Rassistisches Wissen ist eine Analysekategorie, die Rassismus nicht nur als individuelles Vorurteil, sondern als Teil eines gesellschaftlichen Wertesystems untersucht.

Als racial knowledge hat David Theo Goldberg den Prozess bezeichnet, in dem einerseits Rassismus durch die etablierten Wissenschaften legitimiert und andererseits bestimmte Wissenschaftsfelder mit Hilfe der Kategorie der Rasse konstruiert werden.

Mark Terkessidis bezeichnet als rassistisches Wissen geltende und von einem klaren Konsens der Mehrheit aller Mitglieder der Gesellschaft gestützte Vorstellungen über „Fremde“, die vor allem durch gesellschaftliche Praxis „gelebt“ werden und eine enge Verbindung mit Institutionen – „materielle Apparate“ – wie z. B. Arbeitsmarkt, Staatsbürgerschaft und hegemoniale Kultur eingehen (Institutioneller Rassismus).

Entstehungshintergrund des Begriffs Aufgrund von Beschreibungen des Schriftstellers Richard Wright, und vor dem Hintergrund von Untersuchungsergebnissen von Teun A. van Dijk, Alphons Silbermann und Francis Hüser sowie insbesondere von Diskursanalysen von Siegfried Jäger zu rassistischen Phänomenen bei Einzelpersonen, Gruppen und in Medien, lässt sich nach Terkessidis Rassismus nicht mehr als ein „Ausnahmephänomen im gesellschaftlichen Funktionieren“ erklären, nach dem Rassismus vor allem als ein Zustand individueller Irrtümer wie etwa Vorurteile und Stereotype untersucht wird. Vor allem der Glaube vieler Rassismustheoretiker, es gebe eine vorurteilsfreie Mehrheit der Gesellschaft und mittels ihrer individualistischen Rassismusanalysen könne gleichzeitig eine Korrektur oder gar eine Therapie von „verzerrten Wahrnehmungen“ versucht werden, stehen nach Terkessidis im Widerspruch zu den Untersuchungen, da sie nicht erklären können, warum nur ganz bestimmte Gruppen der Gesellschaft von Rassismus betroffen sind und Rassismus verschiedene Konjunkturen erlebt. So zeigen die Untersuchungen, dass wesentliche Elemente des Rassismus in der Gesellschaft zum normalen – „normativen“ – Wissensbestand gehört.

Unterscheidung von Vorurteil und Rassismus Rassismus ist nach Terkessidis keine Wahnvorstellung, sondern wird in einer praktischen Einheit von Wissen und Institutionen in einem dauerhaften Prozess „gelebt“. Da Rassismus nicht nur ein Vorurteil über Menschen sei, die als „fremd“ wahrgenommen werden, sondern eine kontinuierliche und kollektive Erscheinung der modernen Gesellschaften, kritisiert Mark Terkessidis den Begriff des Vorurteils als psychologische Erklärung für Rassismus und stellt folgende sieben Thesen auf:

Rassismus ist kein persönlicher Irrtum Rassismus bildet sich nicht daraus, dass eine Person einem Irrtum unterliegt, die Realität verzerrt wahrnimmt oder weil sie krankhaft auf ihr fremde Erscheinungen reagiert. „Rassismus entsteht nicht durch sich aggregierende persönliche Probleme – Irrtümer, Wahrnehmungsverzerrungen oder pathologische Reaktionen – von Einzelnen. Insofern ist es von vornherein irreführend, den Untersuchungsgegenstand als Vorurteil bzw. ethnisches Vorurteil zu bezeichnen, weil in diesem Begriff die Vorstellung eines individuellen Irrtums angelegt ist.“

„Urteile“ sind ihrerseits konstruiert Ein Vorurteil setzt voraus, dass ein „richtiges“ Urteil über etwas – z. B. „der Fremde“ – gebildet werden kann. Das, was als „richtig“ beurteilt werden soll, ist allerdings erst durch eine bestimmte Praxis und einen bestimmten Diskurs entstanden. Das Urteil „Fremde“ seien „anders“ setzt beispielsweise bereits die Herstellung „rassistisches Wissens“ durch „gelebten Rassismus“ voraus. „Aber noch weitere Gründe sprechen gegen die Bezeichnung Vorurteil. Sie setzt voraus, dass ein richtiges Urteil über irgendein bereits existierendes ‚Objekt‘ möglich ist (…). Tatsächlich wird dieses ‚Objekt‘ jedoch durch eine bestimmte Praxis und einen bestimmten Diskurs überhaupt erst hervorgebracht.“

Historische Konstitutionsbedingungen und Machtbeziehungen Rassismus drückt sich in den Beziehungen und Verhältnissen der Gruppen zueinander aus. Daher muss untersucht werden, wie sich diese Gruppen gebildet haben und welche Bedingungen dieser Bildung und ihrer Beziehung zueinander zugrunde lagen. Zum Beispiel „Gastarbeiter“/„deutsche Nachkriegsgesellschaft“ etc. „Um Rassismus begreifen zu können, muss das Augenmerk auf die Beziehungen zwischen Gruppen gelenkt werden. Die Gruppen oder auch Kategorien sind jedoch, wie gesagt, keine präformierten, natürlichen Gegebenheiten. Daher müssen sowohl die konkreten historischen Konstitutionsbedingungen der Gruppen als auch die Bedingungen der Beziehung zwischen ihnen analysiert werden.“

Rassistisches Wissen gilt in der dominanten Gruppe als einleuchtend Vorurteile und Stereotype entsprechen der tatsächlichen Wahrnehmung von Mitgliedern einer Gruppe. Sie beschreiben die vorhandene Beziehung einer Gruppe zur ihr „fremden“ oder als „anders“ wahrgenommenen Gruppe und stabilisieren die eigene Position in der Gesamtgesellschaft. Sie werden als normal und erklärend erkannt und sind Bestandteil der „sozialen Erkenntnis“. Die Benutzer von Vorurteilen erhalten aus ihrer Gruppe positive Bestätigungen, da rassistisches Wissen zum sozialverbindenden Gemeingut der Gesamtgruppe gehört. „Vorurteile oder Stereotype sind keine einfache Verzerrung der Realität, sondern sie geben für die Mitglieder der hegemonialen Gruppe auf spezifische Weise die Beziehung zwischen den Gruppen durchaus ‚angemessen‘ wieder. Es handelt sich um Formen ‚sozialer Erkenntnis‘, die für ihre Benutzer die Wirklichkeit einleuchtend erklären und die beständig eine positive Rückmeldung aus dem Konsens der Gruppe erhalten. Um die Begriffe Vorurteil und Stereotyp zu vermeiden, möchte ich den gesellschaftlichen Bestand solcher ‚Erklärungen‘ als rassistisches Wissen bezeichnen.“

Rassistisches Wissen ist ein Bestandteil des kulturellen Wertekanon der hegemonialen Gruppe Gesellschaftlich dominierende Gruppen beziehen sich auf gemeinsame Werte, die in Abgrenzung zu anderen Gruppen gebildet werden z. B. in Aussagen wie: „Wir Weißen sind ‚zivilisiert‘“, die „Neger sind ‚wild‘“ etc. Über das rassistische Wissen über „die anderen“ lässt sich bestätigend beschreiben, welche Werte die eigene Gruppe als gemeinsam definiert. „Zwischen den in einer Gruppe hegemonialen Werten und den wertenden Gruppenkategorisierungen besteht ein Zusammenhang. Die Inhalte des rassistischen Wissens sind daher nicht beliebig, sondern sie ergeben sich aus dem in der hegemonialen Gruppe verbreiteten kulturellen Wertekanon. Mit der kollektiven Definition der Anderen gemäß der hegemonialen Werte legt die Gruppe dabei auch beständig ihr ‚Selbst‘ fest.“

Rassistisches Wissen dient der Legitimierung des Dominanzverhältnisses und passt sich geschichtlich den Erfordernissen an Die Beschreibung des Verhältnisses der dominanten Gruppe zur ausgegrenzten Gruppe bestimmt die Inhalte des rassistischen Wissens. Sie dienen vor allem zur Legitimierung der eigenen dominanten Position. Sie sind zeitlich den geschichtlichen Erfordernissen anpassbar und veränderbar. „In den Inhalten des rassistischen Wissens wird daher das konkrete Verhältnis zwischen dem Eigenen und dem Anderen mit Hilfe des Wertekanons der dominanten Gruppe definiert. Sowohl dieses Verhältnis als auch der Wertekanon sind historisch variabel. So kommt es zu beständigen kollektiven Neudefinitionen.“

Rassistisches Wissen lässt sich nach Bedarf neu definieren Rassistisches Wissen wird beständig den Verhältnissen angepasst und notfalls neu definiert. Wird dieses Wissen mit dem in modernen Gesellschaften anerkannten ‚Gleichheitsethos‘ als nicht vereinbar erkannt, bilden sich wiederum Neudefinitionen mit dem Ziel, die eigene dominante Position zu verteidigen. „In Definition und Neudefinition des Verhältnisses kommt eine Verteidigung der Position der dominanten Gruppe zum Ausdruck. Rassistisches Wissen legitimiert also laufend die übergeordnete Position einer Gruppe. Solche Legitimation ist notwendig, da die Ungleichheit zwischen den Gruppen angesichts des ‚Gleichheitsethos‘ als ungerechtfertigt empfunden wird.“

(Zitate: Terkessidis 1998, S. 59f)

Institutionelle und organisatorische Basis rassistischen Wissens David Theo Goldberg definiert rassistisches Wissen („racial knowledge“) als das Ergebnis einer dualen Entwicklung: Einerseits beruht rassistisches Wissen auf heutzutage etablierten Wissenschaften wie vor allem der Anthropologie, Naturgeschichte und Biologie. Von diesen erhält es den Mantel der Wissenschaftlichkeit, den formalen Charakter und die scheinbare Universalität. So gewinnt rassistisches Wissen an Legitimität und Autorität. Dazu ist es andererseits erst in der Lage, weil es historisch selbst zum Erscheinen und Aufstieg dieser Wissenschaftsfelder beigetragen hat. Denn Rasse, so Goldberg, sei ein grundlegendes kategoriales Objekt dieser Wissenschaften und in manchen Fällen sogar der begründende Fokus wissenschaftlicher Analyse gewesen. Dieses Phänomen sei erleichtert worden durch die bereits von Michel Foucault festgestellte Wichtigkeit von Differenz für die Entwicklung des Wissens der Moderne.Goldberg: Racist Culture. 1993, S. 148 ff.

Diskursanalytische Untersuchungen von Teun van Dijk (1987)T.A. van Dijk: Communicating racism: Ethnic prejudice in thought and talk. SAGE Publications, New York 1987 ergaben für die USA und die Niederlande der 1980er Jahre, dass im rassistischen Wissen zu den jeweils untersuchten Zeiten ganz bestimmte Themen im Vordergrund stehen, dies wird von Siegfried Jäger 1992 in seiner Dissertation auch für das Deutschland der 1990er Jahre bestätigt.Siegfried Jäger: BrandSätze. Rassismus im Alltag. Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung, 1992. ISBN 3-927388-29-7 Diese Themen seien für die untersuchten Gruppen vorrangig eine negativ interpretierte Andersheit, die Bedrohung – z. B. von Sicherheit und kultureller Identität – und ökonomische Konkurrenz. Untersucht wurden die Themen, die den Ortsansässigen als Erstes in den Sinn kommen, wenn sie über Ausländer nachdenken. Diese Themen werden nach Heinrich Popitz als Topoi bezeichnet. Rassistisches Wissen wird nach Terkessidis in diesen Topoi „organisiert“. Dabei ist die Menge von thematischen, inhaltlichen und rhetorischen Aussagen überschaubar. Diese Topoi sind nicht abhängig von der persönlichen Erfahrung oder der Weltanschauung des Einzelnen, sondern von der Erfahrung und „Praxis“ der gemeinsamen Gruppe. Der Einzelne wählt für sich die Topoi aus, die ihm am meisten „einleuchten“.

Nach Terkessidis sind Topoi „hybride Gebilde, d. h. sie sind gleichzeitig Form und Inhalt. Zum einen handelt es sich um jene Themen, die mit der Erwähnung des Feldes Ausländer augenblicklich gegeben sind, zum anderen sorgen Topoi auch für die Kohärenz und Wiedererkennbarkeit des Diskurses, der sich um sie herum ordnet.“ Terkessidis verweist auf Gehlen, der Topoi als „Institutionen des Gedankenvolkes“ bezeichnet: „Sie wirken (…) mannigfaltig als Gravitationszentren, Wegweiser, Hemmungen, Koordinatoren.“ Die Gruppe der Autochthonen kann diese Topoi, so Terkessidis, „als gültige Selbstverständlichkeit immer wieder ohne das Risiko von Meinungsverschiedenheiten und Konflikten“ einsetzen.