mini|Wolfgang Pichler (2011) Wolfgang Pichler (* 23. Januar 1955 in Ruhpolding) ist ein deutscher Biathlon- und Langlauftrainer.
Insbesondere in Schweden, wo er von 1995 an mehr als 20 Jahre in verschiedenen Funktionen wirkte, ist Pichler eine Schlüsselfigur für die Entwicklung des nationalen Biathlons. Er betreute unter anderem die Rekordweltucpsiegerin Magdalena Forsberg sowie die Olympiasieger Anna Carin Olofsson, Björn Ferry und Hanna Öberg. Insgesamt gewannen die von ihm trainierten Sportler etwa 40 Medaillen bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften.
Seit dem Beginn seiner Trainerkarriere trat Pichler unter anderem an der Seite des früheren DDR-Biathleten Jens Steinigen als scharfer Dopingkritiker in Erscheinung. Von 2011 bis 2014 betreute er das russische Biathlonteam, wobei mehrere von ihm trainierte Athletinnen später ebenfalls wegen Dopingmanipulationen gesperrt wurden. Gegen eine eigene Olympiasperre ging Pichler erfolgreich vor.
Werdegang Zoll-Ski-Trainer und Auseinandersetzungen mit dem Deutschen Skiverband (bis 1995) In den 1970er Jahren gehörte Pichler dem B-Kader des bundesdeutschen Skilanglaufteams an, später bestritt er auch im Biathlon Wettkämpfe und erreichte als bestes internationales Ergebnis einen 19. Rang im Weltcup.”Han skulle mörda mig” auf aftonbladet.se. Erschienen am 19. November 2007. Abgerufen am 29. April 2020. Bereits Ende der 1980er Jahre arbeitete er als Betreuer mit seinem jüngeren Cousin Walter Pichler zusammen, der 1984 eine olympische Staffelbronzemedaille gewonnen hatte. Zwei Jahrzehnte später gaben beide gegenüber der Süddeutschen Zeitung an, es habe im bundesdeutschen Team systematisches Doping durch den Sportarzt Erich Spannbauer gegeben. Die Pichlers hätten sich dagegen gewehrt, der im Frühjahr 1986 von ihnen informierte Skiverband habe aber zunächst keine Sanktionen gegen den Arzt verhängt, man habe sie stattdessen fortan ausgegrenzt.Thomas Hahn: Doktor Spritz wird helfen. In: Süddeutsche Zeitung. (23. Juni 2007), Sport, S. 37. Abgerufen via Munzinger Online.Thomas Kistner: „Vitaminspritzen? So dumm können die Athleten gar nicht sein“. In: Süddeutsche Zeitung (17. August 2013), Sport, S. 36. Abgerufen via Munzinger Online. Wolfgang Pichler bezeichnete die Auseinandersetzung mit dem Deutschen Skiverband später als seinen „erste[n] große[n] Kampf gegen dieses Dreckszeug [Doping]“.Cathrin Gilbert: Biathlon-Trainer Wolfgang Pichler: "Ich bin Opfer eines Komplotts" auf zeit.de. Erschienen am 17. Januar 2018. Abgerufen am 30. April 2020. Spannbauer wurde 1987 entlassen, nachdem ein Dopingtest des Olympiasiegers Peter Angerer positiv ausgefallen war.
Pichler, der als Autodidakt in den Trainerjob eingestiegen warIn einem Bericht von 2019 gibt Pichler an, er habe sich durch eine Anregung seiner ersten Frau mit der Wirkung von Lactaten auseinandergesetzt und zur Erforschung eine Trainingsgruppe mit sechs Athleten in Ruhpolding gegründet. Zudem wird er zitiert, er habe „Tennis an der Universität“ studiert und dabei viel über Sporttheorie gelernt, vgl. Giulio Gasparin: Drei Jahrzehnte voller Innovation, Erfahrung und Erfolg. In: Biathlonworld, Nummer 52/2019, S. 104–110. In anderen Berichten wird hingegen explizit erwähnt, er habe kein sportwissenschaftliches Studium absolviert., betreute das deutsche Zoll-Ski-Team in Ruhpolding und in dieser Funktion ab 1990 auch den Ostdeutschen Jens Steinigen. Pichler und Steinigen wandten sich gegen die Übernahme früherer DDR-Trainer – insbesondere des Biathloncheftrainers Kurt Hinze – in die vereinigte Skimannschaft. Nach Steinigens öffentlichen Vorwürfen, die DDR-Mannschaft sei 1985 in Anwesenheit Hinzes zum Doping aufgefordert worden, galt Pichler als Anstifter. Der Zoll entzog ihm die Betreuung Steinigens, nach Angabe des Athleten aus Sorge um die Beziehungen zum Skiverband.Anno Hecker: Wer sich wehrt, wird ausgespuckt auf faz.net. Erschienen am 14. April 2005. Abgerufen am 29. April 2020. Pichler trainierte Steinigen und andere Sportler zunächst in einer privaten Trainingsgruppe weiterGiulio Gasparin: Drei Jahrzehnte voller Innovation, Erfahrung und Erfolg. In: Biathlonworld, Nummer 52/2019, S. 104–110. Online verfügbar als ., erst auf Anweisung des für den Zoll zuständigen Finanzministers Theo Waigel konnte er seine vorherige Position 1992 wieder aufnehmen. Hinze war als DSV-Cheftrainer nach weiteren Beschuldigungen Ende 1991 zurückgetreten. Bei den olympischen Biathlonwettkämpfen 1992 wurde Steinigen mit der deutschen Staffel Olympiasieger. In den folgenden Jahren blieb das Verhältnis des Zolltrainers Pichler zu den Betreuern im Skiverband konfliktbelastet, etwa als Steinigen keine Berücksichtigung in der Olympiastaffel 1994 fand.Hans Eiberle: Fischer denkt an Fischer und requiriert die deutsche Fahne. In: Süddeutsche Zeitung (28. Februar 1994), Sport, S. 35. Verfügbar via Munzinger Online.
Erfolge mit Magdalena Forsberg und der schwedischen Nationalmannschaft (1995 bis 2011) mini|Magdalena Forsberg (hier 2006) gewann mit Pichler als Trainer sechsmal den Gesamtweltcup. Zu der von Pichler betreuten privaten Trainingsgruppe in Ruhpolding gehörte auch der Schwede Leif Andersson, der 1992 mit der schwedischen Staffel die olympische Bronzemedaille in Albertville gewonnen hatte – die erste Biathlonmedaille für das Land nach 20 Jahren. Mit Andersson als Schießtrainer wechselte Pichler im Mai 1995 als Biathlon-Nationaltrainer zum schwedischen Verband.Kurz gemeldet. In: Süddeutsche Zeitung. (31. Mai 1995), Sport, S. 39. Abgerufen via Munzinger Online. Dort schrieb er unter anderem die Trainingspläne für Magdalena Forsberg, die 1993 vom Skilanglauf zum Biathlon gewechselt war. Unter Pichler gewann Forsberg von 1997 bis zu ihrem Karriereende 2002 sechsmal in Folge den Gesamtweltcup und ebenso viele WM-Titel. Pichler bezeichnete sich und Forsberg als „perfektes Team“ und lobte vor allem das Vertrauen, das sie ihm entgegenbrachte, sowie den Professionalismus, mit dem sie seine Vorgaben umsetzte. Mikael Löfgren, der 1993 als erster Schwede den Gesamtweltcup gewonnen hatte, trat 1998 vom Leistungssport zurück und begründete dies mit Kritik an Pichlers in seinen Augen zu hartem Führungsstil. In der Folge verlor Pichler vorübergehend die Position als Nationaltrainer und war bis 2002 persönlicher Trainer Forsbergs.Han nobbar Pichler auf aftonbladet.se. Erschienen am 15. Februar 2009. Abgerufen am 29. April 2020.
Nach Forsbergs Rücktritt vom Leistungssport berief der schwedische Teamchef Staffan Eklund Pichler im März 2002 zum Trainer der Männer-Nationalmannschaft.Alla kan inte gilla Pichler auf aftonbladet.se. Erschienen am 28. März 2002. Abgerufen am 29. April 2020. Pichler baute um die jungen Björn Ferry und Carl Johan Bergman ein Team auf, das 2005 nach zwölf Jahren erstmals wieder ein Staffelrennen im Weltcup für Schweden gewann.Joachim Möller: Dicke Decke. In: Süddeutsche Zeitung. (7. Januar 2005), Sport, S. 29. Abgerufen via Munzinger Online Sowohl Bergman als auch Ferry entschieden mehrere Einzelwettkämpfe für sich, Ferry wurde 2010 Verfolgungsolympiasieger. Parallel zum Männerteam formte Pichler eine schwedische Biathlon-Frauenmannschaft: Zunächst war Forsberg mehrere Jahre die einzige erfolgreiche Sportlerin ihres Landes gewesen, auf sie war die frühere Skilangläuferin Anna Carin Olofsson gefolgt, die bis 2005 Schweden alleine im Weltcup vertrat. Olofsson, von Pichler später als hart trainierende „Maschine“ charakterisiert, triumphierte 2006 im olympischen Massenstart vor Kati Wilhelm und wurde damit die erste schwedische Biathlonolympiasiegerin.Der einzige schwedische Biathlet überhaupt, der bis 2006 einen olympischen Titel erringen konnte, war Klas Lestander, der bei der olympischen Biathlonpremiere 1960 siegreich gewesen war. Im Hinblick auf die Heim-WM 2008 in Östersund führte Pichler weitere Sportlerinnen an die Weltspitze heran, darunter die spätere Gesamtweltcupsiegerin und Weltmeisterin Helena Jonsson. 2007 gewannen Jonsson, Olofsson, Ferry und Bergman den WM-Titel in der Mixed-Staffel. Unmittelbar nach diesem Erfolg stufte Pichler ihn – angesichts des weiten Weges „von ganz unten“ – als den größten seines Trainerlebens ein.Ehren-Schwede. F.A.Z., 10. Februar 2007, Nr. 35 / Seite 31
In der Saison 2001/02 – bevor Pichler die Verantwortung für das schwedische Team übernahm – hatten die Männer den zehnten Rang in der Nationenwertung des Biathlon-Weltcups belegt auf data.biathlonworld.com. Archivierte Fassung im Internet Archive abgerufen am 30. April 2020. und die Frauen den achtzehnten. auf data.biathlonworld.com. Archivierte Fassung im Internet Archive abgerufen am 30. April 2020. Bis 2008/09 verbesserten sich beide Mannschaften kontinuierlich auf die Plätze vier (Männer) und zwei (Frauen). Pichler verlängerte seinen Vertrag in Schweden frühzeitig bis zu den Olympischen Winterspielen 2014, war aber ab 2010 nur noch für das Frauenteam zuständig.Johanna Reimers: Pichler får samma lön - för halva jobbet auf expressen.se. Erschienen am 15. April 2010. Abgerufen am 29. April 2020.
Russischer Nationaltrainer und Rückkehr nach Schweden (seit 2011)