Das sogenannte Böse ist ein populärwissenschaftliches Buch des Verhaltensforschers Konrad Lorenz aus dem Jahr 1963. Er behandelt darin den Ursprung der Aggression (des sogenannten Bösen), die er im Vorwort als „auf den Artgenossen gerichteten Kampftrieb von Tier und Mensch“ definiert, und den Umgang damit. Das Buch, in dem Lorenz seine Erkenntnisse überwiegend in anekdotischer Form entwickelte und viele Bezüge zur Dichtung herausstellte, fand starke Verbreitung. Lorenz’ Deutung des sogenannten Aggressionstriebs der Tiere und des Menschen stieß in der Ethologie, in der Psychologie und anderen Wissenschaften auf viel Widerspruch. Einige seiner Versuche, über die er in dem Buch berichtet, wurden später von Wolfgang Wickler überprüft und erwiesen sich als nicht reproduzierbar.
Entstehung Der Entschluss, dieses Buch zu schreiben, entstand nach Lorenz’ Angaben während einer Amerikareise, wo er vor Psychiatern, Psychoanalytikern und Psychologen Vorlesungen über vergleichende Verhaltensforschung und Verhaltensphysiologie hielt. Dort traf er auf Psychoanalytiker, die die Lehren Freuds nicht als unumstößliche Dogmen ansahen, sondern als Arbeitshypothesen. Dabei habe er in Bezug auf Freud erkannt: „Diskussionen seiner Trieblehre ergaben unerwartete Übereinstimmungen zwischen den Ergebnissen der Psychoanalyse und der Verhaltensphysiologie.“Lorenz, Vorwort zum Buch. Hierzu gehörten u. a. gemeinsame Auffassungen über den von Freud beschriebenen Todestrieb und den von Lorenz im Rahmen seiner Instinkttheorie vermuteten Aggressionstrieb des Menschen. Damit stand er erstmals konträr zu Josef Rattner, der meinte, „… daß Destruktivität und Feindseligkeit im menschlichen Verhalten durchaus auf erzieherische und kulturelle Deformation bezogen werden müssen.“Josef Rattner, Aggression und menschliche Natur, S. 9, Fischer Taschenbuch Verlag, 1970.
Inhalt Das Buch beginnt mit der Schilderung von Beobachtungen typischer Formen aggressiven Verhaltens. Dabei dienen die Revierkämpfe der Korallenfische, die als moral-ähnlich gedeuteten Instinkte und Hemmungen sozialer Tiere, das Ehe- und Gesellschaftsleben der Nachtreiher, die Massenkämpfe der Wanderratten „und viele andere merkwürdige Verhaltensweisen der Tiere“ als Grundlage „zum Verständnis der tieferen Zusammenhänge“. Durch Anwendung der induktiven Methode sollen demnach – vom voraussetzungslosen Betrachten der Einzelfälle zur Abstraktion voran schreitend – die Gesetzlichkeiten, der alle Tiere gehorchen, erschlossen werden.K. Lorenz, Das sogenannte Böse S. 7–10, Deutscher Taschenbuchverlag, 1977.
Prolog im Meer Im ersten Kapitel gibt Konrad Lorenz seine Eindrücke und Beobachtungen der Flora und Fauna, des durch Aquarienbeobachtungen inspirierten Tauchgangs zu den Korallenriffen von Florida, an der Küste von Lignumvitae Key, der Lebensbauminsel, wider. Er destillierte daraus, dass nur die bunten „plakat“farbigen Fische ortsansässig sind, nur sie verteidigten ein Revier gegenüber ihresgleichen angriffslustig.K. Lorenz, Das sogenannte Böse S. 7–18, Deutscher Taschenbuchverlag, 1977.
Fortsetzung im Laboratorium
Im zweiten Kapitel geht der Autor auf die seit Jahrmillionen andauernde natürliche Zuchtwahl oder auch Selektion ein, „wenn durch eine kleine, an sich zufällige Erbänderung ein Organ ein klein wenig besser und leistungsfähiger ausfällt, so wird der Träger dieses Merkmals sammt seinen Nachkommen für alle nicht gleicherweise begabten Artgenossen zu einer Konkurrenz, der sie nicht gewachsen sind.“ Lorenz ist der Meinung, dass die Selektion die eine Komponente zum Artenwandel ist; die andere die ihr, so schreibt er: „…das Material liefert, ist die Erbänderung oder Mutation, die Darwin in genialer Voraussicht als eine Notwendigkeit postulierte, zu einer Zeit, als ihre Existenz noch nicht nachgewiesen war.“ Er hinterfragt konsequent den Selektionsdruck, wozu denn die herausgezüchteten Änderungen da sind. Er schildert eine Versuchsanordnung: In ein Becken kamen 7 Arten Schmetterlingsfische, 2 Arten Engelfische, 8 Arten Demoiselles, 2 Arten Drückerfische, 3 Arten Lippfische sowie mehrere nicht aggressive Arten. Rund 25 Arten plakatfarbiger Fische. Die Erkenntnis war, bunte Korallenfische beißen fast nur Artgenossen. Er rechnete wie folgt, „für jeden der mit 3 Artgenossen unter 96 anderen Fischchen das Becken bewohnenden Fische ist die Wahrscheinlichkeit, zufällig auf einen der 3 Brüder zu treffen, 3 in 96.“ Aus solchen Versuchen und den Freimeerstudien folgerte er: Fische sind gegen ihre Artgenossen um ein Vielfaches aggressiver als gegen andersartige.K. Lorenz, Das sogenannte Böse S. 20–26, Deutscher Taschenbuchverlag, 1977.
Wozu das Böse gut ist
In diesem Kapitel wirft der Autor die Frage auf: „Wozu kämpfen Lebewesen überhaupt miteinander?“ Lorenz ist hier der Ansicht, dass wir Laien, bedingt durch das Sensationsbedürfnis von Presse und Film, Darwins Ausdruck „Kampf ums Dasein“ zum missbrauchten Schlagwort stilisieren; „…irrtümlicherweise meist an den Kampf zwischen verschiedenen Arten.“ Indes ist es die Konkurrenz zwischen nahen Verwandten. Das Verschwinden oder die Verwandlung von Arten begründet er durch die „…vorteilhafte Erfindung, die einem oder wenigen Artgenossen ganz zufällig…durch…Erbänderung in den Schoß fällt.“ Lorenz grenzt die inner-artliche Aggression vom zwischen-artlichen Kämpfen, Beutefang, dem Mobbing und der kritischen Reaktion, des sogenannten Verzweiflungskampfes („…fighting like a cornered rat…“) ab. Zur letzteren zählt nach seiner Meinung auch der Angriff einer Hühnerglucke „…auf jedwedes Objekt…“, das die Jungen bedroht. Wobei bei zwischen-artlichen Kämpfen die Beute niemals ausgerottet wird. Existenzbedrohend ist nach seiner Meinung nur der Konkurrent. „Auch die inner-artliche Aggression… vollbringt eine arterhaltende Leistung.“ Ein Beispiel einer arterhaltenden intraspezifischen Aggression, ist das Einander-Abstoßen, wenn die Nahrungsquellen erschöpft sind. Oder wenn auf einem „…bestimmten Gebiet auf dem Lande eine größere Anzahl von Ärzten oder Kaufleuten oder Fahrradmechanikern…“ ansässig sein wollten. Hier führt er wieder das Beispiel mit den Korallenfischen an, die in großer Population auf begrenztem Raum leben und gerade deshalb solche Farbenpracht entwickeln, oder die Singvögel, die in den schönsten Tönen „singen“, um ihre Konkurrenten auf Abstand zu halten. Daran, dass die Menschheit guten Grund hat, die intraspezifische Aggression, bedingt durch kulturhistorische und technologische Umstände, als gefährlich anzusehen hat, lässt der Autor keinen Zweifel. Er stellt jedoch eine günstigere Prognose wenn „…wir die Kette ihrer natürlichen Verursachung verfolgen…“K. Lorenz, Das sogenannte Böse S. 30–40, Deutscher Taschenbuchverlag, 1977.
Die Spontaneität der Aggression
Eine wichtige Lehre seiner Beobachtungen, dass die Aggression gegenüber Artgenossen auf keinen Fall „… nachteilig für die betreffende Art, sondern ganz im Gegenteil ein zu ihrer Erhaltung unentbehrlicher Instinkt ist…“, bezog er wiederum nicht auf die Menschheit. Lorenz stellt die Relation her, zwischen angeborenen Verhaltensweisen, geringfügiger Änderung von Umweltbedingungen und der Unfähigkeit rascher Anpassung, und folgert, dass eben die angeborenen Verhaltensweisen „…völlig aus dem Gleichgewicht gebracht werden…“ können. Dass der Aggressionstrieb nicht pathologisch ist und seine Ursache nicht in irgendeinem Kulturverfall zu suchen ist, sondern „…daß der Aggressionstrieb ein echter, primär arterhaltender Instinkt ist, läßt uns seine volle Gefährlichkeit erkennen:… .“ Während verschiedene Soziologen und Psychologen die Aggression als Reaktion auf etwaige Bedingungen der Umwelt ansahen, schließt der Autor auf die Spontaneität, welche sie so gefährlich macht. An dieser Stelle verweist Lorenz auf Sigmund Freud, der die Aggression erstmals als eigenständiges Problem differenzierte und etwaigen Liebesverlust als starke Triebfeder ansah. Zum weiteren Verständnis zog er auch die Arbeiten von Wallace Craig hinzu, der nach Experimenten mit Lachtauben feststellte, dass bei „…längerem Still-legen einer instinktiven Verhaltensweise…der Schwellenwert der sie auslösenden Reize absinkt.“ In diesen Zusammenhang bezieht Lorenz auch den Menschen mit ein und macht einen Ausweg deutlich. Dieser besteht für den Einsichtigen darin „…daß er still aus der Baracke…schleicht und einen nicht zu teueren, aber mit …Krach…in Stücke springenden Gegenstand zuschanden haut.“K. Lorenz, Das sogenannte Böse S. 55–61, Deutscher Taschenbuchverlag, 1977.
Lorenz sah sich mit seiner Meinung nah bei Friedrich Hacker und bestritt, dass dessen Deutung der Aggression als Reaktion auf Umwelteinflüsse mit seiner Deutung im Widerspruch stehe. In einem Vorwort schrieb er zu diesem Thema: „…Ich kenne Friedrich Hackers Anschauungen über die Natur der Aggression ziemlich gründlich,…Die wesentliche Erkenntnis…Der Umstand, daß Aggressivität durch verschiedene Umwelteinflüsse in gesetzmäßiger Weise als Reaktion ausgelöst werden kann, ist kein Argument gegen die durch viele Gründe gestützte Annahme, dass sie, wie alle anderen Instinkte auch, ihren besonderen spontanen Antrieb hat.“Friedrich Hacker, Aggression S. 11, Rowohlt Verlag, 1971.
Gewohnheit, Zeremonie und Zauber