mini|Henry Miller, 1940. Fotografie von Carl Van Vechten 150px|rechts|klasse=skin-invert-image|Signatur Henry Miller Henry Valentine Miller (* 26. Dezember 1891 in New York; † 7. Juni 1980 in Los Angeles) war ein US-amerikanischer Schriftsteller und Maler.

Biografie Herkunft und frühe Jahre Henry Miller wurde am 26. Dezember 1891 im New Yorker Stadtteil Yorkville (Manhattan) als Sohn von Heinrich Miller (* 1865) und Luise Marie Nieting (* 13. Januar 1869) geboren, die 1890 geheiratet hatten. Beide – in den USA geborenen – Eltern stammten von deutschen Einwanderern ab, sein Großvater väterlicherseits war der Schneidermeister Heinrich Müller, der in Minden an der Weser geboren worden war, der Vater seiner Mutter war Valentin Nieting (* 7. Juli 1836) aus Darmstadt, nach dem Henry Miller seinen zweiten Vornamen trug. Auch er war Schneider und war über London, wo er in der Savile Row arbeitete, nach New York gekommen. Beide Großväter hatten Deutschland um 1860 verlassen, um dem Militärdienst zu entgehen. Die Eltern heirateten in der evangelisch-lutherischen Kirche Sankt Mark an der East-Sixth Street: »Beide waren Lutheraner, gingen allerdings nicht zur Kirche, und richteten sich nach den Normen der Mittelschicht.«

Am 11. Juli 1895 wurde seine Schwester Lauretta Anna geboren, die schon im Kindesalter eine psychische Störung entwickelte. Bis zur Schulzeit war Deutsch Henry Millers Muttersprache, da beide Familien zu Hause ihre deutschen Traditionen pflegten.

1892 zogen die Millers in das Haus der Schwiegereltern Nieting im Stadtteil Williamsburg: „Das Millerhaus, ein dreistöckiger Backsteinbau mit einem Laden im Parterre, war eines der besseren in diesem Viertel.“ Dort war Heinrich Miller in der angesehenen Schneiderwerkstatt seines Schwiegervaters als Schneider tätig. Um 1900 kaufte Valentin Nieting ein Haus in der 1063 Decatur Street in Bushwick, das er den Millers nach seinem Tod vererbte. Henry lernte Klavierspielen und hatte erste Erfahrungen mit unerfüllter Liebe (Cora Seward). Das Verhältnis zum Vater war liebevoll, das zur Mutter, deren Stimmungslagen zwischen Kälte und Wut schwankten, distanziert. 1977 notierte er einen Traum, in dem seine Mutter ihm begegnete: „Nachdem sie so viel gesagt hatte, was mir vernünftig vorkam, beschloss ich, sie direkt zu fragen, warum sie immer so kalt zu mir gewesen war. Vor allem wollte ich wissen, warum sie nie ein Wort Trostes für mich übrig gehabt hatte, wenn sie wusste, dass mir das Herz brach…“

Versuche in Studium und Beruf 1909 bestand Miller das Abschlussexamen an der Eastern District High School als zweitbester seiner Klasse, erhielt auch ein Stipendium am Cornell College für das Fach Deutsch, die Familie konnte aber die damit in einer anderen Stadt (Ithaka N.Y.) gleichwohl verbundenen weiteren Kosten auf Dauer nicht aufbringen. Danach studierte er ein Semester am City College in New York, das keine Studiengebühren verlangte, in diversen Fächern, brach das Studium jedoch nach zwei Monaten ab, da ihm die vorgegebene Leseliste nicht gefiel. „Wenn ich solche Lektüre lesen muss“, sagte Miller, womit er sich auf Faerie Queene von Edmund Spenser bezog, „gebe ich auf.“ Danach arbeitete er bis 1911 als Büroangestellter der Atlas Portland Cement Company im Finanzdistrikt von New York, und in weiteren Zufallsjobs. Privat widmete er sich exzessiver Lektüre und gab nebenher für 0,35 $ pro Stunde Klavierunterricht.

Affairen und erste Ehe Bei einer seiner Klavierschülerinnen traf er 1911 eine Freundin von deren Mutter, Pauline Chouteau, mit der er sich kurz danach liierte und zeitweise zu ihr zog. Sie war Hausmeisterin, 15 Jahre älter und sehr liebevoll zu ihm. Seine Mutter lehnte die Beziehung ab. 1913 floh er für ein halbes Jahr nach Kalifornien und arbeitete dort zeitweise in einer Zitronenplantage. Über Motive und Ablauf dieser Reise hat er sich autobiografisch unterschiedlich geäußert. Aber seine romantischen Vorstellungen kollidierten schnell mit der Realität. Schon wenige Monate darauf war er wieder zurück in New York. Er begann bei seinem Vater in der Schneiderei zu arbeiten, wo er seine Vorliebe für feine Stoffe und Anzüge entdeckte, die er sein Leben lang beibehalten sollte. Gleichzeitig begannen erste Versuche, selbst zu schreiben.

Bei einer Hochzeitsfeier begegnete er im Oktober 1915 Beatrice Sylvas Wickens, einer Pianistin, die nach einer Karriere suchte und nebenher Klavierstunden gab. Sie war ein Jahr jünger als er (* 1892). Sie hatten eine Affäre miteinander, von der Pauline erfuhr. Danach trennte er sich von Pauline, wohnte wieder bei seinen Eltern und half dem Vater neben anderen Jobs in seiner Schneiderwerkstatt. Als im Juni 1917 die jungen Männer in den USA Musterungsbescheide erhielten, heiratete er Beatrice, um einer drohenden Einziehung in den Ersten Weltkrieg zu entgehen. Ihre Tochter Barbara wurde am 30. September 1919 geboren. Doch nach der Heirat schlug sein erster Eindruck um, er hatte nun das Gefühl, als lebe er wieder bei seiner Mutter. Beatrice war ihm gegenüber kritisierend und fordernd und spottete über seinen Ehrgeiz, Schriftsteller werden zu wollen. Er war nicht imstande, längere Zeit auf einer Arbeitsstelle auszuharren, womit er Beatrice hätte zufriedenstellen können. Immer wieder ließ er sich entlassen, um zu schreiben oder philosophische Schriften zu studieren. Nach der Scheidung der Eltern (21. Dezember 1923) lebte Barbara bei ihrer Mutter und sah ihren Vater erst 30 Jahre später wieder. Die Mutter verhinderte bis dahin Kontakt und Korrespondenz.

Personalmanager bei der Western Union Telegraph Company Im Jahr 1920, nachdem das Schneidergeschäft seines Vaters insolvent geworden war, bewarb sich Miller um eine Stelle als Bote bei der Western Union Telegraph Company New York, erhielt aber eine Absage. Er beschwerte sich daraufhin wütend an höherer Stelle im Unternehmen und fragte, warum man ihn nicht für eine dermaßen einfache Tätigkeit einstellen wollte. Dies machte Eindruck, und er bekam den Arbeitsplatz, der ihm vorher versagt worden war. Mit einer Zusatzaufgabe: Er sollte als Bote die verschiedenen Filialen kennenlernen und für die Geschäftsführung regelmäßig Berichte abliefern. Im Gegenzug wurde ihm eine Stelle als Personalleiter in einer der zahlreichen Filialen der Western Union Telegraph Company in Aussicht gestellt, sobald er ausreichend Erfahrung gesammelt und sich bewährt hätte. Diese Stelle trat er nach einigen Monaten auch an. Das alltägliche Heuern und Feuern, die menschlichen Tragödien und die seinem Empfinden nach höllische Maschinerie des Unternehmens sollten später die Grundlage für seinen Roman Wendekreis des Steinbocks bilden.

Der Chef der Telegraph Company kam eines Tages mit der Idee zu ihm, dass jemand ein Buch über Boten in der Art von Horatio Alger schreiben sollte. Miller wurde dafür von seinem Arbeitgeber beurlaubt und schrieb das Buch innerhalb von drei Wochen. Miller präsentierte ein Buch mit dem Titel Clipped Wings, das zwölf Boten einer Telegraphengesellschaft zum Inhalt hat. Miller schrieb über „sanfte Seelen, welche beleidigt und verletzt sind, die Amok laufen oder Gewalt ertragen und erleiden; Geschichten voller Leid und Bitterkeit, in denen die Menschen entweder zu Mördern werden oder sich selbst umbringen, gewöhnlich beides“George Wickes, 1974, S. 170–192. Miller betrachtete das Buch als Misserfolg, da er nicht viel Ahnung vom guten Schreiben hatte; doch dieser erste Versuch ließ in ihm einen starken Drang entstehen, das schriftstellerische Schreiben zu erlernen und mehr darüber zu erfahren.

Henry und June Henry Miller traf June in einem New Yorker Club und sie begannen eine außereheliche Affäre, die im August 1923 damit endete, dass Henry seine Frau Beatrice verließ und mit June zusammenzog. June Edith Smith wurde am 28. Januar 1902 in Galizien (damals: Kaiserreich Österreich) in eine jüdische Familie polnischen Ursprungs unter dem Namen Smerth geboren. 1907 wanderte die Familie in die USA aus und nannte sich dort Smith. Sie selbst nannte sich später zeitweise Julia Mansfield, vermutlich nach der von ihr verehrten Schriftstellerin Katherine Mansfield. 1923 lebte sie noch bei den Eltern und verdiente ihr Geld in Tanzclubs als Begleittänzerin von Männern, die auf diese Weise Unterhaltung und Kontakt suchten („Taxigirl“). Manche dieser Männer, die sie auch in den Privatclubs („speake-easy“) traf, die sich in der Prohibition gebildet hatten, waren bereit, ihre Tischdamen auch in ihren beruflichen Ambitionen zu unterstützen – nicht immer mit sexuellen Forderungen verbunden. June entwickelte mit der Zeit große Fähigkeiten für solche Flirts, die sie „Gold schürfen“ nannte. Dazu „schminkte sie sich jetzt auf groteske Weise, bevor sie zur Arbeit ging: Kohlenstaub und Vaseline um die Augen, reichlich Wimperntusche, purpurroter Lippenstift und eine grüne Puderschicht auf den Backen....Miller klagte, June sehe damit aus wie eine Hure.“ Sie verdiente so gut, dass sie ihn 1924 dazu ermunterte, seine Arbeitsstelle aufzugeben und seine Schreibversuche fortzuführen. Sie unterstützte Miller finanziell, sodass er seine autodidaktische Bildung fortsetzen und seinem Traum von der Schriftstellerei intensiver nachgehen konnte. In dieser Zeit begann er, kürzere Arbeiten auf eigene Kosten drucken zu lassen und in Form kleiner Subskriptionen (genannt mezzotintos) zu veröffentlichen, die er mit Hilfe seiner Frau June und einiger Freunde auf der Straße, in Restaurants und in Bars vertrieb. June bezeichnete diese Texte oft als ihre eigenen, weil das den Absatz förderte. Henry, June und Jean Im Herbst 1926 traf June in einem der Clubs, in denen auch Schwule, lesbische Frauen und Leute aus der Kunstszene Affären suchten, die Künstlerin Martha Andrews, die aus einer reichen Familie in Baltimore stammte und sich gelegentlich Mara oder Marion, meist aber „Jean Kronski“ nannte. Sie war ein androgyner Typ und kleidete sich oft im männlichen Stil, sodass viele sie für lesbisch oder bisexuell hielten. Kurze Zeit später zog Jean zu Henry und June, und alle drei lebten einige Monate lang in einer Wohngemeinschaft. Hier fassten June und Jean den Entschluss, nach Paris zu reisen, um Europa zu erkunden. Dort hatte sich in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg nicht zuletzt wegen der günstigen Devisenverhältnisse eine starke amerikanische Künstlerkolonie gebildet, unter ihnen auch Hemingway. Sie lebten dort zwei Monate vom April bis Juni 1927, teilweise unterstützt von Henry, der sich dazu Geld von Verwandten borgte. Die Freundschaft mit June endete in dieser Zeit, weil Jean mit einem Mann nach Marokko reiste. Jean starb 1942 durch Suizid.

Henry und June in Europa Zurück in New York traf June auf einen Autor der Zeitschrift The New Yorker , Roland „Pop“ Freedman, einen wohlhabenden Mann, der sich in sie verliebte und sie heiraten wollte. Er hielt sie für eine Dichterin, weil sie die von Henry Miller geschriebenen mezzotintos als eigene Werke ausgegeben hatte, um sie so leichter verkaufen zu können. Er regte sie an, einen Roman zu schreiben. Diesen Auftrag gab sie an Henry Miller weiter, der sich an die Arbeit machte. So entstand das 350-seitige Manuskript eines Buches mit dem Arbeitstitel Moloch, das 1927 abgeschlossen wurde und erst postum unter seinem Namen veröffentlicht wurde. Es schildert – nur leicht verfremdet – Personen aus dem New Yorker Freundeskreis der beiden. Teilweise finanziert von Freedman reisten Henry und June vom Juli 1928 bis Januar 1929 zunächst nach Paris und dann in verschiedene Städte Europas bis hin nach Czernowitz, wo sie Verwandte von June besuchten. Freedman starb in den dreißiger Jahren durch Suizid.

Paris: Henry, Anais und June