Die Familie Selicke ist ein Drama von Arno Holz und Johannes Schlaf, das am 7. April 1890 an der Freien Bühne in Berlin uraufgeführt wurde. Im naturalistischen Stil zeigt das Stück ein Familiendesaster im kleinbürgerlich-proletarischen Milieu Berlins.
Inhaltsangabe Handlungsüberblick (1) Das Drama zeigt eine zerrüttete Familie Ende des 19. Jhs. in Berlin. Eduard und seine Frau haben sich nach dreißigjähriger Ehe entfremdet. Die vier Kinder, Toni (22 Jahre alt), Albert (18), Walter (12) und Linchen (8), leiden unter dem ständigen Streit der Eltern und dem Zorn des häufig betrunkenen und gewalttätigen Vaters. Die Handlung spielt am Weihnachtsabend im Wohnzimmer der Familie. Nach einem erneuten Streit und dem Tod Linchens nach einer schweren Lungenkrankheit zieht sich Eduard von der Familie zurück. Seine Frau verfällt in Selbstmitleid und wünscht sich den Tod. Die älteste Tochter Toni gibt ihre Liebe zu dem jungen Pastor Gustav Wendt, der als Untermieter bei der Familie wohnt, und ihre Chance, als seine Frau ein neues Leben zu beginnen, auf. Sie kann es mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren, ihre Familie zu verlassen und die Mutter mit ihren Aufgaben allein zu lassen. Wendt erkennt ihren Hang zur Selbstaufopferung und ist beeindruckt von ihrer starken Persönlichkeit. Er will auf sie warten und zurückkehren.
Handlungsüberblick (2) "Die Zuschauer erleben die Weihnachtsnacht der Buchhaltersfamilie Selicke, die deren Elend enthüllt: der Vater kommt angetrunken und wie immer voller Haß auf seine Frau erst nach 2 Uhr morgens nach Hause; die Frau jammert nur über die kaputte Ehe und ihre Lage und wünscht sich den Tod; die erwachsene Tochter lehnt, weil sie die Familie nicht zu verlassen wagt, den Heiratsantrag des gerade Landpfarrer gewordenen Untermieters ab, der seinen Glauben verloren hat; die schwerkranke kleine Tochter stirbt im Lauf der Nacht; der Quacksalber, der sie nicht retten kann, ist eine sozial engagierte, aber verpfuschte Existenz; die beiden Söhne leben in ständiger Angst vor dem Vater. Der Tod des Kindes, der einen kathartischen Effekt haben könnte, bewirkt nichts in den Menschen."Christian Grawe: Une saison en enfer. Die erste Saison der Freien Bühne und Fontanes Kritiken., in Ders.: "Der Zauber steckt immer im Detail". Studien zu Theodor Fontane und seinem Werk 1976–2002. University of Otago, Dunedin, New Zealand 2002, S. 172–189, hier S. 180f. PDF (3. Seite oben); diese Beschreibung stammt möglicherweise von Theodor Fontane, aber nicht aus der Rezension in der Vossischen Zeitung vom 8. April 1890
Erster Aufzug Frau Selicke sitzt strickend vor Linchens Krankenbett, das in dem „sehr bescheiden eingerichteten“Arno Holz, Johannes Schlaf: Die Familie Selicke, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-15-008987-3, S. 5, Z. 3 Wohnzimmer der Familie steht. Ihre beiden Söhne Walter und Albert machen sich auf den Weg, um ihren Vater von dessen Arbeitsstelle in einem Kontor abzuholen, damit er nicht wieder erst im Morgengrauen betrunken nach Hause kommt. Der alte Kopelke, ein Silhouettenschneider, der als Heilpraktiker anstelle des für die Familie zu teuren Arztes sich um das lungenkranke Mädchen kümmert, betritt die Wohnung und erkundigt sich nach Linchens Gesundheitszustand. Er versucht Frau Selicke zu beruhigen, die sich große Sorgen um ihre jüngste Tochter macht, doch deutet er dem hinzutretenden jungen Theologen Gustav Wendt die schlechten Genesungsaussichten an. Der Untermieter teilt den Anwesenden mit, dass er die Zusage für die Stelle als Landpastor bekommen hat und die Familie schon am nächsten Tag verlassen wird. Er möchte diese Nachricht Toni mitteilen. Diese kommt kurz darauf mit Kleidern für ihre Heimarbeit nach Hause und fragt sogleich ihre Mutter nach Linchen. Das anschließende Gespräch zwischen Mutter und Tochter konzentriert sich auf die Familiensituation und den Streit der Eltern. Frau Selicke klagt über ihren schlechten Ehemann, vergleicht ihre Lage mit der besseren der Nachbarschaft und verfällt in Selbstmitleid. Toni versucht ihre Mutter zu besänftigen, nimmt aber ihren Vater in Schutz: Die Eltern seien beide schuld. Allerdings lässt sich Frau Selicke davon nicht beeinflussen und hält an ihrer Meinung über ihren Ehemann fest. Wendt kommt wieder zu der allein im Wohnzimmer zurückgebliebenen Toni und bittet sie, ihn zu heiraten, sich aus der qualvollen Familiensituation zu befreien und mit ihm auf das Land zu ziehen. Zunächst lehnt Toni den Antrag ab und möchte die Familie nicht verlassen. Vor allem denkt sie an Linchens Krankheit. Wendt überzeugt sie jedoch mit den Argumenten, ihre Eltern seien erleichtert, wenn sie ihre Tochter versorgt wüssten, sie könnten die Familie finanziell unterstützen und Linchen zu sich holen. Darauf gesteht sie ihm ihre Gefühle für ihn und stimmt seinem Vorschlag zu. Sie küssen sich am Ende des ersten Aufzuges und wollen gemeinsam in eine neue Zukunft gehen.
Zweiter Aufzug Mittlerweile ist es halb zwei Uhr nachts. Die Söhne haben den Vater im Kontor nicht gefunden und alle sitzen im Wohnzimmer und warten ängstlich auf seine Rückkehr. Albert und Walter legen sich schließlich schlafen. Linchen wacht auf und fragt nach ihrem Vater, auch sie fürchtet neuen Streit, hofft aber, dass der Vater einen Weihnachtsbaum und Geschenke für sie mitbringt. Sie blüht bei diesem Gedanken auf, spricht viel von ihrer Hoffnung, gesund zu werden, und will sofort aufstehen. Durch das Erzählen erschöpft, schläft sie nach einem schweren Hustenanfall wieder ein. Toni versucht ihre Mutter zu beruhigen, die befürchtet, dass Linchen bald sterben wird. Als sie Eduards Ankunft auf der Hintertreppe hören, versteckt sich dessen Frau auf Tonis Rat hin. Selicke ist schwer betrunken, aber zuerst gut gelaunt. Mit Weihnachtsbaum und Geschenken betritt er das Zimmer. Er weckt die Söhne auf und schenkt ihnen Pfannkuchen und beugt sich liebevoll über Linchens Bett. Dann bemerkt er die Abwesenheit seiner Frau, wird zornig, beklagt sich über seine wehleidige Frau, äfft ihr nach, spottet über Tonis Mahnungen, geht mit den Worten „du bist ja ein - reizendes Wesen“ auf sie zu, dreht sich dann um, schimpft über seine Frau und schläft schließlich am Tisch ein. Linchen ruft nach ihrer Mutter. Als sie ans Bett kommt, stirbt ihre Tochter. Toni stürzt schluchzend zu ihrem schlafenden Vater, weckt ihn auf und berichtet ihm von Linchens Tod, worauf er, von Toni umarmt, zusammenbricht.
Dritter Aufzug Der Morgen bricht an und die gesamte Familie ist im Wohnzimmer um Linchens Bett versammelt, allerdings sitzt oder steht jeder für sich selbst. Frau Selicke bemüht sich um ein Gespräch mit ihrem Mann, sie verspricht ihm, sich mehr Mühe zu geben, und hofft, dass jetzt alles besser wird.Arno Holz, Johannes Schlaf: Die Familie Selicke, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-15-008987-3, S. 53, Z. 10–12 Doch Eduard reagiert nicht darauf, nimmt Abschied von seiner Tochter und verlässt das Wohnzimmer. Frau Selicke verfällt wieder in Selbstmitleid und wünscht sich den Tod, um endlich ihrer in ihren Augen elenden Familiensituation zu entkommen. Toni versucht, sie und ihre Brüder zu stützen. Sie erklärt anschließend Gustav Wendt, dass sie ihre Familie nicht verlassen und nicht seine Frau werden kann, denn sie hat keine Hoffnung auf einer Besserung der Situation. Alle würden nach der Trauer um Linchen wieder zu ihrem alten Verhalten zurückkehren. Wendt redet auf sie ein, jetzt keine Entscheidung zu treffen, aber er ist von ihrer starken Persönlichkeit beeindruckt. Auch er brauche sie in seiner Glaubensschwäche, um als Pfarrer sein Amt ausüben zu können. Er macht den Vorschlag, bei ihr in Berlin zu bleiben und eine andere Anstellung zu suchen. Doch sie redet ihm zu, er müsse, auch um seine Eltern nicht zu enttäuschen, sein Amt antreten. Vielleicht gäbe es irgendwann später eine neue Möglichkeit für sie beide. Der alte Kopelke, der mit einem Geschenk für Linchen die Wohnung betritt, hilft Wendt mit seinem Rat bei seiner Entscheidung. In seiner zweijährigen Zeit bei den Selickes habe er das Elend der Menschen kennengelernt und damit das Rüstzeug zu einem guten Pfarrer erworben. Es komme nicht auf den schwarzen Rock, sondern auf das Herz an. Das überzeugt Wendt. Er will sich an Tonis Entsagung ein Beispiel nehmen, aber er verspricht ihr mit den letzten Worten des Dramas: „Ich komme wieder!…“
Beziehungen der Personen untereinander
alternativtext=Linchen stirbt am Ende des 2. Akts, nicht am Ende des Stücks.
Charakterisierung der Personen
Eduard Selicke Eduard Selicke übt seinen Beruf des Buchhalters aus und ist das Familienoberhaupt der Selickes. Zusammen mit seiner Frau hat er vier Kinder: Toni, Albert, Walter und Linchen.
Charakterisierung durch Frau Selicke Eduard Selicke wird von seiner Frau als unzuverlässiger Mann beschrieben, auf den man sich ja nie verlassen könneArno Holz, Johannes Schlaf: Die Familie Selicke, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-15-008987-3, S. 21, Z. 14 und der einem ja nie die Wahrheit sageArno Holz, Johannes Schlaf: Die Familie Selicke, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-15-008987-3, S. 21, Z. 14–15. Andre Männer teilen ihren Frauen alles mit und beraten sich, wie’s am besten geht,Arno Holz, Johannes Schlaf: Die Familie Selicke, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-15-008987-3, S. 21, Z. 16–17 aber Eduard Selicke nicht. Stattdessen weiß er alles besserArno Holz, Johannes Schlaf: Die Familie Selicke, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-15-008987-3, S. 21, Z. 17–18 und lässt seine Frau, geschweige denn seine Kinder, nicht an seinen Entscheidungen teilhaben.
Alkoholismus Er kommt angetrunken nach Hause, taumelt aber nur sehr wenig und spricht alles deutlich, nur etwas langsam und schwerfälligArno Holz, Johannes Schlaf: Die Familie Selicke, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-15-008987-3, S. 44, Z. 10–12 aus. Das in der traditionellen Literatur totgeschwiegene gesellschaftliche Problem des Alkoholismus wird von den Autoren des Naturalismus häufig thematisiert, beispielsweise in Gerhart Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang“. Im Unterschied zu anderen naturalistischen Dramen steht Selickes Alkoholkonsum nicht jedoch nicht mit der finanziellen Situation im Zusammenhang, weder mit der Wohlstandstrinkerei in Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang“ noch mit der Armutstrinkerei. Zwar gibt es genügend Hinweise in dem Drama auf die schlechte wirtschaftliche Lage der Familie, wie die Aussage Frau Selickes, was nicht alles von den paar Groschen, die ihr Mann nach Hause bringt, alles bezahlt werden soll,Arno Holz, Johannes Schlaf: Die Familie Selicke, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-15-008987-3, S. 21, Z. 11 wie gut sie es hätten haben können in ihrem StandArno Holz, Johannes Schlaf: Die Familie Selicke, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-15-008987-3, S. 41, Z. 39–40 und dass sie über beide Ohren in Schulden stecken und man nichts anschaffen könne.Arno Holz, Johannes Schlaf: Die Familie Selicke, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-15-008987-3, S. 42, Z. 22–23 Vielmehr scheint Selickes Alkoholkonsum auf die schlechten Familienbeziehungen zurückzuführen zu sein. Für seine Frau ist er so gut wie totArno Holz, Johannes Schlaf: Die Familie Selicke, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-15-008987-3, S. 41, Z. 35 und auch seine Kinder haben Angst vor ihm, was sich an Walters Verhalten zeigt, der seinem Vater nach dessen Heimkehr nur halb ängstlichArno Holz, Johannes Schlaf: Die Familie Selicke, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-15-008987-3, S. 44, Z. 39 aus seiner Kammer zu antworten vermag. Selickes daraus resultierender Unmut spiegelt sich in seinen Stimmungs- und Gefühlsschwankungen wider.
Heimkehr im zweiten Aufzug