mini|hochkant=1|Zeitgenössische Darstellung der La Marie Séraphique vor Loango 1770
Der atlantische Sklavenhandel bzw. der transatlantische Sklavenhandel umfasst den im 16. Jahrhundert einsetzenden Kauf von Sklaven aus dem westlichen, zentralen und südlichen Afrika durch Europäer und ihren Transport über den Atlantik nach Nord-, Mittel- und Südamerika, wo sie vor allem zur Arbeit auf Plantagen gezwungen wurden. Die Zahl der verschleppten Afrikaner wird auf 12–14 Millionen geschätzt.
Begriffe Der Begriff „atlantischer Sklavenhandel“ hat sich im deutschen und englischen Sprachgebrauch eingebürgert. Die Datenbank Trans-Atlantic Slave Trade Database (Rice University) verwendet den Begriff transatlantischer Sklavenhandel, was den Geltungsbereich genauer bezeichnet, dieser Begriff findet sich auch in neueren niederländischen Publikationen.Ramona Negrón, Jessica den Oudsten, Camilla de Koning, Karwan Fatah-Black (Hrsg.): The Dutch Transatlantic Slave Trade, new Methods, Perspectives and Sources. Amsterdam University Press, Amsterdam 2025. Die versklavten Menschen stammen durchaus nicht alle von der atlantischen Küste Afrikas, sondern teilweise, soweit sich dies feststellen lässt, auch aus dem Inland, beispielsweise dem Kongo, und teilweise von der Ostküste des Kontinents. Die Sklavenhändler stammen weitgehend, aber nicht immer (Brandenburg, Schweden) von der atlantischen Küste Europas, und die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen des Sklavenhandels reichen sowohl in Afrika als auch Europa weit ins Binnenland.Klaus Weber: Injection: Atlantic Slavery and Commodity Chains. In: Damian Alan Pargas, Juliane Schiel (Hrsg.): The Palgrave Handbook of global Slavery throughout History. Palgrave Macmillan, Cham 2023, S. 413–425.
Aus Westafrika wurden Sklaven im 17. Jahrhundert nicht nur nach Amerika, sondern auch nach Indien (Madras, Surat und Bantam) sowie nach St. Helena verschleppt.Margaret Makepeace: English Traders on the Guinea Coast, 1657–1668: An Analysis of the East India Company Archive. In: History in Africa. Band 16, 1989, S. 239. Hauptexport nach Indien war jedoch Gold, in geringerem Maße Elfenbein.Margaret Makepeace: English Traders on the Guinea Coast, 1657–1668: An Analysis of the East India Company Archive. In: History in Africa. Band 16, 1989, S. 237.
Der atlantische Sklavenhandel wird, besonders für England/Großbritannien, auch oft als atlantischer Dreieckshandel bezeichnet. Industriewaren aus Europa wurden in Afrika für Sklaven eingetauscht, die in der neuen Welt mit den Produkten der Plantagen, wie Tabak, Zucker und Baumwolle bezahlt wurden, die zurück nach Europa gebracht wurden. Manche Forscher halten diese Vorstellung für überholt, weil nicht dieselben Schiffe von Europa über Afrika in die Karibik und von dort zurück nach Europa fuhren. Außerdem wurden auch viele Sklavengeschäfte bilateral zwischen Afrika und Europa abgewickelt, sodass von einem Dreieck allenfalls idealtypisch gesprochen werden kann.Roland Bernhard, Jutta Wimmler: „Dreieckshandel“, Glasperlen und Gender. Mythische Narrative zum transatlantischen Sklavenhandel in aktuellen deutschen und österreichischen Schulbüchern. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht. Band 70, Heft 3/4, 2019, S. 149–164. Der Begriff reflektiert jedoch die globale Natur des Sklavenhandels, was bei einer geographischen Unterteilung nach atlantischem Sklavenhandel/ostafrikanischem Sklavenhandel/innerafrikanischem Sklavenhandel etc. leicht aus dem Auge verloren werden kann. van Yperen benutzt den Begriff „Produktketten“Ben van Yperen: The Slave Trade on the Return Voyage. In: Ramona Negrón, Jessica den Oudsten, Camilla de Koning, Karwan Fatah-Black (Hrsg.): The Dutch Transatlantic Slave Trade, new Methods, Perspectives and Sources. Amsterdam University Press, Amsterdam 2025, S. 69–95., die auch lokale Handelsreisen in der Karibik einschlossen („small shipping“).Ben van Yperen: The Slave Trade on the Return Voyage. In: Ramona Negrón, Jessica den Oudsten, Camilla de Koning, Karwan Fatah-Black (Hrsg.): The Dutch Transatlantic Slave Trade, new Methods, Perspectives and Sources. Amsterdam University Press, Amsterdam 2025, S. 69. Wie die genaue Auswertung des Archivs der Middelburgse Commercie Compagnie (MCC), eine Vereinigung seeländischer Kaufleute ergab, wurde oft erst vor Ort entschieden, ob eine bilaterale oder trilaterale Reise durchgeführt wurde. Konnten nicht genug Sklaven gekauft werden (die Anweisungen der Gesellschaft legten fest, dass für eine Atlantikpassage mindestens 300 Sklaven an Bord sein sollten), wurden die an Bord befindlichen Sklaven an andere europäische Kaufleute verkauft, und das Schiff reiste mit Gold, Elfenbein und anderem Handelsgut in die Niederlande zurück, auch wenn es für eine Atlantikreise versichert war.Ben van Yperen: The Slave Trade on the Return Voyage. In: Ramona Negrón, Jessica den Oudsten, Camilla de Koning, Karwan Fatah-Black (Hrsg.): The Dutch Transatlantic Slave Trade, new Methods, Perspectives and Sources. Amsterdam University Press, Amsterdam 2025, S. 81. Manchmal wurden Sklaven auch wieder verkauft, weil nicht genug Nahrungsmittel an Bord waren (1764, Schiff Zanggodin/Sang Godin unter Kapitän Dirk Bonrhegh).Ben van Yperen: The Slave Trade on the Return Voyage. In: Ramona Negrón, Jessica den Oudsten, Camilla de Koning, Karwan Fatah-Black (Hrsg.): The Dutch Transatlantic Slave Trade, new Methods, Perspectives and Sources. Amsterdam University Press, Amsterdam 2025, S. 83. Die meisten Schiffe und Kapitäne der MVV waren sowohl im bilateralen als auch im Dreieckshandel eingesetzt.Ben van Yperen: The Slave Trade on the Return Voyage. In: Ramona Negrón, Jessica den Oudsten, Camilla de Koning, Karwan Fatah-Black (Hrsg.): The Dutch Transatlantic Slave Trade, new Methods, Perspectives and Sources. Amsterdam University Press, Amsterdam 2025, S. 78.
Manche Autoren setzen sich dafür ein, die Begriffe „Sklaverei“ und „Sklave“ durch „Versklavung“ und „Versklavte“ zu ersetzen, da erstere Bezeichnungen nicht gegeben sind, sondern durch ein spezifisches europäisches Rechtssystem angewendet wurden.Kwame Nimako: Dutch Atlantic Chattel Slavery and its Legacies. In: Rose Mary Allen, Esther Captain, Matthias van Rossum, Urwin Vyent (Hrsg.): Slavery & the Dutch State, Dutch Colonial Slavery and its Afterlives. Leiden University Press, Leiden 2023, S. 131.
Forschung und Quellen
Datenbanken Die internationale Datenbank The Transatlantic Slave Trade, die an der texanischen Rice University gehostet wird, wurde von David Eltis und David Richardson (University of Hull) unter Beteiligung weiterer Hochschulen, darunter der Emory University, erarbeitet. Sie geht auf Vorarbeiten von Herbert S. Klein in den 1960er Jahren zurück. 1999 wurde sie online zugänglich und 2008 wesentlich erweitert. Sie umfasst jetzt auch den innerafrikanischen Sklavenhandel und insgesamt Daten über 36.000 Sklavenfahrten (77 % aller Fahrten im erfassten Zeitraum von 1514 bis 1866) mit einer Gesamtzahl von über 10 Millionen transportierten Sklaven und 8,7 Millionen Anlandungen. Die Datenbank des Du Bois Instituts verzeichnet 4033 französische Sklavenfahrten nach Amerika zwischen 1669 und 1864, berücksichtigt aber Sklavenfahrten im Indischen Ozean kaum.David Geggus: The French Slave Trade: An Overview. In: William and Mary Quarterly. Band 58, Nr. 1, 2001, S. 119.
Das Centre for the Study of the Legacies of British Slavery (CSLBS) am University College LondonCentre for the Study of the Legacies of British Slavery (CSLBS) - Legacies of British Slavery Database. Auf: ucl.ac.uk; abgerufen am 31. Dezember 2025. verzeichnet die britischen Sklavenbesitzer, die nach der Abschaffung der Sklaverei Entschädigungszahlungen erhielten, und deren Plantagen in Übersee.
Schriftzeugnisse Erst seit dem späten 17. Jahrhundert existieren schriftliche Berichte über die Geschäftsbeziehungen zwischen Weißen und den einheimischen Händlern, der Bericht von Jean Barbot (1655–1712) über GuineaPaul Edward Hedley Hair, Adam Jones, Robin Law (Hrsg.): Barbot on Guinea: the writings of Jean Barbot on West Africa, 1678-1712. Hakluyt Society, London 1992. und das Tagebuch des französischen Sklavenhändlers Théophilus Conneau aus den 1830er bis 1840er Jahren.Théophile Conneau, Brantz Mayer, Capitaine Canot (pseudonyme: Théophile Conneau): Vingt années de la vie d'un négrier. Amyot, Paris 1854 (Volltext online); Théophilus CONNEAU, Brantz Mayer (Canot): “A Slaver’s Log Book”: The Original 1853 Manuscript by Captain Théophilus Conneau, together with Additional Archival Materials. (S. 46) / (mit Item images). Thornton hat ferner die Schriftzeugnisse einheimischer Herrscher zu dem Thema publiziert.John Thornton: African Political Ethics and the Slave Trade. In: Derek Peterson (Hrsg.): Abolitionism and Imperialism in Britain, Africa, and the Atlantic. Ohio University Press, Athens 2010, S. 8–62. Das Tagebuch von Antera Duke, einem Efik-SklavenhändlerStephen D. Behrendt, A. J. H. Latham, David Northrup (Hrsg.): Diary of Antera Duke, an Eighteenth-Century African Slave Trader. Oxford University Press, Oxford 2010, ISBN 978-0-19-537618-0. beschreibt den Menschenhandel mit den Europäern aus einheimischer Sicht.
Neben den Schriftzeugnissen von Afrikanern, die schließlich in Europa landeten (z. B. Olaudah Equiano, William Ansah Sessarakoo, Quobna Ottobah Cugoano), wurden in Afrika auch mündliche Überlieferungen tradiert. Viele Nachkommen von Sklaven versuchen jedoch, ihre Herkunft zu verschleiern, da sie immer noch als erniedrigend gilt.Rachel Ama Asaa Engmann: Narrating the slave trade and slavery heritage in West Africa and its diaspora. In: Rachel Ama Asaa Engmann, John D. Giblin, Ashton Sinamai, Shadreck Chirikure, Odiana Ishanlosen (Hrsg.): Routledge Handbook of critical African Heritage Studies. London 2024, Band 1, S. 108–109.
Archäologie Inzwischen wird der Atlantische Sklavenhandel auch archäologisch untersuchtFelicia Fricke: Research Method: Archaeology. In: Rose Mary Allen, Esther Captain, Matthias van Rossum, Urwin Vyent (Hrsg.): Slavery & the Dutch State, Dutch Colonial Slavery and its Afterlives. Leiden University Press, Leiden 2023, S. 126–128., sowohl in den HerkunftsländernSean H. Reid: Archaeology of Slavery in Atlantic West Africa, 1450–1900. In: Thomas Spear (Hrsg.): Oxford Research Encyclopedia of African History. Oxford, Oxford University Press. Oxford 2023. als auch in AmerikaKenneth G. Kelly, La vie quotidienne des habitations sucrières aux Antilles: l’archéologie à la découverte d’une histoire cachée. In situ 20, 2013. doi.org open access und in der Unterwasserarchäologie. Das Feld ist jedoch noch unterentwickeltRachel Ama Asaa Engmann: Slaving and Slave Trading in Africa. In: Annual Review of Anthropology Band 52, 2023, S. 494. Ferner werden aDNA-Analysen eingesetzt, um die Herkunft von Sklaven in der neuen Welt zu bestimmen.Julie M. Schablitsky et al.: Ancient DNA Analysis of a Nineteenth-Century Tobacco Pipe from a Maryland Slave Quarter In: Journal of Archaeological Science Band 105, 2019, S. 11–18; Christine A. M. France, Douglas W. Owsley, Karin S. Bruwelheide, Emily S. Renschler, Kathryn G. Barca, Christopher R. DeCorse: Stable isotopes from the African site of Elmina, Ghana and their usefulness in tracking the provenance of enslaved individuals in 18th‐ and 19th‐century North American populations. In: American Journal of physical Anthropology. Band 171, Nr. 2, 2020, S. 298–318.
Geschichte