mini|Weingarten 1917 mini|Münsterplatz Weingarten (Aquarell: Vinzenz Marschall 1930; Coll. Johannes Baier) mini|Weingarten 2010

Weingarten (bis 1865: Altdorf, oberschwäbisch Wãẽgaade) ist eine Mittelstadt im Südosten Baden-Württembergs in Deutschland.

Die Stadt Weingarten ist nach der Nachbarstadt Ravensburg und Wangen im Allgäu die drittgrößte Stadt im Landkreis Ravensburg. Seit dem 1. Januar 1974 ist sie Große Kreisstadt. Sie erstreckt sich auf 12,16 km² Fläche und hat (Stand: ) Einwohner, was entspricht. Die Ursprünge der Siedlung reichen bis ins 5. Jahrhundert zurück. Geprägt wurde die Stadt jahrhundertelang durch die von den Welfen gegründete Reichsabtei Weingarten, deren Klosterkirche zu den größten Kirchenbauten im Barockstil nördlich der Alpen gehört und eine der bedeutendsten Barockorgeln Deutschlands beherbergt. Weingarten ist Sitz einer Pädagogischen Hochschule und einer Hochschule für Technik, Wirtschaft und Sozialwesen. Die Stadt ist überregional auch als Fasnetshochburg und für ihren Blutritt bekannt, eine jährlich stattfindende Reiterprozession zu Ehren einer Heilig-Blut-Reliquie.

Geographie Lage mini|Luftbild von Weingarten (Württemberg), Oktober 2020

Weingarten liegt unmittelbar nördlich von Ravensburg und nur wenige Kilometer westlich des Altdorfer Walds am Ostrand des Schussenbeckens im mittleren Tal der Schussen, die in den Bodensee fließt und somit ein (rechter) Rhein-Zufluss ist. Die Altstadt, das ehemalige Altdorf, liegt im Tal der Scherzach, einem kleinen Bach, der in die Schussen mündet. Das der Stadt den Namen gebende Kloster Weingarten liegt auf einer nordöstlichen Höhe, dem sogenannten Martinsberg, über der Altstadt.

Klima mini|Das Klima in Weingarten Durchschnittlich fallen in Weingarten 854 mm Niederschläge pro Jahr.

Nachbargemeinden Folgende Städte und Gemeinden grenzen an die Stadt Weingarten, sie werden im Uhrzeigersinn beginnend im Norden genannt und gehören alle zum Landkreis Ravensburg: Baienfurt, Schlier, Ravensburg und Berg.

Stadtgliederung In die Stadt Weingarten wurden keine umliegenden Gemeinden eingegliedert. Infolgedessen bildet das Stadtgebiet eine relative Einheit. Dennoch werden umgangssprachlich zur besseren Orientierung verschiedene Stadtgebiete mit eigenem Namen unterschieden, deren Bezeichnung sich im Laufe der Bebauung ergeben haben und deren Abgrenzungen meist nicht genau festgelegt sind. Dazu gehören neben dem eigentlichen Stadtzentrum die Oberstadt, die Talsiedlung Süd, das Stadtesch, die Blumenau, die Untere Breite, das Lerchenfeld, die Promenade, die Obere Halde, das Mühlbachviertel, das Dörfle, das Baienfurter Ösch und Burach.

Darüber hinaus werden noch einige separat gelegene Wohnplätze mit eigenem Namen unterschieden, die jedoch nur sehr wenige Einwohner haben. Hierzu gehören: Bechters, Eggers, Hähnlehof, Hinterochsen, Meisterhof, Nessenreben, Ortliebs, Sterkshof, Trauben, Vorderochsen, Waldheim und Welte.

Raumplanung Weingarten bildet zusammen mit Ravensburg und Friedrichshafen das Oberzentrum des Regionalverbands Bodensee-Oberschwaben. Dieses übernimmt für den Einzugsbereich Ravensburg/Weingarten auch die Funktion eines Mittelbereichs. Dieser umfasst auch den südlichen Teil des Landkreises Ravensburg, im Einzelnen neben Ravensburg und Weingarten die Gemeinden Baienfurt, Baindt, Berg, Bodnegg, Fronreute, Grünkraut, Horgenzell, Schlier, Vogt, Waldburg, Wilhelmsdorf, Wolfegg und Wolpertswende.

Schutzgebiete

In Weingarten liegt das Landschaftsschutzgebiet Sennwiesen und ein Teil des Landschaftsschutzgebiets Lauratal und Rößlerweiher. Zudem hat Weingarten kleine Anteile an den FFH-Gebieten Schussenbecken mit Tobelwäldern südlich Blitzenreute und Altdorfer Wald.Daten- und Kartendienst der LUBW

Geschichte Bis 1865 wurde der Name Weingarten nur für das Kloster verwendet, die umgebende Ortschaft hieß Altdorf. Der Name wird vom altgermanischen Kultwort alach für „Heiligtum, Tempel“ hergeleitet,Norbert Kruse (Hrsg.): Weingarten. 1992, ISBN 3-924489-61-0. S. 86–87 (Der Name Altdorf) es handelte sich also um einen Ort mit/bei einem Heiligtum.

Altdorf war (vermutlich unter dem Namen Alachdorf) schon im frühen 5. Jahrhundert von Alamannen besiedelt. Aus der Merowingerzeit stammt das Gräberfeld von Weingarten, das annähernd vollständig untersucht werden konnte. Der Kern des Gräberfelds und der Martinsberg bilden eine West-Ost-Achse, weshalb zu vermuten ist, dass das alamannische Heiligtum sich auf dem Martinsberg befand.Norbert Kruse (Hrsg.): Weingarten. 1992, ISBN 3-924489-61-0. S. 86 Die Funde lassen durch ihren Reichtum auf einen alamannischen Herrensitz schließen. Spätestens im 8. Jahrhundert wurde Altdorf wie das ganze alamannische Gebiet Teil des Fränkischen Reichs. Um die Mitte des 9. Jahrhunderts kam das mittlere Schussental als Grafschaft Schussengau in den Besitz des schwäbischen Zweiges der Welfen (ursprünglich Franken aus dem Maas-Mosel-RaumJ. Fleckenstein: Über die Herkunft der Welfen. S. 105–107), die in Altdorf gegenüber dem Martinsberg eine Pfalz errichteten, ihre neue Stammburg.Bernd Rill: Der Bodensee, Casimir Katz Verlag, Gernsbach 2014, ISBN 978-3-938047-69-9, S. 66 f. Die Verbindung zwischen Altdorf bzw. Weingarten und den Welfen wird auch über die Welfensage dokumentiert, die am Amtshaus gegenüber dem Rathaus in einer Abfolge von 12 Bildern dargestellt wird und wesentlich im Altdorfer Wald spielt.

Im ersten Drittel des 10. Jahrhunderts wurde auf dem heutigen Gebiet des Kreuzbergfriedhofes eine romanische Kirche erbaut, die später im romanisch-gotischen Stil umgebaut wurde. Um 935 gründeten die Welfen in Altdorf ein Frauenkloster, das als Grablege (Familiengrab) ihres Geschlechts bestimmt war, aber bereits 1053 durch einen Brand zerstört wurde. Die Nonnen wurden zunächst auf den Martinsberg umgesiedelt.

1056 gründete Welf IV. nach der Verlegung der Burg ins benachbarte Ravensburg auf dem Martinsberg ein neues Benediktinerkloster, das mit Mönchen aus Altomünster besiedelt wurde; die Altdorfer Nonnen besiedelten im Gegenzug das Kloster Altomünster.

mini|Idealplan des Klosters Weingarten, anonymer Kupferstich im Stil von Michael Wening (1723)

Im Jahre 1094 schenkte Judith von Flandern, die Gattin Welfs IV., dem Kloster die Heilig-Blut-Reliquie. Neben den vielen anderen Schenkungen fand die Reliquie wenig Beachtung. Erst 1182, zur Weihe der romanischen Basilika, wird sie besonders erwähnt.

Um 1122 wurde Friedrich I. Barbarossa vielleicht auf der Haslachburg im Lauratal geboren (oder in Waiblingen oder Hagenau). Der Name Kloster Weingarten ist um 1123 belegt. Die Mönche beschäftigten sich u. a. mit der Buchmalerei, ihr berühmtestes Werk ist das Berthold-Sakramentar (1217, heute in der Pierpont Morgan Library in New York). Von großer Bedeutung ist ebenfalls die Weingartener Liederhandschrift, eine Sammlung von Minnelyrik des 14. Jahrhunderts, die allerdings erst im 17. Jahrhundert in den Besitz des Klosters Weingarten kam.Carmen Kämmerer: Die Weingartner Liederhandschrift in der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart. In: Bibliotheksdienst. Band 44, Nr. 6, 2010, , ZDB-ID 501896-1, S. 553–564 (online) [abgerufen am 26. November 2015]Gebhard Spahr: Weingartener Liederhandschrift, Anton H. Konrad Verlag, Weißenhorn 1968. In der Ortschaft Altdorf entwickelte sich ab dem 13. Jahrhundert ein Markt. Unter König Rudolf von Habsburg wurde die Entwicklung zu einer Stadt aber durch Errichtung der Landvogtei Oberschwaben (später Landvogtei Schwaben) gehemmt, deren Sitz zunächst im benachbarten Ravensburg war, nach Zerstörung der dortigen „Veitsburg“ im Dreißigjährigen Krieg 1647 aber nach Altdorf verlegt wurde. Die Landvogtei über das zunächst reichsunmittelbare DorfErhard Nietzschmann: Die Freien auf dem Lande. Ehemalige deutsche Reichsdörfer und ihre Wappen. Melchior, Wolfenbüttel 2013, ISBN 978-3-944289-16-8, S. 9. wurde zumeist an Fürsten oder Adlige verpfändet, darunter die Reichstruchsessen von Waldburg. In einer kaiserlichen Urkunde von 1377 wurde Altdorf zwar das Recht auf einen regelmäßigen Wochenmarkt gewährt, der allerdings bestehende Märkte innerhalb einer Meile (7,4 km) – und damit den Ravensburger Markt – nicht gefährden durfte. Auch eine Stadtbefestigung wurde untersagt. Die Nachbarstadt Ravensburg zog in dieser Zeit als Freie Reichsstadt zahlreiche Einwohner aus Altdorf an, darunter die späteren Ravensburger Handelsfamilien und Patriziergeschlechter Holbein und Humpis.

Im Neuburger Hof am Münsterplatz wurde am 17. April 1525 der „Frieden von Weingarten“ geschlossen, der die Bauernkriege im Schwäbischen Oberland beendete.Redaktion Schwäbische Zeitung, Denkmal für Ende des Bauernkriegs geplant, Schwäbische Zeitung, 9.11.2021, www.schwaebische.de/landkreis/landkreis-ravensburg/weingarten_artikel,-denkmal-fuer-ende-des-bauernkrieges-in-oberschwaben-geplant-_arid,11433098.htmlPeter Blickle, Der Bauernjörg, Verlag C. H. Beck, München 2017, Kapitel 7.Hans Ulrich Rudolf, Ende und Ausgang, in: Elmar L. Kuhn (Hrsg.): Der Bauernkrieg in Oberschwaben, Tübingen 2000, S. 199 ff.

Das Kloster Weingarten wurde 1274 zur Reichsabtei erhoben und erwarb im Laufe der Zeit großen Landbesitz vom Allgäu bis zum westlichen Bodensee. Dieser Besitz umfasste zuletzt 306 km², damit war Weingarten nicht nur eines der reichsten Klöster in Süddeutschland, sondern regierte auch größere Gebiete als die meisten Reichsstädte. Da die von Judith von Flandern im Jahre 1094 überreichte Heilig-Blut-Reliquie immer mehr Pilger anlockte, brauchte das Kloster Weingarten ein neues Gotteshaus. Die alte romanische Kirche war zu klein. Man wollte sie ersetzen, um noch mehr Pilgern die Chance zu geben, die Heilig-Blut-Reliquie zu bewundern und um der kostbaren Gabe einen neuen, noch größeren und prunkvolleren Platz zu bieten. Außerdem wollte man mit der Basilika, wie es im Barock üblich war, nach außen hin die eigene Macht zeigen, und dies ist mit dem Bau der Basilika eindrucksvoll gelungen. Im Barock herrschte nämlich die Auffassung, dass vornehme Abkunft und Tüchtigkeit allein einem Fürsten noch keine Hoheit und Größe verschaffen. Daher verleiht die Großartigkeit und die Prachtentfaltung einem fürstlichen Hof den größten Anschein und Schmuck der Herrlichkeit (Macht). Dazu verschafft es ihm größeren Gehorsam und tiefere Achtung bei seinen Untertanen. Dies war auch der Grund der Weingärtner Mönche, die eine großartige Erneuerung ihres Klosters ins Auge fassten. Hinzu kamen aber auch geistlich-religiöse Gründe. Der barocke Neubau sollte zum größeren Ruhme Gottes auch dem Stolz der Weingartner Mönche über die erfolgreiche Klosterreform Ausdruck geben. Siegreich hatte Weingarten die Entfremdung von der Benediktsregel, klösterliche Misswirtschaft, Verweltlichung und die Herausforderung der Reformation überwunden. Am 10. September 1724 konnte der Fürstbischof von Konstanz, Johann Franz Schenk von Stauffenberg, die Kirche feierlich einweihen. Zehn Tage lang dauerten die Feierlichkeiten in Altdorf.

Doch wenn man die heutige Klosteranlage mit dem damaligen Bauplan vergleicht, fällt auf, dass der ursprüngliche Plan nicht ganz umgesetzt wurde. Im Norden der Anlage konnte nur der Schlossbau unter der Leitung von Franz Schmutzer vollendet werden. Doch als man weiterbauen wollte, erhob die Landvogtei Anzeige bei der Innsbrucker Regierung, und diese leitete einen Baustopp ein. Der Grund für die Anzeige war, dass mit dem Neubau anscheinend das Klostergebiet verlassen wurde. Auch waren die Kosten für den Bau der Basilika sehr hoch, so dass das Kloster hoch verschuldet war und kein Geld mehr hatte. Aber auch der Franzosenkrieg oder die Säkularisation erschwerten die Bauarbeiten. Aus diesen Gründen sind auch heute noch im Südbereich des Klosters der mittelalterliche Kreuzgang und Gebäude erhalten. Im Zuge der Säkularisation wurde das Kloster 1802 aufgelöst und zunächst Besitz des Hauses Oranien-Nassau.