Die Civitas Taunensium war eine zivile römische Verwaltungseinheit (Civitas) im rechtsrheinischen Teil der Provinz Germania superior im heutigen Rhein-Main-Gebiet, dem Taunus und der Wetterau. Hauptort war die römische Siedlung in Frankfurt-Heddernheim mit dem Namen Nida. Die Civitas wurde vermutlich in trajanischer Zeit eingerichtet und existierte bis in die Zeit des Limesfalls in der Mitte des 3. Jahrhunderts.
Geografie mini|Nördlicher Limesbogen (Wetteraubogen) bei den Kastellen Arnsburg und Butzbach. Die Civitas umfasste den Bereich der römischen Gebiete nördlich des Mains zwischen dem heutigen Hanau und Hattersheim, möglicherweise auch einige südlich des Mains angrenzende. Sie war Teil der von Tacitus als agri decumates bezeichneten Gebiete.Tacitus, Germania 29,3. Die Grenzen der Civitas wurden im Nordwesten, Norden und Osten vom Limes gebildet (auch Wetteraubogen genanntEgon Schallmayer: Der Limes – Geschichte einer Grenze (= C. H. Beck Wissen. Band 2318). 3. Auflage, Beck, München 2011, ISBN 978-3-406-48018-8, S. 35, 54.), als Westgrenze wird der Schwarzbach vermutet. Hier grenzte die Civitas Mattiacorum mit dem heutigen Wiesbaden (Aquae Mattiacorum) als Hauptort an. Im Süden lag die Civitas Auderiensium mit dem Hauptort Dieburg. Von diesem Gebiet war die Civitas Taunensium vermutlich durch den Main getrennt.
Durch die Nähe zur überwachten Reichsgrenze waren römische Truppen im gesamten Gebiet der Civitas präsent. Grund für die Einbeziehung der Gebiete nördlich des Mains in einem weiten Bogen war sicher die Fruchtbarkeit der Wetterauer Lösslehmböden. Das Grenzland war – wie viele Grenzgebiete im Römischen Reich – militärisch und landwirtschaftlich dominiert.
Geschichte Germanenfeldzüge der augusteischen Zeit Das Gebiet der späteren Civitas Taunensium rückte zuerst mit den Germanenfeldzügen des Kaisers Augustus in das Blickfeld der römischen Expansion. Hier reichte der Rheingraben in Form der Wetterau zapfenförmig weit in germanisches Territorium hinein. Deshalb wählte man dieses Gebiet als eine der beiden Haupteinmarschstrecken neben dem Lippe-Raum. Vom Legionslager Mogontiacum (Mainz) aus legte man eine Reihe von Kastellen an, die den sicheren Marsch der Einheiten vom Rhein aus in die innergermanischen Gebiete ermöglichten. Diese Kastelle befanden sich in Rödgen, Friedberg, Bad Nauheim und eventuell Nida. Auch der Aufbau des Römischen Forums von Waldgirmes fällt in diese Zeit. Die Kastelle waren untereinander durch eine Militärstraße verbunden, die heute als Elisabethenstraße bekannt ist. Ein zweiter Versorgungsweg war das Wasser. Der Main und die Nidda dienten vornehmlich dem Transport von Waren und Material. Zur Sicherung des Wasserwegs dürfte ein Kastell in Frankfurt-Höchst gedient haben, dort fanden sich Verteidigungsgräben dieser Zeit in der Bolongarostraße.Hans-Günther Simon: Frankfurt a.M.-Höchst. Frühkaiserzeitliche Militärlager. In: D. Baatz, F.-R. Herrmann (Hrsg.): Die Römer in Hessen. 1989, S. 302–304, hier S. 302. Durch die verheerende Niederlage in der Varusschlacht wurde die römische Expansion für eine Zeit gestoppt. Die geplante Stadt bei Waldgirmes wurde aufgegeben.
Flavische Kaiser und Chattenfeldzüge miniatur|hochkant|Jupitersäule, Replik vor dem Museum in Echzell, Fundort Villa rustica in Wölfersheim bei Echzell. Die Inschrift nennt den Veteranen einer ala Indiana Antoniniana.Jörg Lindenthal, Vera Rupp, Anthony Birley: Eine neue Veteraneninschrift aus der Wetterau. In: Svend Hansen, Volker Pingel (Hrsg.): Archäologie in Hessen. Neue Funde und Befunde. Festschrift für Fritz-Rudolf Herrmann zum 65. Geburtstag (= Internationale Archäologie. Studia honoraria. Band 13). Leidorf, Rahden/Westf. 2001, ISBN 3-89646-393-4, S. 199–208; ; Jörg Lindenthal: Die Jupitersäule aus Wölfersheim-Melbach: ein archäologischer Glücksfall. In: Vera Rupp, Heide Birley (Hrsg.): Landleben im römischen Deutschland. Theiss, Stuttgart 2012, ISBN 978-3-8062-2573-0, S. 156–157; Epigraphische Datenbank Heidelberg. Auch nach dem Ende der Germanenkriege unter Augustus und Tiberius versuchte das Römische Reich Einfluss auf die Gebiete rechts des Rheins zu nehmen. Mit Wiesbaden und Mainz-Kastel hielten die Römer einen Brückenkopf gegenüber von Mogontiacum besetzt. Erste Kastellbauten (Erdlager) in Hofheim datieren in claudisch-neronische Zeit.Hans Ulrich Nuber: Die römischen Kastelle bei Hofheim am Taunus, Main-Taunus-Kreis (= Archäologische Denkmäler in Hessen. Band 29, ). Abteilung für Vor- und Frühgeschichte im Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Wiesbaden 1983, S. 5; Hans Ulrich Nuber: Hofheim am Taunus. MTK. Militärische Anlagen und Zivilniederlassungen. In: D. Baatz, F.-R. Herrmann (Hrsg.): Die Römer in Hessen. 1989, S. 350–357, hier: S. 351. Südlich des Mains ergibt sich ein ähnliches Bild, als die Römer in dieser Zeit versuchten, einen Brückenkopf gegenüber von Mogontiacum und die wichtige Verbindung entlang des Rheins (Römische Rheintalstraße) zu kontrollieren.
Eine weitere römische Offensive zur Aneignung rechtsrheinischer Gebiete geschah unter Domitian. Das Gebiet der Civitas Taunensium wurde während der Chattenkriege des Kaisers 83–85 n. Chr. Teil des Römischen Reiches. Nach Frontinus stellten die Chatten sich nicht zur offenen Feldschlacht, griffen aber aus dem Hinterhalt an. Deshalb ließen die Römer Schneisen in den Wald schlagenFrontinus, Strategemata 1,3,10. – der Beginn des Limes. Somit wurde die Grenze der römischen Expansion zunächst provisorisch, später als endgültig festgelegt. Doch gab es auch später noch örtliche, kleinere Grenzverschiebungen.
Das eroberte Gebiet, zu dem auch der Bereich der civitas Taunensium gehörte, kam zur Provinz Germania superior mit der Hauptstadt Mogontiacum. Frühe Kastelle aus der flavischen Zeit sind nachgewiesen auf der Dominsel in Frankfurt am Main, in Heddernheim, Okarben und Friedberg. Das große Kastell in Kesselstadt sollte das Mainknie und die Kinzigmündung sichern, wurde aber vermutlich nach dem Saturninusaufstand 89 n. Chr. aufgegeben.Wolfgang Czysz: Hanau-Kesselstadt. Röm. Kastelle Kesselstadt und Salisberg. In: D. Baatz, F.-R. Herrmann (Hrsg.): Die Römer in Hessen. 1989, S. 334–336.
Blüte des Grenzlands im 2. Jahrhundert n. Chr. miniatur|hochkant|Kopie des Dativius-Victor-Bogens in Mainz Wenige Jahre nach der Eroberung etablierte sich auch in den neu besetzten Gebieten eine zivile Verwaltung. Die Gründung der civitas Taunensium wird allgemein um das Jahr 100 n. Chr., also in der Zeit Kaiser Trajans angenommen.Dietwulf Baatz: Kaiser Trajan und die ersten Civitates östlich vom Rhein. In: D. Baatz, F.-R. Herrmann (Hrsg.): Die Römer in Hessen. 1989, S. 82–83; Peter Fasold: Zur Gründung des Civitas-Hauptortes Nida. In: Egon Schallmayer (Hrsg.): Traian in Germanien, Traian im Reich. Bericht des Dritten Saalburgkolloquiums (= Saalburg-Schriften. Band 5). Saalburgmuseum, Bad Homburg v. d. H. 1999, ISBN 3-931267-04-0, S. 235–246, hier: S. 235. Dieser war zuvor Statthalter in Obergermanien und blieb auch nach dem Tod seines Vorgängers Nerva bis zum Jahr 99 in Germanien.
Das vom Limes geschützte Gebiet erlebte im Verlauf des 2. Jahrhunderts unter den Adoptivkaisern eine lange Friedensperiode. Truppen aus dem Hinterland wurden direkt an den Limes verlegt.Dietwulf Baatz: Römische Eroberungen unter den flavischen Kaisern, Bau des Limes. In: D. Baatz, F.-R. Herrmann (Hrsg.): Die Römer in Hessen. 1989, S. 82. Von den zurückbleibenden Zivilsiedlungen erlebte besonders Nida einen Aufschwung, Handel und Kultur blühten auf. Der Hauptort begann sich zur Stadt zu entwickeln, jedoch ohne den rechtlichen Status. Kastelle und Gutshöfe wurden im Verlauf des 2. Jahrhunderts in Stein ausgebaut. Im Schutz und Gefolge der am Limes stationierten Truppen bildeten sich viele weitere Zivilsiedlungen. Das spricht dafür, dass das Limessystem in dieser Zeit gut funktionierte. Auch waren die Soldaten ein bedeutender Wirtschaftsfaktor, da sie durch ihren Sold einen regelmäßigen Zufluss frisch geprägten MünzgeldesDietwulf Baatz: Das Leben im Grenzland des Römerreichs. In: D. Baatz, F.-R. Herrmann (Hrsg.): Die Römer in Hessen. 1989, S. 84–156, hier S. 98. und eine ständige hohe Nachfrage im Grenzland garantierten. Archäobotanische Untersuchungen haben alleine für den Limesbogen in der Wetterau einen jährlichen Bedarf von 3034 t Getreide (ohne Saatgutproduktion) und 10371 t Heu errechnet.Angela Kreuz: Landwirtschaft und ihre ökologischen Grundlagen in den Jahrhunderten um Christi Geburt. Zum Stand der naturwissenschaftlichen Untersuchungen in Hessen. In: Berichte der Kommission für Archäologische Landesforschung in Hessen. Band 3, 1994/1995, , S. 79–81.
Niedergang im 3. Jahrhundert miniatur|Münzschatz aus Ober-Florstadt (1136 Denare) Erste Schwierigkeiten scheinen das Gebiet gegen Ende des 2. Jahrhunderts betroffen zu haben, möglicherweise in Verbindung mit den Markomannenkriegen. In einigen römischen Villen sind Zerstörungsspuren aus der Zeit zwischen 160 und 180 nachweisbar, ebenso im Hauptort Nida. In der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts wurde die Limesstrecke im Taunus durch die Numeruskastelle Holzhausen, Kleiner Feldberg und Kapersburg verstärkt.
Die Alamanneneinfälle in der zweiten Hälfte des dritten Jahrhunderts beendeten die römische Präsenz und auch die Existenz der Civitas Taunensium. Entscheidend für den Niedergang des Grenzlandes dürfte gewesen sein, dass der Limes gegen die zahlreichen Vorstöße der Germanen keinen genügenden Schutz mehr bot. Die zuvor errichtete Stadtmauer von Nida zeugt von einem Behauptungswillen der Bevölkerung. Noch im Jahr 250 ließ die Civitas den Friedberger Leugenstein. aufstellen, eines der spätesten Steindenkmäler aus dem Hinterland des Limes. Er belegt, dass die Verwaltung noch teilweise funktionierte und den Unterhalt der Straßen sicherte. Der Dativius-Victor-Bogen in Mainz wird ebenfalls als Zeugnis dieser schwierigen Zeit angesehen, da er möglicherweise auf die Flucht von Civitas-Bewohnern in das sichere Mainz hinweist.
Die Steindenkmäler werfen jeweils nur ein Schlaglicht auf das Schicksal der Bewohner während der Aufgabe der Gebiete durch die Römer um 260 im Rahmen der Reichskrise des 3. Jahrhunderts. Das Bild wird ergänzt durch Münzschätze und Niederlegung von Steindenkmälern in Brunnen, unter anderem aus Nida-Heddernheim liegen Skelettfunde vor. Spätrömische Münzfunde belegen, dass nach dem Abzug der Römer weiterhin Handel mit dem Imperium stattfand. Unklar ist, ob es sich dabei um römische Restbevölkerung oder Germanen handelt.Karlhorst Stribrny: Römer rechts des Rheins nach 260 n. Chr. Kartierung, Strukturanalyse und Synopse spätrömischer Münzreihen zwischen Koblenz und Regensburg. In: Bericht der Römisch-Germanischen Kommission. Band 70, 1989, S. 351–505. Die germanischen Siedler haben in den meisten Fällen die römischen Ruinen gemieden. Siedlungskontinuität wird dennoch an wenigen Plätzen, etwa dem Domhügel in Frankfurt oder im Falle der Friedberger Altstadt und der dortigen Reichsburg, die auf dem Areal des Römerkastells erbaut wurde, aufgrund topographischer Gegebenheiten vermutet. Der Nachweis ist jedoch im Einzelnen aufgrund der Fundsituation strittig.Zur spätantiken Besiedlung siehe ausführlich: Bernd Steidl: Die Wetterau vom 3. bis 5. Jahrhundert n. Chr. (= Materialien zur Vor- und Frühgeschichte von Hessen. Band 22). Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Wiesbaden 2000, ISBN 3-89822-422-8 (zugleich Dissertation, Universität Freiburg (Breisgau) 1994).
Besiedlung Siedlungsstruktur