Die Mastaba des Kaninisut, auch Mastaba G 2155, befindet sich in Gizeh auf dem sogenannten Westfriedhof der Cheops-Pyramide. Sie wurde für Kaninisut (auch Ka-ni-nisut oder k3-nj-njwś.tH. Junker: Gîza II. Wien / Leipzig 1934, S. 135.) errichtet, einem hohen Staatsbeamten der 4. Dynastie oder frühen 5. Dynastie des Alten Reiches (ca. 2500 v. Chr.). Die Kultkammer der Mastaba wird heute im Kunsthistorischen Museum in Wien unter der Inventarnummer 8006 ausgestellt. Sie besteht aus bestem, weißen Tura-Kalkstein und ist mit feinen, erhabenen Flachreliefs geschmückt. Dargestellt sind vor allem Opferlisten, Szenen aus dem Totenkult sowie der Grabherr und seine Familie. Um die große Mastaba bauten Kaninisuts Nachkommen weitere kleinere Gräber an.
Lage mini|Luftaufnahme der Cheops-Pyramide (links), Chephren-Pyramide (rechts) und dem Westfriedhof dazwischen.
Die Mastaba des Kaninisut liegt im Westfriedhof von Gizeh. Östlich und westlich der Cheops-Pyramide entstanden klar geplante Mastaba-Friedhöfe. Im Ostfriedhof wurden die näheren Verwandten des Cheops und im Westfriedhof hohe Beamte und Würdenträger bestattet. Durch dieses Privileg konnten die Bestatteten in die Vorstellungswelt des königlichen Jenseits miteinbezogen werden und erhielten über den im königlichen Totentempel abgewickelten Verehrungskult die notwendigen Opfergaben. Aufbau, Ausrichtung und Ausstattung der einzelnen Privatgräber waren ein Abbild der damaligen hierarchischen Gesellschaft. Während Cheops Regierungszeit wurden in den beiden Friedhöfen insgesamt 77 Grabanlagen gebaut und in späterer Zeit um zahlreiche Gräber erweitert. Die regelmäßige Anordnung der einzelnen Mastabas deutet darauf hin, dass er von einer staatlichen Baubehörde konzipiert wurde. Offenbar wurden die Mastabas den Eigentümern als Rohbauten ohne Verkleidung überlassen und diese übernahmen die weitere Ausschmückung.Michael Haase: Eine Stätte für die Ewigkeit. Der Pyramidenkomplex des Cheops aus baulicher, architektonischer und kulturhistorischer Sicht. von Zabern, Mainz 2004, S. 71ff. Die Mastaba des Kaninisut liegt im äußersten Westen jenes Friedhofabschnittes, der aufgrund der Anordnung seiner Gräber als Friedhof en échelon bezeichnet wird.R. Hölzl: Die Kultkammer des Ka-ni-nisut im Kunsthistorischen Museum Wien. Wien 2005, S. 31.
Entdeckung und Ankauf der Kultkammer mini|Abbau der Kultkammer des Kaninisut
Der Westfriedhof wurde 1902 in drei von Ost nach West verlaufende Abschnitte eingeteilt, für die jeweils eine Grabungskonzession an die USA, Italien und Deutschland vergeben wurde. Zwischen 1903 und 1907 leitete Georg Steindorff drei Grabungskampagnen. 1911 entschieden sich Steindorff und Hermann Junker, der bisher in Nubien ausgegraben hatte, ihre Konzessionen zu tauschen. Damit übernahm die Österreichische Akademie der Wissenschaften die deutsche Konzession in Gizeh.
Hermann Junker und seine Mitarbeiter entdeckten die Mastaba des Kaninisut am 10. Januar 1913. Bereits wenig später entschied man sich für den Kauf der Kultkammer für das Kunsthistorische Museum in Wien, um dort die typische Grabarchitektur des Alten Reiches präsentieren zu können. Hermann Junker bemerkte dazu:
Am 27. Januar 1914 unterzeichnete der k.u.k. Oberstkämmerer den Kaufvertrag mit der Ägyptischen Antikenverwaltung. In einmonatiger Arbeit wurde die Kultkammer abgebaut und in 32 Kisten mit einem Totalgewicht von 65 Tonnen über Kairo nach Wien transportiert, wo sie Anfang Juli 1914 eintraf. Durch den Ersten Weltkrieg und die wirtschaftlich schwierige Situation der Nachkriegszeit verzögerte sich die Aufstellung mehr als 10 Jahre. Erst am 17. Juni 1925 war die Kultkammer wiederaufgebaut für die Öffentlichkeit zugänglich. Die Kosten für den Ankauf und den Transport von etwa 30.000 Kronen übernahm der Wiener Industrielle Rudolf Maaß, der sich ebenfalls an den Kosten für den Aufbau der Kultkammer beteiligte.R. Hölzl: Die Kultkammer des Ka-ni-nisut im Kunsthistorischen Museum Wien. Wien 2005, S. 9ff., 31, 37.
Kaninisut und seine Familie Kaninisut war ein hoher Staatsbeamter, wovon seine zahlreichen Ehrentitel sowie die Lage und die Größe seines Grabes in Gizeh zeugen. Die genaue Datierung in die Regierungszeit eines ägyptischen Königs ist bis heute nicht möglich. Seine Familie lässt sich bis in die 5. Generation weiterverfolgen, da seine Nachkommen die Gräber in unmittelbarer Nähe seiner großen Mastaba errichten ließen. An der Grabarchitektur und den Titeln seiner Nachkommen lässt sich allerdings der gesellschaftliche Niedergang der Familie ablesen. Offenbar büßte die Familie zunehmend die hohe Stellung am Hof des Königs ein.
Kaninisut führte Titel wie „Leiter des Schurzes“, „Einziger Freund“ und „Leiblicher Sohn des Königs“, die ursprünglich nur Verwandte des Königs führen durften, im Alten Reich aber Ehrentitel für sehr angesehene Personen nicht königlicher Herkunft waren. Über die eigentliche Funktion des Kaninisut sagen sie nicht viel aus. An erster Stelle wird meist der Titel eines Sem-Priesters genannt. Dieser weist auf bestimmte kultische Aufgaben im Götter- und Totenkult hin. In der Kultkammer werden auch seine Frau und zwei Söhne und eine Tochter dargestellt.R. Hölzl: Die Kultkammer des Ka-ni-nisut im Kunsthistorischen Museum Wien. Wien 2005, S. 25ff.
Beschreibung und Funktion der Mastaba mini|Südostecke der Mastaba des Kaninisut mini|Die Kultkammer des Kaninisut im Kunsthistorischen Museum in Wien
Beim Grab des Kaninisut handelt es sich um ein sogenanntes Mastaba-Grab. Die Bezeichnung „Mastaba“, die in der arabischen Sprache „Bank“ bedeutet, leitet sich vom Aussehen dieser Gräber ab: Der Oberbau ist quaderförmig mit leicht geschrägten Seitenwänden und erinnert vom Aussehen an eine überdimensionale Sitzbank. Der Kernbau der Mastaba des Kaninisut ist 24 m lang und 10,2 m breit, die Höhe ist aufgrund der Zerstörung nicht mehr feststellbar. Die Außenwände bestehen aus Kalksteinblöcken, die mit einer Schicht feinen weißen Tura-Kalksteins verkleidet waren. Das Innere des Oberbaus weist keine Räume auf, sondern ist mit Schutt gefüllt. Gegen Ende der Regierungszeit des Cheops war es zwar zunehmend üblich, die Kulträume in das Innere des Oberbaus zu verlagern, davor wurden sie an der Ostfassade des Grabes angebaut. Bei der Mastaba des Kaninisut war es offenbar der Fall, dass der Rohbau gegen Ende der Regierungszeit des Cheops bereits fertiggestellt war, es jedoch zahlreiche Umbauten erforderte, um nun dem neuen Bautrend zu entsprechen: Man entschied sich jedoch nicht dafür, den Mastabakern auszuhöhlen, sondern das Grab gegen Süden zu erweitern, um dort die Kultkammer einzubauen.
Vor dem Eingang zur Kultkammer wurde an der Ostfassade ein Vorbau aus Lehmziegeln errichtet. Ein 2,55 m langer und 0,75 bzw. 1,05 m schmaler Durchgang führte in die Kultkammer, die durch eine Holztüre verschlossen war. Die 3,60 m lange, 1,45 m breite und 3,16 m hohe Kammer beinhaltete zwei Scheintüren an der Westwand, vor denen die Opfer dargebracht wurden. Hinter der Scheintür lag der Serdab, ein kleiner, völlig zugemauerter Raum, in dem die Ka-Statue des Grabherrn aufbewahrt wurde. Hermann Junker konnte die Ka-Statue des Kaninisut jedoch nicht mehr vorfinden. Die Kammer wurde bereits in antiker Zeit beraubt, worauf auch Spuren von Gewaltanwendung hindeuten.R. Hölzl: Die Kultkammer des Ka-ni-nisut im Kunsthistorischen Museum Wien. Wien 2005, S. 31.
Nach altägyptischer Vorstellung ist der Ka ein Aspekt des Seelischen, der den physischen Tod des Menschen überdauert. Er verlässt den Körper des Sterbenden und existiert dann eigenständig weiter. Er ist eine Quelle von Lebenskraft; durch seine Anwesenheit ist der Mensch beseelt und belebt. Nach dem Tod bleibt der Ka in der Nähe des Leichnams. Nun ist es seine Hauptaufgabe, den Toten zu schützen und ihm zu einem Dasein zu verhelfen, das seinem bisherigen sozialen Rang entspricht. Die Wohnstätte des Ka ist eine eigens für ihn errichtete Statue im Grab, die Ka-Statue. Durch die Scheintür konnte der Ka des Verstorbenen ins Diesseits gelangen. So konnte er am Totenopferritual in der Kultkapelle teilnehmen, das aus der Darbringung von Speisen und Getränken und anderen Kulthandlungen bestand.
Der Unterbau der Mastaba des Kaninisut hatte einen 17 m tiefen, vertikalen Grabschacht, der über einen kurzen Korridor nach Süden hin zu einer grob aus dem Fels gehauenen Grabkammer führte. Die nachlässige Ausführung der Grabkammer steht im krassen Gegensatz zur feinen Ausgestaltung der Kultkammer. Offenbar wurde die Ausgestaltung der unterirdischen Räume in der späten 4. Dynastie zunehmend vernachlässigt. Überreste einer Bestattung konnten keine gefunden werden.
An der Ostfront der Mastaba ließ sich der gleichnamige Sohn des Kaninisut ein bescheidenes Grab an die Mastaba seines Vaters anbauen. Der Oberbau ist 8,8 m lang und 3,5 m breit. Über die Ostseite des Anbaus gelangte man in dessen Kultkammer, die ebenfalls an der Westwand zwei Scheintüren aufwies. Dessen unterirdische Sargkammer wurde völlig durchwühlt aufgefunden, offensichtlich durch die Beraubung in antiker Zeit. Trotzdem entdeckte man umherliegende Grabbeigaben wie Scheingefäße aus Alabaster, kleine Kupferwerkzeuge und vier Tonkrüge, die zur Aufnahme der Eingeweide der Mumie gedient hatten.
Ein weiterer Anbau befand sich an der Nordseite der großen Mastaba des Kaninisut (I.). Dieses Grab stammt wohl aus der dritten Generation, vom ebenfalls gleichnamigen Kaninisut (III.). Von diesem Anbau ist heute nicht mehr viel übrig geblieben.
In unmittelbarer Umgebung ließen auch Iri-en-re und Anch-ma-re, vermutlich Urenkel und Ururenkel des Kaninisut (I.) ihr Grab errichten. Als einzig möglicher Bauplatz bot sich die schmale Straße zwischen der Mastaba des Nisut-nefer (G 4970) und der Mastaba G 4980 an. Das Grab des Iri-en-re war an der Nordwestecke des Nisut-nefer angebaut, an das sich östlich wiederum jenes des Anch-ma-re anschließt.R. Hölzl: Die Kultkammer des Ka-ni-nisut im Kunsthistorischen Museum Wien. Wien 2005, S. 31ff.
Reliefdekorationen der Kultkammer Die Kultkammer des Kaninisut ist aus bestem, weißen Tura-Kalkstein gebaut und mit feinen, erhabenen Flachreliefs geschmückt, die heute im Kunsthistorischen Museum Wien zu sehen sind. Teilweise sind noch Reste der ursprünglichen Bemalung vorhanden. Typisch für den ägyptischen Stil ist, dass Personen im Flachbild in einer Kombination von Frontal- und Seitenansicht dargestellt sind. So sind etwa Augen, Schulter, Teile des Brustkorbes und der Bauch in der Frontalansicht und Kopf, Arme, Brust und Beine in der Seitenansicht wiedergegeben.
Nördliche und südliche Türleibung An der nördlichen und südlichen Wand des Eingangskorridors sind Speisetischszenen dargestellt. Kaninisut sitzt jeweils vor einem Opfertisch, auf dem eng nebeneinander zwölf Brote stehen, die den jenseitigen Nahrungsvorrat symbolisieren. Kaninisut trägt jeweils ein Pantherfell, die Amtstracht der Sem-Priester. An der südlichen Türleibung ist es das lange Pantherfellgewand und an der nördlichen das seltener belegte kurze Pantherfellgewand.