mini|Verkauf von DDR-T-Shirts in Berlin (2004) mini|„Ost-Ampelmännchen“ in Berlin, 2014 Als Ostalgie (; Kofferwort aus „Osten“ bzw. „Ostdeutschland“ und „Nostalgie“) wird die nostalgische Wahrnehmung der DDR in der Bevölkerung Ostdeutschlands seit der Wende bezeichnet. Das Wort geht auf den Titel eines Programms des Dresdner Kabarettisten Uwe Steimle aus dem Jahr 1992 zurück.

Das Phänomen entstand mit einer ab 1991 einsetzenden Distanzierung eines Teils der ostdeutschen Bevölkerung gegenüber der Bundesrepublik. In Supermärkten wurden plötzlich frühere sogenannte „Ostprodukte“ angeboten, Ostalgie-Partys veranstaltet und DDR-Alltagsgegenstände und -Symbole als Identitätsanker wiederentdeckt. Die Ostalgie wurde aber auch durch Spaß und Ironie sowie kommerzielle Motive, z. B. die so genannte „Ampelmännchen-Industrie“, geprägt. Ihren Höhepunkt erreichte die Ostalgie mit dem 2003 erschienenen Spielfilm Good Bye, Lenin! und den anschließenden DDR-Fernsehshows öffentlicher und privater TV-Sender.Nicole Völtz in: Konstantin Hermann (Hrsg.): Sachsen seit der friedlichen Revolution. Tradition, Wandel, Perspektiven. Sonderausgabe der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung. Sax-Verlag 2010. S. 217.Thomas Ahbe: Ostalgie: Zum Umgang mit der DDR-Vergangenheit in den 1990er Jahren. Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, Erfurt 2015.

Begriffsbestimmung Für den Begriff DDR-Nostalgie gibt es keine allgemein akzeptierte Definition. Diverse Begriffe wie Ostalgie, Ostidentität, neues ostdeutsches Selbstbewusstsein und ostdeutsche Mentalität werden schwammig verwendet. Das bekannteste Schlagwort ist das Kofferwort Ostalgie, das synonym zur DDR-Nostalgie verwendet wird. Diese Wortschöpfung aus Osten und Nostalgie wird zwar dem Dresdner Kabarettisten Uwe Steimle zugeschrieben, der Begriff Ostalgie ist jedoch gemäß dem Sozialwissenschaftler Thomas Ahbe in besonderer Weise pejorativ konnotiert, da die Begriffe Ost und Nostalgie eher für Defizitäres stünden: im Falle von Nostalgie, weil es im Kontrast zum optimistischen, modernen Zeitgeist stehe, und bei Ost oder ostig, weil damit rostig, marode und überholt assoziiert werde.Rita Bartl, Susan Dankert, Theresa Hiepe und Imke Münnich: Ostalgie in Gesellschaft und Literatur: „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“ von Thomas Brussig. ScienceFactory 2013. S. 10f. Ostalgie werde häufig als ein Mangel an Integrationswillen, als ein Aufbegehren, die DDR wiederhaben oder die deutsche Wiedervereinigung rückgängig machen zu wollen, missverstanden. Tatsächlich handele es sich bei Ostalgie jedoch um eine Integrationsstrategie, da ein Teil der Ostdeutschen ihre angestammten eigenen Erfahrungen, Erinnerungen und Werte, die mit denen der westdeutschen Mehrheit nicht kompatibel seien, beibehalten wollten.Thomas Ahbe: Ostalgie: Zum Umgang mit der DDR-Vergangenheit in den 1990er Jahren. Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, Erfurt 2005. S. 66.

Phänomen der DDR-Nostalgie mini|„Der Vorwende-Laden“ mit DDR-Antiquitäten in Berlin-Friedrichshain (2021)

Der Begriff DDR-Nostalgie ist analytisch nicht definiert und wird in der wissenschaftlichen Literatur uneinheitlich gebraucht. Die Soziologin Katja Neller, die 2005 zum Thema DDR-Nostalgie promoviert hat, grenzt den Begriff streng von dem Kofferwort Ostalgie ab und definiert die DDR-Nostalgie als positive Retrospektivbewertungen der neuen Bundesbürger (bzw. der früheren DDR-Bürger) gegenüber der DDR.Katja Neller: DDR-Nostalgie: Dimensionen der Orientierungen der Ostdeutschen gegenüber der ehemaligen DDR, ihre Ursachen und politischen Konnotationen. Springer-Verlag, 2006. S. 43ff, S. 117ff. Da es vor der Wende angeblich keine eigentliche DDR-Identität gab, dreht sich ein wichtiger Teilaspekt der wissenschaftlichen Debatten zur DDR-Nostalgie um die Frage, ob es sich bei den von der Forschung festgestellten retrospektiven DDR-Loyalitäten nur um Nachwendephänomene handelt oder ob diese an vorhandene Bindungen aus der DDR-Zeit anknüpfen.Katja Neller: DDR-Nostalgie: Dimensionen der Orientierungen der Ostdeutschen gegenüber der ehemaligen DDR, ihre Ursachen und politischen Konnotationen. Springer-Verlag, 2006. S. 117f.

Wurde die DDR kurz nach der Wende von der ostdeutschen Bevölkerung noch einmütig negativ beurteilt, zeigen neue Umfragen zunehmend positive Beurteilungen. Trotz des seit der Wende gestiegenen Lebensstandards erfährt die DDR in Ostdeutschland mittlerweile in vielen Bereichen, besonders in Bezug auf die soziale Sicherheit, eine bessere Bewertung als die Bundesrepublik. Diese Einschätzung wurde auch von den Panelteilnehmern der Sächsischen Längsschnittstudie geteilt.Nicole Völtz in: Konstantin Hermann (Hrsg.): Sachsen seit der friedlichen Revolution. Tradition, Wandel, Perspektiven. Sonderausgabe der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung . Sax-Verlag 2010. S. 225. Die Ostalgie kann als eine auf die Euphorie der unmittelbaren Wendezeit folgende und für die 1990er Jahre typische Reaktion eines Teils der Bevölkerung Ostdeutschlands betrachtet werden, mit der diese Bevölkerungsgruppe den sehr widersprüchlichen und schwierigen wirtschaftlichen Transformationsprozess und die Anpassung an ein neues Rechtssystem nach der friedlichen Revolution, mithin den scharfen Bruch zwischen Vergangenheit und Zukunft thematisierte. Was sich politik- und wirtschaftswissenschaftlich mit der Herstellung der Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion als erfolgreiche Einführung eines neuen Systems beschreiben lässt, ging aus Sicht der ostdeutschen Bevölkerung nicht nur mit Gewinnen, sondern auch mit Ernüchterung und Verlusten einher. Als sich die mit dem Sinnbild der Blühenden Landschaften in Aussicht gestellten ökonomischen Zukunftsperspektiven für Ostdeutschland nicht so zügig einstellten wie erhofft, setzte mit Beginn der 1990er Jahre eine Wiederentdeckung und Renaissance von Symbolen und Produkten der DDR-Vergangenheit ein.Thomas Ahbe: Ostalgie: Zum Umgang mit der DDR-Vergangenheit in den 1990er Jahren. Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, Erfurt 2015. S. 7.

Erklärungsansätze Für die Erklärung der Ostalgie gibt es zwei grundsätzliche Hypothesen, die Sozialisationshypothese und die Situations- oder Erfahrungshypothese. Die Sozialisationshypothese basiert auf der Annahme, dass eine ideologische Erziehung im Sinne sozialistischer Werte und Lebensweisen wesentlich vollständiger geglückt ist als angenommen und weiterbestehen. Die Situations- bzw. Erfahrungshypothese erkennt die immer noch unterschiedlichen Lebensbedingungen in Ost und West als bedeutend an. Sie geht davon aus, dass die verklärende Rückschau auf die DDR aus der strukturellen Ungleichheit der Bedingungen beider Teilgesellschaften resultiert. Eigene Erfahrungen, wie an der Lebenssituation, der wirtschaftlichen Stellung oder den politischen Erfolgen stehen negative Erfahrungen des Transformationsprozesses gegenüber.Katja Neller: DDR-Nostalgie. Dimensionen der Orientierungen der Ostdeutschen gegenüber der ehemaligen DDR, ihre Ursachen und politischen Konnotationen Diss. Wiesbaden 2006, S. 64, 68 u. 70.

Die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann, die sich mit Erinnerungsprozessen beschäftigt, sieht in der Ostalgie einen normalen Verdrängungsmechanismus, in dem das Gedächtnis auswählt. Positive Dinge würden herausgehoben und die negativen ganz tief vergessen werden. Dann komme es zu einem völlig umgelagerten Bild: „Die DDR ist dann der Staat, der einen versorgt hat, der für einen da war, der eine Zukunftsgarantie gegeben hat, der eine große Existenzsicherung bereitgestellt hat – alles Dinge, die heute verloren gegangen sind in einer Welt des wirtschaftlichen Niedergangs, aber auch der erhöhten und gesteigerten Wettbewerbsstrukturen.“ Diesem Phänomen werde auch politisch zugearbeitet. Wenn mit dem Verschwinden von Straßennamen, Gebäuden (Palast der Republik) oder Institutionen die Erinnerung an den Unrechtsstaat getilgt werden, verblassten auch die Erinnerungen an die DDR insgesamt.

Die Historikerin Beatrix Bouvier vertritt die Meinung, dass eine positive Wertung der DDR-Zeit erst dadurch ermöglicht worden sei, dass die DDR beinahe nahtlos in der Bundesrepublik Deutschland aufging. Dadurch hätten die Ostdeutschen zwar die Wohltaten der sich zunehmend verschuldenden und damit „auf Pump und auf Kosten der Zukunft“ lebenden Sozialpolitik in der DDR erfahren, nicht aber den daraus resultierenden „tatsächlichen Bankrott“ des Sozialismus in der DDR.Beatrix Bouvier: Die DDR – ein Sozialstaat? Sozialpolitik in der Ära Honecker, Bonn 2002, S. 10.

Ostalgie-Partys: Nachholende Verabschiedung der DDR ab 1994 mini|Mottoparty mit DDR-Flagge

Ostalgie-Partys wurden als Privat-Party oder im halböffentlichen Raum gefeiert. Es gab auch semiprofessionelle Veranstaltungen, bei denen viele Gäste mit DDR-typischen Kleidungsstücken oder uniformiert erschienen. Die Festräume waren randvoll mit den einstigen DDR-Propaganda-Requisiten ausstaffiert: Papierfähnchen, Porträts, Symbole, Orden, Pokale, Fahnen, Wimpel und Transparenten mit Propagandasprüchen der SED-Diktatur oder deren Verulkungen. Sogar ein Doppelgänger von Erich Honecker trat bisweilen auf. Zum Musikrepertoire gehörten Schlagerschnulzen und Popsongs aus der DDR und als Intermezzo wurden musikalisch ironisch oder sarkastisch recycelte Fassungen der sozialistischen Hymnen und „Arbeiter- und Kampflieder“ aufgelegt. Der Conférencier moderierte die Partys im auf die Spitze getriebenen schwülstigen, sperrigen Kommunikationsstil der DDR-Offiziellen.

In den 1990er Jahren gab es auch professionelle, kommerzielle Veranstalter von Ostalgie-Partys, die quer durch Ostdeutschland tourten. Der bekannteste war Ralf Heckel,Thomas Ahbe: Ostalgie: Zum Umgang mit der DDR-Vergangenheit in den 1990er Jahren. Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, Erfurt 2015. S. 43f. ein Schallplattenunterhalter (Jahrgang 1969, aus Nordhausen), der 1994 die erste Ostalgie-Party organisierte. Nach eigenen Angaben veranstaltete er von Januar 1995 bis Oktober 1999 mehr als 100 Ostalgie-Partys mit etwa 150.000 Gästen. Das Medien-Echo bundesweit wie international war groß. Heckel beurteilte die Ossi-Feier ideologiefrei: „Das war wie eine 50er-Jahre-Party, die jagt auch niemand zum Teufel. Es gibt so viele Retro-Kulte, warum nicht so einen?“Ralf Heckel: „Das ist nicht nur Klamauk“ oder Wie Ralf Heckel Werbung für einen Radiosender machen wollte und damit die Ostalgiepartys erfand – S. 257–266 in: Simone Schmollack und Katrin Weber-Klüver: Damals in der DDR – Geschichten von Abschied und Aufbruch. Berlin 2010, ISBN 978-3-351-02722-3

Renaissance von Filmen, Comics, Alltagsgegenständen und -symbolen der DDR mini|Stand mit DDR-Erinnerungsstücken in Berlin (2006) mini|Ampelmännchen im Ampelmännchen-Geschäft in Berlin (2009)

Während der Ostalgie-Welle fungierten DDR-Alltagsgegenstände und -symbole als Identitätsanker. Dabei wurde primär der sozialistischen Konsumgesellschaft unter Honecker, mithin der Durchschnitts-DDR gehuldigt, z. B.: der biografisch angelegten Pionier- oder FDJ-Kleidung dem Trabi der Wohnung im PlattenbauStuart Taberner und Paul Cooke: German culture, politics, and literature into the twenty-first century: beyond normalization. Vol. 102. Camden House, 2006. S. 90f. So unterhält das Wohnungsunternehmen Stadt und Land in Berlin-Hellersdorf, Hellersdorfer Straße 179 – Parterre rechts – eine DDR-Museumswohnung, die nach Anmeldung oder während der zweistündigen Sonntagsöffnungszeit besichtigt werden kann.; abgerufen am 11. August 2022. DEFA-Filme