Die Patrone 5,7 × 28 mm ist eine von der belgischen FN Herstal SA entwickelte Munition für Handfeuerwaffen. Diese ab etwa 1985 entwickelte Munition entspricht neuen taktischen Erfordernissen von Militär und Polizei und soll auf Entfernungen unter 200 m die Vorteile von Pistolen- und Gewehrmunition vereinen. Das sind vor allem geringer Rückstoß, hohe Magazinkapazität, hohe Durchschlagskraft gegen Schutzwesten und geringe Umfeldgefährdung.
Geschichte Grundlagen für die Entwicklung mini|Penetrationsvermögen der 5,7 × 28 mm im Vergleich zur 9 × 19 mm mini|PDW FN P90, darunter ein 50-Schuss-Magazin Grundlage der Entwicklung war die Erkenntnis, dass die in Pistolen und Maschinenpistolen verwendete Munition 9 × 19 mm die meisten Splitterschutzwesten und Leichtschutzwesten nicht durchschlagen kann. Einfache zuschießende Maschinenpistolen sind außerdem auf realistische Kampfentfernungen bis 200 m zu unpräzise. Gleichzeitig sind Gewehre für Patronen 5,56 × 45 mm für Militärpersonal wie Fahrer oder Geschützbedienungen wegen ihrer Länge und ihres Gewichts zu unhandlich.
Bereits 1979 wurde in der Sowjetunion die Patrone 5,45 × 18 mm PMT entwickelt. Diese Pistolenpatrone wirkte wie eine verkleinerte Ausführung der für das AK-74 entwickelten Munition 5,45 × 39 mm. Sie hatte entscheidende Vorteile gegenüber der bis dahin verwendeten 9 × 18 mm Makarow. Ihr Geschoss war in der Lage, 55 Lagen Kevlar zu durchdringen.Al Paulson: On The Edge With the New FN P90 5.7x28mm, Guns and Weapons for Law Enforcement, November 1988, auf URL: , eingesehen am 3. August 2008
Westliche militärische Nutzer wünschten eine Reichweite von 150 m mit hoher Trefferwahrscheinlichkeit bei Feuerstößen sowie eine Penetrationsfähigkeit von Kevlar-Splitterschutzwesten und Leichtschutzwesten aus Titan-Kevlar-Verbund (Crisat-Westen). Die Geschosse sollten eine flache Flugbahn und hohe Mannstoppwirkung haben. Gleichzeitig sollten sie den Gegner nicht durchschlagen, um Unbeteiligte möglichst wenig zu gefährden und Einrichtungen nicht zu beschädigen. Für die dazugehörigen Waffen wurde unter anderem eine ständige Trage- und schnelle Einsatzbereitschaft bei geringer Behinderung des Waffenträgers während anderer Tätigkeiten sowie ein geringes Gewicht und eine Dauerfeuereinrichtung gefordert.David Th. Schiller: Zukunftsmusik. In: Visier. 10/1996, S. 40.
Als Resultat informeller Anfragen an die Industrie investierten FN und die französische Giat (heute Nexter) in die Entwicklung neuer Munition, die die Durchschlagsleistung der 9 × 19 mm übertreffen sollte. Während Giat nur eine neue Patrone im Format 5,7 × 22 mm entwickelte, konstruierte FN gleichzeitig die neue Patrone 5,7 × 28 mm und die dafür passende Maschinenpistole FN P90. Die Waffe wird auch als „Personal Defence Weapon“ (persönliche Verteidigungswaffe) bezeichnet, da sie sich an den Anforderungen des 1986 von der United States Army Infantry School in Fort Benning veröffentlichten Dokuments „Smalls Arms System 2000“ orientiert, das eine als OPDW (Objective Personal Defense Weapon) bezeichnete Waffe definiert.
Ein erstes Hindernis für die Einführung der neuen Waffe und Munition war die logistische Versorgung. Für Pistolen wäre weiterhin zusätzliche Munition nötig gewesen. Die Präsentation der Pistole Five-SeveN im Sommer 1996 ermöglichte nun – zumindest theoretisch – alle Pistolen und Maschinenpistolen gegen Waffen im Kaliber 5,7 × 28 mm auszutauschen.
Die Munition stellen unter anderem Winchester-Olin (USA) und Fiocchi (Italien) her, verkauft wird sie jedoch unter dem Label „FN“. Ein weiterer Produzent ist die britische UTM Ltd. als Hersteller von Trainingsmunition.
Die Geschossentwicklung Schutzrechte Im Jahre 1989 meldete FN ein Hochleistungsprojektil für Handfeuerwaffen in mehreren Staaten zum Patent an. Prioritätsanmeldung war BE8801362 vom 5. Dezember 1988 (20 Jahre Patentlaufzeit ab Prio-Datum).
Energie & Impuls mini|Größenvergleich zwischen der 5,7 × 28 mm und der 5,56 × 45 mm.
Die Wirkung eines Geschosses hängt davon ab, wie viel Bewegungsenergie in kürzester Zeit auf das Ziel abgeben werden kann. Die kinetische Energie berechnet sich nach der Formel
mit : Projektilmasse : verbliebene Geschossgeschwindigkeit kurz vor dem Auftreffen
und sollte also möglichst groß sein. Der Rückstoß, physikalisch genauer der Impuls, wirkt sich negativ auf die Präzision und die Fähigkeit zum Abgeben von gezielten Feuerstößen aus. Dabei wirkt er sich je nach Gewicht der Waffe, dem Verschlusstyp sowie der in der Waffe für den Nachladevorgang verbrauchten Energie unterschiedlich stark aus. Der Rückstoßimpuls berechnet sich näherungsweise nach der Formel
mit : Mündungsgeschwindigkeit des Projektils, : Projektilmasse und : Pulvermasse (englisch charge)
und sollte möglichst klein sein. Hier ist zu erkennen, dass der Rückstoß direkt proportional zur Masse und zur Geschwindigkeit ist, wohingegen die Bewegungsenergie abhängig von Masse und dem Quadrat der Geschwindigkeit ist. Damit ist aufgezeigt, dass eine hohe kinetische Energie () nicht mit einem niedrigen Rückstoßimpuls () vereinbar ist. Weil aber die Geschwindigkeit bei der Bewegungsenergie im Quadrat eingeht, beim Impuls aber nur proportional, ist eine Strategie, bei gleichem Impuls Gewicht durch Geschwindigkeit zu tauschen, um bei gleichem Rückstoß mehr Energie in ein kleineres Projektil zu geben.
Am Beispiel der FN-Munition wird dies gelöst durch eine eher langgezogene Projektilform (Verhältnis von Länge zu Durchmesser ca. 3–6), die vorne spitz zuläuft und daher aerodynamische Vorteile hat. Der Luftwiderstand ist damit reduziert und im Verlauf der ballistischen Kurve wird wenig Energie verloren, was für die gleiche Zielwirkung eine geringere Mündungsgeschwindigkeit und damit auch kleinere Pulverladung zulässt. Zudem ist das Projektil zweiteilig: eine harte Schale mit höherer Dichte (z. B. Kupfer oder Stahl) und ein Kern, der mit einem leichteren Material (z. B. hochfester Kunststoff) verfüllt wird. Im Gegensatz zu einem Vollmantelgeschoss ist es leichter, d. h. der Rückstoß ist geringer, da auch die Pulverladung bei geforderte Beschleunigungswirkung kleiner ausfallen kann.
Zielballistik Mit dem neuen Geschoss sollten diese Gegensätzlichkeiten minimiert werden. Gleichzeitig sollte sich das Geschoss beim Auftreffen auf ein weiches Ziel nicht verformen und nicht zerlegen. Grundlage hierfür ist neben dem Geschossmaterial und einer entsprechenden Schwerpunktverschiebung gegenüber herkömmlichen Geschossen mit Bleikern die Gesamtgeometrie des Geschosses mit einem Verhältnis von Kaliber zur Länge zwischen 3 und 6. Gleichzeitig wird das Geschoss in einem weichen Medium instabil und überschlägt sich. Durch seine hohe Geschwindigkeit behält es jedoch eine hohe Eindringtiefe.
Leistungswerte Das Geschoss der Patrone 9 × 19 mm durchschlägt einen 30 cm starken Block aus ballistischer Gelatine und gibt in ihm nur etwa 70 % seiner Energie an das Zielmedium ab. Dieses bedeutet eine geringe Aufhaltekraft (Mannstoppwirkung) und gleichzeitig eine Gefährdung für Personen und Objekte hinter dem Ziel. Das Geschoss der Patrone 5,7 × 28 mm gibt seine Energie auf 25 cm bis 30 cm vollständig ab. Es besitzt aus der P90 auf 200 m mit etwa 230 Joule nur zwei Drittel der Energie des 9-mm-Geschosses. Auf 800 m können die rund 90 Joule eines 9-mm-Geschosses noch tödlich wirken. Die Energie des 5,7-mm-Geschosses hat sich bis dahin auf 44 Joule verringert.
Zu den Vorteilen der neuen Munition gehört, dass sie mit 19,2 Nm/s nur die Hälfte des Rückstoßes des Kalibers 5,56 × 45 mm (39 Nm/s) und nur zwei Drittel des Rückstoßes der 9 × 19 mm (etwa 27 Nm/s) erzeugt, also wesentlich einfacher zu handhaben ist. Nach Presseberichten soll es durch den geringen Rückstoß möglich sein, die P90 einhändig im Dauerfeuermodus zu schießen. Auch soll sich das Schießen mit der Pistole FN Five-seveN ähnlich dem Schießen mit einer Kleinkaliberwaffe anfühlen.David Th. Schiller: Zukunftsmusik. In: Visier. 10/1996, S. 42.
Ein weiterer Vorteil ist die sehr flache Flugbahn. Auf 200 m Entfernung fällt das Geschoss nur um 16 cm. Ein 9-mm-Geschoss fällt auf diese Entfernung um mehr als 50 cm. Der Schütze muss also weniger Korrekturen an der Zieloptik vornehmen.
Laborierungen SS90 Bei der SS90 handelt es sich um eine Patrone aus der Entwicklungsphase der Munition, die auf dem Patent aus dem Jahre 1989 beruht. Es wurde ein sehr leichtes Vollmantelgeschoss mit Polymerkern benutzt, das nur 1,5 g (23 grain) wog. Die Entwicklung wurde 1994 eingestellt, als sich zeigte, dass die Munition mit dem SS190-Geschoss nicht nur präziser und durchschlagskräftiger gegenüber Schutzwesten war, sondern durch die kürzere Bauweise (Geschosslänge und Setztiefe) auch besser für die Pistolen vom Typ Five-SeveN geeignet war.5.7 × 28 mm cartridge. Jane’s Ammunition Handbook 2008–2009, Kapitel: 5.7 × 28 mm cartridge. mini|hochkant=1.5|Maximalabmessungen der 5,7 × 28 mm gemäß C.I.P.
SS190 Die SS190-Munition mit Vollmantelgeschoss (FMJ, englisch full metal jacket) wird als armor piercing (AP, deutsch „panzerbrechend“) bezeichnet und ist entwickelt worden, um Schutzwesten zu durchschlagen. Das Geschoss der SS190 hat einen Aluminiumkern, vor dem sich ein Penetrator aus Stahl befindet. Damit ist der Aufbau fast identisch mit der SS109-FMJ-Munition für Gewehre im Kaliber 5,56 × 45 mm, bei der lediglich ein anderes Material für den Kern benutzt wird. Dabei befindet sich unter dem Stahlmantel des Geschosses, hinter einem kleinen Hohlraum, ein 55 Brinell harter Stahlkern. Hinter diesem wiederum befindet sich ein leichtes Aluminiumstück, das den Geschossmantel ausfüllt. Dadurch ist der Schwerpunkt, gegenüber anderen Geschosskonstruktionen, verschoben. Als Ergebnis durchdringt die spitze Form auch Kevlarpanzerungen und Fahrzeugteile. Querschläger an Wänden und Böden werden vermieden, da das Geschoss auch beim Auftreffen im flachen Winkel in das Material eindringt und hier seine Energie abgibt. In weichen Zielen wird das Geschoss oft instabil und überschlägt sich durch den verlagerten Schwerpunkt. Hierdurch wird viel Energie abgegeben und ein Durchschuss – auf Kosten eines größeren Wundkanals – vermieden.Stefan Perey, Jens Tigges: Gut gerüstet. In: caliber. 6/2000, S. 33.
Laut FN Herstal durchdringt das Geschoss Leichtschutzwesten, jedoch keine Schutzwesten der Klasse III, die auch Munition im Kaliber 5,56 × 45 mm nicht mehr durchdringt. In Gelatineblöcken erreicht das Geschoss eine Eindringtiefe von 250 mm bis 330 mm. Das forensische Labor der Royal Canadian Mounted Police Academy testete die Munition in verschiedenen Versuchsanordnungen, unter anderem mit Kleidung und mit Schutzbekleidung der Klasse II. Die Eindringtiefe betrug durchschnittlich 264 mm bei einer Wundhöhle mit Durchmessern bis zu 91 mm. Tests durch Gary K. Roberts zeigten Eindringtiefen von durchschnittlich 300 mm.Gary K. Roberts: Preliminary evaluation of the terminal performance of the 5.7 X 28 mm 23 grain FMJ bullet fired by the new FN P-90, using 10 % ordnance gelatin as a tissue simulant. In: AFTE Journal. 1998 (30), Ausgabe 2 (spring), S. 326–329. Diese Eindringtiefe wird von Kritikern bemängelt, da das FBI eine minimale Eindringtiefe von 300 mm in 10%iger ballistischer Gelatine fordert. Diese Forderung des FBI berücksichtigt jedoch nicht die insgesamt höhere Energieabgabe des Geschosses im Vergleich zu anderen Geschosskonstruktionen. . The Armory, eingesehen am 31. Mai 2009. mini|Flugbahnkurve verschiedener Laborierungen
Eine Variation dieser Munition ist die L191-Leuchtspurmunition. Chemikalien am Boden des Geschosses erzeugen eine rund 200 m weit sichtbare Leuchtspur. Die ballistischen Daten sind mit der SS190-Munition fast identisch, so dass man sie gemischt laden kann. L191-Munition ist durch eine rote Spitze gekennzeichnet.
SB193-Unterschallmunition