mini|Säugling während des Stillens
Als Säugling () wird ein Kind im ersten Lebensjahr bezeichnet.
Nach der Geburt wird ein junger Mensch naturgemäß mit Muttermilch ernährt, durch Stillen oder Säugen an der weiblichen Brust. Ähnlich dem Nachwuchs anderer Säugetiere ist der menschliche Säugling für diese Ernährungsform kompetent durch angeborene Reflexe wie den Such- und den Saugreflex. Sie ermöglichen auch die Aufnahme flüssiger Nahrung durch Saugen an einer Babyflasche und so eine Ernährung mit Muttermilchersatz, wenn der Säugling nicht gestillt wird.
Etymologie und Begriffsverwendungen Das Wort Säugling entwickelte sich im Spätmittelhochdeutschen sügelinc aus dem Verb saugen für ‘Flüssigkeit mit Lippen und Zunge einziehen’, im 8. Jahrhundert. Das heute umgangssprachlich meist gebräuchlichere Wort Baby wurde in den 1840er-Jahren aus dem Englischen baby als Koseform von englisch babe entlehnt und gehört zu den Lallwörtern, denen – wie englisch babble – im Deutschen etwa babbeln, plappern oder brabbeln lautmalerisch gemein sind.Säugling in DWDS; abgerufen am 9. Januar 2020Baby in DWDS; abgerufen am 9. Januar 2020 In der Schweiz ist zudem das aus dem Französischen abgeleitete Bébé gängig,Bébé, das in Duden.de; abgerufen am 9. Januar 2020 veraltend im Deutschen auch Wickelkind oder amtssprachlich Kleinstkind.Baby, das in duden.de; abgerufen am 9. Januar 2020
Entwicklung Während der ersten vier Wochen heißt ein Kind auch Neugeborenes. Nach Vollendung des ersten Lebensjahres schließt sich das Kleinkindalter an.
Körperliche Entwicklung mini|hochkant|Aufstützen der Arme als Voraussetzung fürs Krabbeln und die spätere Aufrichtung zum Stehen und Laufen Der menschliche Säugling ist wie der anderer Primaten ein Tragling. Im ersten Lebensjahr gibt es typische Entwicklungsphasen, deren zeitliche Streuung mit zunehmendem Alter größer wird. Vorübergehende Unterschiede in der Entwicklung sind häufig und können durchaus ausgeglichen werden. Auffällige oder langfristige Abweichungen der körperlichen Entwicklung sind Gegenstand der Pädiatrie. Um Entwicklungsverzögerungen frühzeitig zu erkennen, gibt es Kindervorsorgeuntersuchungen.
Nach drei bis fünfWilfried de Nève, Wolfgang Presber (Hrsg.): Ergotherapie: Grundlagen und Techniken. 4. Auflage. Elsevier, Urban&FischerVerlag, 2003, ISBN 3-437-47980-6. S. 384 (Scan bei Google Buchsuche) Monaten hat ein gesunder Säugling sein Geburtsgewicht verdoppelt und ist um etwa 15 Zentimeter gewachsen. Am Ende des ersten Lebensjahres wiegt das Kind etwa zehn Kilogramm, was rund dem dreifachen Geburtsgewicht entspricht, und ist circa 75 Zentimeter groß. Je älter ein Kind ist, desto größer ist auch die Streubreite für das, was hinsichtlich Gewicht und Größe als normal gelten kann. Um dem Rechnung zu tragen, werden in der Medizin Vergleiche mit der nach Alter und Geschlecht üblichen Entwicklung von Größe und Gewicht nicht nach dem Durchschnittswert, sondern anhand sogenannter Perzentilen vorgenommen.
Auch die Beurteilung der Beziehung zwischen Körpergröße und Körpergewicht orientiert sich an solchen Relativwerten, berücksichtigt darüber hinaus aber noch weitere Faktoren. Von besonderer Bedeutung ist hier der Verlauf der individuellen Wachstumskurve.
Das Verhältnis von Kopf zu Rumpf beträgt beim Säugling etwa eins zu vier, während beim Erwachsenen ein Verhältnis von eins zu acht vorliegt. Diese Art des Wachstums, das eine Proportionsänderung einschließt, nennt man allometrisches Wachstum.
Die Zeit zwischen der Empfängnis und dem zweiten Geburtstag sind für die Entwicklung über die gesamte Lebensdauer von besonderer Bedeutung, da in dieser Zeit zentrale Grundlagen für Gesundheit, Wachstum und die neuronale Entwicklung gelegt werden.
Zahnentwicklung
Der Ablauf des Zahndurchbruchs unterliegt einer breiten Streuung. Während einige Kinder schon früh zahnen, kann sich der Ablauf auch um mehrere Monate nach hinten verschieben. In der Regel brechen im zweiten Lebenshalbjahr zuerst die mittleren Schneidezähne durch, die unteren vor den oberen, danach die seitlichen Schneidezähne. Es folgen, meist im zweiten Lebensjahr, die vier ersten Mahlzähne, anschließend die Eckzähne und schließlich die zweiten Molaren. Die volle Verzahnung der zwanzig Zähne des Milchgebisses ist meistenfalls Ende des dritten Lebensjahres erreicht.
Sensomotorische Entwicklung Unter sensomotorischer Entwicklung wird die dynamische Wechselwirkung von Wahrnehmungen (über Sinnesreize) und reaktiver Bewegung (über das neuromuskuläre Zusammenspiel) verstanden. Die aktuelle Forschung geht davon aus, dass der Mensch in seinem ersten Lebensjahr auf ein angeborenes Lernprogramm zurückgreift, welches ihm ermöglicht, eine kontinuierliche Entwicklung von der Geburt bis zum aufrechten Stand zu vollziehen.
Schon Säuglinge sind – wie alle Menschen – Individuen. Sie sind verschieden und haben bereits Charaktereigenschaften. Es gibt eine sehr große Bandbreite an gesunden Entwicklungen und die Reihenfolge der erlernten Fähigkeiten kann verschieden sein.
Sprachentwicklung
In den ersten Lebensmonaten beschränken sich die Lautäußerungen des Kindes auf gelegentliches Schreien als Unmutsäußerung. Mit etwa drei bis vier Monaten beginnt der Säugling langsam, zu lallen und zu brabbeln. Schon bald werden gezielte Lautäußerungen zur Kommunikation genutzt, indem der Säugling auf Ansprache mit einzelnen Vokalen antwortet. In dieser Zeit verbessert sich die Motorik des Stimmapparates, sodass am Ende der Säuglingsperiode in den meisten Fällen Doppelsilben wie „Mama“ oder „Papa“ gesprochen werden können.
Reflexe und Reaktionen Reflexe sind unwillkürliche, regelhaft ablaufende Vorgänge als Antwort auf äußere Reize, aufgenommen hauptsächlich über Rezeptoren der Haut und Propriozeptoren sowie Organe des Gleichgewichtssinnes. Sie werden zentral über den Hirnstamm und das Zwischenhirn (Thalamus und Pallidum) vermittelt, die Antwort ist wenig variabel. Reaktionen sind komplexere Antworten auf äußere Reize, die in einem bestimmten Muster erfolgen. Die Muster können unterbrochen und verändert werden.
Alle frühkindlichen Reflexe und Reaktionen sind einem bestimmten Bereich und einem gewissen Integrationsniveau im Zentralnervensystem zugeordnet. Innerhalb eines bestimmten Zeitraumes gelten sie als physiologisch und werden erwartet. Sie begleiten die sensomotorische Entwicklung des Kindes in verschiedenen Phasen und werden später abgelöst. Im Folgenden werden nur einige für die Diagnose und Behandlung wichtige Reflexe und Reaktionen erläutert. Wenn nichts anderes vermerkt ist, wird die Rückenlage als Ausgangsstellung betrachtet.
Primitivreflexe
Palmarer Greifreflex Bestreichen der Handinnenflächen mit dem Daumen ⇒ Greifen, Faustschluss physiologisch: nullter bis sechster Lebensmonat, danach verhindert er den Handstütz und koordiniertes Greifen
Plantarer Greifreflex Bestreichen der Zehenballen mit dem Daumen ⇒ Zehenkrallen physiologisch: nullter bis elfter Lebensmonat, ab Laufbeginn stört bzw. verhindert er das Gehen
Moro laute Geräusche oder Erschütterungen ⇒ Abstreckphase (Anspannung der Streckmuskulatur und Kopfstreckung): Die Arme schnellen seitlich nach oben mit tiefem Luftholen und anschließendem Erstarren. Umklammerungsphase (Anspannung der Beugemuskulatur und Kopfbeugung): Die Arme werden wieder zum Rumpf geführt und das Kind beginnt sehr laut zu schreien. physiologisch: ab sechster Woche nur noch Abstreckphase, baut ab mit der Fixierung des Kopfes
Galant das Kind wird in Bauchlage in der Schwebe gehalten und man streicht fingerbreit seitlich längs der Wirbelsäule vom Schulterblatt bis zum Beckenkamm ⇒ Seitbeugung der Wirbelsäule und Kopfdrehung zur gleichen Seite physiologisch: nullter bis zweiter Lebensmonat, Abschwächung bis fünfter Lebensmonat.
Schreitreflex (automatisches Gehen) das Kind wird mit beiden Händen seitlich am Brustkorb getragen und man lässt die Füße wechselseitig geringes Gewicht übernehmen ⇒ das Kind schreitet voran. physiologisch: nullter bis dritter Lebensmonat, die Beine müssen dabei gebeugt bleiben.
Extensorstoß das Kind wird mit beiden Händen seitlich am Brustkorb getragen und man lässt die Füße gleichzeitig geringes Gewicht übernehmen ⇒ das Kind antwortet mit einer raschen Streckung der Beine und des Rumpfes. physiologisch: nullter bis dritter Lebensmonat.
Tonische Reflexe mini|Säugling beim Babyschwimmkurs
Nach dem Abbau der Massenbewegungen und der Primitivreflexe entwickeln sich differenzierte Bewegungen, wobei der Muskeltonus von der Kopfstellung abhängt. Es entstehen tonische Reflexe, die bei einem gesunden Säugling aber nie so stark ausgeprägt sind, dass sie die Einnahme differenzierter Körperstellungen behindern. Wenn sie über den physiologischen Zeitraum hinaus andauern (persistieren), verhindern sie die Aufrichtung und die Entwicklung der Stell- und Gleichgewichtsreaktionen.
TLR (Tonischer Labyrinthreflex) Vorbeugen des Kopfes ⇒ zunehmender Beugetonus Rückstrecken des Kopfes ⇒ zunehmender Strecktonus physiologisch: nullter bis dritter Lebensmonat.
STNR (Symmetrisch tonischer Nackenreflex) Vorbeugen des Kopfes ⇒ Beugung der Arme und Streckung der Beine Rückstrecken des Kopfes ⇒ Streckung der Arme und Beugung der Beine physiologisch: nullter bis dritter Lebensmonat.
ATNR (Asymmetrisch tonischer Nackenreflex) Seitwärtsdrehung des Kopfes ⇒ Gesichtseite: Arm gestreckt, Hand locker gefaustet, Bein gestreckt mit aufgesetztem Vorfuß, Hinterhauptseite: Arm gebeugt in lockerer U-Halte, Bein locker gebeugt mit Bodenkontakt. Diese Körperhaltung wird auch als Fechterstellung bezeichnet. physiologisch: vierte bis achte Woche
Stellreaktionen
Die Stellreaktionen dienen dazu, Kopf und Rumpf bei einer Lageveränderung im Raum einzustellen. Sie entwickeln sich nach dem Abbau der tonischen Reflexe, dienen der Antischwerkraftentwicklung und sind die Voraussetzung für die Stütz- und Gleichgewichtsreaktionen. Sie werden in die Willkürbewegungen integriert und bleiben in modifizierter Form ein Leben lang erhalten.
LSR (Labyrinthstellreaktion) ab der 6. Woche beginnt das Kind, in Bauchlage den Kopf zu heben und ihn gegen die Schwerkraft einzustellen. physiologisch: volle Entwicklung bis zum fünften Lebensmonat.
HSR (Halsstellreaktion) Wird der Kopf in Rückenlage gedreht, folgt der Körper „en bloc“. physiologisch: bis zum dritten Lebensmonat, danach sollte eine selektive Beweglichkeit möglich sein.
Körperstellreaktion auf den Körper sie ermöglicht bei einer Drehung die Rotation zwischen Schulter- und Beckengürtel. physiologisch: sie sollte bis zum siebten Lebensmonat voll entwickelt sein, wenn sich das Kind von Rückenlage in Bauchlage und wieder zurück drehen kann. Sie ist Voraussetzung für die Ausrichtung des Kopfes, des Rumpfes und der Extremitäten gegen die Schwerkraft.
Sprungbereitschaft das Kind wird seitlich am Becken in Bauchlage getragen und zügig bodenwärts in Richtung einer Unterlage geführt ⇒ das Kind bringt die Arme zum Abstützen nach vorne. physiologisch: ab dem fünften Lebensmonat auslösbar.
Verhalten Sozialverhalten
Einen Ausdruck des Lächelns zeigen Säuglinge schon in den ersten Lebenswochen, meist im Schlaf. Mit etwa zwei Monaten wird diese Ausdrucksbewegung als soziales Lächeln zur angeborenen Antwort auf einen Kontakt.René A. Spitz: The smiling response: a contribution to the ontogenesis of social relations. In: Genetic Psychology Monographs. Band 34, 1946, S. 57–125.
Mit der Fähigkeit, zwischen bekannten und fremden Personen zu unterscheiden, werden auch die Antworten differenzierter. So kommt es zwischen etwa vier und acht Monaten zum Fremdeln, das eine Distanz gegenüber unbekannten Personen zeigt. Häufig beginnen Kinder in diesem Alter zu weinen, wenn sie von jemand anderem als der Mutter oder dem Vater auf den Arm genommen werden.