mini|hochkant|Daniel Cohn-Bendit (2012) Marc Daniel Cohn-Bendit ([] (deutsch) oder [] (französisch); * 4. April 1945 in Montauban, Tarn-et-Garonne, Frankreich) ist ein deutsch-französischer Publizist und Politiker von Bündnis 90/Die Grünen und Les Écologistes – Europe Écologie Les Verts.
Im Mai 1968 wurde er prominenter Sprecher der Studenten in Paris. Nach seiner Ausweisung aus Frankreich war er im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) und der APO aktiv. In den 1970er Jahren gehörte er zur Sponti-Szene in Frankfurt am Main und gab das Stadtmagazin Pflasterstrand heraus.
Ab 1978 engagierte er sich für die damals entstehende Partei der Grünen und entwickelte sich dort mit Joschka Fischer zu einem Vertreter des „Realo“-Flügels. 1989 bis 1997 war er der erste Dezernent des neu eingerichteten Amts für multi-kulturelle Angelegenheiten in Frankfurt am Main. Von 1994 bis 2014 war er Mitglied im Europäischen Parlament. Ab 2002 war er dort Co-Vorsitzender der Fraktion der Grünen / Europäische Freie Allianz. Er kandidierte abwechselnd für die deutschen Grünen und die französischen Les Verts bzw. Europe Écologie-Les Verts.
Zur Europawahl 2014 zog sich Cohn-Bendit aus der aktiven Politik zurück. Hintergrund seien nicht zuletzt gesundheitliche Gründe gewesen. Er werde aber weiterhin „demonstrieren und wählen gehen“.Cohn-Bendit zieht sich 2014 aus Politik zurück. In: ZEIT Online, 14. Februar 2013.
2022 war er Gründungsmitglied des PEN Berlin.
Cohn-Bendit schrieb zahlreiche politische Aufsätze und Bücher und moderierte verschiedene Fernsehsendungen.
Kindheit, Jugend und Privates Daniel Cohn-Bendit entstammt einer jüdischen Familie; sein Vater Erich Cohn-Bendit, ein Berliner Rechtsanwalt, war bekennender Atheist und engagierter Trotzkist. Er war Anwalt der Roten Hilfe und war unter anderem Strafverteidiger von Hans Litten. Seine Mutter Herta Cohn-Bendit (geborene David; 1908–1963) stammte aus Posen und wurde Juristin. 1933 floh das Ehepaar vor den Nationalsozialisten aus Deutschland nach Paris. Einige ihrer Verwandten wurden als Berliner Juden 1942/43 nach Riga deportiert und kamen dort um oder wurden ermordet.Sabine Stamer: Cohn-Bendit. Die Biografie. 2001, S. 34. In Paris arbeitete Herta Cohn-Bendit in der jüdischen Gemeinde, Vater Erich Cohn-Bendit verkaufte unter anderem Briefmarken. Daniel Cohn-Bendits Eltern gehörten einem Kreis jüdischer Intellektueller an, zu dem auch Walter Benjamin, Heinrich Blücher und die jüdische Philosophin Hannah Arendt gehörten, deren Werke Sohn Daniel später stark beeinflussten.Regine Romberg: Athen, Rom oder Philadelphia? Die politischen Städte im Denken Hannah Arendts. Königshausen & Neumann, 2007, ISBN 978-3-8260-3361-2, S. 22. Nachdem Erich Cohn-Bendit 1939/1940 zweimal interniert worden war, zogen die Eltern zusammen mit dem 1936 geborenen Gabriel Cohn-Bendit nach Montauban in der Nähe von Toulouse. Dort wurde Daniel Cohn-Bendit 1945 geboren nachdem die Alliierten Südfrankreich befreiten hatten. Kurze Zeit später zogen sie nach Paris und dann nach Cailly-sur-Eure in der Normandie, wo die Eltern ein jüdisches Kinderheim leiteten. 1949 zogen sie aber zurück nach Paris, da Herta Cohn-Bendit die wirtschaftliche Leitung des jüdischen Gymnasiums École Maïmonide übernahm. Da die Eltern ursprünglich mit ihren Kindern in die USA auswandern wollten, beantragten sie damals nicht die französische Staatsbürgerschaft für ihn.Anne Siemens: Durch die Institutionen oder in den Terrorismus: Die Wege von Joschka Fischer, Daniel Cohn-Bendit, Hans-Joachim Klein und Johannes Weinrich. Bischoff, Frankfurt am Main 2006, S. 55. Die Kinder litten unter der Alkoholabhängigkeit des Vaters und einer Ehekrise. Die Mutter musste für das Familieneinkommen arbeiten.Sabine Stamer: Cohn-Bendit. Die Biografie. 2001, S. 35f.
1952 ließ sich Erich Cohn-Bendit als Anwalt in Frankfurt am Main nieder, während seine Frau mit Daniel in Paris blieb. Sein Vater beantragte 1958 die französische Staatsbürgerschaft für ihn, einige dafür nötige Papiere fehlten jedoch. So blieb der Sohn für einige Jahre staatenlos. 1958 zog seine Mutter mit ihm ebenfalls nach Frankfurt.Wolfgang_Kraushaar: Fischer in Frankfurt: Karriere eines Außenseiters. Hamburger Edition, Hamburg 2001, ISBN 3-930908-69-7, S. 80–83.
In Deutschland besuchte Cohn-Bendit die reformpädagogische Odenwaldschule im hessischen Ober-Hambach bei Heppenheim. Er war als freundlicher, humorvoller, zu Streichen aufgelegter und redegewandter Schüler bei Mitschülern und Lehrern beliebt. Einer seiner Lehrer, der französische Kommunist Ernest Jouhy, wurde nach dem Tod Erich Cohn-Bendits „Ziehvater“ von Daniel Cohn-Bendit. Mit 14 Jahren musste sich Cohn-Bendit zwischen der deutschen und französischen Staatsbürgerschaft entscheiden und wählte – anders als sein neun Jahre älterer Bruder Gabriel Cohn-Bendit – die deutsche.Sabine Stamer: Cohn-Bendit. Die Biografie. 2001, S. 50. Damit wollte er auch dem Militärdienst in Frankreich entgehen.Christoph Kalter: Die Entdeckung der Dritten Welt. Dekolonisierung und neue radikale Linke in Frankreich. Campus, 2011, ISBN 978-3-593-39480-0, S. 210f. Im Mai 2015 erhielt Cohn-Bendit auch die französische Staatsbürgerschaft.Tagesspiegel, 24. Mai 2015: Daniel Cohn-Bendit ist jetzt auch Franzose, abgerufen am 1. Juni 2015
1963 starb seine Mutter in London; damit war er Waise geworden. Das Abitur legte er 1965 mit der Gesamtnote „Gut“ ab.Sabine Stamer: Cohn-Bendit. Die Biografie. 2001, S. 55. Der Direktor der Schule beschrieb Cohn-Bendit als progressiv eingestellten, einfallsreichen und ungewöhnlich temperamentvollen Jungen.
Cohn-Bendit wohnt in Frankfurt am Main und ist seit 1997 mit seiner langjährigen Partnerin Ingrid Apel verheiratet. Er hat mit ihr einen Sohn und zog Ingrid Apels Sohn Niko Apel mit auf.
Pariser Mai Nanterre Im Herbst 1965 begann Cohn-Bendit ein Mathematikstudium an der Universität Paris-Süd (Orsay), das er nach nur einer Woche aufgab. Er wechselte ins Fach Soziologie an die Universität Paris-Nanterre, wo er eine kleine anarchistische Gruppe kannte. Diese traf sich fortan in seiner Wohnung. Einer seiner Professoren war Alain Touraine.Sabine Stamer: Cohn-Bendit. Die Biografie. 2001, S. 61–63.
Damals begannen sich viele Studenten in westeuropäischen Staaten zu politisieren. Cohn-Bendit wurde in der aufkommenden französischen Studentenbewegung aktiv. Nach der Erschießung von Benno Ohnesorg in Berlin (2. Juni 1967) erklärte er: „Man soll nach diesem ersten Toten in Deutschland nicht glauben, dass das Gewaltpotential in anderen Ländern kleiner ist.“Der Spiegel, 13. Mai 1968: Frankreich/Studenten: Schlacht ohne Gnade
In Nanterre beteiligte sich Cohn-Bendit an Studentenprotesten gegen die Geschlechtertrennung in den Studentenwohnheimen und missachtete mit anderen ein Verbot, Wohnheime weiblicher Studenten nach 23.00 Uhr zu besuchen. Im Januar 1968 überraschte er den französischen Sport- und Jugendminister François Missoffe bei der Einweihung eines Schwimmbads mit der Frage, warum er das Thema Sexualität in seinem „Weißbuch über die Jugend“ ausgespart habe. Darauf antwortete Missoffe: Falls er sexuelle Probleme habe, solle er doch ins kalte Wasser springen. Cohn-Bendit erwiderte, diese Antwort erinnere ihn an die Hitlerjugend.Ingrid Gilcher-Holtey: 1968: eine Zeitreise. Edition Suhrkamp, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-518-12535-9, S. 30. Darauf reagierte die Universitätsleitung mit schweren Disziplinarstrafen gegen ihn.Susanne Kailitz: Von den Worten zu den Waffen? Frankfurter Schule, Studentenbewegung, RAF und die Gewaltfrage. Verlag für Sozialwissenschaften, 2007, ISBN 978-3-531-14560-0, S. 140.
Beim Internationalen Vietnamkongress im Februar 1968 an der TU Berlin vertrat Cohn-Bendit die Gruppe Liaison des Etudiants Anarchistes (Bund anarchistischer Studenten; LIA). Er übernahm das Aktionskonzept der provokativen, direkten, aufklärerischen und selbstaufklärerischen Aktion von Rudi Dutschke, der das Hauptreferat hielt und es seinerseits von den französischen Situationisten übernommen hatte.Ingrid Gilcher-Holtey: Die 68er Bewegung. Deutschland, Westeuropa, USA. 4. Auflage. Beck, München 2011, ISBN 978-3-406-62506-0, S. 8.
Am 21. März 1968 demonstrierten Studenten von Nanterre gegen den Vietnamkrieg, um die dortige Tet-Offensive zu unterstützen. Dabei zerstörten einige Mitglieder des Comité Viêtnam national (CVN) die Scheiben des lokalen Büros des American Express und wurden verhaftet. Daraufhin besetzten andere, darunter Cohn-Bendit, erstmals die Räume des Universitätssenats.Philip M. Williams: French Politicians and Elections 1951–1969. Cambridge University Press, 2010, ISBN 978-0-521-09608-9, S. 238. Dort schlossen sich etwa 140 Studenten von Nanterre aus anarchistischen, maoistischen, situationistischen und trotzkistischen Gruppen auf Cohn-Bendits Appell zur Einigung hin zur „Bewegung 22. März“ (dem Gründungsdatum) zusammen. Sie verstanden sich als dezentrales, anti-institutionelles Bündnis für direkte Aktion.Claudia Hangen: Die Partei der Grünen in Frankreich. Ideologie und Bewegung. Deutscher Universitätsverlag, ISBN 3-8350-6004-X, 2005, S. 66. Obwohl sie eine zentrale Führung ablehnten, wurde Cohn-Bendit in den Medien als ihr Sprecher („Dany le Rouge“) dargestellt. Nachdem eine Untergruppe eine Anleitung zum Bau eines nicht funktionsfähigen Molotowcocktails namens „le cocktail Dany (inefficace)“ veröffentlicht hatte, wurde Cohn-Bendit als angeblicher Anstifter verhaftet.Susanne Kailitz: Von den Worten zu den Waffen? Frankfurter Schule, Studentenbewegung, RAF und die Gewaltfrage. 2007, S. 142.
Die Mitglieder dieses Bündnisses verhinderten in den Folgewochen viele Lehrveranstaltungen, indem sie Hörsäle besetzten, um Diskussionen über den Vietnamkrieg zu erzwingen. Nach dem Attentat auf Rudi Dutschke am 11. April mobilisierte Cohn-Bendit die französischen Studenten und lud den SDS-Vorsitzenden Karl Dietrich Wolff dazu nach Nanterre ein. Nach dessen Vortrag stürmten Studenten die Verwaltungsräume der Universität. Am 2. Mai 1968 rief der Universitätsdekan die Polizei, um die Hausordnung durchzusetzen. Ab dem 3. Mai 1968 ließ er die Fakultät der Humanwissenschaften in Nanterre unbefristet schließen. Cohn-Bendit und sieben weitere Rebellen wurden für den 6. Mai vor die Disziplinarkommission der Sorbonne zitiert.Jan C. Suntrup: Formenwandel der französischen Intellektuellen: Eine Analyse ihrer gesellschaftlichen Debatten von der Libération bis zur Gegenwart. Lit Verlag, 2011, ISBN 978-3-643-11004-6, S. 215.
Sorbonne und Ausweisung Noch am selben Tag zogen Cohn-Bendit und seine Bewegung vom 22. März zur Universität Sorbonne und organisierten in deren Innenhof mit der Französischen Studentenunion ein Sit-in gegen die Schließung von Nanterre und das Disziplinarverfahren. Nachdem die Polizei das Sit-in aufgelöst und 596 Studenten, darunter Cohn-Bendit, festgenommen hatte, entwickelte sich eine Straßenschlacht mit Tränengas, Pflastersteinen und Molotow-Cocktails. Am 4. Mai wurde die Sorbonne vorläufig geschlossen und von einem Polizeikordon umzingelt. Ab dem 5. Mai erhielten die Protestierenden die Unterstützung der Surrealisten um Jean Schuster.Jan C. Suntrup: Formenwandel der französischen Intellektuellen: Eine Analyse ihrer gesellschaftlichen Debatten von der Libération bis zur Gegenwart. 2011, S. 222.
Am 6. Mai erklärte Cohn-Bendit vor der Disziplinarkommission: „Ich bin ein anarchistischer Marxist. Für mich ist die grundlegende Analyse von Marx richtig, die Analyse der kapitalistischen Gesellschaft. Aber die Organisationsformen, die sich die kommunistische Bewegung gegeben hat, lehne ich vollkommen ab. Sie bringen keine neue Gesellschaft zustande, sondern nur neue autoritäre Herrschaft. Hier gibt es einen Bruch zwischen marxistischer Theorie und kommunistischer Praxis. Wir wollen diesen Bruch wieder aufheben…“zitiert nach Emil-Maria Claassen, Louis-Ferdinand Peters: Rebellion in Frankreich. München 1968, S. 47.