Athos (, ; seit byzantinischer Zeit meist , „Heiliger Berg“) ist eine orthodoxe Mönchsrepublik mit autonomem Status unter griechischer Souveränität in Griechenland. Von den 20 Klöstern auf dem Athos sind 17 griechisch-orthodox, Zografou ist bulgarisch-orthodox, das größte Kloster Rossikon ist russisch-orthodox und Chilandar serbisch-orthodox.
Geographie Der Athos ist die östlichste Halbinsel der makedonischen Halbinsel Chalkydike, neben Sithonia in der Mitte und Kassandra im Westen. Von Chalkydike ist er durch den 2 km breiten Isthmus Provlaka (slav. Prevlaka) getrennt, durch welchen der Xerxes-Kanal führte. Die Halbinsel ist fast 50 km lang und bis zu 10 km breit, umfasst rund 336 km² und zählt 1811 (mönchische) Einwohner zuzüglich Verwaltungsangestellter, Geschäftsbesitzer und einer schwankenden Zahl von Saisonarbeitern. Allgemein bezeichnet „(Berg) Athos“ sowohl die Halbinsel als auch den 2.033 m hohen Berg (Ἅγιον ὄρος, Monte Santo) an deren Südostspitze, auf dessen Gipfel eine Kirche steht.
Im Innern sind zahlreiche Berge und Hügel, alle niedriger als der Berg Athos, durchsetzt von Schluchten und Tälern. Wasser ist durch Gebirgsbäche und Quellen reichlich vorhanden. Meerseitig ist der Berg Athos von riesigen Felsen umgeben, daneben gibt es viele Sand- und Schotterküsten mit kleinen Buchten. Das Klima ist mediterran mit heißen und trockenen Sommern, windigen Herbsten und milden Wintern, in denen es auch schneien kann, außer an der Küste. Die Halbinsel ist mit Buchen-, Kastanien- und Zypressen-Wäldern sowie mit Büschen bewachsen, daneben wachsen Weinstöcke sowie Obst- und Olivenbäume der dortigen Klöster.
Die Athos-Halbinsel ist als Natura-2000-Schutzgebiet Chersonisos Athos ausgewiesen.
Geschichte Der Athos war in der Antike von Thrakern, Griechen, Makedonen und Persern beherrscht und fiel an das Römische Reich, nach dessen Teilung gehörte er zu Byzanz.
Ursprünglich hieß die Halbinsel Akté (agr. Ἀκτή Küste, Promontorium, Halbinsel; Thukydides 4.109), während nur der Berg Athos hieß. Herodot (6.44) schildert den Athos als von wilden Bestien bewohnt, ein Perserheer habe dort während der Perserkriege bei einem Sturm Schiffbruch erlitten und sei dabei mit 20.000 Mann zugrunde gegangen. Da solche Schiffbrüche dort öfter vorkamen, wurde 483 v. Chr. der Xerxes-Kanal gegraben (7.22).
mini|links|Der heilige Berg Athos als Ziel ostslawischer Pilger (1926)
Der mündlichen Überlieferung zufolge hatten schon die ersten christlichen römischen Kaiser Stiftungen auf Athos errichtet: Konstantin der Große die Protatskirche in Kareia, sein Sohn Constans das Konstamonitou-Kloster, Theodosius I. das Kloster Vatopedi, seine Tochter Pulcheria das Kloster Xeropotamou. Vom 5. bis zum 7. Jh. wurde Makedonien durch Einfälle von Hunnen, Awaren, Goten und Slawen verwüstet, die zuletzt im 5. Jh. erwähnten griechischen Städte sind untergegangen. Bis zum 9. Jh. ist die Geschichte dunkel, dann treten dort plötzlich orthodoxe Mönche als Siedler auf. Die meisten, wenn nicht alle, Klöster stammen aus dem 10. Jh. und später.Vgl. Andreas Müller: Berg Athos: Geschichte einer Mönchsrepublik. C. H. Beck, München 2005, S. 12.
Die Ansiedlung der Mönche war wahrscheinlich dem Ikonoklasmus der byzantinischen Kaiser Ende des 8. und Anfang des 9. Jh. geschuldet, als Mönche als Anhänger der Ikonen verfolgt wurden. Arabische Piraten wüteten im Mittelmeer vom 8.–10. Jh., auch im Athos. Zu Beginn lebten dort nur vereinzelt Eremiten (Anachoreten). Der erste, nur der Volkstradition bekannte Mönch soll der Hl. Peter von Athos gewesen sein, ein vormaliger Heerführer des Ikonoklasten Theophilos. Kurz darauf werden die ersten Klostergründungen überliefert, kleine Gruppen (noch keine Lauren) mit wenigen Mönchen, fast ausschließlich Griechen, da die Christianisierung der Slawen erst am Anfang stand. Zu Beginn gemeinschaftlich geführt, unterstanden die Klöster bald diktatorischen (hegemonischen) Hegumenen, die von einem Ältestenrat der Mönche unterstützt wurden. Anfang des 9. Jh. bildete sich ein Protos als Oberverwalter der ganzen Athos-Mönchsgemeinde heraus. Frauen war der Zutritt zum gesamten Athos verboten.
Vor 881 verlieh Kaiser Basileus der Makedonier den Athos-Mönchen die Autonomie, die bis heute währt.
Die Geschichte der Athos-Klöster ist eng mit dem Streit um das rechte mönchische Leben verbunden, der in der Orthodoxie immer wieder – und eben auch auf dem Athos – heftig aufflammte: der Hesychasmus-Streit zwischen Hesychasten und byzantinischen Humanisten. Der Wortführer der hesychastischen Seite war der Athos-Mönch Gregorios Palamas (1296/1297–1359), der die vollkommene innere Ruhe (griech. ἡσυχία, hēsychía) in eremitischer Einsamkeit durch ständiges Beten des Jesusgebets als Voraussetzung sah, um das Licht der Verklärung Jesu, das sogenannte „Taborlicht“ zu sehen. Seine Theologie verschaffte der hesychastischen Praxis ihre theoretische Begründung und Rechtfertigung. Palamas verteidigte den Hesychasmus gegen die Kritik Barlaams von Kalabrien, der im Sinne eines nominalistischen Humanismus Kritik an der mystischen Praxis und ihrer Begründung durch die Schriften von Gregorios Palamas übte. Auf mehreren Konzilien in Konstantinopel fiel im Zeitraum von 1341 bis 1351 die Entscheidung der byzantinischen Kirche, zunächst die Gegner des Hesychasmus zu verurteilen und dann die theoretische Begründung des Hesychasmus durch Gregorios Palamas („Palamismus“) zur verbindlichen Kirchenlehre zu erheben.
Seit dem 11. Jahrhundert hatte der Berg Athos auch für die Christen der Kiewer Rus große Bedeutung. Es entstanden Klöster für Mönche aus der Rus.Palomičestvo na Afon Webseite der Kiewer Metropolie der Ukrainischen Orthodoxen Kirche, abgerufen am 29. Februar 2016. Vom 15. Jahrhundert an trugen die Moskauer Fürsten zur Finanzierung der Klöster bei und gründeten eigene. Sie wurden vom 16. Jahrhundert an dem Moskauer Patriarchat unterstellt.Ep. Profirij (Uspenskij): Istorija Afona. Moskau 2007, T. I, S. IX-XV.
Um die Wende zum 20. Jahrhundert, also 550 Jahre nach ersten großen Auseinandersetzungen, fand der theologische Grundsatzstreit um den Hesychasmus zwischen Realisten und Nominalisten, zwischen rationalistischen Theoretikern und den an der mystischen Praxis orientierten Theologen, eine Fortsetzung. Er ging als Streit um die Imjaslavie-Bewegung, die Verehrung des Namens Gottes, in die Geschichte des Athos und der Orthodoxie ein. Der Streit trug nicht unwesentlich zum Niedergang des „russischen Berg Athos“ bei. Da sich die Mönche gegen den Heiligen Synod, die unter staatlicher Kontrolle stehende Kirchenführung im russischen Zarenreich, stellten, ließ der russische Botschafter in Istanbul mit Hilfe von Soldaten und Feuerwehrleuten mehr als 1000 Mönche aus ihren Klöstern vertreiben und nach Russland deportieren.Rolf Wörsdörfer: Paradies der Gottesmutter. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. Februar 2016, S. N3.
Im Rahmen des sogenannten Balkanfeldzuges während des Zweiten Weltkrieges griff die deutsche Wehrmacht April 1941 Griechenland an und besetzte es. Dadurch erkundete 1941 eine deutsche Expedition unter Franz Dölger die Mönchsrepublik.Emmanuel Amand de Mendieta: Mount Athos – The Garden of the Panaghia, Berlin: Akademie-Verlag 1972, S. 147. Hier abrufbar. Im April 1941 sandten einige Mönche von Athos ein Dokument zu Adolf Hitler und ernannten ihn zum nächsten byzantinischen Kaiser.John Lukacs: The Last European War: September 1939–December 1941, New Haven (NJ): Yale University Press 2001, S. 476. Hier abrufbar. Hitler erhielt das Dokument im Jahr 1942 und hielt es für „erhaltenswert“.Eric Michaud: The Cult of Art in Nazi Germany, Stanford (CA): Stanford University Press 2004, S. 235Fn28. Hier abrufbar.
Ein Immobilien-Skandal im Jahr 2008 um das Kloster Vatopedi stürzte die griechische Regierung. Der Abt des Klosters, Archimandrit Efraim, wurde am 25. Dezember 2011 von der griechischen Polizei festgenommen, das Vermögen des Klosters wurde eingefroren.
Auch noch im Jahr 2022 galt laut Vasilios Makrides der unbestrittene Einfluss der russischen Kirche auf die Mönchsrepublik als erheblich und Russland versuche, den kulturellen Einfluss auf den Norden Griechenlands auszuweiten. Russische Staatsbeamte und Oligarchen versuchten mit Spenden, bestimmte Geistliche und die russische Präsenz zu stärken.«Es gibt einen Krieg zwischen dem Patriarchat von Konstantinopel und dem Patriarchat von Moskau». NZZ, 12. Juni 2022. Es wurde über falsche Mönche berichtet und den Kampf gegen Kriegspropaganda auf russischen Websites,Die Mönche vom Athos und Russland – von Krieg und Frieden in 4 Punkten, Watson, 25. Juli 2022. welche „Vertreibungen“ russischer Mönche herbeischrieben.
Weltkulturerbe
Die 20 Großklöster der orthodoxen Mönchsrepublik sind Teil des UNESCO-Welterbes. Das erste Kloster, die Große Lavra, wurde 963 vom byzantinischen Mönch gegründet. Bis zu diesem Zeitpunkt siedelten auf dem Athos bereits Mönche, die sich an den Vorbildern der asketischen Mönche im Alten Ägypten orientierten. Bald gründeten bulgarische, rumänische, russische, georgische und serbische Mönche weitere Großklöster auf dem Berg Athos. Es gab auch italienische Gemeinden, z. B. die der sogenannten Amalfitaner (nach der Stadt Amalfi) südlich des Klosters Karakallou, welche jedoch im 12. Jahrhundert verlassen wurden. Heute gibt es 20 Großklöster, davon sind 17 griechisch, eines serbisch (Kloster Chílandar), eines bulgarisch (Kloster Zografou) und eines russisch (Kloster Panteleímonos).
Neben den Klöstern gibt es auf dem Athos die Siedlungsform der Skiten (griechisch ), die jeweils von ihrem Mutterkloster abhängen, somit keine eigenständigen Rechte in Regierung und Verwaltung der Mönchsrepublik besitzen. Skiten, rund um einen klösterlichen Zentralbau angelegt, der in Gebäuden und Funktionen den größeren Klöstern gleicht, sind dörfliche Siedlungen, deren Bauten in (griechisch ), Wohnbauten für mehrere Mönche, und (griechisch ), Hütten für einen Bewohner, unterschieden werden. Außerdem siedeln an den schwer zugänglichen Hängen des eigentlichen Berges Athos Mönche in Eremitagen (griechisch , Hesychasterien), zumeist Kleinstbauten und Höhlen.
Berühmt sind die Malerwerkstätten des Athos, deren große Tradition der Ikonenmalerei bis ins Hochmittelalter zurückreicht.
Siedlungen, Klöster, Skiten und ihre Bewohner mini|alternativtext=Sonnenaufgang nach Westen vom Gipfel des Berg Athos|Sonnenaufgang auf dem Gipfel des Berg Athos mit Blick auf die Halbinsel und die Silhouette des Berges, die in die Ägäis projiziert wird
Klöster
Kloster (geordnet nach Hierarchie) 1903 1959 1968 1978 1988 1992 2001 2011 Kloster Megisti Lavra () 1187 459 406 348 309 345 64 79 Kloster Vatopedi () 966 129 83 60 55 75 163 148 Kloster Iviron () 456 101 68 52 53 61 71 32 Kloster Chilandar () 385 63 55 69 45 50 92 58 Kloster Agiou Dionysiou () 131 53 40 35 59 60 71 36 Kloster Koutloumousiou () 214 107 68 66 73 77 86 75 Kloster Pantokratoros () 548 118 84 63 57 50 25 28 Kloster Xiropotamou () 106 43 36 22 38 34 25 0 Kloster Zografou () 155 21 15 13 11 11 48 42 Kloster Dochiariou () 60 29 16 11 31 32 3 53 Kloster Karakallou () 130 42 30 13 16 26 60 45 Kloster Filotheou () 133 44 36 81 82 74 57 65 Kloster Simonos Petras () 108 27 18 61 78 78 94 75 Kloster Agiou Pavlou () 250 115 111 87 85 85 112 48 Kloster Stavronikita () 219 35 26 43 40 33 42 39 Kloster Xenofontos () 195 66 43 39 50 46 123 72 Kloster Osiou Grigoriou () 105 53 34 57 72 77 107 96 Kloster Esfigmenou () 91 46 25 41 40 56 121 2 Kloster Agiou Panteleimonos () 1928 61 27 30 32 40 88 67 Kloster Konstamonitou () 65 29 17 16 26 27 44 51 Gesamtzahl 7432 1641 1238 1217 1255 1337 1496 1111
Das Kloster Zografou ist bulgarisch-orthodox, das größte Kloster Agiou Panteleimonos (Rossikon) russisch-orthodox, das Kloster Hilandar serbisch-orthodox.
Skiten und Siedlungen