mini|Friedrich Jeckeln (ca. 1934) Friedrich AugustAndreas Schulz, Günter Wegmann, Dieter Zinke: Die Generale der Waffen-SS und der Polizei. Die militärischen Werdegänge der Generale, sowie der Ärzte, Veterinäre, Intendanten, Richter und Ministerialbeamten im Generalsrang. Band 2: Hachtel–Kutschera. Biblio-Verlag, Bissendorf 2005, ISBN 3-7648-2592-8, Porträt Friedrich August Jeckeln S. 343–357. Jeckeln (* 2. Februar 1895 in Hornberg, Großherzogtum Baden, Deutsches Reich; † 3. Februar 1946 in Riga, Lettische SSR, Sowjetunion, heute Lettland) war ein deutscher SS-Obergruppenführer, General der Waffen-SS, der Polizei und Höherer SS- und Polizeiführer und ein Täter des Holocaust.

Er war verantwortlich für Massenmorde an über 100.000 Menschen, u. a. bei Kamenez-Podolsk, in Babyn Jar und im Ghetto von Riga. Er wurde 1946 als Kriegsverbrecher hingerichtet.

Leben

Frühe Jahre, Erster Weltkrieg und Zwischenkriegszeit Der Sohn eines Fabrikbesitzers besuchte zunächst die Volksschule und von 1905 bis 1911 die Oberrealschule in Freiburg im Breisgau. Diese beendete er mit dem sogenannten Einjährigen Examen und war anschließend ein knappes Jahr als Volontär für eine Maschinenfabrik tätig. Danach besuchte er für ein Semester das Polytechnikum in Köthen, das er ohne Abschluss verließ. Am 1. Oktober 1913 trat Jeckeln als Einjährig-Freiwilliger in das 5. Badische Feldartillerie-Regiment Nr. 76 der preußischen Armee in Freiburg im Breisgau ein. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs nahm er mit dem Regiment an den Kämpfen an der Westfront teil. Im März 1915 zum Leutnant der Reserve befördert, wurde Jeckeln im gleichen Monat in das Füsilier-Regiment „Fürst Karl-Anton von Hohenzollern“ (Hohenzollernsches) Nr. 40 versetzt und Adjutant dieses Regiments.Joachim Lilla: Leitende Verwaltungsbeamte und Funktionsträger in Westfalen und Lippe (1918–1945/46). Biographisches Handbuch. Münster 2004, S. 185 f. Während der Stellungskämpfe in der Champagne wurde er 1916 schwer verwundet. Daraufhin wechselte er zur FliegertruppeReinhard Bein: Juden in Braunschweig. 1900–1945. Materialien zur Landesgeschichte. 2. Auflage. Braunschweig 1988, S. 51. und war bis Kriegsende bei der Flieger-Ersatz-Abteilung 5 tätig. Danach gehörte er dem Grenzschutz Ost an und wurde am 20. Januar 1919 aus dem Militärdienst verabschiedet.Joachim Lilla: Leitende Verwaltungsbeamte und Funktionsträger in Westfalen und Lippe (1918–1945/46). Biographisches Handbuch. Münster 2004, S. 186.

Von 1919 bis 1925 arbeitete Jeckeln als Gutsverwalter in der Nähe von Danzig. Danach bestritt er bis 1929 seinen Lebensunterhalt als freiberuflicher technischer Gehilfe in Braunschweig. 1922 trat er dem Jungdeutschen Orden bei, dessen Mitglied er bis 1924 blieb.Joachim Lilla: Leitende Verwaltungsbeamte und Funktionsträger in Westfalen und Lippe (1918–1945/46). Biographisches Handbuch. Münster 2004, S. 187. Zwischenzeitlich war Jeckeln auch Mitglied der DNVP.

Von seiner Frau Anna Hulda Charlotte Hirsch (1896–1995), die er im Mai 1918 geheiratet hatte, ließ er sich Mitte Dezember 1927 aufgrund seines angeblich jüdischen Schwiegervaters scheiden. In zweiter Ehe war er mit Annemarie Wienß (1907–1993) verheiratet. Jeckeln war Vater von neun Kindern: den Kindern Friedrich (1920–1944 vermisst), Ilse (* 1922) und Klaus (1924–1944 vermisst) aus seiner ersten Ehe, Reinhard (1929–2001), Anna-Maria (* 1932), Helga (* 1938), Harald (* 1939) und Dieter (1941–1944) aus seiner zweiten Ehe sowie der unehelichen Tochter Renate, geb. Röder (1941–2022).

Nationalsozialistische Diktatur Aufstieg in NSDAP und SS Am 1. Oktober 1929 trat er in die NSDAP (Mitgliedsnummer 163.348) ein, zunächst als Gauredner und Organisator. Jeckeln war ab 1932 Mitglied des Reichstages für den Wahlkreis 16 (Südhannover-Braunschweig). Auch während der Zeit des Nationalsozialismus gehörte er bis zum Ende des NS-Regimes dem nun politisch bedeutungslosen Reichstag an, ab November 1933 für den Wahlkreis 15 (Osthannover). Ab Frühjahr 1940 gehörte er dem braunschweigischen Staatsrat an.

Anfang Dezember 1930 trat er in die SS ein (SS-Nummer 4.367). Im März 1931 wurde er zum SS-Sturmbannführer befördert. Er leitete von da an bis Juni 1931 den I. Sturmbann der 12. SS-Standarte, wurde dort am 22. Juni 1931 zum SS-StandartenführerAndreas Schulz, Günter Wegmann, Dieter Zinke: Die Generale der Waffen-SS und der Polizei. Die militärischen Werdegänge der Generale, sowie der Ärzte, Veterinäre, Intendanten, Richter und Ministerialbeamten im Generalsrang. Band 2 (Hachtel–Kutschera), Biblio-Verlag, Bissendorf 2005, ISBN 3-7648-2592-8, Porträt Friedrich August Jeckeln S. 346. und im September 1931 zum SS-Oberführer befördert. Jeckeln verließ darauf die 12. SS-Standarte, führte bis Februar 1933 den SS-Abschnitt IV (Provinz Hannover und Schleswig-Holstein) und wurde dort am 4. Februar 1933 zum SS-Gruppenführer befördert. Er übernahm nun bis Mitte Juli 1933 die Leitung der SS-Gruppe „Süd“ und von August bis Mitte November 1933 die SS-Gruppe „Nordwest“ in Braunschweig. Danach war er dort bis Ende März 1936 Führer des SS-Oberabschnitts „Nordwest“.

Polizeichef des Freistaates Braunschweig Am 20. Juni 1933 wurde Jeckeln vom NSDAP-Ministerpräsidenten des Freistaates Braunschweig, Dietrich Klagges, als Präsident des Landespolizeiamtes (Vertreter Otto Diederichs) zum Führer der Gestapo ernannt. Klagges’ Ziel dabei war, eine enge Verknüpfung von Polizei und SS sicherzustellen. In Personalunion war er zum Regierungsrat befördert im Landespolizeiamt des Braunschweigischen Innenministeriums als Referent tätig. Ab Anfang Oktober 1933 kommandierte er zudem die Braunschweigische Schutzpolizei,Internetportal Westfälische Geschichte abgerufen am 28. April 2019. anfangs im Rang eines Majors und ab November 1933 als Oberstleutnant. Als Präsident des Landespolizeiamtes Braunschweig und Kommandeur der Braunschweiger Schutzpolizei amtierte er bis 1936. Seine Amtsnachfolger wurde Eduard Holste.

Jeckeln wurde als rücksichtslos, brutal, maßlos und hart beschrieben. Politische Gegner, vor allem Mitglieder der KPD, SPD und der Gewerkschaften, verfolgte er unnachgiebig bis zu deren Tod. Zusammen mit NSDAP-Mitglied Friedrich Alpers, Justiz- und Finanzminister im Freistaat, sowie Ministerpräsident Klagges war Jeckeln für die Rieseberg-Morde im Sommer 1933 hauptverantwortlich. In der Folge kam es vor allem in Braunschweig, Helmstedt, Wolfenbüttel und Blankenburg zu Verhaftungen von NS-Gegnern, von denen etliche die schweren Misshandlungen nicht überlebten. Dieses gesetzlose und brutale Vorgehen im Freistaat nahm ein solches Ausmaß an, dass im Preußischen Innenministerium Braunschweig als Neu-Mexiko bezeichnet wurde.Edith Raim: Justiz zwischen Diktatur und Demokratie: Wiederaufbau und Ahndung von NS-Verbrechen in Westdeutschland 1945–1949. Oldenbourg, München 2013, S. 743

Schon während der Weimarer Republik war Jeckeln tief in NS-Gewaltverbrechen verstrickt. Im Oktober 1932 ordnete er die Ermordung eines abtrünnigen SS-Mannes in Braunschweig an. Der bei der Stabswache des SS-Abschnitts IV tätige SS-Mann Walter Kampe wurde von einem SS-Kameraden unter Vortäuschung falscher Tatsachen in den Sickter Forst begleitet und dort von diesem am 12. Oktober 1932 erschossen. Jeckeln hatte dem Täter die Mordwaffe samt Munition besorgt und ihm nach dem Mord zur Flucht nach Österreich verholfen.Edith Raim: Justiz zwischen Diktatur und Demokratie: Wiederaufbau und Ahndung von NS-Verbrechen in Westdeutschland 1945–1949. Oldenbourg, München 2013, S. 731. Ebenfalls 1932 war Jeckeln für Sprengstoffanschläge in Braunschweig verantwortlich, so z. B. auf das Haus des damaligen Oberbürgermeisters der Stadt Ernst Böhme (SPD), der aber unverletzt blieb.

Höherer SS- und Polizeiführer Mitte und West Von April 1936 bis Juli 1940 war er Führer des SS-Oberabschnitts „Mitte“. Am 13. September 1936 wurde er dort zum SS-Obergruppenführer befördert und Ende Juni 1938 zum Höheren SS- und Polizeiführer (HSSPF) Mitte mit Dienstsitz Braunschweig ernannt. Ab Ende April 1938 hielt er sich für eine Woche in Griechenland auf, wo er für die NSDAP/AO als Redner in Saloniki, Athen und Patras auftrat. Im November 1938 war Jeckeln in Braunschweig und Hannover an der Organisation der unter dem Schlagwort „Reichskristallnacht“ bekannt gewordenen Judenpogrome beteiligt.

Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges nahm er ab Mai 1940 als Bataillonskommandeur in der SS-Division Totenkopf (I. Sturmbann des 2. SS-Totenkopf-Infanterie-Regiments) am sogenannten Frankreichfeldzug teil.

Ab Juli 1940 war er Führer des SS-Oberabschnitts „West“ und zeitgleich bis Ende Juni 1941 HSSPF West in Düsseldorf. Zwischenzeitlich war er Anfang April 1941 zum General der Polizei befördert worden. Im März 1941 war er Gast bei der Eröffnung des rassistischen NS-Instituts zur Erforschung der Judenfrage in Frankfurt am Main.Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. 2. aktualisierte Auflage. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2005, S. 285.

Mitorganisator des Holocaust

Kamenez-Podolsk mini|400px|Juden-Ermordung (September 1941)

Nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion wurde er im Juni 1941 zum HSSPF Russland-Süd ernannt. Die seinem Befehl unterstellten SS- und Polizeieinheiten verübten dabei im Rahmen sogenannter „Auskämmungsaktionen“ bald Massenmorde an der jüdischen Bevölkerung der Westukraine. Im Zuge der Einrichtung des Reichskommissariats Ukraine kam es nahe der Stadt Kamenez-Podolsk zum bis dahin größten Massenmord an Juden im Zweiten Weltkrieg, als ihm unterstellte Einheiten zwischen dem 26. und 28. August 1941 23.600 Juden ermordeten. Etwa 14.000 der Opfer waren zuvor aus Ungarn abgeschoben worden, die übrigen stammten aus der Umgebung.

Babyn Jar, Rowno und Dnepropetrowsk In der Schlacht um Kiew wurde Kiew am 26. September 1941 von deutschen Truppen besetzt. Tags darauf, am 27. September 1941, fand eine Besprechung mit dem Thema „Evakuierung der ortsansässigen Juden“ statt. Teilnehmer waren u. a. Jeckeln, der Befehlshaber der Einsatzgruppe C SS-Brigadeführer Otto Rasch sowie der Befehlshaber des Sonderkommandos 4a SS-Standartenführer Paul Blobel. Es wurde beschlossen, sämtliche Juden zu ermorden.

In nur zwei Tagen erschossen „Einsatzgruppen“ am 29. und 30. September 1941 in der Schlucht Babyn Jar 33.771 Personen, sowie bei weiteren Erschießungsaktionen bis zum 12. Oktober 1941 insgesamt 51.000. Außerdem wurden Massenerschießungen in Riwne und Dnepropetrowsk durchgeführt, an denen Jeckeln jeweils hauptverantwortlich beteiligt war.

Rigaer Ghetto und Massenmord von Rumbula Am 11. Oktober 1941 wurde Jeckeln zum HSSPF Russland-Nord und Ostland (Baltikum und Teile Weißrusslands) ernannt und nach Riga versetzt. Zugleich wurde er Führer des SS-Oberabschnitts Ostland. Als HSSPF unterstand Jeckeln auch der SSPF Weißruthenien in Minsk, bis ihm diese Zuständigkeit wegen „mangelnder Erfolge bei der Partisanenbekämpfung“ im Oktober 1942 entzogen wurde.Christian Gerlach: Kalkulierte Morde. Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrussland 1941 bis 1944. Hamburg 1999, S. 184.

Im Herbst 1941 existierte bereits das Ghetto Riga, in dem sich Zehntausende lettischer Juden befanden. Angeblich erhielt Jeckeln von Himmler den Befehl, das Ghetto zu räumen, um für deutsche Juden Platz zu schaffen, die in den Osten deportiert werden sollten. Jeckeln begann umgehend mit der Planung der „Liquidierung“, die im Wald von Rumbula in der Nähe Rigas vollzogen wurde.

Weitere lettische und deutsche Juden ließ er im Wald von Biķernieki umbringen und verscharren.