Eine Ganztagsschule (auch Ganztagesschule oder Tagesschule) ist eine Schule mit dem Ziel, Schüler während eines großen Teils des Tages unterzubringen. Im Grundschulbereich stellt sie eine Alternative zum Schulhort dar. Die Ganztagsschule ist einerseits von der Regelschule mit Vormittagsbetrieb ohne Schulspeisung, Hausaufgabenhilfe und ohne pädagogische Betreuung abzugrenzen und andererseits von Internaten, in denen die Schüler auch übernachten.
Die Freizeit und die Unterrichtszeit sind in der Ganztagsschule verbunden. Die Schüler müssen für jeden Tag der Woche zum Ganztagsbetrieb angemeldet werden, und wenn sie angemeldet sind, ist ihre Anwesenheit verpflichtend. Die Ganztagsschule endet meist zwischen 15 und 17 Uhr, manchmal wird darüber hinaus eine Spätbetreuung angeboten.
Ganztagsschulen stellen eine Schulform dar, die im Zuge der Gleichstellungspolitik und der Diskussion um Chancengleichheit in ihrer Verbreitung zunahm. Seit langem etabliert sind sie unter anderem in den Schulsystemen Spaniens, Frankreichs und Skandinaviens.
Skala der Konzepte In deutschsprachigen Ländern unterscheidet man zwischen der gebundenen Ganztagsschule mit verpflichtender Teilnahme am Ganztagsangebot und der offenen Ganztagsschule (in Österreich kurz Offene Schule), bei deren oft aus Arbeitsgemeinschaften bestehendem Nachmittagsangebot keine Teilnahmepflicht besteht. Die gebundene Ganztagsschule wird ferner unterschieden in voll gebundene Ganztagsschule mit einer Verbindlichkeit bezüglich der Teilnahme am Ganztagsangebot für alle Schüler und die teilweise gebundene Ganztagsschule, bei der ein verpflichtendes Ganztagsangebot nur für einen Teil der Schüler besteht, im Allgemeinen für einzelne Klassenzüge.
Ganztagsschulen können in öffentlicher oder privater Trägerschaft stehen.
Kontroverse Pro Als ein Vorteil der Ganztagsschulen gegenüber den Normalschulen wird die Möglichkeit zur Förderung der Zusammenarbeit zwischen Schülern und Lehrern genannt, da es am Nachmittag meist lockerer zugeht als während des morgendlichen Unterrichts; es solle größerer Wert auf offene Lernformen gelegt werden. Die Klassengemeinschaften verbringen längere Zeit zusammen als in anderen Schulen, was das Sozialleben positiv beeinflussen solle. Das intensive Zusammenleben der Schüler unterschiedlicher sozialer/kultureller Herkunft fördere das gegenseitige Verständnis. Des Weiteren kann unter Umständen der Stundenplan (Abfolge der Fächer, Pausen etc.) den Bedürfnissen der Schüler besser angepasst werden.
Damit die individuelle Entwicklung einer Persönlichkeit in einer Ganztagsschule nicht zu kurz kommt, werden in den Nachmittagsstunden z. B. mehr künstlerische oder sportliche Fächer untergebracht als in einer Normalschule. Die so genannten Freizeitstunden lassen sich der Idee nach mit den Unterrichtsstunden verschränken. Oftmals werden die Angebote durch externe außerschulische Kooperationspartner durchgeführt. Dadurch findet eine professionelle Kooperation unterschiedlicher Berufskulturen an Ganztagsschulen statt, und Schüler erhalten so die Möglichkeit, Zusatzangebote/Ganztagsangebote kennenzulernen und zu nutzen, zu denen sonst der Zugang erschwert wäre.
Vor dem Hintergrund der aktuellen arbeitsmarktpolitischen und demographischen Entwicklung hält man es für sinnvoll, mittels Ganztagsschulen Möglichkeiten zu schaffen, dass beide Elternteile in höherem Umfang am Erwerbsleben teilnehmen können, da die Kinder einen großen Teil des Tages betreut sind. Anders als beim ähnlichen Konzept vormittags Schule, nachmittags Hort ist der Nachmittag meist fest in den schulischen Ablauf – mit klarem und unmissverständlichem Bildungsauftrag – integriert und nicht nur eine erzieherische Betreuung.
Befürworter der Ganztagsschule argumentieren des Weiteren mit der PISA-Studie, in der einige Länder mit Ganztagsschultradition besser als Deutschland oder Österreich abgeschnitten haben. Allerdings gibt es auch Gegenbeispiele: Norwegen hat schlechtere, Frankreich ähnliche und Schweden nur bei den ersten Erhebungen geringfügig bessere Ergebnisse als Deutschland erzielt. Es gibt auch zahlreiche Staaten mit Ganztagsschulsystem, die bei PISA schlechter abschneiden als Deutschland. Zudem haben die Unterschiede zwischen verschiedenen Staaten so viele verschiedene Gründe, dass PISA hier ebenso wenig wie in anderen schulpolitisch umstrittenen Fragen zwingende Schlussfolgerungen zulässt (vgl. Kritik an den PISA-Studien).
Von Ganztagsschulen erhofft man sich außerdem eine Angleichung von Bildungschancen. Da sozial benachteiligte Schüler außerhalb der Schule nur wenig Anregung erfahren, sollen diese Schüler in besonderem Maße von einer Verlängerung der Schulzeit profitieren. Allerdings zeigen Studienergebnisse, dass Ganztagsschulen nicht automatisch zu einer Verringerung von Leistungsunterschieden führen. Entscheidend ist demnach die pädagogische Ausgestaltung der Ganztagsangebote. In einer Studie wurde festgestellt, dass Leistungsunterschiede nach der sozialen Herkunft abgeschwächt werden, wenn im Rahmen des Ganztagsangebots regelmäßig Förderunterricht angeboten wird.
Contra Zentrale Folgewirkung einer ganztägigen Betreuung ist, dass der erzieherische und bildende Einfluss der Eltern auf ihr Kind zu Gunsten des Einflusses der Schule abnimmt. Zudem gehe den Kindern die zur Entwicklung der eigenen Persönlichkeit notwendige Freizeit verloren. Angebote außerschulischer Bildungsträger können nur unter erschwerten Bedingungen wahrgenommen werden. Vereine, Kirchen, Musikschulen usw. beklagen, dass Kinder und Jugendliche weniger verfügbare Zeit haben, um sich intensiv außerschulischen Aktivitäten widmen zu können. Daraus resultiere schlussendlich eine Verarmung und Uniformierung der Bildungslandschaft.
Dass einzelne Länder mit Ganztagsschulsystem, zum Beispiel Kanada, bei PISA besser abgeschnitten haben, wird von den Kritikern auf andere Umstände zurückgeführt. Vielfach seien die Rahmenbedingungen wie beispielsweise die Schüler-Lehrer-Relation oder die Ausstattung der Schulen anders und erheblich besser. Kleine Klassen mit sehr guter Ausstattungen an Lehr- und Lernmitteln seien ursächlich für die besseren schulischen Leistungen. Zudem sei dort das pädagogische und therapeutische Angebot für Problemschüler besser. Problemfälle würden aus dem Klassenverbund herausgenommen und speziell gefördert. All dies sei in Deutschland nicht oder kaum möglich.
Die Ergebnisse von PISA hätten zudem zu politischen Schnellschüssen im Hinblick auf Ganztagsbetreuungen geführt, die eine wohldurchdachte Konzeptionierung vermissen lassen. Auch Forscher, die die beschreibenden Aussagen von PISA über Leistungsoutput für plausibel halten, ziehen die oftmals getroffenen Schlüsse hinsichtlich der Ursachen geringer Leistung erheblich in Zweifel.Forum e, Verbandszeitschrift des VBE, September 2004, S. 6.
Inzwischen zeigen verschiedene Studien, dass der Ausbau der Ganztagsschulen nicht zu einer Leistungssteigerung geführt hat. „In einem Systemvergleich der Leistungen von Grundschulkindern an Schulen mit und ohne Ganztagsangebot finden sich für die Lesekompetenz von Grundschülerinnen und -schülern auf Bundesebene keine Hinweise auf einen Fördereffekt zugunsten der Ganztagsschule.“Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V. (Hrsg.): Zwischenbilanz Ganztagsgrundschulen: Betreuung oder Rhythmisierung? Gutachten. Münster 2013, S. 58. Ähnliches gelte für die Frage der Chancengerechtigkeit, die durch Ganztagsschulen verbessert werden sollte: Vor dem Hintergrund des Ziels der Entkopplung von Bildungserfolg und sozialer Herkunft ist es wünschenswert, dass Ganztagsschulen mit ihren Angeboten diejenigen Schülerinnen und Schüler erreichen, die unter benachteiligenden oder belastenden Bedingungen aufwachsen. Forschungsbefunde, die den Ausbaustand an Schulen zur Mitte des letzten Jahrzehnts reflektieren, zeigen deutlich, dass die Erreichung dieses Ziels den Ganztagsgrundschulen bis dato nur zum Teil gelang.
Die Offene Ganztagsschule bringt weitere Kritikpunkte mit sich. Zum einen ist so die Gemeinschaft der Schüler untereinander nicht mehr gewährleistet, da die Nichtganztagsschüler bereits mittags nach Hause gehen, während die Ganztagsschüler in der Schule bleiben, was aber nicht in ihrer vertrauten Klassengemeinschaft geschieht. Außerdem wird die Ganztagsschule in offener Form oftmals nur als „Aufbewahrungsstätte“ für Schüler gesehen, quasi als Hort in der Schule und nicht als Feld pädagogischer Erfahrungsmöglichkeiten für Schüler.
Deutschland Das Ganztagsschulprogramm des Bundes, das Investitionsprogramm Zukunft Bildung und Betreuung (IZBB) der Regierung Gerhard Schröders, galt als erfolgreich, allerdings übte der Bundesrechnungshof massiv Kritik aufgrund angeblichen Missbrauchs der vom Bund zur Verfügung gestellten Mittel. 2002 hatte Schröder vor der Wahl versprochen, vier Milliarden Euro in den Aufbau von rund 10.000 Ganztagsschulen zu investieren. Unterstützung durch die Bundesländer war zögerlich. Später kritisierte Schröder in seiner Regierungserklärung vom 17. März 2005 den Umgang mit dem Geld im Vermittlungsausschuss; Kritiker stellen heraus, das Geld sei genutzt worden, um das hergebrachte System zu stärken, nicht aber zum Nutzen von Kindern und Jugendlichen. Schließlich verunmöglichte die Föderalismusreform der Bundesregierung, ein erneutes Ganztagsschulprogramm vorzulegen.
Die Anzahl der Befürworter von Ganztagsschulen steigt in Deutschland. Es gibt etwa 16488 Ganztagsschulen [Stand:2014],kmk.org vor allem in Nordrhein-Westfalen, Bayern, Baden-Württemberg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz. Der Anteil der Schüler bundesweit, die in einer Ganztagsschule sind, nahm von 9,8 % im Schuljahr 2002/2003 auf 39,3 % im Schuljahr 2015/2016 zu.
Die Verbreitung dieser Ganztagsschulen schritt ab dem IZBB-Förderprogramm des Bundes explosionsartig voran, was auf die Ergebnisse für Deutschland der letzten PISA-Studien zurückzuführen sein dürfte. Im April 2011 legte die SPD einen Stufenplan zum Ausbau der Kinderbetreuung vor. Er sah für die erste Stufe 2012–2015 4 Milliarden Euro Kosten vor, für die zweite Stufe bis 2020 waren weitere 23 Milliarden Euro veranschlagt., in spd.de vom 10. Mai 2011:
Auch die Zahl der Ganztagskindergärten hat zugenommen.
Die deutsche Kultusministerkonferenz (KMK) hat im Oktober 2003 den Begriff „Ganztagsschule“ neu definiert. Danach handelt es sich um Schulen im Primar- oder Sekundarbereich I, die über den vormittäglichen Unterricht hinaus an mindestens drei Tagen in der Woche ein ganztägiges Angebot haben, das täglich mindestens sieben Zeitstunden umfasst. Alle Formen der Ganztagsschule (Ganztagsschule in voll gebundener, teilweise gebundener, halboffener oder offener Form) haben gemeinsam, dass an allen Tagen des Ganztagsbetriebs ein Mittagessen bereitgestellt wird und dass die Organisation aller Angebote durch die Schule oder in enger Kooperation mit der Schule erfolgt. In Deutschland besteht kein Rechtsanspruch auf einen Ganztagsschulplatz.
2013 forderten einzelne Politiker unterschiedlicher Parteien, insbesondere der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel und der stellvertretende CDU-Vorsitzende Thomas Strobl, einen Rechtsanspruch auf einen Platz in einer Ganztagsschule.
Ein flächendeckender Ausbau der gebundenen Ganztagsschule, in der die Teilnahme am ganztägigen Unterricht für alle Schüler verbindlich ist und die nur von 13 % aller Schüler (Stand: 2012) besucht wird, würde die Länder laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung bundesweit 9,4 Milliarden Euro kosten.
Der Koalitionsvertrag von Union und SPD sieht vor, Eltern ab dem Jahr 2025 einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung an Grundschulen zu gewähren. Hierfür fehlen jedoch (Stand: 2019) noch über eine Million Plätze.