mini|hochkant|Semjon Judkowitsch Mogilewitsch Semjon Judkowitsch Mogilewitsch (, wiss. Transliteration ; * 30. Juni 1946 in Kiew, Ukrainische SSR, Sowjetunion) ist einer der Anführer von zahlreichen Gruppierungen der russischen Mafia. Er wird vom FBI beschuldigt, eine führende Person der organisierten Kriminalität in Russland zu sein. Einem Bericht der Weltbank zufolge wird er verdächtigt, ein Oberhaupt der russischen Solnzewo-Bruderschaft zu sein. Mogilewitsch, so die Weltbank, habe ein Vermögen mit Waffenhandel, Erpressung und Prostitution aufgebaut. Ein Arbeitspapier der European Society of Criminology nennt ihn eine der „gefürchtetsten Führungsfiguren des organisierten Verbrechens“.

Der britische Journalist Luke Harding schrieb 2011 in seinem Buch „Mafia State“, Mogilewitsch besitze die Fähigkeit, die kompliziertesten Betrugssysteme zu seiner persönlichen Bereicherung zu nutzen, und sei einer der ersten gewesen, der die sich bietenden Möglichkeiten des Kapitalismus und des allmählichen Zusammenwachsens der kriminellen Welt mit der Politik in Russland erkannte. Mogilewitsch verfüge über ein unglaubliches Gespür und glänzendes Verständnis der globalen Wirtschaft, was ihm erlaubte, ein riesiges Vermögen von etwa 10 Milliarden Dollar zu erwerben, so Harding.Luke Harding: Mafia State. How One Reporter Became an Enemy of the Brutal New Russia, London 2011, ISBN 978-0852652473.

Der FBI-Direktor Robert Mueller beschuldigte Mogilewitsch im Jahr 2005, eine einflussreiche Gruppierung der organisierten Kriminalität gegründet zu haben, die in Drogen- und Waffenhandel, Prostitution, Geldwäsche sowie betrügerische Aktivitäten an den amerikanischen und kanadischen Börsen involviert ist.Obozrevatel: Авторитет Могилевич отпущен на свободу, vom 12. Juli 2008, abgerufen am 4. Juni 2020.

Herkunft und Familie Mogilewitsch wurde im Kiewer Stadtbezirk Podil (Kiew) als Sohn einer jüdischen Familie geboren. Seine Mutter Genja Tewjewna Schepelskaja war Ärztin und sein Vater Judka Mogilewitsch Direktor einer großen Druckerei in Kiew.

Ausbildung Mit 22 Jahren absolvierte er die Wirtschaftsfakultät der Universität Lemberg. Er galt als brillanter Student mit einem photographischen Gedächtnis. In der Presse wurde später häufig erwähnt, dass zu seinen Stärken ein ausgezeichnetes Gedächtnis, scharfer Verstand und die Fähigkeit gehörte, schnelle Entscheidungen zu treffen.vesty.co.il: "Гений из Киева": кто он - самый разыскиваемый израильтянин в мире, vom 5. Oktober 2019, Originalartikel in der Zeitung Jedi’ot Acharonot auf Jiddisch מי הבוס, vom 3. Oktober 2019, abgerufen am 3. Juni 2020.

Kriminelle Aktivitäten Bagatelldelikte innerhalb der Ljuberezkaja-Gruppierung Seine kriminelle Karriere begann er in den 1970er Jahren in Kiew. Nach Akten der sowjetischen Miliz hatte er damals Verbindungen zum organisierten Verbrechen in Moskau gepflegt. Vor allem hatte er für die Ljuberezkaja-Mafiagruppierung (so benannt nach der Stadt Ljuberzy in der Oblast Moskau) gearbeitet und sich mit kleineren Betrugsdelikten und Devisenhandel am Schwarzmarkt beschäftigt. Außerdem zog er Profit aus Bestattungsmodalitäten.Department of Justice, Federal Bureau of Investigation: Semion Mogilevich Organization. Eurasian organized crime, August 1996, S. 2, abgerufen am 3. Juni 2020. Für seine kriminellen Machenschaften stand er in Kiew zwei Mal vor Gericht: Zum ersten Mal kam er 1973 wegen illegaler Devisengeschäfte für drei Jahre ins Gefängnis. Das zweite Mal wurde er 1977 wegen Betrugs für vier Jahre verurteilt.Irina Reznik, Marija Rozhkowa: Семен Могилевич: миллиардер средней руки, Vedomosti, vom 28. Januar 2008, abgerufen am 4. Juni 2020.

Für die zweite Festnahme war der Ermittlungsbeamte der Kiewer Staatsanwaltschaft und spätere stellvertretende Generalstaatsanwalt Sergei Markijanowitsch Winokurow verantwortlich. Er erinnerte sich Jahrzehnte später, dass dieses Betrugsdelikt mit Semjon Jachimowitsch (Deckname: Byk) zu tun hatte, dem Anführer einer kriminellen Organisation aus Podil, deren Mitglieder als Fleischer auf dem Markt in Kiew tätig waren. Jachimowitsch hatte beschlossen, aus der UdSSR zu emigrieren, und plante, unter der Hand insgesamt 20.000 Rubel gegen 8.000 Dollar zu tauschen. Damals war in der Sowjetunion der Tausch des Rubels gegen ausländische Währungen ein Straftatbestand. Er wandte sich mit seinem Anliegen an Semjon Mogilewitsch. Dieser hatte die Idee, über den ausländischen Studenten namens Adam, der, wie sich später herausstellte, ein Verwandter des Präsidenten von Zaire war, die Transaktion durchzuführen. Adam kam zum verabredeten Treffpunkt zusammen mit einer jungen Frau. Er nahm von Jachimowitsch die Tasche mit den 20.000 Rubel und übergab sie der Frau, die in einem Hauseingang verschwand, angeblich um die Vollständigkeit des Geldes zu überprüfen. Sodann tauchte ein Milizionär auf und nahm Jachimowitsch und Mogilewitsch fest. Während der Fahrt in die Bezirksabteilung der Miliz konnte Mogilewitsch aus dem Fahrzeug flüchten und Jachimowitsch wurde später aus Mangel an Beweisen wieder freigelassen. Jachimowitsch begriff, dass er einem Betrug zum Opfer gefallen war und dass Mogilewitsch, Adam, die junge Frau und der Milizionär zusammengearbeitet hatten. Es kam zu einer bewaffneten Massenschlägerei zwischen den „Fleischern“ aus Podil und den Mitgliedern einer Kiewer kriminellen Gruppierung, die Mogilewitsch unterstützte. So wurde dieser Fall den Behörden bekannt und alle Beteiligten wurden verhaftet. Mogilewitsch wurde zu vier Jahren wegen Betrugs und Jachimowitsch zu 9 Jahren wegen Organisation eines Mordanschlags verurteilt. Erst Ende der 1980er Jahre fand Winokurow heraus, dass Mogilewitsch und Jachimowitsch wieder freundschaftlichen Umgang miteinander pflegten. Mogilewitsch hatte nämlich an Jachimowitsch für jedes im Gefängnis abgesessene Jahr 100.000 Rubel Entschädigung gezahlt und ihm zusätzlich seinen Einflussbereich, den Kiewer Bahnhof, zur Durchführung krimineller Aktivitäten überlassen.Aleksandr Kortschinski: Дело Могилевича: черный Адам и бойня в Киеве, segodnya.ua, vom 4. Februar 2014, abgerufen am 4. Juni 2020.

Betrug von jüdischen Emigranten In den 1980er Jahren beteiligte er sich an organisatorischen Maßnahmen, um den sowjetischen Juden die Ausreise nach Israel zu erleichtern. Damals unterhielt die UdSSR keine diplomatischen Beziehungen mit Israel. Ein Visum konnte man nur über das niederländische Konsulat erhalten. Das Hauptproblem der auswandernden Juden war dabei, dass die sowjetischen Gesetze es verboten, Wertsachen (Gemälde, Schmuck etc.) und Geldmittel außer Landes zu bringen. Mogilewitschs Betrugsschema sah vor, dass abends nach Geschäftsschluss ein Mitarbeiter des Konsulats, ein Strohmann von Mogilewitsch, die ausreisewilligen Juden in seinem Büro empfängt und ihnen anbietet, ihre Wertsachen und Gelder gegen eine Gebühr ihm zu überlassen und bei Ankunft in Israel wieder zu erhalten. Hunderte von jüdischen Emigranten vertrauten diesem Vorschlag und erkannten erst in Israel, dass sie einem Betrüger zum Opfer gefallen sind. Mit diesem Coup war Mogilewitsch, der persönlich nie in Erscheinung trat, sehr erfolgreich und verdiente große Geldsummen.Department of Justice, Federal Bureau of Investigation: Semion Mogilevich Organization. Eurasian organized crime, August 1996, S. 2, abgerufen am 3. Juni 2020; Irina Reznik, Marija Rozhkowa: Семен Могилевич: миллиардер средней руки, Vedomosti, vom 28. Januar 2008, abgerufen am 4. Juni 2020.

Partnerschaft mit der Solnzewskaja-Gruppierung In den frühen 1980er Jahren schloss sich Mogilewitsch der Solnzewo-Bruderschaft an. Häufig verflochten sich seine geschäftlichen Angelegenheiten mit denen der Solnzewskaja. Seine Beziehung zu den Anführern Sergei Michailow und Viktor Awerin war von Angst, aber nicht von Unterwürfigkeit geprägt. Michailow und Awerin benutzten Mogilewitsch zur Durchführung verschiedener Finanztransaktionen.Department of Justice, Federal Bureau of Investigation: Semion Mogilevich Organization. Eurasian organized crime, August 1996, S. 2–3, abgerufen am 3. Juni 2020.

Mitte der 1980er Jahre verlagerte Mogilewitsch seinen Wohnsitz von Kiew nach Moskau. In den Jahren der Perestroika gründete Mogilewitsch zusammen mit Sergei Timofejew (Deckname: Silvestr), dem Anführer der Orechowskaja-Gruppierung, die sich 1989 mit der Solnzewo-Bratwa verbündeteFederico Varese: Mafias on the Move. How Organized Crime Conquers New Territories, Princeton University Press, Princeton 2013, S. 65 ff, ISBN 978-0-691-15801-3., in Moskau die Ölgesellschaft Arbat International. Das Öl wurde auf Schiffen, die bei der staatlichen Schwarzmeer-Seereederei gemietet wurden, in andere Länder transportiert.Biografie auf spisok-putina.org: Могилевич Семён Юдкович, abgerufen am 4. Juni 2020. Der „Dieb im Gesetz“ Wjatscheslaw Iwankow war ebenfalls an der Gründung von Arbat International beteiligt.Department of Justice, Federal Bureau of Investigation: Semion Mogilevich Organization. Eurasian organized crime, August 1996, S. 2, abgerufen am 3. Juni 2020.

Zu den ersten gemeinsamen Aktivitäten von Mogilewitsch und Michailow Ende der 1980er Jahre gehörte das Betreiben von mehreren Verkaufsständen am Flughafen Moskau-Wnukowo, wo sie mit Blumen und verschiedenen Bedarfsartikeln handelten.Roman Schlejnow: Ничего лишнего — только бизнес. Как живут авторитетные предприниматели – герои лихих 1990-х гг., Wedomosti, vom 7. November 2010, abgerufen am 27. Mai 2020. Michailow betonte bei einem Interview, dass Mogilewitsch ständig ungewöhnliche Einfälle hatte. Einer dieser Einfälle war die Einführung gebührenpflichtiger öffentlicher Toiletten an den Moskauer Bahnhöfen, die von Mogilewitschs Kooperative Wnukowo betrieben wurden.Irina Reznik, Marija Rozhkowa: Семен Могилевич: миллиардер средней руки, Vedomosti, vom 28. Januar 2008; Biografie auf spisok-putina.org: Могилевич Семён Юдкович, abgerufen am 4. Juni 2020.

1993 soll sich Mogilewitsch mit Solnzewskaja zu einem gemeinsamen Unternehmen zusammengeschlossen haben, das die Hehlerei von in Osteuropa gestohlenen Kunst- und Kirchenschätzen betrieb.

Scheinehe in Polen Ende der 1980er Jahre zog Mogilewitsch für etwa ein Jahr nach Polen.Department of Justice, Federal Bureau of Investigation: Semion Mogilevich Organization. Eurasian organized crime, August 1996, S. 2, abgerufen am 3. Juni 2020. Dazu ging er, über einen Mittelsmann, mit einer Polin eine Scheinehe ein. Die Frau selbst hat er nie persönlich getroffen. Welchen Tätigkeiten Mogilewitsch in Polen nachging, bleibt im Dunkeln.

Ausweitung des Geschäfts nach Israel Anfang 1990 floh Mogilewitsch, so wie viele andere Anführer der russischen Mafiagruppierungen, aus Moskau, um den gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen den Gangs zu entgehen. Mit seinen wichtigsten Handlangern emigrierte er nach IsraelRobert Friedman: Red Mafiya. How the Russian mob has invaded America, Boston 2000, S. 131, 190, ISBN 978-0-316-09287-6. und ließ sich in Herzlia nieder, einer Stadt außerhalb von Tel Aviv, in der vorrangig Diplomaten lebten.Department of Justice, Federal Bureau of Investigation: Semion Mogilevich Organization. Eurasian organized crime, August 1996, S. 2, abgerufen am 3. Juni 2020. Insgesamt verbrachte Mogilewitsch fast 10 Jahre in Israel. Im November 1991 erhielt er die israelische Staatsbürgerschaft. Obwohl er selbst Jude war, beantragte er die Staatsbürgerschaft auf einen anderen Namen, indem er eine gefälschte Geburtsurkunde vorlegte.