mini|Michael Köhlmeier (2025) Michael Johannes Maria Köhlmeier (* 15. Oktober 1949 in Hard, Vorarlberg) ist ein österreichischer Schriftsteller, Erzähler und Hörbuchsprecher.

Leben und Werk mini|Michael Köhlmeier auf dem Erlanger Poetenfest 2021 Michael Köhlmeier ist das zweite Kind des Journalisten Alois „Wise“ Köhlmeier und dessen Frau Paula Köhlmeier, geb. Könner. Er wuchs in Hard in Vorarlberg auf, wohnte zeitweise auch bei einer Tante in Deutschland.

Er besuchte von 1963 bis 1970 das Humanistische Gymnasium in Feldkirch und begann dann ein Studium der Politikwissenschaft und Germanistik in Marburg an der Lahn, das er 1976 mit dem ersten Staatsexamen und einer Arbeit über den Austrofaschismus abschloss. Von 1977 bis 1980 studierte Köhlmeier Mathematik und Philosophie an der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Ende der 1960er Jahre arbeitete er als freier Mitarbeiter für den ORF und verfasste bis 1985 für das Ö1-Studio Vorarlberg Hörspiele, Features und Dokumentationen.

Köhlmeier wurde ab Anfang der 1970er Jahre mit seinen Hörspielen (Like Bob Dylan, Drei im Café spielen, Das Anhörungsverfahren) und mit kürzeren Prosatexten als Schriftsteller bekannt (erste Auszeichnung: Rauriser Förderungspreis für Literatur 1974). Er zählte zu den Akteuren des Flint-Rockmusikfestivals, das 1970 einmalig ausgetragen und im Folgejahr von der Vorarlberger Landesregierung unterbunden wurde. 1972 gründete er zusammen mit dem Musiker Reinhold Bilgeri das Duo Bilgeri & Köhlmeier. Mit dem Lied Oho Vorarlberg verzeichnete das Duo 1973 einen Erfolg in Österreich. Das Duo war sehr erfolgreich – pro Auftritt nahm jeder 30.000 Schilling (kaufkraftbereinigt heute rund  Euro) ein.

Gemeinsam mit Reinhold Bilgeri gestaltete Köhlmeier eine Kabarettsendung für Radio Vorarlberg mit dem Titel Im Westen nichts Neues.

Köhlmeiers literarisches Schaffen begann Anfang der 1980er Jahre mit Originalton-Hörspielen, in denen er Konflikte in Fabriken und sozialen Randgruppen dokumentierte. Sein Debütroman Der Peverl Toni und seine abenteuerliche Reise durch meinen Kopf (1982), den Köhlmeier in der Ö3-Radiosendung „Die Musicbox“ selbst kapitelweise in Fortsetzungen präsentierte, fand große Beachtung. Danach entstand ein umfangreiches Romanwerk, neben vielen kürzeren Texten und feuilletonistischen Beiträgen. Seine Werke sind zum Teil auch als Hörbuch erschienen, darunter Madalyn – gesprochen von Jürgen Uter – und Nachts um eins am Telefon, das von Köhlmeier selbst gesprochen wurde und sich auf der hr2-Hörbuchbestenliste platzierte.

Mit den 90er Jahren begann ein Abschnitt in Köhlmeiers Leben, in dem seine Person und seine Werke stark an Bekanntheit gewannen. Einen enormen finanziellen sowie medienwirksamen Erfolg stellte vor allem Köhlmeiers freie Nacherzählung der Sagen des klassischen Altertums dar, die 1995, 1997 und 1998 in drei Staffeln in Ö1 ausgestrahlt wurden. Gleichzeitig erschienen CDs und jeweils ein Jahr später Buchausgaben. 2007 wurde eine 80-teilige Adaption fürs Fernsehen bei BR-alpha ausgestrahlt, die über die Mediathek noch immer zugänglich ist.

In den 90er Jahren veröffentlichte er zudem neben Bleib über Nacht (1993) und Trilogie der sexuellen Abhängigkeit (1996) die Romane Telemach (1995) und Kalypso (1997), welche beide auf der homerischen Odyssee basieren. Köhlmeier hält sich dabei an das Handlungsgerüst, das das Original vorgibt und konzentriert sich auf das psychische Innenleben der Figuren. Dabei wird das Geschehen immer wieder aus einem aktuellen Blickwinkel betrachtet und aus dem altehrwürdigen Epos herausgelöst, sodass es zu einer Vermischung beider Lebenswelten kommt.

In den folgenden Jahren, nicht zuletzt bedingt durch den Erfolg seiner vorherigen Nacherzählungen, erweiterte Köhlmeier seinen Fundus an Sagen. So veröffentlichte er 1999 Das Nibelungenlied neu erzählt, 2000 bis 2003 Nacherzählungen von Bibelstellen. Köhlmeier versuchte sich auch an den Dramen Shakespeares, was zum Teil negativ aufgefasst wurde, da – so die Stimmen von Kritikern – hiermit die Grenzen der aktualisierenden Nacherzählung erkennbar wurden; die Wiedergabe sei enthistorisierend, und durch das Paraphrasierende sei insbesondere die ästhetische Qualität der Sprache verloren gegangen.

In den Jahren 2007/08 wurden auf BR-alpha die 42 Folgen umfassende Serie Köhlmeiers Märchen mit freien Nacherzählungen bekannter, aber auch selten gedruckter Märchen gezeigt. Seiner Faszination für die geheimnisvolle Gattung Märchen hat Köhlmeier das Buch Von den Märchen: Eine lebenslange Liebe gewidmet, das im Jahr 2018 erschienen ist. In einem Interview mit dem Haymon Verlag betont er deren Wichtigkeit: „[Im] Kern [...] jeder guten Geschichte, [...] ob es ein Roman ist, ob es eine historische Geschichte ist – jede historische Geschichte wird uns aufbereitet, die Geschichte ist erst dann Geschichte, wenn sie erzählt wird – im Kern einer jeden Geschichte sitzt ein Märchen. Davon bin ich überzeugt“.

Seine Werke wurden u. a. ins Englische, Französische, Griechische, Koreanische, Rumänische, Slowenische, Spanische und Türkische übersetzt.

Für die Gruppe Schellinski schreibt er seit 2004 Liedtexte in Vorarlberger Mundart. Von 2007 bis 2012 moderierte er regelmäßig die Diskussionssendung Club 2 auf ORF 2.

1981 heirateten Michael Köhlmeier und die Schriftstellerin Monika Helfer (1947–2026); diese brachte aus einer früheren Ehe zwei Kinder mit, aus ihrer Ehe mit Köhlmeier gingen zwei weitere Kinder hervor. Tochter Paula Köhlmeier verunglückte 2003 im Alter von 21 Jahren bei einer Wanderung tödlich. Sie hatte 2002 ein Literaturstipendium erhalten und war selbst Schriftstellerin. Erst nach ihrem Tod wurde ihr Werk Maramba veröffentlicht. Ihren Tod arbeitete Köhlmeier in der 2008 erschienenen Erzählung Idylle mit ertrinkendem Hund sowie dem Roman Madalyn auf.Autorin Paula Köhlmeier starb vor zehn Jahren. In: VOL.at. 22. August 2013, abgerufen am 15. Februar 2021.

Köhlmeier bezieht regelmäßig Stellung zu politischen Themen. So auch zu einer seiner Befürchtungen, einem extremen Rechtsruck in der Bevölkerung seit dem abermaligen Erstarken der FPÖ (nach der Knittelfelder-FPÖ-Versammlung 2002). Im Jahre 2008 sprach Köhlmeier dazu in einem Interview mit der Zeitschrift profil von einer antidemokratischen Tendenz und gelebtem Antiparlamentarismus der Partei. Zudem zieht er auch die beiden Großparteien zur Verantwortung, die sich nicht zutrauten, etwas gegen diese Entwicklung auszurichten.Wolfgang Paterno: „Dumm wie Bohnenstroh“. In: Profil. Jg. 38, Nr. 33, 2008, S. 108–112. In einem weiteren Interview mit dem Standard wies Köhlmeier auf die Ausschlussmechanismen gegenüber dem scheinbar „belehrungsresistenten Pöbel“ hin, denn die Gesellschaft übe auf die Menschen einen enormen Druck in Form von Verboten und Verhaltensregeln aus. Da diese Regeln jedoch von einer diffusen Gruppe vermittelt werden und nicht von einer Person, könne sich der Hass und Frust vieler Menschen nicht so einfach auflösen.Roland Pohl: Michael Köhlmeier: „Kränkung ist der Begriff der Stunde“. In: Der Standard. 15. Oktober 2019, abgerufen am 15. Februar 2021. Daraus leitet Köhlmeier den fatalen Bewältigungsmechanismus ab: „Da adressiere ich lieber die Fremden, die Asylwerber. Dann habe ich Schuldige. Endlich wird aus der diffusen Kränkung eine konkrete. Lieber eine falsche Konkretisierung als gar keine!“

Im Jahr 2018 sorgte Kohlmeier für Schlagzeilen, als er im Parlament im Zuge eines Akts zum Gedenken an verfolgte Juden die regierende FPÖ heftig für ihren Umgang mit Antisemitismus angriff. Köhlmeier kritisierte, dass sie „nahezu im Wochenrhythmus naziverharmlosende oder antisemitische oder rassistische Meldungen“ abgebe und den Namen George Soros für Verschwörungstheorien und Klicks im Netz missbrauche. Mit der Aussage „Es hat auch damals schon Menschen gegeben, die sich damit brüsteten, Fluchtrouten geschlossen zu haben“ stellte Köhlmeier einen Bezug her zum Verhalten der europäischen Staaten und der USA angesichts der anschwellenden Flüchtlingsströme nach dem Anschluss Österreichs und der Konferenz von München. Köhlmeier richtete an die österreichische Zivilgesellschaft den Appell, Anti-Islamismus nicht mit Philosemitismus zu begründen. Während FPÖ und ÖVP erbost reagierten, bekam er Anerkennung von SPÖ und Grünen.

2019 erschien bei dtv der Roman An den Mauern des Paradieses von Martin Schneitewind, angeblich aus dem Französischen übersetzt von Raoul Schrott. Köhlmeier zufolge hat Schneitewinds Witwe ihm das Manuskript zur Veröffentlichung überlassen. Recherchen des NDR zeigen, dass es eher unwahrscheinlich ist, dass der literarisch nie aufgefallene Martin Schneitewind je existiert hat, auch wenn in dem Buch 28 Seiten zu seiner Vita zu finden sind. Rezensoren werteten dies als zum Roman gehörendes Spiel mit Fiktion und Wirklichkeit.

2021 bis 2023 publizierte Köhlmeier im Red Bulletin 26 Folgen des Podcast "Boulevard der Helden". Die links-liberale Haltung Köhlmeiers steht im Widerspruch zur rechten Schlagseite des Red Bull Media House.

2024 erschien Köhlmeiers Roman Das Philosophenschiff im Carl Hanser Verlag über die Ausweisung unliebsamer Intellektueller im frühen Sowjetrussland unter Lenin (s. Philosophenschiff).

Michael Köhlmeier lebt als freier Schriftsteller in Hohenems und Wien. Das Leben in der Provinz habe er nie als Problem empfunden, erklärte er in einem Interview mit den Salzburger Nachrichten auf die Feststellung, er arbeite abseits der großen literarischen Zentren: „Im Alter der Informationsüberflutung, im Jahrhundert der Massenkommunikation gibt es den Begriff der Provinz nicht mehr in der Form wie im 19. Jahrhundert. Wenn ich mir die Ringstraße anschauen will, fahre ich halt nach Wien.“Wolfgang Ölz: Der Autor muß vor allem ehrlich sein zu seinen Figuren. Gespräch mit dem Vorarlberger Autor Michael Köhlmeier über dessen schriftstellerische Tätigkeit. In: Salzburger Nachrichten. 11. Juni 1994.

Auszeichnungen und Ehrungen 1974: Rauriser Förderungspreis für Literatur 1976: Nachwuchsstipendium für Literatur des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst 1983: Rauriser Literaturpreis, für Der Peverl Toni und seine abenteuerliche Reise durch meinen Kopf 1988: Johann-Peter-Hebel-Preis 1993: Manès-Sperber-Preis 1993: ORF-Hörspielpreis, für Theorie der völligen Hilflosigkeit 1996: Buchprämie des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst 1996: Anton-Wildgans-Preis 1997: Grimmelshausen-Preis, für Telemach 2001: Ehrenpreis des Vorarlberger Buchhandels 2007: Finalist beim Deutschen Buchpreis, mit Abendland 2007: Österreichischer Würdigungspreis für Literatur 2007: Goldenes Verdienstzeichen des Landes Wien 2008: Bodensee-Literaturpreis, für Abendland und sein literarisches Gesamtwerk 2010: Kröte des Monats November, für Rosie und der Urgroßvater (mit Monika Helfer) 2011: Österreichischer Kinder- und Jugendbuchpreis, für Rosie und der Urgroßvater 2014: Walter-Hasenclever-Literaturpreis 2014: Toni-Russ-Preis 2014: Longlist beim Deutschen Buchpreis, mit Zwei Herren am Strand 2015: Preis der LiteraTour Nord 2015: Düsseldorfer Literaturpreis 2016: Österreichisches Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse 2017: Marie Luise Kaschnitz-Preis 2017: Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung 2019: Poetikprofessur an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg 2019: Ferdinand-Berger-Preis des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes 2020: Johann-Nestroy-Ring der Stadt Bad Ischl 2025: Longlist des Deutschen Buchpreises mit Die Verdorbenen 2025: Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch: Preis für das publizistische Gesamtwerk 2026: Max Frisch-Preis der Stadt ZürichMedienmitteilung der Stadt Zürich vom 13. Januar 2026

Werke (Auszug) Prosa

Bleib über Nacht. Heyne, München 1993, ISBN 3-453-08916-2. Die Leute von Lech. Bildband mit Fotografien von Konrad R. Müller. 1994, ISBN 3-85218-183-6.

Dein Zimmer für mich allein. 1997.

Geschichten von der Bibel. Von der Erschaffung der Welt bis Josef in Ägypten. 2000.