Kosmas oder Vom Berge des Nordens ist der Titel einer 1955in Max Benses, Literaturzeitschrift Augenblick, Jahrgang 1, Märzausgabe, Agis-Verlag, Krefeld erschienenen Erzählung von Arno Schmidt. Die Handlung spielt 541 n. Chr. in der römischen Provinz Thrakien an der Schwarzmeerküste und thematisiert im Rahmen einer Liebesgeschichte die Spannung zwischen spätantiker Vernunftphilosophie und frühchristlicher Heilslehre. Der Titel bezieht sich auf das Weltbild des Kosmas Indikopleustes.Kosma Aigyptiu Monachu Christianioke Topographia (The Christian topography of Cosmas, an Egyptian monk). The Christian Topography (englische Übersetzung der Topographia Christiana)
Inhalt Überblick Der kultur-politische Hintergrund der Erzählung ist die Christianisierungskampagne des oströmischen Kaisers Kaiser Justinian I. in seinem Reich und damit die Zurückdrängung der spätantiken Philosophie und Religion. Zwei in der römischen Provinz Thrakien an der Schwarzmeerküste wohnende benachbarte Gutshof-Familien repräsentieren diese Situation: Die 16-jährige Agraule ist durch die Verbundenheit ihrer Familie mit der höheren Gesellschaft am Kaiserhof in Konstantinopel zwar vom elitären Lebensstil verwöhnt, aber auch desillusioniert. Ihr reicher Vater, Anatolios von Berytos, ist Jurist, Finanzexperte („Finanzhyäne“Arno Schmidt: Kosmas oder Vom Berge des Nordens. In: Drei Erzählungen. Fischer Taschenbuch Verlag, 1997, S. 31.) und Hofkammerdirektor des Kaisers. Die Familie des ca. 20-jährigen Lykophron lebt dagegen zurückgezogen auf dem Land. Seine Verwandten sind Mathematiker, Architekten, Ärzte. Wie sie orientiert sich Lykophrons Vater an der Wissenschaft und nicht an der Religion.
Zur Begegnung der beiden Protagonisten kommt es, nachdem Anatolius 541 beim Kaiser in Ungnade gefallen ist. Er wurde auf sein 6 Salti großes Landgut verbannt und reiste mit seiner verwöhnten Tochter, ihrem Hauslehrer, dem Priester Gabriel von Thisoa, der Dienerschaft, darunter seiner Konkubine und zahlreichen Sklaven, der kostbaren Ausstattung und mit vielen Kisten voller christlich orientierter Literatur auf schweren Wagen an, um einige Zeit, bis zu seiner erhofften Rehabilitation auf dem Gut zu wohnen.
Lykophron, aus dessen Perspektive die Geschichte erzählt wird, ist als Gast auf dem Nachbargut willkommen, befreundet sich mit Agraule und in Szenen ländlichen Lebens entwickelt sich zwischen ihnen eine Liebesbeziehung. Nachdem Gabriel von Thisoa, in seinem Missionierungsversuch, Lykophron das Kosmas‘ geozentrisches Weltbild vorstellt, führt er mit ihm einen kosmographischen Disput, in dem er das ptolemäische Weltbild vertritt, der Priester hingegen die sogenannte „Christliche Topographie“ des Kosmas Indikopleustes. Der Priester vermutet zu Recht, dass der junge Mann Umgang mit einem heidnischen Gelehrten hat, der nach der Schließung der letzten heidnischen Platonischen Akademie in Athen durch den christlichen Kaiser der Verhaftung entgangen ist und sich bei dem Vater des Helden verbirgt. Er informiert die Polizei, um ihn und seinen Beschützer verhaften zu lassen. Rechtzeitig von Agraule gewarnt, flüchtet der Wissenschaftler am Ende der Handlung mit Lykophrons Vater donauabwärts ins Perserreich. Anatolius schützt durch seine Beziehungen Lykophron und verhindert die Beschlagnahmung seines Gutes, das durch die Heirat der Protagonisten mit dem seinen vereinigt wird.
Eutokios von Askalon Anatolius ist offenbar an einer Vereinigung seines 6 Salti großen Gutes mit dem kleineren, 3 Salti-Gut von Lykophrons Vater durch eine Ehe der Erben interessiert und gibt den beiden jungen Leuten Gelegenheit, sich kennenzulernen. Der Nachbarsohn wird freundlich empfangen, zum Essen eingeladen und über seine Ausbildung bei seinem Lehrer Eutokios von Askalon ausgefragt. Brisant an der neuen Nachbarschaft ist, dass sich der untergetauchte Gelehrte auf dem kleineren, 3 Salti-Gut von Lykophrons Vater aufhält, nachdem 13 Jahre zuvor der Kaiser die neuplatonische Philosophenschule in Athen schließen ließ und viele nichtchristliche Lehrer nach Persien ausreisten. Auch Eutokios floh damals vor „dem geistigen Terror der neuen Religion“Arno Schmidt: Kosmas oder Vom Berge des Nordens. In: Drei Erzählungen. Fischer Taschenbuch Verlag, 1997, S. 19. aus der Stadt. Er wurde von Lykophrons Vater aufgenommen, unterrichtete den Sohn in Mathematik, lehrte ihn die persische Sprache und v. a. ein kritisches Denken „Thron und Altar“ gegenüber.Arno Schmidt: Kosmas oder Vom Berge des Nordens. In: Drei Erzählungen. Fischer Taschenbuch Verlag, 1997, S. 31. Auf den Grundlagen dieser Ausbildung wurde Lykophron Geodät und entwickelte eine Methode zur Entfernungsmessungen auf Wasserflächen.
Nach Lykophrons Bericht über seinen ersten Besuch beim Nachbarn ist Eutokios besorgt, dass Gabriel von Thiosa, sein Gegner seit ihrer Schulzeit, seinen Aufenthaltsort erfährt, und erklärt seinem Schüler seine Kritik an der Religionspolitik des Kaisers: u. a. sei der Grund für die Christenverfolgungen in der alten Zeit nicht der Glaube gewesen, vielmehr hätten sich viele Frühchristen in einer verbotenen Untergrundbewegung organisiert und eine Weltrevolution und die „Weltherrschaft“ angestrebt. Er lehnt Kosmas‘ Modell als unwissenschaftlich ab, z. B. sei in dieser Kosmologie die Sonne „lediglich als Leuchte für Mutter Erde“. In Wirklichkeit, offenbar nach ihm bekannten heliozentrischen Hypothesen aus dem 2. Vorchristlichen Jahrhundert, erhalte sie weniger als 1 Milliardstel der Gesamtstrahlung.Arno Schmidt: Kosmas oder Vom Berge des Nordens. In: Drei Erzählungen. Fischer Taschenbuch Verlag, 1997, S. 33.
Das Weltbild des Kosmas Anatolius bietet dem Gast seine große Bibliothek zur Benutzung an lädt den wissenschaftsorientierten und religiös eher desinteressierten Nachbarsohn („Wir beten weder zu alten noch zu neuen Göttern.“Arno Schmidt: Kosmas oder Vom Berge des Nordens. In: Drei Erzählungen. Fischer Taschenbuch Verlag, 1997, S. 11.) zusammen mit Agraule zu Seminaren mit seinem Hauspfarrer über das Weltbild Kosmas‘ ein:https:// archive.org/details/kosmaaigyptioumo00cosmrich/mode/2up mini|Modell mit dem Berg des Nordens nach Cosmas’ Hypothese Die Lehre vom „Berg des Nordens“ ist ein Kompromiss zwischen der antiken Lehre von der Kugelgestalt der Erde und der einer Platterde. Zur Erklärung der geläufigen Himmelserscheinungen wird von Kosmas ein sich am Nordrand der Inneren Erde befindender zuckerhutförmiger Riesenberg – der „Berg des Nordens“ – angenommen. Seine Höhe sei gleich der Länge der bewohnten Erde. Um ihn herum würden von Engeln die Sonne, Mond und Gestirne geführt, wobei der Schatten des Berges die Erdnacht ergäbe: Im Sommer steigt die Sonne bekanntlich hoch; folglich entstünden die kurzen und hellen Nächte, weil sie hinter der schmalen Spitze des Berges nicht lange verborgen bleiben könne. Je mehr sich die Winterszeit nähere, desto tiefer sänke sie hinter den Fuß des Berges, folglich würden die Nächte länger. Kosmas kann mit seiner Hypothese auch die Finsternisse und die kürzeren Schatten der südlichen Länder zu erklären.Eine den Buchausgaben beigefügte Zeichnung des Autors zeigt den Kosmos als tabernakelförmig.
Eine Konfrontation deutet sich bei der Anpreisung von Kosmas‘ „Christianike Topographie“ durch Gabriels Bemerkungen („ein kleines Stückchen sind wir den Herren Naturwissenschaftlern schon doch noch voraus“Arno Schmidt: Kosmas oder Vom Berge des Nordens. In: Drei Erzählungen. Fischer Taschenbuch Verlag, 1997, S. 20.) an. Lykophron kennt die antike Forschung über die Erde und das Ptolemäische Modell, verschweigt jedoch zuerst seine Skepsis („dergleichen ist ja typisch für die ganze Richtung“.Arno Schmidt: Kosmas oder Vom Berge des Nordens. In: Drei Erzählungen. Fischer Taschenbuch Verlag, 1997, S. 20.). Nach seiner Rücksprache mit Eutokios deckt er in einem Disput mit dem Priester die Schwachpunkte des Kosmas-Modells auf: Erklärung der Mondfinsternis, der Halbmonde, der Sonnen- und Mondflecken, scheinbare Rückläufigkeit der Planeten usw. Gabriel sieht diese Kritik am Kosmas als Angriff auf die Bibel an und es entwickelt sich zwischen den Kontrahenten ein Streit über heidnische, polytheistische und christliche Religion.
Lykophron und Agraule Die Haupthandlung beginnt an einem Oktobermorgen, nachdem Lykophron, nach einem nächtlichen wilden Traum von Meeresungeheuern, von seinem Vater mit einem golden und silbern überzogenen Nussdattelzweig zur Begrüßung des Nachbarn geschickt wird. Anatolios empfängt ihn freundlich, lädt ihn zum Essen ein und fragt ihn über seine Ausbildung und seinen Lehrer Eutokios aus, aber Lykophron verheimlicht dessen Aufenthaltsort und hält sich auch in Gesprächen über das Christentum, über Engel oder Nymphen zurück. Anschließend führt Agraule den Gast durch die prachtvoll mit Marmor ausgestatteten Räume der Villa und die Gartenanlagen, zeigt ihm ihre Katzen, die Seidenraupenzucht, Badebasins, Spitzmausgehege, die Grabkapelle ihrer Mutter usw. Bei ihrem Gegenbesuch wird Agraule die spartanische Lebensweise in Lykophrons Haus im Gegensatz zu ihrem Luxus bewusst und die im Haus und Garten aufgestellten Plastiken, Insomnia, Göttin der Schlaflosigkeit, Feldgott mit Phallus, zeigen ihr die unterschiedlichen Weltanschauungen: »Alles Dämonen bei Euch, ja« (grollend) »Natürliche Gottheiten eben« (ich kühl) […] »[E]uer olles, düsteres Haus. […] Ach geh weg mit ‹Halkyonische Tage›, bin doch kein Eisvogel!«.Arno Schmidt: Kosmas oder Vom Berge des Nordens. In: Drei Erzählungen. Fischer Taschenbuch Verlag, 1997, S. 47, 58.
Lykophron verteidigt Agraule gegenüber die Anhänger des Polytheismus: die Christen hätten viele Vorstellungen des antiken Religionen übernommen und in ihre Lehre eingearbeitet. Für sie ist Lykophrons Haus eine fremde Welt, der sie distanziert gegenübersteht, sie gibt aber bei der Diskussion über die Frage »‹Die Gedanken sind frei›?: Das kriegte man nich raus?? -«Arno Schmidt: Kosmas oder Vom Berge des Nordens. In: Drei Erzählungen. Fischer Taschenbuch Verlag, 1997, S. 67. zu, über die Methoden der Ketzerverfolgung, mit Drogen Geständnisse zu erzwingen, Bescheid zu wissen, und sorgt sich um Lykophons Vater, der in Athen studiert hat und schon deshalb als „unzuverlässiger Ketzer“ eingestuft wird. Ihre zunehmende Distanz zum kaiserlichen Hof in Byzanz erkennt Lykophon auch, trotz ihren schnoddrigen Kommentaren, an ihrem zunehmenden Interesse für die Lebensweise der Fischer und der Bauern, die er ihr bei ihren Wanderungen durch die Dünen- und Strandlandschaft zeigt, und an ihrer Freude am ländlichen Jahrmarkt mit Schaustellern und Artisten.
Agraules Vater, der inzwischen rehabilitiert ist und Minister wird, bemerkt ihre Veränderung und unterstützt die beginnende Liebe der beiden, die zu seinem Plan passt. Er erzählt seiner Tochter, Gabriel habe Eutokios‘ Aufenthaltsort entdeckt und der Polizei mitgeteilt. Agraule warnt Lykophron vor der bevorstehenden Durchsuchung und dieser organisiert die Flucht seines Vaters und seines Lehrers mit einem Schmugglerschiff nach Persien.
Durch seine Beziehungen kann Anatolius den Priester in eine entfernte Gegend versetzen lassen, Lykophron schützen und, durch eine schnelle Erstellung und Zurückdatierung des väterlichen Testaments, die Beschlagnahmung seines Gutes verhindern. Der Termin für die Heirat wird auf den nächsten Tag festgelegt „»Morgen Vormittag werden wir getraut: du kommst um 11 zu Uns. […] Wir leben hier! Papa meint auch, das Hofleben wär nichts für dich, so Ambitus und Nepotismus, das will gelernt sein« […] »Nu wer ich ne Landfrau- - « hörte ich sie tiefsinnig murmeln, Behaglich seufzen.- - “.Arno Schmidt: Kosmas oder Vom Berge des Nordens. In: Drei Erzählungen. Fischer Taschenbuch Verlag, 1997, S. 95. Der junge Ehemann erhält Agraules Erbgut und die Position des Aufsehers über die Landmesserei in der Provinz. Er resümiert: