Der Meerrettich (bundesdeutsches und Schweizer Hochdeutsch) bzw. Kren (in bairischen Sprachgebieten wie Bayern und Österreich), botanisch Armoracia rusticana, ist eine Pflanzenart aus der Gattung Armoracia innerhalb der Familie der Kreuzblütengewächse (Brassicaceae). Die Wurzel der Meerrettichpflanze wird als Gemüse, Gewürz oder in der Heilkunde verwendet. Mit den Rettichen der Gattung Raphanus, ebenfalls Kreuzblütler, ist er nur entfernt verwandt.

Beschreibung mini|Oberirdische Pflanzenteile: Habitus, Laubblätter und Blütenstände mini|Blüte und Blatt mini|Der Gewöhnliche Meerrettich kann stattliche Ausmaße erreichen

Vegetative Merkmale Der Meerrettich wächst als ausdauernde krautige Pflanze und erreicht Wuchshöhen von 50 bis 120 Zentimetern, gelegentlich auch bis 2 Metern. Diese winterharte Pflanze hält Temperaturen bis −50 °C aus. Als Überdauerungsorgan wird eine senkrechte, walzenförmige Pfahlwurzel gebildet, die eine Länge von 30 bis 40 Zentimetern und einen Durchmesser von 4 bis 6 Zentimetern erreicht. Unter guten Bedingungen mit leicht durchwurzelbarem Boden (Moor, Sand) wird die Pfahlwurzel bis zu 60 Zentimeter lang. Zum Stängel hin ist die Wurzel vielköpfig und am Wurzelende ästig mit vielen Seitenwurzeln und Wurzelfasern. Die unregelmäßig gerillte Wurzel ist außen schmutzig gelb-braun, aber das Innere ist weiß und etwas faserig.

Alle Pflanzenteile sind unbehaart. Die grundständigen und am Stängel verteilten Laubblätter sind in Blattstiel und Blattspreite gegliedert. Der immer an seiner Basis deutlich verbreiterte Blattstiel kann bei den Grundblättern bis zu 60 Zentimeter lang sein, dagegen ist er bei den obersten Blättern sehr kurz. Die meist einfache, selten fiederteilige Blattspreite ist bei den Grundblättern oval-lanzettlich bis bei den oberen Stängelblättern lineal-lanzettlich. Die Blattspreite ist meist 20 bis 45 (10 bis 60) Zentimeter lang und 5 bis 12 (3 bis 17) Zentimeter breit. Der Blattrand ist bei den Grundblättern stark gekerbt und etwas gewellt oder kraus bis bei den unteren Stängelblättern ganz grob gekerbt und bei den oberen Stängelblättern fast glatt. Die Blattflächen besitzen stark hervorstehende Blattader|Blattnerven. Die Blätter am Stängel sind unten kurz geteilt, häufig fiederspaltig und ganzrandig.

Generative Merkmale Im Frühjahr beginnen sich die Blütenstände zu bilden; die Blütezeit reicht von Mitte Mai bis Juli. Die runden Blütenstandschäfte erreichen Wuchshöhen von bis zu 1,20 Metern. Der traubige Blütenstand besitzt Durchmesser von bis zu 40 Zentimetern. Es sind keine Hochblätter vorhanden.

Die Blüten duften stark. Die zwittrigen Blüten sind vierzählig mit doppelter Blütenhülle (Perianth). Die vier Kelchblätter sind bei einer Länge von 2 bis 4 Millimetern länglich mit stumpfem oberen Ende. Die vier weißen Kronblätter sind mit einer Länge von meist 5 bis 7, bis zu 8 Millimetern bis zu doppelt so lang wie die Kelchblätter und bis zu 1,5 Millimeter lang genagelt. Zwischen den Staubfäden befinden sich sechs Drüsen, zwei seitlich am Grund der kurzen und je eine zwischen den langen Staubfäden und dem Kelch. Es sind sechs Staubblätter vorhanden mit 1 bis 2,5 Millimeter langen Staubfäden und 0,5 bis 0,8 Millimeter langen Staubbeuteln. Der Griffel ist nicht wahrnehmbar oder bis zu 0,5 Millimeter lang. Die Narbe ist halbkugelig mit einer Furche oben.

Die Blüten-/Fruchtstiele wachsen bis zur Fruchtreife zu einer Länge von 8 bis 20 Millimetern. Die Schoten bilden sich nicht immer vollständig aus. Die Schote ist 4 bis 6 Millimeter lang. In jedem Schotenfach befinden sich keine oder vier bis selten sechs Samen. Die zusammengedrückt wirkenden Samen sind oval, braun und fast glatt.

Chromosomenzahl Die Chromosomenzahl beträgt 2n = 32.

Systematik Diese Art wurde 1753 unter dem Namen Cochlearia armoracia von Carl von Linné in Species Plantarum, Tomus II, S. 648 erstveröffentlicht. 1800 stellten Gottfried Gaertner, Bernhard Meyer und Johannes Scherbius in Oekonomisch-Technische Flora der Wetterau die neue Gattung Armoracia auf und ersetzten den bisherigen Namen durch den heute gültigen Namen Armoracia rusticana. Verschiedene Autoren stellten diese Art in unterschiedliche Gattungen. Es gibt eine Reihe weiterer Synonymen für Armoracia rusticana : Armoracia rusticana , Cochlearia rusticana , Cochlearia variifolia , Raphanis magna , Armoracia lapathifolia , Armoracia sativa , Nasturtium armoracia () , Rorippa armoracia () , Rorippa rusticana ( et al.) .

Namenskunde mini|Abgefüllter geriebener Horseradish, Silver Spring Foods, USA

Meerrettich Zur Herkunft des Wortes Meerrettich (von mittelhochdeutsch merretichVgl. etwa Bernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben. Niemeyer, Tübingen 2003 (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50), ISBN 3-484-36050-X, S. 393 (merretich) und 395 (raphanus: Meerrettich).) gab es unterschiedliche Auffassungen. Der Pflanzenname lässt sich in seiner althochdeutschen FormGerhard Köbler: Taschenwörterbuch des althochdeutschen Sprachschatzes (= UTB. Band 1823). Schöningh Verlag, 1994, S. 232: „meriratih, meriretih, merratih“. erstmals im 10. Jahrhundert als mēr-rātī̆h, später mẹrirātī̆h und mẹrerātī̆h, nachweisen.

Nach Heinrich Marzell bedeutet der Name „der über das Meer zu uns gekommene Rettich“. (Zu solcher Benennungsmotivation vgl. etwa auch „Meerzwiebel“, „Meerschweinchen“ und „Meerkatze“). Ein Hinweis auf diese Deutung sei auch die Tatsache, dass Meerrettich an Meeresküsten wachse. Die Meinung, dass Meerrettich aus Mährrettich (von Mähre = altes Pferd) entstanden sei (so bei Adelung) und so dem englischen horseradish bzw. dem französischen radis de cheval entspräche, hält bereits Marzell für eine oft vorkommende „gelehrte Volksetymologie“.

Der etymologische Duden gibt wie seine Quelle (Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache) die etablierte Ansicht wieder, dass die eigentliche Wortbedeutung lediglich einen „größeren Rettich“ (lateinisch raphanus maior) – im Gegensatz zum schon länger bekannten kleineren Rettich – bezeichnet und die unter anderem von Marzell vertretene Meinung eine spätere Umdeutung darstellt. Dazu ist zu bemerken, dass der Gebrauch von mehr im Sinne von „stärker“ oder „größer“ (lateinisch maior) seit dem Mittelhochdeutschen seltener geworden ist, weshalb nach anderen plausiblen Konstruktionen gesucht wurde.

Kren Das in Österreich und Bayern sowie im Schlesischen für Meerrettich seit dem 13. Jahrhundert (chrēn, krēn)Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbüch der deutschen Sprache. 1975, S. 403 f. verwendete Wort Kren ist ein Lehnwort aus dem slawischen SprachraumJ. C. Döll: Flora des Grossherzogthums Baden. Band 3. Verlag G. Braun’sche Hofbuchhandlung, Karlsruhe 1862, S. 1302–1303., zum Beispiel křen (älter chřĕn; eine Verkürzung des Wortes kořen = Wurzel), chren, хрен, hren.

Eine fränkische Variante wird entsprechend der Aussprache auch „Kree“ geschrieben.

Verbreitung Das Herkunftsgebiet des Meerrettichs ist wohl die Ukraine und das angrenzende europäische Russland. Sonst ist er fast auf der ganzen nördlichen Halbkugel ein Neophyt. Verwildert kommt Meerrettich am Rand feuchter Wiesen, an Bachläufen und Flussufern vor. In Deutschland sind die Zentren des Meerrettichanbaus der Spreewald, das badische Fautenbach,S. Bruder: Meerrettich fühlt sich seit vielen Jahren in Fautenbach zuhause. Baden Online – 29. Oktober 2008, abgerufen am 13. November 2008, Meerrettich fühlt sich seit vielen Jahren in Fautenbach zuhause. das badische Meerrettichdorf Urloffen (das ein eigenes Meerrettich-Lied aufzuweisen hat) sowie das fränkische Baiersdorf bei Erlangen, wo Meerrettich im großen Stil angebaut und verarbeitet wird, jedes Jahr im September der Krenmarkt stattfindetMartin Droschke: Bevor in Baiersdorf bei Erlangen ein seltener Schatz gehoben werden kann […]. In: Franken 2024. Franken-Wissen für das ganze Jahr. Emons Verlag, Köln 2023, ISBN 978-3-7408-1797-8, Blatt 15. September. und es bis 2020 ein Meerrettich-Museum gab. Im Raum Bamberg und Nürnberg ist der Anbau von Meerrettich bereits seit Karl dem Großen bekannt.L. Müllers et al.: Gemüsebau – Ein Hand- und Lehrbuch für die gärtnerische Praxis. Band 16: Der Meerrettich (Mährrettich, Pferderettich), Kren. H. Rillinger Verlagsgesellschaft, Nordhausen am Harz ca. 1937, S. 439. 1930 wurde der Meerrettich-Anbau im fränkischen Raum zwischen Nürnberg und Forchheim als der weltweit größte angesehen.F. Schultheiss: In: Die Ernährung der Pflanzen. 1. März 1931, S. 105. Damals wurde in den Niederlanden noch wenig Meerrettich angebaut.C. H. Claassen, J. G. Hazelloop: Leerboek voor de Groententeelt. Deel I: De Teelt in den vollen Grond. 8. Auflage. Uitgevers-Maatschappij W. E. J. Tjeenk Willink, Zwolle 1931, S. 308–310. Inzwischen wird er auch im Raum Hannover und Hamburg sowie im Raum Erfurt landwirtschaftlich nennenswert genutzt.

In Österreich liegen die traditionellen Anbaugebiete für Kren in den süd- west- und oststeirischen Bezirken Hartberg-Fürstenfeld, Deutschlandsberg, Voitsberg, Leibnitz, Weiz, Graz-Umgebung und Südoststeiermark. Jährlich werden in der Steiermark rund 4000 Tonnen Kren produziert. Die Anbaufläche beträgt rund 300 Hektar. „Steirischer Kren g.g.A.“ ist eine anerkannte Herkunftsbezeichnung mit Regionenschutz – Verordnung (EG) Nr. 510/2006 des Rates zum Schutz von geografischen Angaben und Ursprungsbezeichnungen für Agrarerzeugnisse und Lebensmittel. sowie im Register der Traditionellen Lebensmittel eingetragen.

Im französischen Elsass existieren heute etwa 20 ha, die von 15 Produzenten mit Meerrettich bebaut werden.C. Reibel: Le raifort, légume de niche. In: Fruit et Légume, 2006. In den USA wird Meerrettich hauptsächlich in den Staaten Missouri, Illinois, New York und New Jersey kommerziell angebaut.H. C. Thompson: Vegetable Crops, 4. Auflage, McGraw-Hill Book Company, New York, 1949, 348–349. Auch dort kommt er durch den Anbau verwildert vor. Südafrika kennt den Meerrettichanbau ebenfalls.

Herkunft und Geschichte Meerrettich war schon in der Antike bekannt. Das wird beispielsweise durch ein Wandgemälde in Pompeji belegt. Cato befasste sich in seinen Abhandlungen zum Ackerbau ausführlich mit dieser Pflanze. Ursprünglich stammt der Meerrettich aus Südosteuropa, in kultivierter Form wohl aus Moldawien. Von dort wurde er durch die slawischen Völker nach Mitteleuropa gebracht und verbreitet. Heute kommt er in Mitteleuropa verwildert vor. In Ostrussland und der Ukraine gibt es ihn noch in der Wildform.

In Deutschland soll der Meerrettich erst seit dem Mittelalter angebaut worden sein. Er soll zunächst als Heilpflanze und dann erst als Gewürz eingesetzt worden sein.J. Becker-Dillingen: Handbuch des gesamten Gemüsebaues, 1950, S. 398–405.

Einen der ersten Hinweise, dass der Meerrettich auch selbstständig verwildert vorkommt, findet man bei Leonhart Fuchs. Er schreibt in der deutschen Ausgabe seines Kräuterbuchs (1543, Cap. CCLVI, unter „Statt irer wachsung“): „Der Meerrhettich wechßt zu Zeiten von sich selbs on pflantzung in den wisen, als umb Tübingen würt sein vil auff der Pfaffenwisen genent gefunden. Er würt auch in den gärten gezilet, unnd der selbig ist ein wenig milter und besser, der wart und pflantzung halben“. In der lateinischen Ausgabe (1542: Seite 661) steht dort: „in pratis nonnumquam sua sponte copiose provenit, ut fit in prato ad oppidum Tubingam sito, sacrificorum vocato“. Als verwilderte Pflanze kommt der Meerrettich gern zusammen mit dem Guten Heinrich (Blitum bonus-henricus) und mit Brennnessel-Arten (Urtica) in Gesellschaften des Arction- oder Aegopodion-Verbands auf. In den Allgäuer Alpen steigt der Meerrettich als verwilderte Pflanze am Prinz-Luitpold-Haus in Bayern bis zu 1847 m Meereshöhe auf.