miniatur|hochkant=1.333|Carl Friedrich von Weizsäcker, 1983

Carl Friedrich Weizsäcker, ab 1916 Freiherr von Weizsäcker (* 28. Juni 1912 in Kiel; † 28. April 2007 in Söcking am Starnberger See), war ein deutscher Physiker, Philosoph und Friedensforscher.

Leben Familie Carl Friedrich Weizsäcker entstammt dem pfälzisch-württembergischen Geschlecht Weizsäcker. Seine Eltern waren Ernst von Weizsäcker (1882–1951) und Marianne von Graevenitz (1889–1983), Tochter des königlichen Generaladjutanten Friedrich von Graevenitz. Carl Friedrich hatte drei jüngere Geschwister, darunter den späteren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker. 1916 wurde Carl Friedrich Weizsäckers Großvater mit seiner ganzen Familie von König Wilhelm II. von Württemberg mit der Verleihung des erblichen Adels in den Freiherrnstand erhoben.Paul Sauer: Württembergs letzter König. Das Leben Wilhelms II. Stuttgart 1994, S. 271 Carl Friedrich Freiherr von Weizsäcker hat diesen Titel aber in der Öffentlichkeit nicht benutzt.

Am 30. März 1937 heiratete Weizsäcker die Schweizer Historikerin Gundalena Inez Eliza Ida WilleDNB-Eintrag (1908–2000), die Tochter des Oberstkorpskommandanten Ulrich Wille, die er 1934 bei ihrer Arbeit als Journalistin kennengelernt hatte. Gundalena Wille hatte bei Carl Jacob Burckhardt promoviert. abgerufen am 23. März 2017 Aus der Ehe gingen drei Söhne und eine Tochter hervor: Carl Christian (* 1938), Ernst Ulrich (* 1939), Elisabeth (* 1940) und Heinrich Wolfgang (* 1947). Weizsäcker hat zudem eine weitere Tochter, die Ärztin Dorothea Brenner, bei der er die letzten Jahre vor seinem Tode lebte.Welt am Sonntag (2009) Carl Friedrich von Weizsäcker gestorben. Veröffentlicht am 29. April 2007; online verfügbar; abgerufen am 4. Juni 2021Gemeinde Rott am Inn (2002) Carl Friedrich von Weizsäcker feiert seinen 90. Geburtstag. Mitteilungen aus dem Rathaus. Nr. 6/02; ; abgerufen am 4. Juni 2021

Schulzeit und Studium Weizsäcker wuchs ab 1915 in Stuttgart, ab 1922 in Basel und ab 1925 in Kopenhagen, wo sein Vater Gesandtschaftsrat war, auf und machte 1929 das Abitur am Bismarck-Gymnasium in Berlin-Wilmersdorf. 1927 lernte er zuerst als Jugendlicher Werner Heisenberg in Kopenhagen kennen. Weizsäcker, der sich schon als Jugendlicher für Astronomie und philosophische Fragen interessiert, wählte auf den Rat Heisenbergs hin Physik als Studienfach, um zunächst konkrete Forschung zu betreiben, bevor er sich den schwierigen Fragen der Philosophie widmete.Interview von Weizsäcker mit Schaaf von 1996, Physik in unserer Zeit 39. Jahrgang 2006, Heft 4, S. 2Rechenberg, Vom Atomkern zum kosmischen Wirbel, Physik Journal, Band 1, 2002, Nr. 6, S. 59 Von 1929 bis 1933 studierte er Physik, Astronomie und Mathematik in Berlin (Sommersemester 1929), Göttingen (Sommer 1931, u. a. Max Born) und Leipzig (Wintersemester 1929/30 bis Wintersemester 1930/31, Wintersemester 1931/32 bis Sommer 1933),Biographische Daten von Weizsäcker in: Lutz Castell, Otfried Ischebeck (Hrsg.), Time, Quantum and Information, Springer 2003, S. 433ff u. a. bei Werner Heisenberg, Friedrich Hund und Niels Bohr (den er zuerst Dezember 1931 in Kopenhagen in Begleitung von Heisenberg traf). Er promovierte 1933 bei Hund und Heisenberg in Leipzig mit einer Dissertation über die Ablenkung geladener Teilchen in einem Ferromagneten, was in Zusammenhang mit der damals in Leipzig aktuellen Forschung zur kosmischer Höhenstrahlung stand.Karl von Meyenn, The origins of nuclear physics and Carl Friedrich von Weizsäcker's semi-empirical mass formula, in: Lutz Castell, Otfried Ischebeck (Hrsg.), Time, Quantum and Information, Springer 2003, S. 94. Dort werden explizit Heisenberg und Hund als Doktorväter genannt (am 29. Juni 1933 durch die Fakultät akzeptiert auf Empfehlung von Heisenberg und Hund). Für Weizsäcker war die Dissertation nur eine Nebenarbeit, er hatte aber schon im April 1931 auf Anregung von Heisenberg eine Analyse des Heisenbergschen Gedankenexperiments zur Unschärferelation im Rahmen der damals von Heisenberg und Pauli entwickelten Quantenelektrodynamik durchgeführt, in Vorgriff der Arbeiten von Bohr selbst zur Erweiterung der Unschärferelation auf elektrodynamische Feldvariable, deren Veröffentlichung sich aber verzögerte.

Berufsweg Im September 1933 nahm er an einem internationalen Treffen von Physikern in Kopenhagen bei Bohr teil. Daraus entstand sein 1934 veröffentlichter Beitrag zur Weizsäcker-Williams-Methode für die Berechnung der Abbremsung schneller Elektronen in Materie, unabhängig von Evan James Williams, der auch in Kopenhagen anwesend war. 1934 wurde er Assistent von Heisenberg in Leipzig. Weizsäcker habilitierte sich im Juni 1936 in Leipzig über die Spinabhängigkeit von Kernkräften und trat im gleichen Jahr als wissenschaftlicher Mitarbeiter in das damalige Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik in Berlin ein (vorher war er sechs Monate bei Lise Meitner am Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie in Berlin). 1937 wurde er Privatdozent an der Universität Berlin. In den Jahren 1939 bis 1942 arbeitete er am deutschen Uranprojekt (Uranverein). Anschließend hatte er bis 1944 den Lehrstuhl für theoretische Physik an der Reichsuniversität Straßburg inne. 1945 nahm er an den Reaktorexperimenten Heisenbergs in Hechingen und Haigerloch teil. Von April 1945 bis Januar 1946 war er mit Heisenberg und anderen deutschen Physikern im englischen Farm Hall interniert.

Ab 1946 leitete Weizsäcker eine Abteilung für theoretische Physik des Max-Planck-Instituts für Physik in Göttingen. Er war Honorarprofessor an der Georg-August-Universität Göttingen und wurde 1950 in die Akademie der Wissenschaften zu Göttingen aufgenommen. Zusammen mit Gerard Peter Kuiper arbeitete er an der Protoplanetaren Hypothese der Entstehung des Sonnensystems und an der Theorie der Turbulenz. 1957 war er Mitunterzeichner der Göttinger Erklärung gegen Atomwaffen.

Im Jahre 1957 wurde er auf einen Lehrstuhl für Philosophie der Universität Hamburg berufen. 1959 wurde er Mitglied der Leopoldina. Neben wissenschaftstheoretisch-physikalischen Fragen im Umkreis der Quantentheorie bearbeitete er anthropologische und auch schon politische Fragen.

1970 wurde für Weizsäcker das Starnberger Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt gegründet. Bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1980 wurde das Institut von ihm gemeinsam mit dem Philosophen Jürgen Habermas geleitet. Außerdem war er ab 1970 Honorarprofessor an der Universität München und stand 1970 bis 1975 dem Beratungsgremium für Wissenschaft und Technik des Bundesforschungsministeriums vor.

Wirken als Physiker Kernphysik Als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik beschäftigte sich von Weizsäcker in den 1930er Jahren mit der Bindungsenergie von Atomkernen (Bethe-Weizsäcker-Formel, Tröpfchenmodell; 1935) und den Kernprozessen, die im Inneren von Sternen Energie liefern (Bethe-Weizsäcker-Zyklus; 1937/1938). 1936 lieferte er die erste zutreffende Deutung von Kernisomeren als verschiedenen metastabilen Zuständen des Atomkerns.Carl Friedrich von Weizsäcker: Metastabile Zustände der Atomkerne. In: Naturwissenschaften. Bd. 24, Nr. 51, 1936, S. 813–814 (). 1937 erschien in Leipzig sein Buch Die Atomkerne.

Kerntechnik und Kernwaffen Weizsäcker erkannte bereits vor Beginn des Zweiten Weltkriegs die Möglichkeit, Atombomben herzustellen. Er gehörte wie Heisenberg und Otto Hahn dem deutschen „Uranprojekt“ zur Erforschung der Kernspaltung an. Im Rahmen des Uranprojekts berichtete er beispielsweise an das Heereswaffenamt von der Möglichkeit der Energiegewinnung aus Uran-238. Das durch die Anlagerung eines Neutrons entstehende Element 239Pu – von ihm 239Eka-Re (Re: Rhenium) genannt und in heutiger Bezeichnung Neptunium entsprechend – könne „zum Bau sehr kleiner Maschinen“, „als Sprengstoff“ und „zur Umwandlung anderer Elemente“ genutzt werden.Carl Friedrich von Weizsäcker: Eine Möglichkeit der Energiegewinnung aus Uran 238, 17. Juli 1940; Online-Archiv des Deutschen Museums, abgerufen am 8. Juni 2012 Damals hatte er wie die übrigen deutschen Kernphysiker keine genauere Kenntnis der Eigenschaften der Transurane. Vom Frühjahr 1941 ist ein Patententwurf Weizsäckers bekannt. Er enthält neben Ansprüchen auf Kernreaktoren ein „Verfahren zur explosiven Erzeugung von Energie und Neutronen“, das „in solcher Menge an einen Ort gebracht wird, z. B. in einer Bombe“.C. F. v. Weizsäcker, Patententwurf, Frühjahr 1941; tw. abgedruckt und analysiert in Reinhard Brandt, Rainer Karlsch: Kurt Starke und das Element 93: Wurde die Suche nach den Transuranen verzögert? In: Rainer Karlsch, Heiko Petermann (Hrsg.): Für und Wider „Hitlers Bombe“ – Studien zur Atomforschung in Deutschland. Cottbuser Studien zur Geschichte von Technik, Arbeit und Umwelt, Band 29. Waxmann, Münster 2007, S. 293–326. Dieser Entwurf wurde vom Patentamt aber nicht akzeptiert und innerhalb der Uranverein-Arbeitsgruppe am Kaiser-Wilhelm-Institut (unter anderem Karl Wirtz) überarbeitet und ausgeweitet. Die erweiterte Liste der Patentansprüche zu einer „Uranmaschine“ vom August 1941 gibt keinen Hinweis mehr auf eine Bombe. In dem Patentgesuch korrigierte er auch die Verwendung von Neptunium, nachdem ihm durch einen Aufsatz in Physical Review von Edwin McMillan und Philip Abelson über Neptunium von 1940,Edwin McMillan, Philip Abelson, Radioactive element 93, Phys. Rev., Band 57, 1940, 1185 einer der letzten nicht geheimen Veröffentlichungen in den USA dazu, bekannt geworden war, dass das betreffende Isotop Neptunium 239 instabil ist und in das Element mit der Ordnungszahl 94 zerfällt (Eka-Osmium und später Plutonium genannt). Die Verwendung des Elements 94 war auch nach Karl Wirtz in seiner späteren Antwort an das Patentamt das wesentlich Neue im Patent. Wie Jeremy Bernstein bemerkte,Jeremy Bernstein, Plutonium, a history of the worlds most dangerous element, Joseph Henry Press 2007, S. 84f war der Patent-Vorschlag sehr vage und zeigt insgesamt die fast völlige Unkenntnis der Eigenschaften von Plutonium, einschließlich Weizsäckers Annahme, die Trennung wäre chemisch einfach zu bewerkstelligen.

Wolf Schäfer hat in einer historischen Studie über Weizsäckers „Beiträge zum Dritten Reich und zur Bundesrepublik“ argumentiert, dass Weizsäcker „zwischen 1940 und 1941 den Bau einer Plutoniumbombe nicht nur befürwortete und anstrebte, sondern zu forcieren und mit seinem Namen zu verbinden suchte“.Wolf Schäfer: Plutoniumbombe und zivile Atomkraft: Carl Friedrich von Weizsäckers Beiträge zum Dritten Reich und zur Bundesrepublik., in: Leviathan. Berliner Zeitschrift für Sozialwissenschaft, 41. Jahrgang, Heft 3, 2013, S. 408. 1957 sagte Weizsäcker in einem Interview, illusionäre Hoffnungen auf politischen Einfluss hätten ihn damals bewegt, an der Erforschung von Nuklearwaffen zu arbeiten. „Nur durch göttliche Gnade“ sei er vor der Versuchung bewahrt worden, die deutsche Atombombe tatsächlich zu bauen. Diese Gnade habe darin bestanden, „dass es nicht gegangen ist“. Die deutsche Kriegswirtschaft habe die erforderlichen Ressourcen nicht bereitstellen können. Zu den wissenschaftlich-technischen Ambitionen der Gruppe sagte er: „Wir wollten wissen, ob Kettenreaktionen möglich wären. Einerlei, was wir mit Kenntnissen anfangen würden – wissen wollten wir es.“