Ein Peer (von lateinisch par „gleich, ebenbürtig“; französisch pair) ist ein Angehöriger des britischen Hochadels.
Der als Peerage bezeichnete Adelsstand ist ein nach wie vor bestehendes System von Adelstiteln im Vereinigten Königreich. Ähnliche Adelssysteme existierten auch in anderen Ländern, etwa dem vorrevolutionären Frankreich (Pair de France) oder Portugal (Par do Reino, 1822–1910). Das japanische Oberhaussystem (Kizokuin) ist vergleichbar, ebenso ältere Systeme der Cortes auf der iberischen Halbinsel.
Die Peerage ist ein Teil des gesamten britischen Auszeichnungswesens. Historisch bezeichnete man als peers diejenigen Adeligen, welche das Recht auf einen Sitz im britischen Oberhaus, dem House of Lords, hatten. Durch die Reformen des Oberhauses mit dem House of Lords Act von 1999 und dem House of Lords (Hereditary Peers) Act von 2026 wurden die erblichen Sitze (der hereditary peers) abgeschafft. Seither sind alle weltlichen Peers des Oberhauses life peers, die einen nicht vererbbaren Sitz auf Lebenszeit erhalten und deren Titel sich auch nicht auf ihre Nachkommen vererben.
Ihre Ehefrauen werden traditionell peeress genannt und tragen die weibliche Form des jeweiligen Adelstitels. Ihre Kinder sind de jure hingegen keine Adeligen. Bei den erblichen Lords führen die Kinder Höflichkeitstitel wie Lord, Lady (ab dem Earl), oder The Honourable (bei Viscounts und Barons). Auch diese gelten jedoch nur für die erste Generation der jüngeren Kinder eines Peers, während die Nachfahren der nächsten Generation ins Bürgertum absteigen. Dies ist ein grundlegender Unterschied des Britischen Adels zum Adel auf dem europäischen Festland, wo Adelstitel meist ganzen Familien (oder Familienlinien) verliehen werden (außer wenn es sich explizit um persönlichen Adel oder um Erstgeburtstitel handelt) und daher von allen Familienmitgliedern zugleich geführt werden. In Großbritannien hingegen sind sämtliche erblichen Adelstitel grundsätzlich Erstgeburtstitel.
Diese Titel vererben sich zumeist patrilinear und erlöschen mit dem Mannesstamm der jeweiligen Nachfahren. Ausnahmen hiervon sind vor allem unter den schottischen Titeln vorzufinden.Schottische Erbtitel können bei Erlöschen des Mannesstammes auch in weiblicher Linie weitergegeben werden, wobei sie sich in der neuen Familie wiederum patrilinear vererben, ähnlich wie im spanischen und italienischen Adel. Ein erblicher Peerstitel kann, wenn die ihn tragende Linie im Mannesstamm erlischt, auf eine bürgerliche Nebenlinie übergehen, sofern diese ihrerseits patrilinear von einem Träger desselben Titels abstammt: So erbte etwa 1996 ein bürgerlicher Südafrikaner von der entfernt verwandten Hauptlinie seiner Familie den schottischen Titel Duke of Atholl. Sofern eine Nebenlinie sich bereits vor der Verleihung eines höheren Titels abgespalten hatte, erlischt der höhere Titel mit der ihn tragenden Linie, ein älterer, rangniedrigerer Titel kann jedoch auf die Nebenlinie übergehen, sofern diese von entsprechenden Titelträgern abstammt, so etwa bei der Familie Bentinck, wo 1990 die Titel Duke of Portland, Marquess of Titchfield mit der Hauptlinie erloschen, der ältere Titel Earl of Portland jedoch auf eine Nebenlinie überging.
Die verschiedenen Titel und ihre Rangfolge Die Titel im englischen Peer-System sind in aufsteigender Rangfolge: baron (baroness für Frauen), viscount (viscountess), earl (countess), marquess (marchioness) und duke (duchess) – zu Deutsch etwa: Freiherr, Vizegraf, Graf, Markgraf, Herzog.
Die baronets gehören (im Unterschied zu den barons) nicht zur Peerage und damit nicht zum höheren, parlamentsberechtigten Adel, sondern bilden zusammen mit den Knights die sogenannte Gentry, den niederen Adel mit der Anrede Sir bzw. Dame, wobei der Rang eines Knight – im Unterschied zu dem eines Baronet – in der Regel nicht vererblich ist.
Es wird zwischen den life peers (Titel auf Lebenszeit, „persönlicher Adel“) und den hereditary peers (erbliche Titel) unterschieden, wobei heute fast ausschließlich life peers kreiert werden. Das letzte erbliche „Dukedom“ (im Unterschied zu „Duchy“, dem Territorium eines regierenden Herzogs) wurde 1889 dem Duke of Fife verliehen, seither nur noch Mitgliedern des Königshauses. Der bislang neueste erbliche Titel, Earl of Stockton, wurde 1984 an den früheren britischen Premierminister Harold Macmillan verliehen.The London Gazette: Nr. 49660, S. 2951, 29. Februar 1984. Die ehemalige Premierministerin Margaret Thatcher erhielt 1992 eine life peerage mit Sitz im Oberhaus als Baroness Thatcher, im Jahr zuvor war bereits ihr Ehemann Denis Thatcher zum Baronet erhoben worden. Tony Blair hingegen verzichtete auf die traditionelle Erhebung ehemaliger Premierminister in den Adelsstand,Melissa Kite: Tony Blair spurns honours system. The Daily Telegraph, 30. Dezember 2007. während David Cameron 2023 zum Baron Cameron of Chipping Norton erhoben wurde.
Die britischen Peers werden auch in ihrer Gesamtheit als Lords bezeichnet, so eröffnet der Monarch die jährliche Thronrede im Oberhaus mit der Anrede: „My Lords“. Als persönliche Anrede („My Lord“) oder Bezeichnung („Lord Soundso“) wird der Oberbegriff Lord jedoch nur für die Peers-Ränge vom Baron bis zum Marquess verwendet; ein Herzog hingegen wird immer als Duke bezeichnet. Der jeweilige Namenszusatz (style) bei Nennung eines Barons, Viscounts und Earls ist The Right Honourable. Anzusprechen (address) ist er als My Lord.Burke’s genealogical and heraldic history of the peerage, baronetage, and knightage, Privy Council, and order of preference. Burke’s Peerage Ltd., London 1949, S. xli. Der Marquess ist The Most Honourable (My Lord Marquess), der Duke ist His Grace (Your Grace).Burke’s genealogical and heraldic history of the peerage, baronetage, and knightage, Privy Council, and order of preference. Burke’s Peerage Ltd., London 1949, S. xli f. Die Herzöge, die dem Königshaus angehören, sind Royal Highness. Die jeweiligen Titel werden grundsätzlich nach dem Muster „Rang Name“, wenn der Name ein Personenname ist (z. B. Viscount Beresford), oder „Rang of Name“, wenn er ein Ortsname ist, was z. B. bei allen Dukes der Fall ist (z. B. Duke of Marlborough) gebildet.
Dass die Peers zugleich Herren der ihrem Titel zugehörigen Ländereien sind, ist schon seit dem Mittelalter nicht mehr der Fall. Nicht selten gehören diese Ländereien nicht einmal mehr zum Vereinigten Königreich. Der Duke of Cornwall ist der einzige seines Standes, der neben dem bloßen Titel (Dukedom of Cornwall) auch noch zugehörige Ländereien (die Duchy of Cornwall) besitzt. Die Art der Weitergabe eines Adelstitels, abgesehen von den Life Peers (Peers auf Lebenszeit), ist verschieden. Sie hängt von der Art seiner ursprünglichen Verleihung ab. Im Regelfall werden sie nur in der direkten männlichen Linie vererbt und erlöschen beim Fehlen eines Sohnes, aber in manchen Fällen, vor allem bei vielen schottischen Titeln, können sie in Ermangelung männlicher Erben auch über die Töchter weitergegeben werden. Erloschene Titel können von der Krone zu einem späteren Zeitpunkt neu vergeben werden. Ein Peer kann mehrere Titel zugleich innehaben; er wird dann mit dem ranghöchsten Titel angesprochen.
Es gibt mehrere Gruppen von Hochadelstiteln im Vereinigten Königreich: Zur Peerage of England gehören alle Titel, die von den englischen Königen und Königinnen vor dem Act of Union im Jahr 1707 eingerichtet wurden, einschließlich der wenigen walisischen Titel. Analog dazu gehören zur Peerage of Scotland alle Titel, die vor diesem Datum von den schottischen Monarchen verliehen wurden. Die Peerage of Ireland vereint alle Titel des Königreichs Irland vor 1801. Zur Peerage of Great Britain gehören die Titel, die zwischen 1707 und 1801 in England und Schottland verliehen wurden. Alle Adelstitel, die nach 1801 vergeben wurden, bilden die Peerage of the United Kingdom.
In der Rangfolge kommt der Duke vor dem Marquess, der Marquess vor dem Earl, der Earl vor dem Viscount und dieser vor dem Baron. Innerhalb der Adelsränge bestimmt sich der Vorrang folgendermaßen: englischer Adel, schottischer Adel, großbritannischer Adel, irischer Adel, Adel des Vereinigten Königreichs; jede Gruppe ist in sich wiederum abgestuft nach dem Alter des Titels. Alle Inhaber dieser Titel waren Mitglieder des Oberhauses, mit Ausnahme der irischen Peers, die bis 1922 aus ihren Reihen eine Abordnung (Representative Peers) wählten.
In früherer Zeit hatten die Peers eine Vielzahl von Privilegien inne: sie durften nur wegen Verrats an der Person des Königs angeklagt werden, wobei die Gerichtsbarkeit für Peers ausschließlich bei den Lordrichtern des House of Lords lag und die Anwendung der Folter auf die Peers zur Erlangung eines Geständnisses verboten war. Sie konnten im Zuge solcher Prozesse auch zum Tode verurteilt werden, jedoch wurde das bei Hochverrat stets auf Hängen, Ausweiden und Vierteilen lautende Todesurteil üblicherweise nur durch Enthauptung vollstreckt (eines der bekanntesten Beispiele hierfür ist Thomas Wentworth, 1. Earl of Strafford).
Höflichkeitstitel (courtesy titles) Wie oben schon erwähnt, sind die Familienangehörigen britischer Adeliger keine Adeligen, sondern werden zu den Commoners (Bürgerlichen) gezählt. Ihre Kinder erhalten zwar Höflichkeitstitel (courtesy titles), bleiben aber so lange Bürgerliche – und damit auch wählbar für das Unterhaus, das House of Commons –, bis sie selbst einen höheren Adelstitel (durch Erbschaft oder Verleihung) erhalten. Hat ein Duke, Marquess oder Earl (Söhne von Viscounts und Baronen haben dieses Vorrecht nicht) einen ältesten Sohn, erhält der Sohn den nächstniedrigeren Titel des Vaters. Hat der Sohn wiederum männliche Kinder, erhält der älteste Sohn den dritthöchsten Titel des Großvaters und immer so weiter, bis alle Titel aufgebraucht sind. Sind mehrere nächstniedrigere gleichrangige Titel vorhanden, bestimmt die Familientradition, welcher vom Sohn geführt wird. Höflichkeitstitel sind aber keine substanziellen Adelstitel (peer on his/her own right), sondern nur Anreden.
Hat zum Beispiel der Duke of Wellington einen ältesten Sohn, führt dieser den Titel Marquess of Douro. Hat dieser wieder einen ältesten Sohn, erhält dieser den Höflichkeitstitel Earl of Mornington. Dessen ältester Sohn führt dann den Höflichkeitstitel eines Viscount Wellesley. Aber auch die anderen Kinder der Peers erhalten Höflichkeitstitel. Die jüngeren Söhne der Dukes und Marquesses (einschl. der Höflichkeits-Marquesses) erhalten den Titel Lord Vorname Nachname und die Töchter der Dukes, Marquesses und Earls (oder Höflichkeits-Marquesses resp. -Earls) in gleicher Weise den Titel Lady. Jüngere Söhne der Earls und alle Söhne der Viscounts und Barone tragen die Bezeichnung The Honourable (Der Ehrenwerte), meist abgekürzt Hon., vor ihrem Namen, was sie als Angehörige eines Hauses mit Peersrang erkennbar macht.
Im Gespräch unter Dritten werden die Dukes und Duchesses als „Duke of N.“ bzw. „Duchess of N.“ bezeichnet (und mit Your Grace angeredet), während die Inhaber anderer Titel unterschiedslos als „Lord bzw. Lady N.“ bezeichnet und mit „Mylord/Mylady“ und von Bediensteten „Your Lordship/Ladyship“ (Eure Lordschaft/Ladyschaft) angesprochen werden.
Die Peerswürde heute