Auf den Nägeln brennen (auch: unter den Nägeln brennen, ältere Formen: auf den Nagel, auf die Nägel, in die Nägel brennen) ist eine Redewendung der deutschen Sprache mit der Bedeutung „sehr dringlich sein“.Werner Scholze-Stubenrecht / Wolfgang Worsch (redaktionelle Bearbeitung), Duden – Redewendungen. Wörterbuch der deutschen Idiomatik (= Duden, Band 11), 3., überarb. Aufl., Dudenverlag, Mannheim [u. a.] 2008, S. 540 Beispielsatz: „Die Sache brennt mir auf den Nägeln“.
Sprachliche Entwicklung Die Redewendung erschien zuerst im 16. Jahrhundert, in einer vergleichenden Sammlung lateinischer, griechischer und deutscher Sprichwörter von Eberhard Tappe, der bei der Erläuterung der lateinischen Redewendung res ad triarios rediit (ungefähr: „es ist zum Äußersten gekommen, jetzt müssen die letzten Mittel aufgeboten werden“) als ‚sehr ähnliche‘ Redewendung anführt: „die kertz ist vff den nagel gebrant“ (1539).Eberhard Tappe, Germanicorum adagiorum cum latinis ac graecis collatorum Centuriae septem, Wendelin Rihel, Straßburg 1539, I, x, 6, fol. 31r Es handelt sich dabei um keine gelehrte Neubildung Tappes, sondern nach dessen Auskunft um eine zu seiner Zeit ‚bei den Deutschen im Volk beliebte‘ Prägung („hodie apud Germanos uulgo celebratum“). In geringfügig abweichender Form („Die kertz ist auff den nagel verbrant“) erscheint sie bald darauf bei Sebastian Franck in dessen Sprichwörtersammlung von 1541Sebastian Franck, Sprichwörter, schöne, weise, herrliche Clugreden, Christian Egenolff, Frankfurt am Main 1541, Teil II, fol. 21v und im 17. Jahrhundert dann wieder übereinstimmend mit Tappe in der poetischen Sprichwörtersammlung von Eucharius Eyering (1601)Eucharius Eyering, Proverborum Copia, Band 1, Grosianus [Bartholomäus Hörnig], Eisleben 1601, S. 349 (zu „Das Wasser ist jhm ins maul gangen/ Res ad Triarios redijt“): „WAnn einer steckt in höechster noth/ Vnd schier kein hülff noch rettung hat/ Dem sagt man diß sprichwort bekant/ Die Kertz ist auff den Nagel gbrand“ sowie unter Verweis auf Tappe bei Johann Gerling in dessen Kommentar zu den Adagia des Erasmus: „Die kertz ist auff den nagel gebrandt“ (1649).Johann Gerling, Sylloge Adagiorum aliquot Desid[erii] Erasmi Roterodami aliorumque, Severin Matthaeus, Leiden 1649, S. 27 zu „Ad triarios res redijt“ mit Verweis auf „Tapp[ius]“SWR: 1000 Antworten, Ein Kommentar von Rolf-Bernhard Essig: Was ist richtig: „es brennt mir auf den Nägeln“ oder „es brennt mir auf die Nägel“?
Nicht nur in Sprichwörtersammlungen, sondern auch in praktischer Verwendung ist sie schon im 16. Jahrhundert belegt, so in Briefen von Graf Johann VI. von Nassau Dillenburg, der hierbei jeweils nicht von einer Kerze, sondern von „feuer“ (1583) bzw. „liecht“ (1591) spricht, das „(uns) uff den nagel“ brennt,Guillaume Groen Van Prinsterer (Hrsg.), Archives ou correspondance inédite de la maison d'Orange-Nassau, Serie I, Band VIII, S. und J. Luchtmans, Leiden 1847, S. 285 (Brief an Wilhelm Ludwig von Nassau-Dillenburg, von November 1583): „dencke doch, wan unsz das feuer uff den nagel brennet, so werden wir entlich uffwachen und vielleicht mit schaden witzig werden müssen“; Heinrich Bott, Gründung und Anfänge der Neustadt Hanau, 1596–1620 (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen und Waldeck, 30), Band 1: Die Gründung der Neustadt Hanau, 1596–1601, Elwert, Marburg 1970, S. 165 (aus einem Brief Johanns an denselben vom 19. Juli 1597): „bis eben das licht uff den nagel gebrandt und es uffs euserst kommen ist“ wie auch in einer 1652 anonym publizierten juristischen Streitschrift des Ravensberger Regierungsrates Thomas Schlipstein davon die Rede ist, dass jemandem infolge von Verschwendung seiner Güter „das liecht zimlich auff den nagel gebrant“ ist.Gründtliche Deduction, ahn statt Manifests, Der Hoheit/ Erbgerechtigkeit/ Gerichtern/ und Rechten/ So den Hertzogen von Cleve/ Gulich/ und Bergh/ als Graven zu Ravenßberg/ [et]c. In der Statt Hervorden/ zu behören/, Jakob von Biesen, Arnheim 1652, S. 112: „Ihre verwandten vndt zugehorige/ welche wegen ihrer ahngebohrner hoffart vndt uppigkeit ihr guttlein mehrentheils verthan/ daß ihnen das liecht zimlich auff den nagel gebrant“
Im 18. Jahrhundert gewinnt die Redewendung weite Verbreitung unter anderem in der Predigt, in der historischen und in der Schönen Literatur und findet Eingang auch in Übersetzungswörterbücher. Inhaltlich wird sie verwendet mit Bezug auf militärische, politische, finanzielle, gesundheitliche und sonstige Notlagen, hierbei speziell im geistlichen Bereich zuweilen auch in Verbindung mit der emblematischen Vorstellung, dass das menschliche Leben „vergehet wie eine angezündete Kertz“.Heinrich Venedien, Fruchtbarer Himmels-Thau zur Erquickung der Hertzen, Teil II, Johann Engelent, Köln 1726, S. 24, ebenda S. 28: „Vermuthlich seynd allhie etliche gegenwärtig, welchen die Kertz schon biß auf den Nagel gebrennt ist“; Gerhard Tersteegen, Geistliche und Erbauliche Briefe über das Inwendige Leben und wahre Wesen des Christenthums, Band 1, Teil I, Peter Daniel Schmitz und Christian Pohl, Solingen 1773, S. 31: „Wir müssen, geliebte Schwester! unser äusseres Leben ansehen als eine Kertze, die bald wird auf den Nagel gebrannt seyn, und das sich bald wird gehen verlieren in der Unsichtbarkeit“ In der sprachlichen Gestalt wird die Redewendung dabei nur noch vereinzelt, so besonders im Bereich der Predigt, in der Fügung der älteren Sprichwortsammlungen verwendet, mit einer Kerze oder einem (Kerzen-)Licht, das auf den Nagel herunterbrennt,Celander (Pseudonym), Die verkehrte Welt oder satyrischer Roman, Peter Marteau nachgelassenen Erben, Köln 1718, S. 520: „So brennet ihm (…) das Licht, wie man im Sprichwort zu reden pflegt recht auf den Nagel“, zitiert bei Lutz Röhrich, Das große Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten, Band 2, Herder, Freiburg 1992 (ISBN 3-451-22082-2), s.v. „Nagel“; Heinrich Venedien, Fruchtbarer Himmels-Thau zur Erquickung der Hertzen, neue Ausgabe, Teil II, Johann Engelent, Köln 1744, S. 287: „man muß gleich im Anfang dem Ubel vorkommen, singt der alte Reimen-Dichter Ovidius, und die Kertz nit gar biß auf den Nagel brennen lassen: Principiis obsta; serò medicina paratur, dum mala per longas invaluere moras“; Franz Hunolt, Christliche Sitten-Lehr Uber die Evangelische Wahrheiten, Martin Veith, Augsburg 1746, S. 362: „Als wann er sagen wolte: es ist alhier nicht lang Zeit zu reden, die Kertz ist auf den Nagel gebrennet“ meist aber als freier variierte Redewendung, bei der an die Stelle der Kerze als allgemeinerer bildlicher Ausdruck „das Feuer“,Christian August Salig, Vollständige Historie der Augspurgischen Confeßion, Teil III, Rengerische Buchhandlung, Halle 1735, S. 948: „Und weil ihm das Feuer mochte auf die Nägel brennen, so versprach er nun fromm und verträglich zu sein“; Samuel Schaarschmidt, Medicinische und Chirurgische Berlinische wöchentliche Nachrichten, Jahrg. III, Berlin 1742, S. 167: „den Arzt aber nicht eher suchen, als höchste Noth dazu drenget, und das Feuer ihnen auf die Nägel brennt“; August von Kotzebue, Armuth und Edelsinn, Paul Gotthelf Kummer, Leipzig 1795, S. 34: „der war arm, blutarm, und sollte Schulden bezahlen, das Feuer brannte ihm auf die Nägel“;Johann Peter von Ludewig, Erläuterte Germania Princeps, ohne Verlagsangabe, Frankfurt am Main / Leipzig 1746, S. 373: „Doch da die Teutschen Fürsten zu lange zauderten, die Offerte zu acceptieren (…): verdroß dieses den König so sehr, daß er hernach nicht eher kam, als bis ihnen das Feuer schon unter die Nägel brannte“ ein nicht mehr metaphorisch umschriebenes Abstraktum wie „die Noth“Anonym, Geheime Brieffschaften aus dem Portefeuille der bey Rastadt ermordeten fränkischen Gesandtschaft, ohne Verlagsangabe, Plittersdorf 1799, S. 235f.: „Die Noth brannte mich aber auch auf die Nägel; denn mein Letztes stand auf dem Spiel“ oder der unpersönliche Ausdruck „es (brennt)“Auguste J. Buxtorf, Nouveau Dictionnaire françois-allemand, S. 411 s.v. „Nagel“: „Es brennt mich auf die nägel: prov. la necessité presse; je suis dans une pressente [urgente] necessité“; Matthias Kramer, Nieuw Woordenboek der Nederlandsche en Hoogduitsche Taal, 3. Aufl., Johann Friedrich Junius, Leipzig 1768, S. 230 s.v. „Nagel“: „es brennt mich auf die Nägel, de nood dringt, perst my“; Johann Christoph Gottsched, Le maître de la langue allemande, ou Nouvelle grammaire allemande méthodique et raisonnée, 6. Aufl., Amand König, Straßburg 1769, S. 555: „Je suis dans une pressante nécessité: Es brennt mich auf die Nägel“; Alain-René Lesage, Gil Blas von Santillana. Neuübersetzt, Band 5, Christian Friedrich Himburg, Berlin 1779, S. 268: „Brennt sie 's auf die Nägel, versetzte der Alte. Gar gewaltig, sagt' ich; und bin ich nicht bald so glücklich, wo unterzukommen, so mus ich entewder verhungern, oder einer von Euren Kollegen werden“; Karl Müchler, Anekdotenlexikon für Leser von Geschmack, Band 2, Siegismund Friedrich Hesse, Berlin 1784, S. 20: „Herr Hauptmann, sag' Er mir aufrichtig, brennt es dem König auf die Nägel? Wenns ihn brennt, so nehm' er meinen Sohn, und mich auch dazu“; tritt, ebenso anstelle des Singulars „auf den Nagel“ häufig der Plural „auf die Nägel“ und hierbei dann als Präposition anstelle von auf vereinzelt auch „in die Nägel“Johann Timotheus Hermes, Sophiens Reise von Memel nach Sachsen, Band 6, Johann Friedrich Junius, Leipzig 1778, S. 704: „Brennt Ihnen aber das Licht in die Nägel, (…) so sagt Moliere: ‚Vous l'avez voulu, George Dandin!‘“ und „unter die Nägel“ erscheint. Auch die gerichtete Vorstellung des Herabbrennens „auf den Nagel“ oder „auf die Nägel“ wird hierbei seit der Mitte des 18. Jahrhunderts zuweilen bereits durch die Vorstellung ersetzt, dass etwas („Feuer“ bzw. „es“) „auf den Nägeln“ brennt.Anonym, Die Wolfahrt von Europa, in einem bedenklichen Zustand betrachtet, ohne Verlagsangabe, Köln 1758, S. XIIIf.: „als die Gefahr allgemein [ist] (…) und einem jeden (…) das Feuer, wie man sagt, auf den Nägeln brennt“; anonym, Beyträge zur neuern Staats- und Krieges-Geschichte, Nr. 131–134, Johann Christian Schuster, Danzig 1762, S. 436: „Indessen brannte das Feuer auf den Nägeln, und Ludwigs XIV. Sachen giengen so schief, daß es beynahe damit aus war“; Friedrich Schiller, Brief an Christian Gottfried Körner vom 14. November 1788, hrsg. von Karl Goedeke, Schillers Briefwechsel mit Körner, 2., erw. Aufl., Veit & Comp., Leipzig 1878, S. 233: „Das Feuer brennt Wieland auf den Nägeln, und er fängt an, mich sehr nöthig zu brauchen“; Karl Friedrich Benekendorf, Erfahrungsmäßige Abhandlung von den verschiedenen Seuchen und Krankheiten des Rindviehes, 2. Aufl., Johann Pauli, Berlin 1790, S. 105: „wo den (…) Nachbarn gleichsam das Feuer auf den Nägeln brennt“; Karl Alexander Herklots, Operetten, Vossische Buchhandlung, Berlin 1793, S. 209: „Es ist hohe Zeit, mich nach einem Käufer für Ihre Grundstücke umzusehen. Wenn die Leute erst erfahren, daß es uns auf den Nägeln brennt −“