mini|hochkant=0.9|Stammwappen des Hauses Reuß (um 1279) mini|hochkant=0.6|Späteres (1370) Wappen der Linien der Vögte von Gera, seit Mitte 15. Jahrhundert auch der Vögte von Plauen und Reuß mini|hochkant=0.6|Wappen des fürstlichen Hauses Reuß jüngerer Linie mini|hochkant=0.6|Flagge des Fürstentums Reuß älterer Linie (und des späteren Volksstaates Reuß), man beachte die farblich identische Flagge des Fürstentums Waldeck-Pyrmont mini|hochkant=0.6|Flagge des Fürstentums Reuß jüngerer Linie

Das Haus Reuß ist ein bis 1918 regierendes Herrschergeschlecht, das auf die Vögte von Weida bzw. deren Abzweig, die Vögte von Plauen, zurückgeht. Die verschiedenen Vogtslinien übten ursprünglich das Ministerialenamt der Vögte im nach ihnen benannten Vogtland, heute im Grenzgebiet von Bayern, Sachsen und Thüringen, aus.

Die thüringische Familie siedelte schon vor der Mitte des 12. Jahrhunderts in das Sorbenland der mittleren und oberen Weißen Elster über. Hier bauten sie mit Rodung und Siedlung und in Wahrnehmung von Reichsaufgaben eine größere Herrschaft auf. Die Vögte stiegen rasch in den Herrenstand auf, Kaiser Ludwig der Bayer bestätigte ihnen 1329 fürstengleichen Rang. Sie wurden 1673 zu reichsunmittelbaren Grafen und (je nach Linie) ab 1778 (1790 bzw. 1802) zu Reichsfürsten. Die Dynastie regierte in diversen Linien und Unterlinien verschiedene, zerteilte Gebiete; um 1700 gab es zehn reußische Grafschaften beider Hauptlinien. Noch bis zur Novemberrevolution 1918 bestanden als souveräne Bundesstaaten des Deutschen Kaiserreichs das Fürstentum Reuß älterer Linie mit der Landeshauptstadt Greiz und das Fürstentum Reuß jüngerer Linie mit der Landeshauptstadt Gera.

Zwar sind die vormals regierenden Linien inzwischen im Mannesstamm erloschen (die ältere in Greiz 1927, die jüngere in Gera 1945); von letzterer hatte sich aber 1692 die nicht-regierende Nebenlinie Reuß-Köstritz abgespalten, die 1806 ebenfalls in den Reichsfürstenstand erhoben wurde. Diese Linie existiert als derzeitiges Haus Reuß noch heute; Chef des Hauses ist Heinrich XIV. Prinz Reuß (* 1955), familienintern Fürst Reuß genannt.

Geschichte Die Anfänge mini|Die Osterburg zu Weida, Sitz der Linie der Vögte von Weida (1531 erloschen) mini|Schloss Osterstein (Gera), Sitz der Linie der Vögte von Gera (1550 erloschen) mini|Schloss Plauen, Sitz der Linie der Vögte von Plauen mini|Oberes Schloss in Greiz, Sitz der Vögte von Plauen zu Greiz, genannt Reuß

Urahn des Geschlechtes der Vögte war Heinrich der Fromme vom Gleißberg († um 1120), der von Kaiser Heinrich IV. mit Gera und Weida belehnt wurde. Sein Enkel Heinrich II. der Reiche († vor 1209) erwarb Plauen. Die Erben teilten mehrfach. So entstanden die Linien der Vögte von Weida, der Vögte von Gera und der Vögte von Plauen.

Es ist anzunehmen, dass bereits der Stauferkaiser Friedrich I. Barbarossa um 1180 den Herren von Weida den Titel eines advocatus (lat. für Vogt) verliehen hat. Um 1200 erhob sein Sohn, Kaiser Heinrich VI., Heinrich den Reichen von Weida zum Stiftsvogt des Reichsstifts Quedlinburg – angeblich diesem Kaiser zu Ehren heißen seitdem die Vögte und später sämtliche Reußen mit Vornamen Heinrich (Leitname). Jedenfalls darf man den nachweislich seit 1209 geführten Vogttitel auf die Vogteirechte über den umfangreichen Besitz des Stifts Quedlinburg um Weida und Gera zurückführen. Der Titel wurde bei der Teilung des Stammhauses von allen Zweigen weitergeführt und wie ein erbliches Reichslehen weitergegeben (siehe auch Stammliste des Hauses Reuß).

Die Vögte von Weida wurden auf den von ihnen verwalteten Ländereien im 12. und 13. Jahrhundert allmählich vom Reichsstift Quedlinburg unabhängig. Ihr Gebiet umfasste das, was heute im Allgemeinen als Vogtland verstanden wird, also den Vogtlandkreis mit der Hauptstadt Plauen, das thüringische Vogtland mit Schleiz, Greiz, Bad Lobenstein, Weida und Gera, das fränkische Vogtland mit Hof und Selb sowie das böhmische Vogtland mit Asch.

1209, nach dem Tod Heinrich (II.) des Reichen teilten seine drei Söhne (Heinrich der Ältere, der Mittlere und der Jüngere) das Gebiet in die drei Gebiete Weida, Gera und Greiz auf. Sie nahmen Sitz in den jeweiligen Orten, nannten sich aber weiterhin Vögte von Weida. Um 1237 folgte dann offiziell die Teilung. Heinrich der Ältere war bereits um 1224 verstorben, so erhielt sein Sohn Heinrich (VI.), genannt der Pfeffersack, die Vogtei Weida. Heinrich der Mittlere erhielt Gera und Teile Plauens und Heinrich der Jüngere Greiz. Mit dem Tod des kinderlosen Greizer Vogtes um 1240 erledigte sich diese Teilung. Sein Besitz fiel an seine zwei Neffen, die Söhne Heinrich des Mittleren. Bereits 1238 hatte sich Heinrich der Mittlere von seiner Ehefrau scheiden lassen, er trat in den Deutschen Orden ein, seine Gemahlin in das von ihr gegründete Kloster Cronschwitz. Der Besitz wurde unter seine beiden älteren Söhne aufgeteilt. Heinrich (I.) der Ältere erhielt Plauen (Vögte von Plauen) mit Auerbach und Pausa, Heinrich (I.) der Jüngere Gera (Vögte von Gera) und die Pflege Reichenfels.

Im Jahr 1254 handelten die Vögte von Gera, Greiz, Plauen und Weida einen Vertrag über ein Bündnis mit dem Markgrafen Heinrich dem Erlauchten von Meißen aus, bei dem sie als gleichberechtigte Partner auftraten. In der Urkunde unterschieden sie das Land des Markgrafen (terra marchionis) von ihrem Gebiet (terra nostra, unser Land). Es ist anzunehmen, dass der Markgraf zur Unterscheidung der Länder in umgekehrter Richtung sein Land vom Land der Vögte (terra advocatorum) abgrenzte. Die Urkunde dazu ist jedoch nicht erhalten geblieben. Der Name erscheint danach, 1317 und später, als woyte lande oder in ähnlicher Form in anderen Urkunden, die jedoch immer Vereinbarungen anderer Herrscher über das Vogtland beinhalten. Der Name Vogtland kann erst im Jahr 1343 nachgewiesen werden.Walter Ludwig: Zum Namen Vogtland. aus Plauener Kulturspiegel 1960/61 bzw. Heimatbote des Kreises Greiz 1962, Hefte 4, 5 und 6.

Als Heinrich (I.), Vogt von Plauen, 1303 starb, erbten seine beiden Enkel die Vogtei Plauen und die Ländereien. 1306 teilten Heinrich (III.) von Seeberg, Sohn Heinrichs (II.) des Böhmen, und Heinrich II. Reuß von Plauen, Sohn von Heinrich Ruthenus (des Russen oder Reußen) das bisher gemeinsam verwaltete Gebiet auf. Heinrich der Böhme war durch seinen Sohn zum Gründer der älteren Plauener Vogtlinie, der späteren burggräflichen Linie, geworden, und Heinrich Ruthenus durch seinen Sohn Heinrich (II.) Reuß zum Gründer der jüngeren Linie, der Reußen von Plauen zu Greiz.

Heinrich Reuß von Plauen, 1467–1470 Hochmeister des Deutschen Ordens eroberte 1461 Mohrungen zurück.

Die Linie der Vögte von Weida starb 1531 aus, Weida fiel an Kursachsen (Ernestiner). Die Linie der Vögte von Gera starb 1550 aus. Die geraischen Herrschaften fielen an Burggraf Heinrich IV. von Plauen aus der älteren Plauener Linie. Den Reußen gehörte ursprünglich nur die Herrschaft Greiz und einzelne Landstücke im heutigen sächsischen Vogtland. Erst nach dem Urteil von Wien vom 28. September 1560 erhielten sie ihre während des Schmalkaldischen Krieges verlorene Herrschaft Greiz zurück. Außerdem erhielten sie Teile von Gera, Schleiz und Lobenstein.

Nach Aussterben der burggräflichen Linie zu Meißen und Plauen 1572 bekamen die Reußen durch ihre Mitbelehnung an diesen Ländereien alle Besitzungen der Burggrafen, wobei Streitereien infolge Pfandverschreibungen der Burggrafen bis 1590 andauerten.

Die Vögte von Weida, Plauen, Gera und Greiz sowie die Reußen mini|Herrschaftsgebiet der Vögte von Weida, Gera, Plauen und Greiz um 1350

ROT: Linie erloschen / GRÜN: blühende Linie

Der Name „Reuß“ Den lateinischen Namen Ruthenus (oder deutsch Rusze) trug erstmals Heinrich der Jüngere (urkundlich bis 4. November 1292), Sohn Heinrichs I., eines Vogts von Plauen (urkundlich vom 16. Dezember 1238 bis 7. März 1303) als Beinamen (Henrico de Plawe dicto Ruze). Als Reußen (Ruthenen, Russen) bezeichnete man früher die Bewohner der Rus. Diesen Namen erhielt er wegen eines längeren Aufenthaltes in östlichen Gebieten bzw. wegen seiner Ehe mit Maria Swihowska, einer Enkelin von Daniel von Galizien aus der fürstlichen Dynastie der Rurikiden.

War der Name „Reuß“ bei Heinrich (I.) Ruthenus noch Beiname, führte ihn sein Sohn Heinrich (II.) seit 1307 als Familiennamen. Nur für ihn und seine Nachfahren gilt der Name „Reuß“. Die Vögte von Weida und Gera sowie die Burggrafen von Plauen sind zwar Verwandte aus demselben Mannesstamm, aber keine Reußen, die Vögte von Plauen sind die direkten Vorfahren der Linie Reuß.

Die Spaltungen der Reußen 1564 teilten die Reußen ihr Herrschaftsgebiet im Rahmen einer Erbteilung in die Linien Reuß älterer Linie mit der Herrschaft Untergreiz, Reuß mittlerer Linie mit der Herrschaft Obergreiz und Reuß jüngerer Linie mit der Herrschaft Gera. Während die mittlere Linie 1616 ausstarb und deren Gebiet auf die beiden anderen Linien aufgeteilt wurde, erfuhren die anderen beiden Linien eine ganze Reihe von Teilungen. Es entstanden kleinste Herrschaften, die oft nicht einmal den Umfang eines Amtes besaßen. Um 1700 war der Höhepunkt der Zersplitterung mit zehn reußischen Herrschaften der beiden Linien erreicht. 1690 wurde daher statt der gleichberechtigten Erbfolge das Erbrecht des Erstgeborenen (Primogenitur) eingeführt.

Die ältere Linie mit Reuß-Untergreiz (1564–1768, zwischen 1583 und 1596 aufgeteilt auf Untergreiz I und Untergreiz II) spaltete sich in Reuß-Obergreiz (seit 1625), Reuß-Burgk auf Schloss Burgk (1596–1640 und 1668–1697), Reuß-Rothenthal (1668–1698) und Reuß-Dölau (1616–1643 und 1694–1698).

Die jüngere Linie mit Reuß-Gera (1564–1802) spaltete sich in Reuß-Schleiz (seit 1647), Reuß-Saalburg (1647–1666), Reuß-Lobenstein (1647–1824), Reuß-Hirschberg (1678–1711), Reuß-Ebersdorf (1678–1848) und die nicht-souveränen Nebenlinien Reuß-Selbitz (1718–1824) und Reuß-Köstritz (seit 1693).

Heinrich XI. zu Obergreiz vereinigte 1768 Reuß älterer Linie Obergreiz mit Reuß älterer Linie Untergreiz zur Grafschaft Reuß älterer Linie und Heinrich LXII. von Reuß-Schleiz fasste alle Äste der jüngeren Linie 1848 zum Fürstentum Reuß jüngerer Linie zusammen.

Auf dem Wiener Kongress 1815 wurden die Reußen von Georg Walter Vincent von Wiese vertreten.

Nach dem Tod des regierenden Fürsten Reuß älterer Linie, Heinrich XXII., im Jahr 1902 folgte ihm sein einziger Sohn Heinrich XXIV. auf den Thron, war aber regierungsunfähig, da er infolge eines Unfalls in der Kindheit körperlich und geistig schwerbehindert war. Da er zugleich der letzte männliche Erbe der älteren Linie war, bestand die Erwartung, dass nach seinem Tod sein Fürstentum an die jüngere Linie fallen und damit ein Gesamtstaat Reuß entstehen würde. Daher übten auch zwei aufeinander folgende Fürsten der jüngeren Linie für ihn die Regentschaft aus.

Es bestanden eigene evangelische Landeskirchen für die ältere und die jüngere Linie, bis sie sich in der Weimarer Republik der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen anschlossen. Berühmt geworden ist ein Vers aus dem Lobensteinischen Gesangbuch: Gib Regen, HErr, und Sonnenschein / für Greiz und Schleiz und Lobenstein; / und woll'n die andern auch was han, / so mögen sie's dir selber sa'n.

Das Haus Reuß seit 1918 Nach dem Sturz der Monarchie und der Ausrufung der Republik in der Novemberrevolution erklärte am 11. November 1918 Fürst Heinrich XXVII. Reuß jüngerer Linie, auch als amtierender Regent des Fürstentums Reuß älterer Linie, den Thronverzicht. Reuß j. L. wurde ein Freistaat, der sich aber schon 1919 mit dem Freistaat Reuß ä. L. zum Volksstaat Reuß mit der Hauptstadt Gera vereinigte, der wiederum 1920 im Land Thüringen aufging.