250px|rahmenlos|rechts mini|Jüdisches Museum Westfalen (2015)

Das Jüdische Museum Westfalen in Dorsten zeigt in seiner Ausstellung die Religion und Kultur der Juden in Deutschland und insbesondere die Geschichte des Judentums in Westfalen. Das Museum bietet neben Führungen regelmäßig Veranstaltungen verschiedener Art: Vorträge, Lesungen, Konzerte, Workshops, Fortbildungen. Eine große Präsenz-Bibliothek und eine kleine Buchhandlung gehören ebenfalls zum Angebot. 2013/2014 wurde das Museum in der Roten Liste Kultur des Deutschen Kulturrates zwischenzeitlich als gefährdet eingestuft.(PDF; 5,7 MB), abgerufen am 24. August 2013. Die nächste Stufe wäre „von Schließung bedroht“.

Geschichte Das heutige Museum ging aus der seit 1982 bestehenden Dorstener Bürgerinitiative und Forschungsgruppe „Regionalgeschichte/Dorsten unterm Hakenkreuz“ hervor, die zuvor eine Buchreihe zur Dorstener Geschichte herausgegeben und eine lokalgeschichtliche Ausstellung erarbeitet hatte. Während der Recherche für den Band über die jüdische Gemeinde in Dorsten, bis 1932 als Synagogenhauptgemeinde der Fläche nach zweitgrößter jüdischer Gemeindebezirk Deutschlands, stellte sich heraus, dass bei großen Teilen der Bevölkerung und der Forschungsgruppe selbst anstelle von Wissen eine „tiefwurzelnde Unwissenheit in bezug auf das Judentum“ und „Vorurteile als Relikte des christlichen Antijudaismus und neuzeitlichen Antisemitismus“ existierten.Johanna Eichmann: Lebendiges Lehrhaus. In: Zeitzeugen. 1998, S. 13. Aus dieser Erkenntnis und einer unerwartet entstandenen Sammlung von Überresten der jüdischen Geschichte, die von Zeitzeugen, Angehörigen und Freunden der vertriebenen Juden der Forschungsgruppe übergeben wurden, entstand die Idee einer öffentlichen Präsentation und Dokumentation.

Die Bürgerinitiative gründete 1987 den Verein für jüdische Geschichte und Religion e. V. und fasste unter dem Arbeitstitel „Dokumentationszentrum für jüdische Geschichte und Religion“ den Plan, ein Museum einzurichten.Wolf Stegemann: Ein Museum in privater Trägerschaft. Idee und Plan. In: Jüdisches Museum Westfalen. (Museumskatalog) 1982, S. 12. Dieses Museum sollte vor allem Nichtjuden die jüdische Kultur und die regionale jüdische Geschichte vermitteln und zum Ort des Lernens werden. Im November 1987 begann die Forschungsgruppe, unter dem Namen „Sammlung Judaica Dorsten“ privat finanziert einen Grundstock an historischen Exponaten zu sammeln.Wolf Stegemann: Die Sammlung. Jüdische Spuren sichern. In: Jüdisches Museum Westfalen. (Museumskatalog) 1982, S. 14 f.

Mit neuen Geldquellen wie Objektpatenschaften, Darlehen und Zuschüssen des Landes Nordrhein-Westfalen, des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe und vor allem der Nordrhein-Westfalen-Stiftung sowie Unterstützung durch die Stadt Dorsten war es dem Verein möglich, Judaica, wertvolle Kultusgegenstände und Dokumente zu erwerben. Durch Schenkungen und Leihgaben von Privatpersonen, Museen, Institutionen, der jüdischen Gemeinde Bochum-Herne-Recklinghausen und der israelischen Stadt Hod haScharon wurde die Sammlung erweitert.Wolf Stegemann: Exponate aus Hod Hasharon. In: Jüdisches Museum Westfalen. (Museumskatalog) 1982, S. 20.

Ein Altstadtbau im Eigentum der Stadt Dorsten wurde mit Landesmitteln für etwa 2,3 Mio. DM saniert und an den Verein vermietet.Johanna Eichmann: Das Jüdische Museum Westfalen. In: Heimatkalender der Herrlichkeit Lembeck und Dorsten. 1993, S. 46 ff. Das Museum wurde am 28. Juni 1992 im Beisein des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Johannes Rau, des israelischen Botschafters Benjamin Navon und des Regierungspräsidenten Erwin Schleberger feierlich eröffnet.Johanna Eichmann: Lebendiges Lehrhaus. In: Zeitzeugen. 1998, S. 116. Der Namenszusatz „Westfalen“ wurde kurz vor der Eröffnung beschlossen, um die Stellung als einziges jüdisches Museum Westfalens hervorzuheben, obwohl die Sammlung zunächst wenige Exponate westfälischer Provenienz enthielt.Johanna Eichmann: Lebendiges Lehrhaus. In: Zeitzeugen. 1998, S. 115.

Seit 1999 unterstützt die Stiftung „Jüdisches Museum Westfalen“ die Museumsarbeit finanziell. 2001 erfolgte ein größerer Anbau, der die Ausstellungsfläche um etwa 280 m² erweiterte und Platz für einen Veranstaltungsraum und ein Foyer schuf.jmw-dorsten.de: Unser Haus. Am 26. August 2001 wurde die Neueröffnung des Museums mit einer völlig neu gestalteten Dauerausstellung gefeiert. Eine Renovierung des Altbaus erfolgte im Jahr 2002. Im Januar 2004 wurde die Dauerausstellung des Museums um eine Ausstellung zur regionalen Geschichte der Juden erweitert. Im Mai 2006 wählten die Mitglieder des Trägervereins den bisherigen Schriftführer Norbert Reichling zum Vorsitzenden des Vereins und ehrenamtlichen Leiter des Museums. Die Gründungsvorsitzende Johanna Eichmann wurde kurz nach ihrem 80. Geburtstag zur Ehrenvorsitzenden gewählt und hatte dieses Amt bis zu ihrem Tod 2019 inne.Anne Ritter: und  In: Dorstener Zeitung/Ruhr Nachrichten. Nr. 106/2006, 8. Mai 2006. Im Herbst 2017 konnte der Verein 25 Jahre Museum feiern, 30 Jahre Vereinsarbeit und 35 Jahre regionalgeschichtliche Forschung.

Lage und Architektur mini|Lage des Museums

Das Museum befindet sich im Südosten der Dorstener Innenstadt an der Ecke der Straßen Südwall und Julius-Ambrunn-Straße, letztere ist benannt nach dem letzten Vorsitzenden der örtlichen Synagogengemeinde 1942.

Das Museum besteht zunächst aus einem dreigeschossigen Altbauwohnhaus aus der Gründerzeit um 1900, das dem Jugendstil zugerechnet wird. Der quadratische Grundriss des traufenständigen Gebäudes wird nur von einem an der straßenseitigen Fassade befindlichen, leicht vorspringenden Risalit unterbrochen. Durch mehrere weiße Gesimsbänder wird die heute rot gestrichene Fassade horizontal gegliedert. Die symmetrisch angeordneten Stich- und Rundbogenfenster sowie Schmuckwerk, wie die sechs unterhalb des Dachgesimses befindlichen Konsolen, gliedern die Außenwände vertikal. Im Giebel befindet sich je ein Ochsenauge mit Streben in Form eines Davidsterns. Den Giebel des Risalts ziert ein verkleinerter Schmuckgiebel, ähnlich einem Tympanon, ebenfalls mit einem Ochsenauge.

Dem Altbau wurde 2000 ein großer, zweigeschossiger Neubau entlang der Straße Südwall bis zur Ecke Julius-Ambrunn-Straße angefügt. Der moderne Anbau nach einem Entwurf von Detlef Wiegand besteht aus mehreren verschachtelten Kuben. Die Verbindung zwischen Alt- und Neubau bilden das durch große Fensterflächen offen gestaltete Foyer im Erdgeschoss und eine Empore im Obergeschoss. Weitere großflächige Fenster lockern die sonst verschlossene Form auf. Der Neubau fällt besonders durch eine flächige, aber in ihrer Struktur unregelmäßige Klinkerfassade auf. Die Gestaltung der Fassade mit minderwertigen Ziegeln, sogenannten Fußsteinen, erinnert an den Backsteinexpressionismus der 1920er Jahre, wird aber auch mit den Bedrückungen und Zerwürfnissen der jüdischen Geschichte assoziiert. Durch die nächtliche Beleuchtung der Fassade entstehen außerdem interessante Effekte.

Hinter dem Museumsgebäude befindet sich ein Skulpturengarten. Ein Gedenkstein zum Holocaust, mehrere Skulpturen sowie Plastiken von Manfred Marreck, Tisa von der Schulenburg und anderen bieten dem Besucher Raum zu Entspannung und Gedenken. Im Herbst 2008 kam die Installation „Wegweisend“ des Bochumer Künstlers Marcus Kiel hinzu, die mit Straßenschildern an ausgewählte untergegangene Gemeinden Westfalens erinnert.

Trägerverein, Stiftung und Mitarbeiter Träger der Einrichtung ist der gemeinnützige „Verein für jüdische Geschichte und Religion e. V.“, Dorsten. Vorsitzender des Trägervereins des Museums war Norbert Reichling. Der Verein zählt 415 Mitglieder, neben zahlreichen Privatpersonen fördern auch 24 Städte, Kirchengemeinden und andere Organisationen den Verein als korporative Mitglieder.jmw-dorsten.de: Trägerverein, Förderer und Stiftung https://www.jmw-dorsten.de/museum/freunde-und-foerderer/

Neben acht Rezeptionskräften in geringfügigen Arbeitsverhältnissen ist eine Historikerin als wissenschaftliche Fachkraft beim Museum festangestellt. Eine museumspädagogische Stelle wird vom Kreis Recklinghausen finanziert. Seit dem 1. Juli 2020 hat das Museum mit Kathrin Pieren erstmals eine hauptamtliche Leitung. Die Museumsarbeit wurde zu Beginn hauptsächlich ehrenamtlich getragen und wird bis dato maßgeblich durch Ehrenamtliche und Honorarkräfte unterstützt. Einschließlich aller ehrenamtlichen Mitarbeiter sind etwa 30 Kräfte beim Museum beschäftigt. Die Personalkosten werden seit 1999 teilweise durch Zinserträge aus dem Stiftungskapital der Stiftung „Jüdisches Museum Westfalen“ gedeckt. Träger dieser Stiftung des privaten Rechts sind der Kreis Recklinghausen und die Sparkasse Vest Recklinghausen.jmw-dorsten.de: Stiftung Jüdisches Museum Westfalen. Seit dem Jahr 2020 gehört auch der Landschaftsverband Westfalen-Lippe zu den dauerhaften Förderern des Museums.

Das Museum ist Mitglied in verschiedenen fachlichen Netzwerken, so z. B. im Arbeitskreis der NS-Gedenkstätten und -Erinnerungsorte in NRW, der Arbeitsgemeinschaft Jüdische Sammlungen und der Association of European Jewish Museums.

Dauerausstellung mini|Raumplan der Dauerausstellung

Die Dauerausstellung im Obergeschoss erreicht der Besucher über eine Treppe vom Foyer aus. Diese 2018 grundlegend erneuerte Ausstellung trägt den Titel „L’Chaim! Auf das Leben! Jüdisch in Westfalen“. Sie führt ein in jüdische Traditionen und Gegenwart; außerdem zeigt sie am Beispiel von 16 Biografien aus Westfalen die Regionalgeschichte seit der Frühen Neuzeit.jmw-dorsten.de: Dauerausstellung.

Jüdische Lebenswege in Westfalen mini|Jüdische Lebenswege in Westfalen 2018

In diesem Bereich der Dauerausstellung werden die 700 Jahre der lokalen jüdischen Geschichte anhand 16 beispielhafter Lebensläufe von Juden aus der Region vorgestellt. Mit Fotos, Büchern, Skulpturen, Briefen, Urkunden, aber auch zahlreichen persönlichen Gegenständen werden die Geschichten der Personen anschaulich nachgezeichnet. Eine umfangreiche Medienstation erlaubt die Vertiefung.Wolf Stegemann: Die Geschichte der Juden in Westfalen. Von den Anfängen im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation bis zum Untergang in den nationalsozialistischen Todeslagern. In: Jüdisches Museum Westfalen. (Museumskatalog) 1982, S. 40 ff.

Die Gleichberechtigung von Mann und Frau in jüdischen Familien repräsentiert die Händlerin Freuchen Gans (1560–1630) aus Hamm, die zusammen mit ihrem Mann Moises reichsweite Geschäfte tätigte. Wie unsicher der Rechtsstatus der Juden in der frühen Neuzeit war, zeigt die Gefangennahme des Handelsreisenden Jacob Kaufman auf Schloss Lembeck 1602. Weitere Stationen behandeln die Lebenswege des Bildungsreformers Alexander Haindorf (1784–1862) aus Münster, des Bocholter Textilunternehmers Cosman Cohen (1836–1897) und des Lehrers und Dichters Jakob Loewenberg (1856–1929) aus Salzkotten.