mini|Kirchturm der Stadtkirche in Bad Hersfeld mini|Ansicht der Stadtkirche von Westen Die evangelische Stadtkirche steht in der Altstadt von Bad Hersfeld. Ihr markanter Kirchturm ist das Wahrzeichen der Stadt.

Die Stadtkirche ist eine gotische dreischiffige, hochgewölbte Hallenkirche. Die Halle hat vier Joche mit weitgestellten, achtseitigen Pfeilern. Der zweijochige Chor endet mit einer polygonalen Apsis mit 5/8-Schluss.

Die Geschichte der Stadtkirche beginnt mit dem Bau der romanischen Marktbasilika um das Jahr 1060. Dieser Bau wurde dann über die nächsten 420 Jahre zu dem gotischen Kirchenbau um- und ausgebaut, wie er heute noch steht. Das Äußere blieb seitdem fast unverändert bestehen. Der Innenraum wurde durch calvinistische Bilderstürmer und durch mindestens zwei größere Brände erheblich verändert.

Vorgängerbauten Erste Pfarrkirche auf dem Frauenberg mini|Frauenbergkapelle mit den eingebauten Resten der frühmittelalterlichen Kirche Die erste Pfarrkirche befand sich auf dem Frauenberg über der damaligen Siedlung am Benediktinerkloster. Das Pfarr-Recht ging dann auf die Kirche in der Stadt im Fuldatal über. In dieser Hinsicht ist die Frauenbergkirche ein Vorgängerbau der Stadtkirche.

Um das Jahr 800 gab es in Haerulfisfelt für Gottesdienste nur die Stiftskirche. Da diese in der Klausur der Mönche lag, hatte die Bevölkerung der größer werdenden Siedlung keinen Zugang zu einem Gotteshaus. So ließ der Abt auf dem Frauenberg, oberhalb der Siedlung, eine kleine Kirche bauen, die er Unserer Lieben Frau (Maria) weihte. Von der Kirche Unserer lieben Frau auf dem Berge leitet sich der Name des Frauenberges ab. Die Marienverehrung setzte sich in der neuen Stadtkirche bis in die Gegenwart fort.

Die Kirche bestand aus einem kleinen rechteckigen Raum von etwa 7 m Länge und 6 m Breite. Eine rechteckige Apsis schloss sich im Osten in voller Breite an. Erst in der späten Romanik wurde der Raum in gleicher Breite in östlicher Richtung um etwa 9 m verlängert. Die Bevölkerung pilgerte von der Siedlung auf den Berg zum Gottesdienst. Die heutige Straße Alter Kirchweg zeigt immer noch, welcher Weg zur Kirche führte. Spätestens mit Errichtung der Stadtkirche im Jahre 1323 gingen die Pfarr-Rechte von der Frauenbergkirche auf die Stadtkirche über.

Im Jahr 1422 baute man der Kirche noch eine Seitenkapelle an, die dem heiligen Michael, dem Patron der Friedhöfe, geweiht wurde. Vermutlich räumte man damals den Kirchhof in der Stadt, und man nahm den Bergfriedhof, den man seit 1323 nicht mehr nutzte, wieder in Betrieb. Der Sakralbau diente von da an als Friedhofskirche und war bis zur Reformation und dem Bauernkrieg Klause für Beginen. Die Kirche verfiel daraufhin.

Die Ruine, vor allem der rechteckige Ostabschluss der Kirche, wurde im Neubau der Frauenbergkapelle im Jahre 1959 mit einbezogen. Der Neubau gehört zur Evangelischen Jugendbildungsstätte Frauenberg.

Romanische Marktbasilika Ein erster Kirchenbau am Ort der heutigen Stadtkirche war ein 12,6 m langer und 7,4 m breiter Hauptraum, an dem sich im Osten ein rechteckiger Chor anschloss. Dieser Bau wird auf Grund der zeitlichen Abläufe in der Siedlung um 1060 datiert, nachdem Abt Meginher die 1038 abgebrannte Stiftskirche (Brunbasilika) neu erbaut hatte.

Zwischen 1073 und 1074 ließ Heinrich IV. hier sein Heer gegen die aufständischen Sachsen und Thüringer zusammenziehen. Er und sein Gefolge hielten sich im Schutze des befestigten Klosters auf. Aufgrund des heraufziehenden Investiturstreits zwischen Heinrich IV. und Papst Gregor VII. stand Hersfeld im Zentrum der Vorkommnisse im Heiligen Römischen Reich. Ein Vorstoß des Magdeburger Erzbischofs Hartwig von Spanheim und des Bischofs Burchard II. von Halberstadt im Jahre 1086 führte diese bis vor die Befestigungen des Klosters. Da die Siedlung vor dem Kloster noch unbefestigt war, wurde sie zerstört.

Es ist zu vermuten, dass die zweite Ausbaustufe der Marktbasilika nach diesen Auseinandersetzungen, vermutlich im Zuge eines romanischen Neuaufbaus, stattgefunden hat. Bei dem Ausbau wurde dem Langhaus statt des oben genannten Chores ein 17,8 m langes und 8,1 m breites Querschiff angesetzt. In der Ostwand des Querschiffes befand sich in der Mitte eine Apsis mit einem Radius von etwa 3,2 m. Über der Vierung nahm ein Dachreiter eine Glocke auf. Im Westen wurde vermutlich zur gleichen Zeit ein Anbau in der Breite des Langhauses erstellt, der kurz vor der heutigen Turmostwand endete (die genaue Länge dieses Anbaues lässt sich nicht mehr nachweisen, da die Grundmauern des westlichen Abschlusses durch neuzeitliche Tiefbauten zerstört wurden). Die Patrone dieser Kirche waren St. Vitus und St. Antonius.

Die ersten Pfarrer in der Marktbasilika sind urkundlich ab 1142 bekannt. In diesem Jahr wird ein Siegebodi als „clericus de doro“ und 1160 als „forensis presbiter“ genannt. In einer Urkunde von 1170 ist ein „parochianus Heinricus in civitate nostra Hersfeld“ genannt. Der letzte bekannte Pfarrer in dieser Kirche ist der Stadtpfarrer Ulrich von Laien, der in einer Urkunde vom 5. April 1222 erwähnt wird. Er wird bis 1244 in Urkunden erwähnt. An einer Urkunde vom 13. Dezember 1234 hängt das älteste erhaltene Pfarrsiegel. Das Spitzoval-Siegel zeigt zwei ornamental verschlungene Drachen mit der Umschrift SECRETVOPLEBANIIHERSFET (Übersetzt: Sekret des Pfarrers in Hersfeld)Die Pfarrerinnen und Pfarrer der Stadtkirche. Seite 4.

Gotische Stadtkirche Baugeschichte mini|250px|Grundriss der gotischen Stadtkirche mit dem Vorgängerbau Viele Erkenntnisse über den Kirchenbau gewann man erst nach 1953, als nach einem Brand der komplette Innenraum restauriert werden musste. Dabei unternahm man Grabungen unter der Kirche. Dadurch ließ sich die Geschichte der Stadtkirche bis in das frühe 11. Jahrhundert zurückverfolgen. Da schriftlich Zeugnisse, besonders bis zum 13. Jahrhundert, fehlen, konnten einige Ereignisse und Gegebenheiten in der Geschichte der Kirche nur noch durch diese Ausgrabungen ermittelt werden. Einiges kann man aber auch nur aufgrund der zeitlichen Abläufe in der Abtei Hersfeld oder in der Marktgemeinde bzw. der Stadt Hersfeld mutmaßen.

Chor und Marienkapelle Ab etwa 1305 wurde Hersfeld gemeinsam durch die drei Stände Konvent, Ritter und Stadt regiert. Es herrschte wohl aber Friede zwischen der Abtei und Stadt, so dass die Planung einer größeren Stadtkirche in dieser Zeit angesetzt werden kann. Im ersten Bauabschnitt ersetzte man die kleine Apsis im Querschiff durch einen gotischen, zweijochigen Chor, dessen polygonale Apsis in einem 5/8-Schluss endet. Die Achse des neuen Chores wurde genauer in die West-Ost-Richtung ausgerichtet.

Die Höhe des noch romanischen Langhauses und des Querschiffes war nach diesen Baumaßnahmen um mehrere Meter niedriger als der neue Chor. Der Chor wurde vermutlich nach dem Vorbild der landgräflichen Residenz in Marburg erbaut. Die dortige Schlosskapelle (eingeweiht 1288) und der Chor der ältesten Pfarrkirche Marburgs, der St.-Marien-Kirche (erbaut 1297), weisen architektonische Parallelen auf. Die in Dreieckform nach innen gezogenen Chorstreben finden sich allen drei Kirchenbauten wieder. mini|Anbau der ehemaligen Marienkapelle auf der Nordseite der Kirche mit daneben stehender Heiligenfigur Zu diesem Bauabschnitt gehörte auch der Bau einer kleinen zweijochigen Marienkapelle (heute Sakristei), die an der Nordwand des neuen Chores und angelehnt an das alte Querschiff in Richtung des alten Stadtfriedhofes (heute Kirchplatz) gebaut wurde. Die herausgehobene Bedeutung dieses Anbaus (praedictae ecclesiae annexa), lässt sich schon außen, an der Gestaltung der Strebepfeiler erkennen. Der Strebepfeiler über dem Dach der Marienkirche hat eine Fiale mit Maßwerk und Kreuzblume. Die restlichen Strebepfeiler der Kirchenhalle haben dagegen nur sehr schlicht gestaltete Fialen oder sie fehlen sogar ganz. Die Strebepfeiler des Kapellenanbaus haben einen Abschluss in Form von Tabernakeln, in denen sich vermutlich Heiligenfiguren befanden. Auch diese Tabernakel findet man an der Kirche sonst nicht. Der Vikar hatte über eine enge Tür vom Chor aus Zugang zur Kapelle. Eine Nische im Inneren des kleinen Raumes, wie sie an der Epistelseite von Altären üblich ist, weist noch heute darauf hin, dass es hier einen Altar gab. An den zwei Außenwänden gab es vermutlich Bogenöffnungen (mit Schranken), die es auch größeren Menschenmengen erlaubte, von außen ins Innere der Kapelle zu schauen. Die Bedeutung des Marienaltars lässt sich auch an der Anzahl der gestifteten Vikarien erkennen. Neben dem Hochaltar im Chor war es nur der Marienaltar, dem zwei Stiftungen zukamen. In der Stadtkirche schloss man damit an die Tradition der Marienverehrung in der Frauenbergkirche an.

mini|hochkant|Grabplatte von Hermann de Boumilborg

Durch einen von Johannes XXII. ausgestellten päpstlichen Gnadenbrief, der allerdings nur auszugsweise als Abschrift erhalten ist, lässt sich der 6. August 1323 als Tag der Weihe des neuen Hochaltars ausmachen. Die Kirche und der Hochaltar wurden den Heiligen Vitus und Antonius geweiht. Es ist weiterhin wahrscheinlich, dass mit diesem Gnadenbrief die Pfarr-Rechte von der Frauenbergkapelle auf die Stadtkirche übergingen. Der erste Pfarrer (plebanus de Hersfeld) der gotischen Stadtkirche, der vermutlich auch den Neubau geplant und beaufsichtigt hat, war Hermann von Boumilborg (heute von Boyneburg). Am 27. Dezember 1328 stiftete er eine Vikarie auf den Hochaltar des neuen Chors. Er starb am 21. September 1330, wie es seine Grabplatte, die heute an der Südwand links neben dem Rathausausgang steht, beurkundet. Die trapezartige Form der Grabplatte und die baulichen Gegebenheiten im Jahr 1330 lassen vermuten, dass sein Grab in der Marienkapelle war.

Es bestehen auch Anhaltspunkte, die vermuten lassen, dass Hermann auch Pfarrer in Mecklar-Meckbach war, wo die Herren von Boyneburg zu dieser Zeit einen Nebensitz hatten.

Turmbau mini|hochkant|Westportal Wie oben schon erwähnt, konnte der Abt ab etwa 1305 nicht mehr an den Ständen vorbei, direkt über Hersfeld regieren. Die Gegensätze zwischen der Stadt und der Abtei wurden schärfer, so dass der Abt 1328 mit dem Bau des stark befestigten Schlosses zu den Eichen außerhalb der Stadt begann. In diesem Jahr wurde dort der Bergfried in die Höhe gezogen.

Dies mag ein Anlass gewesen sein, dass man um 1330 die Erweiterung der Stadtkirche nicht mit einer neuen Kirchenhalle fortsetzte. Stattdessen wurde in einigem Abstand, westlich von dem romanischen Langhaus, ein einzeln stehender Kirchturm als trutziger Wehrbau errichtet. Dieser Turm wurde in seiner Achse an dem 1323 erbauten Chor ausgerichtet und hatte zwei Stockwerke. Das zweite Stockwerk ist über eine schmale Wendeltreppe erreichbar, die man auch heute noch benutzen muss, um auf den Turm zu kommen. Sie ist von außen an der Turmsüdwand zu sehen. Diesem Turm wurde vermutlich ein Dachreiter aufgesetzt, der eine Glocke aufnahm. Das Westportal im Erdgeschoss des Turmes wurde von einem Wimperg gekrönt und mit Fialen flankiert. Auch dieser Wimperg hat stilistische Parallelen mit einem Kirchenportal in Marburg. Es ist das Portal im Nordturm der Elisabethkirche, der nach 1319 erbaut wurde.

Kirchenhalle mini|hochkant|Chorpforte mit Fester in der Kirchenostwand