mini|hochkant=1.2|Michelangelo: Der Sündenfall und die Vertreibung aus dem Paradies (Deckenfresko in der Sixtinischen Kapelle) mini|Die Schlange reicht Eva die Frucht vom Baum der Erkenntnis, Kirche San Michele de Murato (12. Jahrhundert), Korsika Als Sündenfall bezeichnet die christliche Theologie die klassische Auslegung der biblischen Geschichte in , die davon erzählt, wie das erste Menschenpaar eine verbotene Frucht aß und infolgedessen aus dem Paradiesgarten vertrieben wurde. Die Geschichte wird teils als tatsächlich passiertes Ereignis, meist jedoch als symbolisch zu deutender Mythos verstanden, welcher den Zustand dieser „gefallenen“ Welt und die Situation des Menschen darin deutet und erklärt. Demzufolge verlor der Mensch den „Urstand“ durch die Sünde Adams und Evas und da jeder Mensch als Nachkomme Adams verstanden wird, hat er Teil an der Erbsünde (lat. peccatum originale originatum), ist also in einen Unheilszusammenhang hineingeboren. Dem wird im christlichen Verständnis der Heilsgeschichte Christus als „neuer Adam“ gegenübergestellt, der durch seinen Gehorsam den Ungehorsam des ersten Adam aufhebt.
Die biblische Geschichte In der Schöpfungsgeschichte des Jahwisten erschafft Gott die Menschen und stellt sie in den eigens dafür geschaffenen Garten Eden. Er gebot ihm: „Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen, doch vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen; denn am Tag, da du davon isst, wirst du sterben.“ . Sowohl der Mann als auch die aus dessen Rippe gebildete Frau waren „nackt, aber sie schämten sich nicht voreinander“ . Dann trat eine Schlange mit der Frage an die Frau, ob Gott gesagt habe, sie dürften von keinem Baum des Gartens essen. Die Frau entgegnete, nur vom Baum in der Mitte des Gartens nicht essen zu dürfen, da sie sonst sterben würden. Sodann versicherte ihr die Schlange stattdessen: „Sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf; ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse.“ Die Frau aß von der verbotenen Frucht und dann auch der Mann. Sie erkannten dann ihre Nacktheit und versteckten sich vor Gott, der schließlich nach ihnen rief. Der Mann sagte, er habe die Früchte von der Frau bekommen, welche anschließend sagte, die Schlange habe sie verführt.
Dann verfluchte Gott die Schlange, kündigte als Nächstes der Frau Schmerzen an und sprach schließlich zum Mann, er müsse von nun an den Erdboden im Schweiße seines Angesichts beackern. Er bekleidete die Menschen noch mit Fellgewändern und schickte sie dann aus dem Garten Eden weg, sodass sie nicht etwa noch vom Baum des Lebens äßen.
Biblischer Zusammenhang
bildet die erste der vier urgeschichtlichen Verfehlungsgeschichten vom Brudermord , von Beziehungen zwischen Engeln und Menschen und vom Turmbau zu Babel . Sie bringen grundsätzliche biblische Aussagen über das Wesen von Mensch und Menschheit zum Ausdruck. Die erste Verfehlung ist jedoch insofern grundlegend, als mit ihr der paradiesische „Garten Eden“ als Inbegriff der Einheit mit Gott oder der Zugang zur ewigen Lebenfülle im „Baum des Lebens“ verloren geht und der Mensch nun mit dem animalischen „Fellkleid“ die Geschichte der Sterblichen zwischen Geburt und Tod beginnt.
In wird die „Ursünde“ von Genesis 3 als Anfang des Sündigens und als Ursache des Sterbens aller gesehen und in auch als Ursache des ewigen Todes der Sünder.
Der Begriff „Sündenfall“ entstand nach christlichem Verständnis im spätjüdischen 4. Buch Esra. Dort heißt es: „Ach, Adam, was hast du getan! Als du sündigtest, kam dein Fall nicht nur auf dich, sondern auf uns, deine Nachkommen!“ (4. Esra 7,118)
Wesentlich für die christliche Interpretation ist die Theologie des Paulus, wie er sie im Römerbrief ausführt. Demnach leitet sich von dieser ersten Sünde der Tod ab: „Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod und auf diese Weise gelangte der Tod zu allen Menschen, weil alle sündigten.“ Insofern ist der Sündenfall im „Ungehorsam“ des ersten Adam ursächlich für den Tod, während im „Gehorsam“ des zweiten Adam „bis zum Tod am Kreuz“ mit der Auferstehung das Leben neu geschaffen wird (; ).
Während der neue Adam freiwillig von seiner himmlischen „Höhe“ herabsteigt und „demütig“ das „Sklavenkleid“ des menschlich-irdischen „Fleisches“ anzieht (; ; ), damit der „gefallene“ Mensch sein ursprüngliches „Lichtkleid“ der Herrlichkeit und Unsterblichkeit wiedererlange (vgl. ; ; ), fällt der alte Adam durch seinen Hochmut. Vom Sündenfall in diesem Sinn handelt dann auch das vielfach überlieferte Jesus-Wort: „Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden“ (; ; ; vgl. ).
Christliche Auslegungsgeschichte Augustinus Augustinus von Hippo entwickelte aus der Interpretation des Paulus die Lehre von der Erbsünde. Er verband die Erbsünde mit der Sexualität: Er sah in der verbotenen Frucht die sexuelle Lust und glaubte, dass Adam im Paradies Kinder zeugen konnte, ohne sexuelle Erregung zu empfinden. Er schrieb: „Durch denselben Willensantrieb wären die fraglichen Glieder bewegt worden wie die übrigen, und ohne den Stachel brünstigen Begehrens, in voller Ruhe des Geistes und des Körpers und ohne Verletzung ihrer Unversehrtheit, hätte der Gatte seines Weibes Schoß befruchtet“.Augustinus. De civitate Dei XIV,26. Und weil Eva in der Erzählung die Initiative ergreift, indem sie Adam den Apfel anbietet, entwickelte Augustinus daraus eine Sexualethik, die der Frau eine aktive Rolle in den sexuellen Beziehungen verbot. Volker Spierling. Ungeheuer ist der Mensch. Eine Geschichte der Ethik von Sokrates bis Adorno. München: Beck 2017, S. 107
Obwohl diese enge Verbindung von Sündenfall und Sexualität nie lehramtlich verbindlich rezipiert wurde, prägte sie doch das westliche Christentum nachhaltig.
Mittelalter Bei den Kirchenvätern und in der mittelalterlichen Mystik stehen beide Bäume für die zwei Seiten der Wirklichkeit: Himmel und Welt, das Unsichtbare und das Sichtbare (vgl. ), das „Männliche“ und das „Weibliche“, auch Gnade und sakramentale „Materie“ sowie geistig-geistliche und „buchstäbliche“ Exegese.
So erklärt Bonaventura im Hexaemeron (XIX,8) vom Wandlungswunder auf der Hochzeit zu Kana her: „Der Buchstabe [der Schrift] allein ist lediglich Wasser, das erst im geistlichen Verständnis in Wein verwandelt wird; er ist Stein, der erst zu Brot werden muss“; und: er ist nur der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse; „erst im geistlichen Verständnis wird die Schrift zum Baum des Lebens“. Entscheidend ist, das buchstäbliche Verständnis der Schrift mit dem inneren Verständnis im Heiligen Geist zu verbinden, wodurch die Bibel erst lebendiges Wort Gottes (= Lebensbaum) ist oder „gleichsam eine Zither“: „die tiefe Saite [= Literalsinn] bewirkt erst mit den anderen [drei geistigen Schriftsinnen] zusammen den Wohlklang.“Bonaventura: Hexaemeron, lat.-dt. Ausgabe, übersetzt und eingeleitet von Wilhelm Nyssen; München 1964; XIX,7.
Was für die Bibel als „Schöpfung im Wort“ (Friedrich Weinreb) gilt, das gilt auch für die Schöpfung durch das Wort (vgl. ; ; ): Nur wenn das Sichtbare und das Unsichtbare im „hochzeitlichen“ Bund eins sind, lebt der Mensch in der vom göttlichen Wort geschaffenen paradiesischen Wirklichkeit oder im „Himmel“ (vgl. ; ; ). Der Bruch dieses „hochzeitlichen“ Bundes zwischen dem „Männlichen“ und dem „Weiblichen“ oder des „Ein-Fleisch-seins“ (vgl. ; ) durch Mann und Frau führt hingegen zum Verlust des Paradieses oder der Fülle des Lebens. In der Feier der sieben sakramentalen Heilszeichen der katholischen und orthodoxen Kirche, insbesondere in Taufe und Eucharistie sowie in der Ehe als „Ursakrament“ (Johannes Paul II.), sah die Tradition die Heilsmittel, um ins verlorene Paradies zurückzukehren (vgl. schon ). Hinzu kommt die geistig-geistliche Disziplin: „Das ist der Sinn aller Askese: die paradiesische Ordnung in Christus wieder zu erneuern.“Friedrich Wulf: Geistliches Leben in der heutigen Welt. Geschichte und Übung der christlichen Frömmigkeit; Freiburg u. a. 1960; S. 18–33 (Das verlorene und wiedergewonnene Paradies), hier S. 30.
Reformation und evangelische Auslegungsgeschichte Für Martin Luther ist der Sündenfall ein radikaler Bruch zwischen Gott und Mensch. Er sieht in der Erbsünde als völlige Verderbnis, durch die der Mensch ist nicht nur „verletzt“, sondern ganz verdorben („corruptio totalis“) sei. Nach dem Sündenfall könne der Mensch aus eigener Kraft das Gute nicht mehr wollen. Luther sieht die Rechtfertigung „allein aus Gnade“ (sola gratia) als Antwort auf den Sündenfall: Nur durch den Glauben an Christus (sola fide) und durch Gottes Wort wird der Mensch gerecht gesprochen. Die Taufe hat zentrale Bedeutung, weil sie als Zeichen für die Verheißung Gottes gesehen wird, aber sie „tilgt“ nicht die Erbsünde, sondern wirkt nur im Zusammenhang mit dem Glauben.
In der gegenwärtigen protestantischen Theologie steht der Sündenfall symbolisch für die Grunderfahrung menschlicher Entfremdung von Gott. Theologen wie Paul Tillich oder Rudolf Bultmann sprechen von „existentieller Schuld“ oder „Entfremdung des Menschen von seinem wahren Sein“.
Moderne christliche Exegese In der Exegese wird der Begriff des Sündenfalls heute eher vermieden. Nach Claus Westermann bringt die Bezeichnung ‚Sündenfall‘ „etwas Passives, Schicksalhaftes zum Ausdruck“, während der Text der Erzählung in nichts dergleichen aufweist und auch nicht von einem Fall spricht; „deshalb sollte man von dieser vom Text her ungenauen und irreführenden Bezeichnung abgehen.“Claus Westermann: Genesis. I. Genesis 1–11 (Biblischer Kommentar Altes Testament I/1). Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag, 1974, S. 376. Für den jesuitischen Pater Christoph Wrembek und den Literaturwissenschaftler Arata Takeda mündet der Text der Erzählung ungeachtet von Gottes Ankündigung, am Tag der Übertretung des Verbots sterben zu müssen , in eine „rettende Vertreibung“Christoph Wrembek: Adams rettende Vertreibung. Vom Wesen des Menschen und seinen Anlagen und vom Wesen Gottes und seiner Zuwendung. Tartu: Esto Ühing, 2010. der Menschen, eine „Vertreibung in ein erneuertes Leben“Arata Takeda: Die verkannte Tragödie: Theoriebildung und Wissenswandel zwischen Antike und Neuzeit. Weilerswist: Velbrück, 2025, S. 13–49 (Der gerettete Adam), hier S. 43. im Zeichen von Gottes Gnade.
Nach dem exegetischen Kommentar von Andreas Schüle ist der Sinn der beiden Bäume in der einen Mitte des Gartens, der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse, „ein letztlich nicht lösbares Rätsel.“
Katholische Dogmatik Die katholische Lehre beschreibt den Urzustand (auch „Gnadenstand“ oder „Urstand“), wie der Mensch von Gott geschaffen wurde: in vollkommener Harmonie mit Gott, mit sich selbst, mit den anderen Menschen und mit der Schöpfung. Er war unsterblich, frei von Leid und Tod. Dabei besaß er die Gnade („Urstandsgnade“) und die ursprüngliche Gerechtigkeit als Geschenk Gottes (nicht aus eigener Kraft).
Der Sündenfall beschreibt den ersten Akt des Ungehorsams gegenüber Gott durch Adam und Eva, die sich durch den Einfluss des Teufels (der Versuchung) von Gott abgewendet haben. Der Mensch wollte „sein wie Gott“ ohne Gott. Dieser Akt wird meist als Ungehorsam oder Hochmut akzentuiert. Dadurch wurde die ursprüngliche Gerechtigkeit verloren und die Sünde kam in die Welt. Die Sünde Adams ist eine Tat des Ungehorsams, die aber universelle Folgen hat.
Die Erbsünde ist nicht persönliche Schuld, sondern ein Zustand, in den jeder Mensch (außer Maria) bei der Geburt hineingeboren wird. Er drückt sich im Verlust der heiligmachenden Gnade, der gefallenen menschlichen Natur, der Neigung zur Sünde (Konkupiszenz), der Trennung von Gott, Leid, Tod und innerer Zerrissenheit aus. „Die Übertragung der Erbsünde ist ein Mysterium, das wir nicht ganz verstehen können“, heißt es im Katechismus der katholischen Kirche (KKK 404).