesland. (PDF; 376 kB). Wenige Jahre später ankerte Germanicus in der Amisia (Ems). Der möglicherweise zur Versorgung und zum Schutz der Schiffe genutzte Fundplatz Bentumersiel (heute Gemeinde Jemgum) zählt zu den wenigen Orten in Niedersachsen, in denen Funde auf die Anwesenheit römischer Legionäre zu Beginn des 1. Jahrhunderts n. Chr. hinweisen.E. Strahl: Niedersächsisches Institut für historische Küstenforschung Bis 28 n. Chr. blieb Friesland Teil des Römerreiches, und im Jahr 47 wurde das Land erneut unterworfen. Doch der Kaiser befahl dem Befehlshaber Gnaeus Domitius Corbulo wieder abzuziehen.

Einem Bericht des Tacitus zum Jahr 58 n. Chr. zufolge waren die Friesen „mit ihrem gesamten Volk“ in den breiten, zu dieser Zeit weitgehend menschenleeren Grenzstreifen rechts des unteren Niederrheins gezogen und hatten dort bereits mit der Bodenbearbeitung und dem Bau von Häusern begonnen. Doch die nach Rom geschickten Gesandten erhielten dort, obwohl sie auf die verschwenderisch freien Flächen verwiesen, nicht die Erlaubnis des Kaisers, dort zu siedeln. Daraufhin lösten römische Einheiten den Ansiedlungsversuch auf.Reinhard Wolters: Die Römer in Germanien. 7. Aufl., Beck, München 2018, S. 60. Die Friesen beteiligten sich ein Jahrzehnt später am erfolglosen Bataveraufstand.

Mittelalter (bis 1464) Völkerwanderung, Heerkönige, gescheiterte Christianisierung mini|Darstellung des Deichbaus im Oldenburger Sachsenspiegel

Mit dem Niedergang des Weströmischen Reiches versiegen vom 4. bis zum 7. Jahrhundert die Schriftquellen über die Region.

Für das 5. und 6. Jahrhundert gibt es wenige archäologische Funde, was darauf hindeutet, dass es in dieser Zeit zu einem starken Rückgang der Besiedlung kam. Ursache dafür könnte ein Anstieg des Meeresspiegels und die dadurch bedingte Überflutung der Marsch und die Vernässung der Geest sein. Wahrscheinlich ist, dass ein Teil der Bevölkerung mit den Sachsen, Angeln und weiteren germanischen Völkern nach England übersetzte.Dies und das Folgende nach Wolfgang Schwarz: Ur- und Frühgeschichte, in: Karl-Ernst Behre/Hajo van Lengen: Ostfriesland. Geschichte und Gestalt einer Kulturlandschaft, Ostfriesische Landschaft, Aurich 1995, ISBN 3-925365-85-0, S. 72–75. Eine der wenigen Ausnahmen, die für eine kontinuierliche Besiedelung der Region sprechen, ist der Runensolidus von Schweindorf.

In der Völkerwanderungszeit wurde die im östlichen Ostfriesland ansässige Bevölkerung der Chauken vermutlich in den föderativen Stammesverband der Sachsen eingegliedert. Auf eine kulturelle Annäherung deuten Funde neuer Keramikformen hin, die aus dem Gebiet westlich der Weser stammen, wo in dieser Zeit die Sachsen lebten. Zeugnisse kriegerischer Auseinandersetzungen, etwa Brandhorizonte, fehlen hingegen.

Im 7. und 8. Jahrhundert begann eine Neubesiedlung im Rahmen einer Expansion des friesischen Siedlungsgebiets. Diese reichte im Westen bis zur Sincfal (nördlich von Brügge) und umfasste Südholland, Utrecht und Westgelderland. Seit dem 8. Jahrhundert wurden auch Wursten und die nordfriesischen Inseln besiedelt, und später das gegenüberliegende Festland. Funde aus dieser Zeit deuten darauf hin, dass die Siedler aus den friesischen Gebieten westlich der Lauwers stammten.

Bis zu den ersten Deichbauten war eine Besiedlung nur in höher gelegenen Geestgebieten und auf sogenannten Warften im häufig von der Nordsee überfluteten Marschland möglich. Ab etwa 1000 n. Chr. ermöglichten Deichbauten, die gesamte Marsch zu besiedeln. Hierauf spielt der Sinnspruch Deus mare, Friso litora fecit (Gott schuf das Meer, der Friese die Küsten) an.Rolf Meurer: Wasserbau und Wasserwirtschaft in Deutschland: Vergangenheit und Gegenwart. Parey, Berlin 2000, ISBN 3-8263-3303-9, S. 17.