Jan Mayen ist eine 373 km² große Insel etwa 550 km nordöstlich von Island und rund 500 km östlich von GrönlandGeir Wing Gabrielsen et al., 1997, S. 9. an der Grenze zwischen der Grönlandsee und dem Europäischen Nordmeer. Sie gehört politisch zu Norwegen, ist aber keiner der norwegischen Provinzen zugeordnet. Die Insel wird von der Provinz Nordland verwaltet; der zuständige Verwaltungssitz ist Bodø. Benannt ist sie nach dem niederländischen Walfang-Kapitän Jan Jacobs May van Schellinkhout.

Geographie mini|Der Weyprecht-Gletscher mini|Brielleturm (Brielletårnet) und Walrossberg (Kvalrossen)

Jan Mayen ist Teil des Nordatlantischen Rückens. Die Insel befindet sich am südlichen Rand der Jan-Mayen-Bruchzone zwischen den beiden Spreizungszonen des Nordatlantiks, dem Kolbeinseyrücken und dem Mohn-Rücken. Sie stellt dabei den nördlichsten Punkt des Jan-Mayen-Rückens dar, einer Mikroplatte, die früher ein Teil des grönländischen Festlandsockels war, seit der Aktivierung des Kolbeinseyrückens im Westen und der Deaktivierung des Aegirrückens im Osten aber seit ca. 30 Millionen Jahren zur Eurasischen Platte gehört.Jon Mosar, Gavin Lewis, Trond Helge Torsvik: North Atlantic sea-floor spreading rates: implications for the Tertiary development of inversion structures of the Norwegian–Greenland Sea (PDF; 422 kB). In: Journal of the Geological Society, London. Bd. 159, 2002, S. 503–515. Anders als der geologisch alte und seismisch inaktive Jan-Mayen-Rücken ist die Insel selbst vulkanischen Ursprungs, häufig von Erdbeben erschüttertMathilde Bøttger Sørensen, Lars Ottemöller, Jens Havskov, Kuvvet Atakan, Bjarte Hellevang, Rolf Birger Pedersen: Tectonic Processes in the Jan Mayen Fracture Zone Based on Earthquake Occurrence and Bathymetry (PDF; 468 kB). In: Bulletin of the Seismological Society of America. Bd. 97, Nr. 3, 2007, S. 772–779, doi:10.1785/0120060025. und weniger als 500.000 Jahre alt.

Die Insel wird in den Südteil Sør-Jan und den Nordteil Nord-Jan unterteilt. 114,2 km² der Fläche Jan Mayens, ein knappes Drittel, ist vergletschert. Hierbei handelt es sich ausschließlich um die Eiskappe des 2277 m hohen Beerenbergs auf Nord-Jan, deren Gletscherströme sich in alle Himmelsrichtungen ergießen und an fünf Stellen das Meer erreichen. Direkt aus dem Hauptkrater führt der Weyprecht-Gletscher bis an die Nordwestküste der Insel. Die Küste Jan Mayens ist etwa 124 km lang. Die im Südwesten der Insel gelegene Sør-Jan-Gruppe mit ihren Aschekegeln und Lavadomen, die ihren höchsten Punkt im Rudolftoppen (769 m) erreicht, ist vermutlich seit etwa 10.000 Jahren erloschen, während sich die letzten Ausbrüche an der Nordostspitze der Insel erst 1970/71, 1973 und 1985 ereigneten. Die gesamte Region wird dem Hot-Spot-Vulkanismus zugerechnet.

Klima mini|hochkant|Kármánsche Wirbelstraße bei Jan Mayen

Auf der Insel herrscht – vom Golfstrom etwas gemildert – überwiegend polares Tundrenklima (Köppen: ET). Das ganze Jahr über sind häufig Nebel sowie starke Winde und Stürme zu beobachten, bei denen es sich, bedingt durch die massive Vergletscherung des Beerenbergs, oft auch um lokale teilweise starke katabatische Fallböen handelt. Unter bestimmten Wetterbedingungen induziert der Beerenberg auch eine Kármánsche Wirbelstraße, bei der auf der Leeseite Wellen mit einer Wellenlänge von bis zu 15 Kilometern bis in eine Entfernung von mehreren hundert Kilometern spürbar sind. Von Februar bis April ist Jan Mayen von Pack- und Treibeis umgeben. Der kälteste Monat Februar weist eine Mitteltemperatur von −6 °C auf, der mildeste Monat ist der August mit einer Mitteltemperatur von 5 °C. Das Jahresmittel der Temperatur liegt nahe −1 °C. Die beobachteten Temperaturextreme liegen bei −28 °C und 18 °C.Geir Wing Gabrielsen et al., 1997, S. 21. Die Jahressumme des Niederschlags beträgt im vieljährigen Mittel 693 mm. An etwa 230 Tagen fällt mehr als 0,1 mm Niederschlag.

Jan Mayen liegt nördlich des Polarkreises. Die Polarnacht dauert vom 20. November bis zum 20. Januar. Allerdings steht die Sonne dann gegen Mittag nur wenig unter dem Horizont. Selbst zur Wintersonnenwende am 21. Dezember bleibt es um diese Tageszeit also nicht komplett dunkel. Mitternachtssonne kann zwischen dem 13. Mai und dem 31. Juli beobachtet werden, die Sonne geht an diesen Tagen nicht unter. Die Zeit der Weißen Nächte, also der Tage mit dämmrigen Nächten, an denen die Sonne nur für kurze Zeit untergeht, liegt zwischen dem 8. April und dem 4. September.

Fauna und Flora mini|Jan Mayen in Relation zum Nordatlantischen Rücken mini|Vegetation zwischen Walknochen und aus Sibirien angespülten Baumstämmen

Fauna Vögel Die Fauna ist durch etwa 100 Vogelarten geprägt, von denen 27 auf der Insel brüten.Jan Andries van Franeker, Cornelis Jan Camphuysen, Fridtjof Mehlum: The birds of Jan Mayen. In: Circumpolar Journal 13, 1998, S. 28–43.Jan Mayen auf der Website des Norwegischen Polarinstituts, abgerufen am 16. Mai 2013 (englisch) Besonders häufig anzutreffen sind der Eissturmvogel, die Dickschnabellumme, die Eiderente, die Dreizehenmöwe, der Papageitaucher, der Krabbentaucher, die Gryllteiste und die Küstenseeschwalbe. Die Insel wird von BirdLife International als Important Bird Area (SJ014) ausgewiesen.

Säugetiere An Säugetieren findet man Klappmützen und Sattelrobben. Der Polarfuchs ist aufgrund der starken Bejagung zunächst durch professionelle Fallensteller und schließlich durch die Besatzung der meteorologischen Station wahrscheinlich am Ende des 20. Jahrhunderts ausgestorben. Es existierte eine Population des seltenen Blaufuchses (Unterart des Polarfuchs). Gelegentlich sind Eisbären anzutreffen.

Fische Im Süßwassersee Nordlaguna gibt es eine Population des Wandersaiblings. Des Weiteren ist im Meergebiet um die Insel als weitere Fischart der Grönlandhai (Eishai) vertreten.

Flora Flechten und Moose Die sehr spärliche Tundrenvegetation besteht vorwiegend aus einzelnen Flechten und Moosen.

Gefäßpflanzen Gefäßpflanzen sind selten und abhängig von der Düngung durch den Kot von Meeresvögeln. Am reichsten ist die Vegetation deshalb in der Nähe von deren Nistplätzen. Die am häufigsten auftretenden Gefäßpflanzen sind verschiedene Steinbrechgewächse, Hornkräuter, Grönländisches Löffelkraut, Gletscher-Hahnenfuß, Stängelloses Leimkraut, Knöllchen-Knöterich, Alpen-Säuerling, Kraut-Weide und Alpen-Rispengras. Man findet aber auch einige Löwenzahn-Arten.Johannes Lid: The Flora of Jan Mayen. Norsk Polarinstitutt, Oslo 1964 (= Norsk Polarinstitutt Skrifter Nr. 130), S. 13 (PDF; 7,97 MB, norwegisch).

Geschichte mini|Karte der Insel von Vincenzo Maria Coronelli (1650–1718) aus dem Jahr 1692 mini|Walfang vor Jan Mayen, Darstellung aus dem 18. Jahrhundert mini|Die ehemalige österreichisch-ungarische Forschungsstation auf der Insel Jan Mayen (1883) mini|Karte mit früheren Siedlungen mini|„Wegweiser“ nahe der Station in Olonkinbyen mini|Eggøya, Lagen vulkanischer Asche; im Vordergrund Treibholz aus Sibirien mini|Straße an der westlichen Südküste der Insel in der Nähe der einzigen Siedlung

Das genaue Jahr der Entdeckung Jan Mayens ist nicht bekannt. Allgemein anerkannt ist, dass der englische Walfangkapitän John Clarke die Insel am 28. Juni 1614 sichtete und im selben Sommer auch niederländische Schiffe die Insel erreichten. Es ist möglich, dass Henry Hudson die Insel bereits 1608 auf der zweiten seiner vier Fahrten auf der Suche nach einer kürzeren Seeverbindung nach China (Nordwestpassage) entdeckte, vielleicht auch Thomas Marmaduke im Jahre 1612. Die Insel trug zunächst verschiedene Namen, ab 1620 setzte sich die Bezeichnung Jan Mayen nach dem niederländischen Walfangkapitän Jan Jacobs May van Schellinkhout durch.Geir Wing Gabrielsen et al., 1997, S. 15f.

Bis 1640 wurde die Insel regelmäßig von niederländischen Walfängern auf ihren Schiffen besucht. Nach einem Überfall der mit ihnen konkurrierenden baskischen Walfänger im Jahre 1632 überwinterte Outgert Jakobsz hier 1633/34 mit sechs weiteren Männern, um die Walfangstation zu schützen. Als die niederländischen Schiffe die Insel im Frühjahr wieder erreichten, waren alle sieben am Skorbut gestorben.Ein Tagebuch geführt von sieben Seeleuten, welche auf der Insel St. Maurice (Jan Mayen) bei Grönland in den Jahren 1633 bis 1634 überwinterten und sämmtlich auf dieser Insel starben. Anlage II in Die Österreichische Arktische Beobachtungsstation auf Jan Mayen 1882–1883, Verlag von Gerold & Co., Wien 1882. Um 1650 kam der Walfang in den Gewässern um Jan Mayen zum Erliegen.Susan Barr: Historical remains on Jan Mayen, Norsk Polarinstitutt, Oslo 1985 (= Meddelelser Nr. 108). ISBN 82-90307-34-9 (PDF; 6,5 MB, norwegisch/englisch), S. 49. In den folgenden Jahrhunderten wurde die Insel nur gelegentlich von Robbenjägern besucht. 1817 landete der englische Walfänger und Entdecker William Scoresby auf Jan Mayen und bestieg den Eskkrater, den er neben anderen geographischen Objekten benannte. Als er im Folgejahr zurückkehrte, beobachtete er den Vulkanausbruch vom 29. April 1818.William Scoresby: An Account of the Arctic Regions, with a History and Description of the Northern Whale-Fishery. Vol. 1, Archibald Constable and Co., Edinburgh 1820, S. 154–169 Eine schweizerisch-deutsche Polarfahrt unter Georg Berna, Carl Vogt, Heinrich Hasselhorst und Amanz Gressly besuchte Jan Mayen im Jahre 1861. Es gelang den Teilnehmern, zweimal an der Südküste zu landen. Der Name Turnbucht (Turnbukta) erinnert an das gewagte Unterfangen. Mit ihrer Analyse der gesammelten basaltischen Gesteine begann die wissenschaftliche Erforschung der Insel. Ein Ölgemälde der Südküste von Hasselhorst befindet sich im Historischen Museum in Frankfurt am Main.

Im Sommer 1877 landete die Norwegische Nordmeerexpedition unter Leitung von Henrik Mohn und Georg Ossian Sars auf der Insel und nahm botanische, zoologische und geologische Untersuchungen vor. Es wurde auch eine verbesserte Karte Jan Mayens erstellt und die Position der Insel korrigiert, die neun Meilen westlicher angetroffen wurde, als auf William Scoresbys noch immer in Gebrauch befindlicher Karte von 1820 angegeben war.Henrik Mohn: Contributions to the Geography and Natural History of the Northern Regions of Europe, derived from observations made on the Norwegian North-Atlantic Expedition (1876–1878). Grøndahl, Christiania 1882.

Auf Anregung Carl Weyprechts und finanziert von Hans Graf Wilczek wurde während des Ersten Internationalen Polarjahrs 1882/83 eine österreichisch-ungarische Forschungsstation eingerichtet. An der Maria Muschbukta, benannt nach Maria Musch, zu Füßen des Fugleberget (Vogelberg) wurden unter der Leitung von Emil von Wohlgemuth dreizehn Monate lang meteorologische, magnetische und astronomische Beobachtungen angestellt.

Ab 1906 überwinterten norwegische Pelztierjäger auf der Insel. Bis zur letzten Jagdsaison 1928/1929 wurden 1091 Polarfüchse gefangen, davon 992 besonders wertvolle Blaufüchse. Der Eisbär spielte – anders als auf Spitzbergen – als Jagdbeute kaum eine Rolle. Von 1906 bis 1929 wurden lediglich fünf Tiere erlegt.Odd Lønø: Norske fangstmenns overvintringer, Teil 2: Jan Mayen (PDF; 2,2 MB), Norsk Polarinstitutt Meddelelser Nr. 103, Norsk Polarinstitutt, Oslo 1974, S. 94ff. (norwegisch).

Am 27. Februar 1930 wurde Jan Mayen Teil des norwegischen Königreichs. Die Insel wurde bis zum 31. Dezember 1994 vom Sysselmester auf der weiter nordöstlich gelegenen Inselgruppe Spitzbergen verwaltet, danach vom Fylkesmann von Nordland.Sailing Directions Svalbard and Jan Mayen (PDF; 31 MB). Norwegian Hydrographic Service, Stavanger 2012, ISBN 978-82-90653-30-4, S. 357.

Seit 1921 gibt es mit kurzen Unterbrechungen nacheinander verschiedene ständig besetzte meteorologische Stationen und Küstenfunkstellen. Die erste war Eldstemetten. Sie wurde 1940 von den Norwegern unbrauchbar gemacht und verlassen, im April 1941 an anderer Stelle (Gamle Metten) wieder errichtet und 1962 nach Olonkinbyen verlegt. Sie existiert bis heute.