Die Alenia Aermacchi SF-260 (bis Januar 1997: SIAI-Marchetti SF.260)Jane’s All The World’s Aircraft 2003–2004, S. 276 ist ein italienisches einmotoriges Leichtflugzeug, das als Kunstflugmaschine und militärisches Trainingsflugzeug verwendet wird. Es wurde von Stelio Frati ursprünglich für Aviamilano entworfen.

Geschichte In den frühen 1960er Jahren begann der italienische Flugzeugkonstrukteur Stelio Frati mit der Arbeit an einem neuen dreisitzigen Entwurf für ein kunstflugtaugliches Sport- und Reiseflugzeug.Moll Oktober 1984, S. 66, 73. Zusätzlich sollte es neben Kunstflugfähigkeiten auch Flugeigenschaften besitzen, die den damaligen Kampfflugzeugen ähnelten, um als Trainer für Militärpiloten eingesetzt werden zu können. Das Konzept stützte sich stark auf Fratis frühere Projekte, darunter den strahlgetriebenen Caproni Trento F-5-Trainerprototyp und das zweisitzige Kunstflugzeug Aviamilano Falco. Mit letzterem teilt sich die S.260 das Flügelprofil und Teile des Strukturdesigns.Moll Oktober 1984, S. 73. Das geplante Flugzeug, das ursprünglich aufgrund der Leistung seines Triebwerks als F.250 bezeichnet wurde, war Fratis erstes Ganzmetallflugzeug.

Der Erstflug erfolgte durch Aviamilano am 15. Juli 1964. Im Anschluss kaufte SIAI-Marchetti die Konstruktionsunterlagen und startete die Serienproduktion unter eigener Firmierung. Schon bald nach Produktionsbeginn erfreute sich die SF.260 bei Militärkunden großer Nachfrage, da sie flexibel sowohl als Militärtrainer, oder, mit Außenlastanschlüssen, als leichtes Bodenangriffsflugzeug verwendet werden konnte. Dies führte dazu, dass zwischen 1964 und 1984 die Mehrzahl der Kunden die Luftwaffen verschiedener Länder waren und wegen der diesbezüglichen Auslastung der Produktion nur wenige Privatpiloten die Gelegenheit hatten, das Flugzeug zu erwerben. 1997 wurde SIAI-Marchetti durch Aermacchi und 2017 durch Leonardo übernommen, welche die Produktion weiterführten. In den USA wurde das Flugzeug unter dem Namen Waco Meteor vertrieben, hatte aber nichts mit der Firma Waco zu tun. Die SF-260 wird bis heute als Militärtrainer, als Basis-Trainer für den Instrumentenflug sowie für die Kunstflugschulung eingesetzt. In den USA ist sie zudem ein beliebter Air-Combat-Fighter.

Konstruktion mini|Cockpit einer SF.260 Die SF.260 wurde als freitragender Tiefdecker mit einziehbarem Bugradfahrwerk entwickelt. Das Flugzeug gilt wegen der sportlich schlanken und harmonischen Linien als ästhetisch sehr gelungen, dennoch ist es von seinen Eigenschaften her funktionell und weist ein Jet-ähnliches Handling auf. Die Konstruktion wurde im Hinblick auf die militärischen Nutzung als robust und qualitativ hochwertig ausgelegt. An den Außenflächen wurden zur Reduktion des Luftwiderstandes zumeist Senknieten verwendet.Moll Oktober 1984, S. 68–69. Die SF.260 verfügt über eine kompakte Struktur, auch die Schwerpunkt- und Gewichtsverteilung ist ähnlich wie die eines Jets. Die Maschine ist uneingeschränkt kunstflugtauglich und bis zu einem Lastvielfachen von 6g bzw. −4g zugelassen. Im Vergleich zu üblichen einmotorigen Flugzeugen mit Kolbenmotor verfügt die SF.260 über ein überdurchschnittliches Leistungsgewicht. Wegen der geringen Flügelfläche ist die Flächenbelastung vergleichsweise hoch.

Die ursprünglichen Varianten der SF.260 wurden durch einen Lycoming O-540 mit angetrieben. Die Standardmodelle verfügen über einen herkömmlichen Vergaser, während spätere Modelle mit einem Einspritzer ausgestattet sind.Moll Oktober 1984, S. 68–69. Die Motorisierung ermöglicht der SF.260 ausgezeichnete Flugleistungen mit hoher Steigrate und Endgeschwindigkeit, gilt aber trotz des starken Motors und des großen Propellerdurchmessers als relativ unempfindlich gegen gyroskopische Effekte. In einem 1986 erschienenen Artikel im Flying-Magazin wurde die SF.260 als „schnellstes in Produktion befindliche einmotoriges Kolbenmotorfugzeug auf dem Markt“ beschrieben."The Great Race" Flying Magazine May 1986, p. 53. Die SF-260 hält (Stand: März 2020) nach wie vor die Geschwindigkeitsrekorde über 100 Kilometer und über einen 1000-Kilometer-Rundkurs in ihrer Klasse.

Die SF.260 bietet Platz für einen Piloten und bis zu zwei Passagiere (oder einen Piloten und einen Schüler in den Trainerversionen), denen das großzügig verglaste Cockpit gute Sichtverhältnisse bietet. Der Pilot sitzt, anders als bei den meisten Flugzeugen, im Regelfall auf der rechten Cockpitseite, da Militärpiloten dazu ausgebildet werden, mit der rechten Hand den Steuerknüppel und mit der linken Hand den im Jet links befindlichen Quadranten für die Motorsteuerung zu bedienen.Moll Oktober 1984, S. 68, 70.

Als voll kunstflugtaugliches Flugzeug verfügt die SF.260 über eine präzise und schnell ansprechende Steuerung um alle drei Achsen. Das Handling gilt als angenehm und ausgewogen, insbesondere wird das Verhalten beim Strömungsabriss als gutmütig beschrieben. Letzteres wird durch kleine an der Innenseite der Tiptanks angebrachte Leitflügel erzielt, die den Luftstrom über den Tragflügelenden beschleunigen und so umleiten, dass auch beim Strömungsabriss die Steuerbarkeit über die Querruder gewährleistet ist.Moll Oktober 1984, S. 70–72. Eine relativ geringe Maximalgeschwindigkeit für die Bedienung des Fahrwerks gilt als einziger größerer Kritikpunkt des Musters.Moll Oktober 1984, S. 72. Die SF.260 verfügt über Platz für bis zu drei Personen und hat vollgetankt eine Flugdauer von bis zu vier Stunden. Zur sicheren Durchführung von Kunstflug darf die SF.260 maximal mit zwei Personen besetzt sein, ebenso dürfen dann die Tiptanks nur geringe Mengen an AvGas enthalten, was die Flugdauer bei Kunstflug auf 1,5 Stunden limitiert.Moll Oktober 1984, S. 70.

Varianten mini|hochkant=1.5|SIAI Marchetti SF.260A im Original (Baujahr 1967) und als Flugmodell Das erste Modell, die SF.260A ging 1967 in Produktion und wurde bald durch die SF.260B mit lediglich geringfügigen Änderungen ersetzt. Die militärische Variante SF.260W Warrior hatte ihren Erstflug im Mai 1972.Airdata File. In: AIR Enthusiast September 1972, S. 157.

1977 löste eine verbesserte Variante, bezeichnet als SF.260C, die vorhergehenden Produktionsvarianten ab.Moll Oktober 1984, S. 68. Dieses Modell verfügt über zahlreiche Verbesserungen, darunter neu gestaltete Tabs an den Querrudern, einen verstärkten Flügel, ein neues Tragflächenprofil für ein verbessertes Handling bei niedrigen Geschwindigkeiten sowie vergrößerte Seiten- und Höhenruder. Die SF.260C wurde insbesondere entwickelt, um durch eine stabilere Konstruktionsausführung die militärischen Anforderungen und Spezifikationen besser erfüllen zu können. Der nunmehr einzige strukturelle Unterschied zwischen der zivilen SF.260C und ihrer bewaffneten Variante, der SF.260W Warrior, ist die Montage von Außenlaststationen zum Anbringen von Zusatzausrüstung bzw. Bewaffnung.

1980 erfolgte der Erstflug der SF.260TP Turboprop, die von einer Allison 250-B17D mit einer Leistung von 350 PS angetrieben wird.Moll April 1988, S. 57. Diese Variante wurde speziell für den Markt für militärische Trainer entwickelt. Im August 1986 wurde die SF.260TP nach den FAR-Part-23-Anforderungen der Federal Aviation Administration (FAA) zugelassen und kann somit auch von zivilen Piloten erworben und genutzt werden.

1985 erschien die SF.260D, die serienmäßig mit Einspritzmotor und statt des manuellen mit einem automatisierten Tanksystem ausgestattet wurde.

Im Jahr 2005 wurde der italienischen Luftwaffe eine Charge von 30 SF.260EA im Auftragswert von 33 Mio. EUR geliefert. Das Modell SF.260EA wurde entwickelt, um die Anforderungen der italienischen Luftwaffe an moderne Flugzeuge mit Kolbenmotor zu erfüllen, und wird seitdem für die Pilotenauswahl und die anschließende Basisschulung der Militärpiloten verwendet.

Aviamilano F.250 – erster Prototyp 187 kW (250 PS) Lycoming O-540-AID F.260 – zweiter Prototyp 194 kW (260 PS) Lycoming O-540-E4A5

SIAI Marchetti SF.260: Produktionsversion der F.260 SF.260M: militärische Version mit verbesserter Aerodynamik SF.260W Warrior: militärische Version mit Bewaffnung SF-260B: Zivilversion der SF-260M (1974) SF-260C: Zivilversion der SF-260B (1977) SF-260TP: Turboprop-Version der SF-260C mit Allison 250-B17D (1980) SF-260D: SF-260C mit Verbesserungen (1985) SF-260E: erweiterte SF-260D für USAF-Ausschreibung und andere Luftwaffen SF-260F: SF-260E mit Kraftstoffdirekteinspritzung

Alenia Aermacchi SF-260EA: aktuelle Version mit Lycoming AEIO-540 SF-260TD: aktuelle Version mit Rolls-Royce Model 250 Turboprop (350 PS)

Nutzer mini|Ehemals zur libyschen Luftwaffe gehörende SF-260WL. Nach erfolgter Demilitarisierung wird dieses Flugzeug heute in Deutschland privat betrieben

Zivilversion Mehr als 870 SF-260 wurden produziert, davon etwa 180 zivile Versionen. Die meisten zivilen Flugzeuge haben Privatbesitzer, einige dienen bei der belgischen Luftgesellschaft Sabena als Trainingsflugzeuge. Ebenso wurden in jüngerer Zeit einige SF.260W aus Militärbeständen demilitarisiert und zivil zugelassen.

Militärische Nutzer Burkina Faso Die Escadrille de Chasse (EdC – Fighting Squadron) in der Force Aérienne de Burkina Faso (FABF – Burkina Faso Air Force) betreibt SF.260 mit den Kennzeichen BF-8421 (s/n 049), BF-8424 (s/n 254), BF-8431 (s/n 116), BF-8451 (s/n 206), BF-8477 (s/n 134) und BF-8479 (s/n 136); diese Warrior-Varianten wurden 1986 über die Philippinen via Belgien bezogen, und wurden durch vier weitere Neuflugzeuge, die direkt aus Italien geliefert wurden, ergänzt. Bereits im gleichen Jahr kamen diese Flugzeuge im Krieg um den Agacher Streifen gegen Mali zum Einsatz.

Libyen Libyen ist einer der größten Betreiber der SF.260 mit insgesamt ca. 240 Einheiten, deren Endmontage teilweise in einer Fabrik nahe Tripolis durchgeführt wurde. Wie viele SF.260WL insgesamt in Libyen im Einsatz sind, ist nicht genau gesichert. Die Auslieferungen begannen 1977 oder 1978, allerdings gab es wegen eines US-Embargos Probleme, die für Libyen gedachten Maschinen mit der vorgesehenen Avionik US-amerikanischer Hersteller auszustatten. Als Ersatz wurde auf französische Instrumente zurückgegriffen, was allerdings zu gewissen Lieferverzögerungen führte.

mini|Drei libysche SF.260WL im Formationsflug, 2009 Es war ursprünglich beabsichtigt, die SF.260WL bei der libyschen Air Force Academy nur für das Pilotentraining einzusetzen, allerdings wurden die Maschinen auch zur Erdkampfunterstützung der Bodentruppen bei Grenzkonflikten mit dem Tschad eingesetzt. Die libysche Regierung unterstützte befreundete Staaten mit Waffen, und so wurden einige SF.260WL an die Luftwaffen von Burkina Faso, Burundi, Nicaragua, Uganda und möglicherweise auch andere Staaten abgegeben.

In den Jahren 2007 und 2008 führte Alenia Aermacchi gemeinsam mit der in Tripolis beheimateten Libyan-Italian Advanced Technology bei 12 libyschen SF.260WL eine komplette Grundüberholung durch, die alle Systeme inklusive Zellen, Motoren und Propeller betraf.

Im Bürgerkrieg in Libyen 2011 waren am 7. Mai 2011 mehrere SF.260WL an der erfolgreichen Bombardierung von Treibstoffdepots im von den Rebellen gehaltenen Misrata beteiligt. Der NATO gelang es nicht, die angreifenden Flugzeuge abzufangen, obwohl diese sich in der zwei Monate zuvor eingerichteten Flugverbotszone befanden.

Derzeit (Stand 2013) sind SF.260WL nach wie vor bei der neuen libyschen Luftwaffe aktiv und werden für Patrouillenflüge sowie bei Angriffen gegen Schmuggler im südlichen Grenzgebiet eingesetzt.

Philippinen mini|Eine SF.260 der Philippine Air Force im Static Display In den frühen 1970er-Jahren wurden 48 SF.260s (32 SF.260M; 16 SF.260W) für die Philippine Air Force bestellt. Die ersten sechs kamen im Mai 1973 beim 100th Training Wing an der Fernando Air Base zur Auslieferung und ersetzten die dort stationierten Beech T-34A Mentor.