Das Kloster Werden ( u. ä.), auf alten Karten Werthina, war eine Abtei der Benediktiner in Werden an der Ruhr, heute Essen-Werden. Sie entstand Ende des 8. Jahrhunderts und geht auf den Missionar und Heiligen Liudger zurück, der zugleich Bischof von Münster war. Ab etwa 875 hatte Kloster Werden den Rang eines Königsklosters und ab dem Hochmittelalter den eines Reichsklosters. Um 1100 umfassten die Güter 60 Haupthöfe und 1150 Hufen. Davon lagen mehr als 200 um Werden, 250 am Niederrhein, etwa 150 in den Niederlanden, 200 in den Frieslanden und etwa 800 in Westsachsen. Das Kloster gehörte ab der frühen Neuzeit als Reichsabtei zum Niederrheinisch-Westfälischen Reichskreis. Seit 1653 war der Abt Direktor des Rheinischen Reichsprälatenkollegiums.
1802 wurden Kloster und Reichsabtei aufgehoben, die Stadt fiel an Preußen. 1929 wurde der Landkreis Essen aufgelöst und Werden nach Essen eingemeindet. Seit 1945 ist im ehemaligen Klostergebäude der Hauptsitz der Folkwang Universität der Künste. Die nach der Säkularisation als Pfarrkirche genutzte Abteikirche wurde 1993 zur päpstlichen Basilica minor erhoben. Nach einem Brand im Ostflügel der Abteigebäude im Februar 2008 ist die Schatzkammer wieder zu besichtigen.
Geschichte Die Gründung des Klosters miniatur|hochkant|Moderne Bronzeplastik in der Krypta Die Anfänge Werdens liegen in der Zeit der Wende vom 8. zum 9. Jahrhundert und sind mit der Person des Heiligen und Missionars Liudger († 809) verbunden. Wie seine Vorgänger Winfried Bonifatius und Gregor von Utrecht wirkte der um 742 bei Utrecht geborene Liudger zunächst in Friesland, dann nach der Unterwerfung der Sachsen durch Karl den Großen in Westfalen von Münster aus.
Die Pläne zur Gründung eines Klosters verfolgte Liudger schon länger, möglicherweise seit er 784 Rom und das Kloster Montecassino besucht hatte. Später plante er zunächst eine Klostergründung im heute niederländischen Raum und danach im Rheinland. Zu Beginn des Jahres 796, folgt man der urkundlichen Überlieferung, erschien der Friese Liudger, der erste Bischof von Münster, an der unteren Ruhr, wo er nach umfangreichen Landerwerbungen durch Schenkung, Kauf oder Tausch auf seinem Erbgut 799 ein Kloster gründen konnte: das Kloster Werden. Es existiert eine gefälschte Urkunde, datiert auf den 26. April 802. Darin erteilt Karl der Große das Privileg zur Gründung der Abtei. Diese gefälschte Urkunde erlangte einige Bekanntheit.Sie war eines der Ausstellungsstücke der Credo-Ausstellung 2013 in Paderborn (Stiegemann, Christoph et al.: CREDO. Christianisierung Europas im Mittelalter. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2013, Katalogeintrag 391, S. 445–446.).
Der Ort befindet sich auf dem linken Ufer der Ruhr auf einer dort erweiterten, hochwasserfreien Talsohle, die in ein von Bächen (u. a. Klemensborn) durchzogenes Seitental übergeht. Er liegt damit an einer Übergangsstelle des hier etwa in nord-südlicher Richtung strömenden Flusses. Nach Süden und Osten steigt das umliegende Niederbergische Hügelland bis zu einer Höhe von über 140 Metern über NHN an. Durchlässe ermöglichten hier den Anschluss Werdens an das mittelalterliche Straßensystem der Kölner Straße (Verbindung Nord–Süd), während der Ruhrübergang den Ort mit dem Hellweg (Verbindung West–Ost) verband.
Die Herkunft der Mönche ist nicht sicher bekannt. Aus den ältesten Schriftquellen aus Werden selbst geht nur hervor, dass die Schreiber eine angelsächsische Ausbildung erhalten hatten, was angesichts des Einflusses angelsächsischer Mönche auf dem Kontinent nicht zwangsläufig bedeutet, dass die ersten Mönche auch aus England stammten.
Liudgeridisches Eigenkloster miniatur|hochkant|Sogenannter Ludgeruskelch in der Schatzkammer, ca. 1060 Liudger behielt die Leitung des Klosters auch bei, als er in Münster Bischof wurde. Erste Mönche des Domklosters kamen wohl aus Werden.
Die Leitung des so begründeten Werdener Eigenklosters stand nach dem Tod des Gründers (809) der Familie Liudgers zu. Erster Nachfolger wurde sein Bruder Hildegrim I. (809–827). Es folgten die Liudgeriden Gerfried (827–839), Thiatgrim (839–840), Altfried (840–849) und Hildegrim II. (849–886). Durch die Liudgeriden war Werden bis 849 in Personalunion mit den Bischofssitzen von Münster und bis 886 mit Halberstadt verbunden; auch das Zusammengehen von Werden und Helmstedt könnte in diese Zeit fallen. In dieser Zeit bestand die Gefahr, dass der familiäre Eigennutz wichtiger wurde als die Gemeinschaft der Mönche. Es bestand auch die Gefahr, dass durch die Personalunion der Bischöfe von Münster mit den Klosterleitern Werden unter direkte Kontrolle des Bistums hätte geraten können.
Reichskloster, Zeit der Wahläbte Die „Bertoldschen Wirren“ nach der Mitte des 9. Jahrhunderts leiteten das Ende des Eigenklosters liudgeridischer Prägung ein. Bestrebungen des Bischofs Liudbert von Münster, Werden dem Bistum einzuverleiben, stießen auf den Widerstand der Mönche. Sie setzten auf einer 864 stattfindenden Synode von Bischöfen durch, dass mit Hildigrim II. noch einmal ein Liudgeride Abt wurde. Doch in seine Amtszeit fiel das vom ostfränkischen König Ludwig dem Jüngeren (876–882) erbetene Privileg über Königsschutz, Immunität und freie Abtswahl.
Zum ersten Mal wählten die Mönche nach dem Tod Hildigrims II. im Jahr 886. Die Zeit der Werdener Wahläbte und die Zeit als Reichskloster hatte begonnen. Seit dem Wandel zum Reichskloster war die Beziehung zum jeweiligen Erzbischof von Köln eng und dessen Einfluss beträchtlich. Die Stellung einer exemten, nur dem Papst unterstellen Abtei konnte Werden nie erringen.
Materielle Basis Die anfänglichen Besitzungen wurden durch die Bischöfe aus der Familie Liudgers, die Karolinger und später durch die sächsischen Herzöge vermehrt. Hinzu kamen Schenkungen der ins Kloster eintretenden Mönche, aber auch von Laien. Zumindest zeitweise führte eine gute WirtschaftsführungZur Schriftkulturellen Umgebung vgl. Ludolf Kuchenbuch: Register und rekenschap: schriftkulturelle Streiflichter zur Wirtschaftsführung in der Abtei Werden 12. – Anfang 16. Jahrhundert. In: Jan Gerchow (Hrsg.): Das Jahrtausend der Mönche. Kloster Welt Werden 799–1803. Köln/Essen 1999, S. 138–145. dazu, dass Überschüsse zum Erwerb weiteren Besitzes eingesetzt werden konnten. Den Wert des Besitzes hat das Roden von Wäldern noch vergrößert.
Die materielle Grundlage des Klosters, erkennbar an den schon aus früher Zeit überlieferten Urbaren der Werdener Grundherrschaft und am Besitz in der näheren Umgebung (Werden, Friemersheim), in Westfalen, Ostfalen (Helmstedt) und Friesland, war beträchtlich, muss aber wohl im 11. Jahrhundert stagniert haben, wie aus Verwaltungsmaßnahmen der Äbte Gerold (1031–1050) und Gero (1050–1063) zu erschließen ist. Bereits im 10. Jahrhundert wurde das Vermögen zwischen Abt und Konvent aufgeteilt. Später erhielten auch weitere Dignitare bestimmte Anteile. In der Mitte des 12. Jahrhunderts gab es etwa fünfzig Haupthöfe mit einer weiteren großen Zahl an untergeordneten Besitzungen.
In der Folge nahm dieser Besitz allerdings ab. So wurden 1282 die Güter in Friesland verkauft. Weitere Verkäufe folgten in den folgenden Jahrhunderten auch zur Finanzierung eines aufwendiger werdenden Lebensstils. In der zweiten Hälfte des 12. und dann wieder im 14. Jahrhundert trugen Seelmessstiftungen dem Kloster weitere Güter ein.Hans-Jürgen Hübner: Grundbesitz. In: Jan Gerchow (Hrsg.): Das Jahrtausend der Mönche. Ruhrlandmuseum Essen. Kloster Welt Werden 799–1803 (Ausstellung 26. März bis 27. Juni 1999). Essen/Köln 1999, S. 450–454, hier: S. 450.
Um 900 ließen sich 25 Haupthöfe und 800 Hufen (mansi) nachweisen, um 1100 waren es 60 Haupthöfe und 1150 Hufen. Davon lagen über 200 um Werden, 250 am Niederrhein, etwa 150 in den Niederlanden, weitere 200 in Friesland, vor allem aber etwa 800 in Westsachsen. Die späteren Zuwächse ballten sich um das Kloster selbst, wo ein fast geschlossenes Territorium entstand. Der umfangreichste geschlossene Besitz befand sich bei Friemersheim nahe Uerdingen. Letzte bedeutende Erwerbungen erfolgten mit dem Hof Langwarden bei Castrop im Jahr 1269 und Besitz bei Hattingen im Jahr 1287.Hans-Jürgen Hübner: Grundbesitz. In: Jan Gerchow (Hrsg.): Das Jahrtausend der Mönche. Ruhrlandmuseum Essen. Kloster Welt Werden 799–1803 (Ausstellung 26. März bis 27. Juni 1999). Essen/Köln 1999, S. 450–454, hier: S. 451–452.
Hochmittelalter Vom 10. bis ins 12. Jahrhundert nahm das Kloster eine günstige Entwicklung. Die (teilweise gefälschten) Privilegien ottonischer, salischer und frühstaufischer Herrscher stärkten dabei die Verbindung zwischen dem Kloster und den Herrschern, in deren Schutz sich das Reichskloster Werden jetzt befand.
Die Mehrzahl der Mönche stammte anfangs aus den Bistümern Münster und Utrecht. Später dehnte sich der Einflussbereich des Klosters nach Osten und Süden aus. Das Kloster diente auch der Erziehung und der Versorgung von Söhnen aus adeligem Haus. Der adelige Charakter der Gemeinschaft war nachteilig für die Klosterzucht. Insbesondere die Verpflichtung zur persönlichen Armut war ein Problem. Erst um 1015, unter dem Druck des Kölner Erzbischofs Heribert, gewann die Gorzer Reform in Werden an Einfluss. Vermittelt über die Siegburger Reform gewann im zweiten Viertel des 12. Jahrhunderts die Reformbewegung von Cluny in Werden an Bedeutung. Zeitweise orientierte man sich an einem schlichteren und strengeren Lebensstil. Mit Abt Wilhelm I. (1151–1160), unter dem die letzten Teile des so genannten großen Werdener Privilegienbuchs angefertigt wurden, fand diese innere Blütezeit ihr Ende.
Gleichzeitig waren die nachfolgenden Äbte stärker als je zuvor in der Reichspolitik engagiert, und sie konnten ihre Kontakte zum Papsttum ausbauen und dadurch die kirchliche Exemtion von Kloster und Abteiland erwirken. So war Abt Adolf I. (1160–1173) am Romzug Kaiser Friedrich Barbarossas beteiligt, Abt Heribert II. (1197–1226) spielte im welfisch-staufischen Thronstreit eine bedeutende Rolle, von König Otto IV. (1198–1215/1218) wurde er privilegiert. In einer Urkunde Heinrichs VII. (1220–1235) wurde er als Fürst bezeichnet, ein Hinweis auf die reichsunmittelbare Stellung Werdens und auf die sich spätestens zu Beginn des 13. Jahrhunderts aus Besitz und Rechten ausbildende kleine Landesherrschaft des Abts zwischen Kettwig und Heisingen, Essen-Bredeney und Essen-Heidhausen.
Spätmittelalter Dem Ausbau und Erhalt des Territoriums wurden die Belange des Klosters untergeordnet. Die Lebensweise der Mönche begann sich im 13. Jahrhundert zu verweltlichen. Sie verfügten über eigenen Besitz und lebten teilweise in eigenen Häusern. Im Jahr 1234 musste der Abt diese Lebensweise akzeptieren. 1291 wurde dann festgeschrieben, dass die Mönche aus mindestens edelfreiem Haus stammen mussten.
So ist im 13. und 14. Jahrhundert erkennbar, dass (auch von außen angestoßene) Reformen durch Abt und nunmehr immer stärker hervortretenden Konvent unterblieben und Regelungen innerhalb des Klosters bestenfalls wirtschaftliche Fragen (Präbende, Schuldendienst) und Fragen der Machtverteilung (Rechte des Konvents, Ämterbesetzung, Wahlkapitulationen des Abts) betrafen. Die klösterliche Lebensweise wich dabei zunehmend einer kanonikalen – man sprach im 14. Jahrhundert vom Werdener Stift und seinen Stiftsherren –, während die Zahl der „Mönche“ immer mehr zurückging.